FILM-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)
von Alexander Schütz
Frankensteins Monster ist nicht totzukriegen! So bekommt mit schöner Regelmäßigkeit jede Generation ihre eigene Interpretation von Mary Shelleys Klassiker. Dieses Jahr versucht sich Regiegröße Guillermo del Toro an einer Romanverfilmung (Si apre in una nuova finestra), doch leider verhebt er sich an dem Stoff ganz gewaltig und dem berühmten „Es lebt!“ möchte man ein „Aber auch nur gerade so“ hinterherschicken.

Seitdem ich meine Liebe zum Horror entdeckt habe, gehören die Frankenstein-Thematik und das zugehörige Monster zu meinen Liebsten im Genre. Nachdem ich nun zum wiederholten Male den Roman las und schon so einige Verfilmungen geschaut habe, war ich sehr gespannt auf Guillermo del Toros Interpretation.
Del Toro hat mit Crimson Peak eindringlich bewiesen, dass er Gothic versteht und auf die Leinwand zu bringen weiß, das macht seinen Frankenstein auch so entsetzlich enttäuschend. Mary Shelleys Roman ist auch nach 200 Jahren so modern wie zum Erscheinen und mit der vermehrten Präsenz von Künstlicher Intelligenz aktueller denn je. Del Toro gestaltet seine Interpretation allerdings ganz klassisch, verzichtet auf Modernisierungen und Spielereien. Die Sets sind üppigst ausgestattet, die Kostüme überbordend und es wird versucht, den Gothic-Flair einschlägiger Klassiker zu kopieren. Leider rief diese Mühe bei mir statt Staunen nur Kopfschütteln hervor. Sämtliche Eleganz wird unter dem ganzen Pomp erstickt, statt düsterer Romantik regiert der pure Kitsch. Wenn ich dann doch staunte, dann nur über das erschreckend schlechte CGI und einen ganz merkwürdigen Filter, bei dem man nicht umhin kommt in jeder Szene zu erkennen, dass es sich hier um eine (immerhin 120 Millionen US-Dollar teure) Netflix- und keine Kinoproduktion handelt.

Das Setdesign und auch die Schauspieler*innen, die in diesem agieren, machen keinen Hehl daraus, dass hier ganz viel gewollt wurde und mindestens mit einem Auge immer in Richtung Oscar geschielt wird. Das ist übrigens auch der Grund, wieso ein limitiertes Kino-Release spendiert wurde, damit man den Film ins Rennen um den begehrten Goldjungen schicken kann. Dieses Unterfangen ist ambitioniert und zeugt von einem starken Selbstbewusstsein - oder vielmehr von Selbstüberschätzung.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/58476a27-be82-435c-b586-31a07e85f53c (Si apre in una nuova finestra)Was der Regisseur, der auch das Drehbuch schrieb, mit der Optik versucht, macht er leider auch mit der Geschichte. Sämtliche Ambivalenz, Graustufen und Konflikte aus Shelleys Roman sind schön glatt gebügelt, nichts mehr ist subtil, regt gar zum Nachdenken an. Es wurden munter Charaktere verändert, weggelassen und massiv verändert. Leider alles zum Negativen. So wohnt man im Roman direkt zu Beginn einer Hinrichtung bei, bei der eine Unschuldige wegen eines Mordes, den die Kreatur verübt hat, getötet wird. Das ist einer von vielen wichtigen Punkten in der Handlung, der enorm viel zur Charakterisierung von Victor und seiner Schöpfung beiträgt, denn beide sind gleichzeitig Täter und Opfer. Diese Szene fehlt im Film komplett, wie viele andere. Stattdessen wird mit dem sprichwörtlichen Holzhammer klargemacht, wer gut und wer böse ist. Ein Dazwischen gibt es nicht , bis zum traurigen Höhepunkt, in dem dann wortwörtlich gesagt wird, dass ja eigentlich „Victor das wahre Monster“ sei. Spätestens dann wurde mir klar, dass Guillermo del Toro nicht den Roman Frankenstein oder der moderne Prometheus verfilmt hat, sondern höchstens die zugehörigen „Königs Erläuterungen“ oder „Reclams Interpretationshilfe“. Das ist ärgerlich, entsteht so doch der Eindruck, dass der Regisseur sein Publikum für nicht klug genug hält, die richtigen Schlüsse selbst zu ziehen. Ich bin Neuninterpretationen nicht abgeneigt, im Gegenteil. Wenn aber so fahrlässig mit dem Ausgangsmaterial umgegangen wird, bis dieses fast schon unkenntlich ist und seine Aussage regelrecht entstellt wird, so ist das mehr als ärgerlich.

Der einzig positive Aspekt, den ich erwähnen kann, ist Jacob Elordis Darstellung der Kreatur. Er holt das Maximum aus seiner Rolle heraus, auch wenn diese ärgerlich vereinfacht wurde. Anders als Oscar Isaac, der diesen plump als irren Wissenschaftler charakterisierten Victor Frankenstein leider auch nicht mehr retten kann. Die arme Mia Goth, die ich sehr schätze, muss gegen eine fürchterliche Verkitschung von Elizabeth Harlander (und Claire Frankenstein) anspielen, während ich bei Christoph Waltz immer noch nicht verstehen kann, worauf seine Beliebtheit und sein Erfolg fußen.
Es tut mir unglaublich leid, mein liebstes Monster so abstrafen zu müssen, aber das hier ist der schlechteste Frankenstein den ich je gesehen habe: Lieb- und seelenlos, anbiedernd wie ein Marvel-Spektakel, wäre gerne wie Eggers Nosferatu, schafft es aber berechtigterweise nur bis zum nächsten künstlich hoch-gehypten Streaming-„Hit“.

Den traurigen Höhepunkt hat sich aber del Toro bis ganz zum Schluss aufgehoben. Nachdem er sich so weit von der Vorlage entfernt hat, die damals von einer neunzehnjährigen (!) Frau geschrieben wurde und die somit lange vor Stoker, Poe, Lovecraft und Konsorten den Grundstein für die moderne Horrorliteratur gelegt hat, stellt er dem Abspann ein Zitat von Lord Byron voran. Im ganzen umfangreichen Schaffen von Mary Shelley hat sich also nicht ein Zitat gefunden, das erwähnenswert gewesen wäre und darum wird ein Mann zitiert? Auch wenn Shelley und Byron freundschaftlich verbunden waren und er einen nicht geringen Einfluss auf die Entstehung Frankensteins hatte, so finde ich das doch befremdlich und schade. Diese Geringschätzung für die Originalautorin muss man schon ganz bewusst wollen.
https://www.youtube.com/watch?v=QVRZJ5pv_1U (Si apre in una nuova finestra)Die Zeit und das Geld für diesen Film sollte man stattdessen getrost in eine hübsche Ausgabe von Mary Shelleys zeitlosem Klassiker investieren, da gibt es einige sehr schöne zur Auswahl (mehr dazu in Kürze) oder, wenn man sich Frankenstein dann doch in bewegten Bildern anschauen möchte, empfehle ich folgende Verfilmungen, die mal klassisch, mal sehr modern daherkommen aber alle gut bis sehr gut sind:
Frankenstein (1931) und Frankensteins Braut (1935) von James Whale. Der Universal Monster Klassiker schlechthin und die beste Verfilmung. Nicht nur, aber auch wegen der queeren Untertöne, besonders bei der Braut.
Mary Shelley’s Frankenstein (1994) von Kenneth Branagh. Die wahrscheinlich werkgetreuste Verfilmung fängt sehr gut die Stimmung der Vorlage ein.
Frankenweenie (2012) von Tim Burton. Wunderbar herzliche, komische und trotzdem dem Original erstaunlich verbundene Stop-Motion-Verfilmung.
Frankenstein – Das Experiment (2015) von Bernard Rose. Fast dokumentarische und dennoch theaterhafte Modernisierung des Stoffes, gleichzeitig in den Dialogen und der Handlung aber auch klassisch. Eigenwillig, aber faszinierend.
Lisa Frankenstein (2024) von Zelda Williams. Extrem spaßige aber auch überraschend konsequente Neuinterpretation als Teenie-Horror-Romanze. Großartige, staubtrockene Dialoge von der wunderbaren Diablo Cody.
[Frankenstein ist nicht die einzige Neuinterpretation eines Romans, die aktuell zu sehen ist. Am Donnerstag startet Edgar Wrights The Running Man mit Glen Powell und Josh Brolin in den Hauptrollen im Kino. Ob der auf dem Roman von Richard Bachman aka Stephen King basierende Film sehenswert ist, lest ihr hier… (Si apre in una nuova finestra)]
Alexander Schütz schreibt regelmäßig unregelmäßig für the little queer review über Queerness und Horror und queeren Horror etc. Ihr findet ihn mitsamt feiner Storys sowie seine Meinungen zu Film, Buch und Leben auf Instagram als bookhouseboy_from_twin_peaks (Si apre in una nuova finestra).
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Frankenstein ist seit dem 7. November 2025 auf Netflix verfügbar (Si apre in una nuova finestra).
Frankenstein; USA 2025; Regie und Drehbuch Guillermo del Toro, nach dem Roman von Mary Shelley; Bildgestaltung: Dan Laustsen; Musik: Alexandre Desplat; Darsteller*innen: Oscar Isaac, Jacob Elordi, Mia Goth, Felix Kammerer, Christoph Waltz, Lars Mikkelsen, David Bradley, Charles Dance, u. v. a.; Laufzeit ca. 150 Minuten; FSK: 16