Beim Nachdenken über Elliot Pages Kino-Comeback Close to You musste ich hin und wieder an einen Satz aus der preisgekrönten ZDF-Miniserie Gestern waren wir noch Kinder denken. „Familie sind Fremde in bekannten Klamotten“ heißt es da an einer Stelle. Es hätte nicht gewundert, wäre dieser Satz auch im improvisationsstarken neuen Werk von Dominic Savage gefallen, das dieser gemeinsam mit Page entwickelt hat.
Nur ganz kurz einen Schritt zurück...
Page, bekannt geworden durch Indie-Hits wie Juno und Hard Candy sowie mit X-Men-Filmen oder Christopher Nolans Inception auch einem Mainstream-Publikum unter die Augen gekommen, outete sich 2014 als queer und 2020 schließlich als trans*-Mann. Wer Page beispielsweise auf Instagram folgt, konnte die Schritte, die er Richtung true self und Transition ging, mitverfolgen. Auf den heimischen Bildschirmen konnten wir Page in der Mini-Serie Tales of the City und der Netflix-Kultnummer The Umbrella Academy (in der sich seine Figur in der dritten Staffel auch als trans* outet) sehen. Auf der Leinwand hingegen wurde es still um den auch in Sci-Fi- und Fantasy-Geschichten authentisch wirkenden Schauspieler.

Nun also kehrt Elliot Page mit einem Film zurück, der sicherlich auch als persönlich bezeichnet werden darf. Es ist mitnichten eine indirekte Verfilmung der 2023 erschienenen Autobiografie Pageboy (hierzulande in der Übersetzung von Stefanie Frida Lemke, Lisa Kögeböhn und Katrin Harlaß im S. Fischer Verlag und als Hörbuch gelesen von Jonathan Perleth, Polizeiruf 110: Daniel A., bei argon veröffentlicht). Allerdings dürfte so manch ein, wie erwähnt, nicht selten improvisierter Dialog hier auf Erfahrungen und Erlebnissen, persönlichen Ansichten und Einschätzungen beruhen.
...und wieder vor
Trans*Mann Sam (Elliot Page), der seit einigen Jahren zur Untermiete bei seiner engen Freundin Emily (Sook-Yin Lee) in Toronto lebt, wird nach langer Zeit einmal wieder zu seiner Familie nach Cobourg reisen. Anlass dafür ist der Geburtstag von Vater Jim (Peter Outerbridge). Vor der Abreise erzählt Sam Emily von seinen Sorgen, dass die Familie ihn als Riesenenttäuschung sehen könnte. Er außerdem keine Lust auf dumme Kommentare und seltsame Fragen habe und zudem nicht wisse, was Mutter Miriam (Wendy Crewson) und die Geschwister Kate (Janet Porter), Megan (Alex Paxton-Beesley) und Michael (Daniel Maslany) Nachbar*innen und Bekannten erzählten.

Im Zug trifft er auf seine beste Freundin und Flamme aus High-School-Tagen Katherine (Hillary Baack). Hier liegt von Beginn an ein etwas schwer zu lesender, von Unsicherheit und dezenter Scham geprägter Vibe in der Luft. Dies allerdings nicht, weil Katherine nicht mit Sams Transition umgehen könnte. Eher scheint die Vergangenheit quietschfidel wieder aufzuploppen. Und damit möglicherweise alte Gefühle? Was unpraktisch wäre, hat Kate doch mittlerweile einen sympathischen Ehemann (Jim Watson) und zwei Kinder.
Alles ist gut
Der Empfang im (interessant geschnittenen) Heim der Familie läuft zunächst herzlich und happy ab. Dass Mutter wie Schwestern und Bruder Sam vermissten, wird mehr als deutlich. Auch der stillere Vater ist sichtlich erleichtert, seinen Sohn nach circa fünf Jahren wieder und vor allem obenauf zu sehen. Dennoch bricht schnell ein wenig Frust durch, der vor allem aus Sorge und Unverständnis geboren sein dürfte.

Hier liegt eine große Stärke der Mischung aus geschriebenem Wort und improvisiertem Gespräch. Als sich Sam etwa mit Schwester Kate ein wenig in die Wolle bekommt, da sie sich zurückgesetzt und mit ihrer Sorge um ihn alleingelassen fühlte, erwidert Sam, wie beschissen es gewesen sei, dass sich kaum jemand um ihn sorgte, als es ihm schlecht ging, aber ab dem Moment, in dem er sich besser zu fühlen begann. Er also durch Abstand von der Familie näher zu sich und seinem wahren Selbst fand. Oder ein Moment, in dem Mutter Miriam Sam versehentlich als Mädchen/Frau adressiert. Was jedoch nicht aus Böswilligkeit geschieht und womit Sam mehr als souverän umgeht.
Oder?!?
Das klingt zunächst ein wenig verkitscht. Doch dank der aufrichtig aufspielenden Beteiligten und einer Inszenierung, die bisweilen etwas Dokumentarisches hat, haben wir das Gefühl echten Gesprächen beizuwohnen. Interessant ist auch der Umgang der Männer im Leben der Schwestern mit Sam. Während Kates neuer Freund Stephen (Andrew Bushell) keinerlei Berührungsängste hat und sich sehr freut, Sam endlich kennenzulernen, ist es der Ehemann Megans, Paul (David Reale), der, nun ja, wenn wir so wollen, auf den „Fuck-Woke“-Zug springt.

Dass der etwas wichtigtuerische Typ Sam bereits kennt und nicht besonders mag, wird fix klar. Dass er aber immer kleine Bomben droppt (inklusive Deadnaming) und dann erstaunt tut, wenn sie hochgehen und nicht jede*r, allen voran Sam, glücklich mit Explosion und Radius ist, ist ein echter Arschloch-Move (hey, David). Sam allerdings, zwar nicht aus Teflon, aber bereit zur Erwiderung, lässt sich nichts gefallen.
So erleben wir eine Debatte darüber, wie Menschen sich nicht gesehen fühlen, wie sie sich – und ihr Gegenüber – fragen, wodurch sie eigentlich störten, in ihrer Trans*-, Inter-, nicht-binären-, lesbischen, schwulen oder bisexuellen Identität. Und sie wirkt weit intensiver, als die meisten Ansprachen dazu in Seminarsituationen (und ist besser ausgeleuchtet).
Im Zwiespalt
Close to You ist eine Geschichte, die durch ihren sehr eigenen Erzählrhythmus anfangs etwas sperrig daherkommen mag, sich aber schnell zu einem wichtigen und erkenntnisreichen Experiment entwickelt, das an vielen Stellen überrascht und im besten Sinne des Wortes in der Aufklärung ankommt. Einzig die Nebenstory um Katherine und Sam will sich hier nicht so recht einfügen, wirkt kontrafaktisch und bleibt seltsam leer, obwohl sie durch tiefe Blicke und sehnsüchtiges Atmen mit Bedeutung aufgeladen wird.

So bleiben wir ein wenig zwiegespalten zurück. Lieben Close to You, Dominic Savage, Elliot Page und all die großartig aufspielenden Menschen allerdings für den Willen, Mut und die Hingabe eine solche, für viele Menschen persönliche und für andere dringend zur Wahrnehmung gebotene (Familien-)Geschichte zu erzählen. Mensch vergibt sich nichts, Sam gute neunzig Minuten lang zu folgen.
AS
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Close to You wird am im Rahmen von BR QUEER am Donnerstag, 2. Juli 2026, um 23:15 Uhr im BR gezeigt, anschließend steht er für 30 Tage in der ARD Mediathek zur Verfügung. Bereits dort zu finden sind Rodeo und Lilies Not For Me (Rezensionen folgen).
Close to You; Kanada, Großbritannien, 2024; Buch und Regie: Dominic Savage; Idee und Produktion: Elliot Page, Dominic Savage; Bildgestaltung: Catherine Lutes; Musik: Oliver Coates, Dominic Savage; Darsteller*innen: Elliot Page, Hillary Baack, Peter Outerbridge, Wendy Crewson, Janet Porter, Alex Paxton-Beesley, Daniel Maslany, Andrew Bushell, David Reale, Sook-Yin Lee, Jim Watson, Amanda Richer; Laufzeit ca.: 100 Minuten, englische Fassung mit deutschen Untertiteln; FSK: 6; Eine Produktion von Me + You Productions, Good Question Media, im Verleih von Salzgeber
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