
Liebe Leser*innen,
einen herzlichen Glückwunsch an alle Wochenrückblick-Abonnent*innen in der Berliner Hauptstadt: Sie haben den Stromausfall überstanden! Jetzt können Sie endlich nachholen, was Sie die letzten Tage alles im Internet verpasst haben, und diesen Newsletter gemütlich in Ihrer mollig warmen Wohnung lesen, wenn Sie nicht direkt wieder zur Arbeit müssen:

(Si apre in una nuova finestra)Trotz der Geißel der Lohnarbeit sind viele Einwohner*innen der Meinung, das Schlimmste überstanden zu haben. Doch die Berliner*innen wären nicht die Berliner*innen, wenn sie nicht arm, aber sexy, auch in der Krise kultige Lösungen gefunden hätten:

Während die Hauptstädter*innen frieren mussten, hatte es Nicolás Maduro schön warm, wohnt er doch seit einigen Tagen im »Hölle auf Erden« genannten Metropolitan Detention Center in Brooklyn. Andere Politiker*innen können nur vergeblich auf eine solche Behandlung hoffen:

Söder zeigte sich über Medwedews Ablehnung enttäuscht, da er sicher »ein paar gute Insta-Posts für meine Fans rausgeholt hätte«. So muss der bayerische Ministerpräsident leider weiterhin seine Nebenkosten zahlen, wenn er es angenehm warm haben möchte. Darüber freut sich sein Vermieter, der sehr dankbar ist, überhaupt jemanden gefunden zu haben, der ihm seine Immobilie warm wohnt. Denn viele Eigentümer*innen trauen sich gar nicht mehr zu vermieten. Hier erklären sie, warum:

»Es ist ein Wunder, dass es ›Mieter‹ heißt und nicht ›Michter‹! Denn die meisten Mieter denken die ganze Zeit nur ›Ich, ich, ich!‹: ›Ich möchte aber in einer Wohnung mit funktionierender Heizung leben!‹ – ›Ich will aber, dass in meinem Keller keine zwanzig Zentimeter Wasser stehen!‹ – ›Das ist ein Blindenhund, den brauche ich unbedingt, Hilfe!‹ Deswegen suche ich gerade andere Einnahmequellen. Glauben Sie, ich könnte den ›Michter‹-Gag an Böhmermann verkaufen?«
»Haben Sie sich die Leute schon mal angesehen, die hier vor der Tür stehen und eine Wohnung suchen? Verbrechervisage, dunkle Haare, also uneindeutige Ethnie, schlurfender Gang, böse Augen, und geduscht sehen die auch nicht gerade aus. Ach, das ist ja gar nicht die Haustür, sondern mein Spiegel im Flur!«
»Ich wäre ja schön blöd, wenn ich die Einliegerwohnung vermiete! Glauben Sie, ich hole mir extra einen Zeugen ins Haus, der jedes Mal die Polizei ruft, wenn ich meine Frau schlage?«
»Warum ich nicht vermiete? Ich habe einfach noch nicht die Richtige gefunden – und damit meine ich dich (25, 45, 160), die für einen Mietnachlass zu kleinen Gefälligkeiten bereit ist (Geschirr spülen, meine Dachrinne reinigen, meine ›Dachrinne‹ ›reinigen‹). Ruf einfach durch oder komm mal unverbindlich nach Mitternacht vorbei!«
»Ich vermiete meine Wohnung, allerdings sind meine Mieter sehr, sehr klein und nicht mit bloßem Auge wahrnehmbar. Und ihre Stimmen sind so hoch, dass sie von den meisten Menschen nicht gehört werden können. Gerade schreien sie, dass Sie bitte die Tür schließen sollen, wir heizen hier ja nicht für draußen und wohnen auch nicht in der U-Bahn! Außerdem haben Sie das Parkett ganz dreckig gemacht! Das macht dann 500 Euro, bitte!«
Viele Vermieter*innen stoßen ihre Wohnungen nur deshalb nicht ab, damit sie einen Ort haben, an dem sie ihre außerehelichen Gespiel*innen diskret verstecken können. Weitere Zeichen dafür, dass Paare sich voneinander entfernen, lesen Sie nun:

Zum Hochzeitstag schenken sie sich seit Jahren nur noch Rewe-Gutscheine
Den täglichen Eskimokuss vor dem Weg zur Arbeit geben sie sich nur noch auf die Wange
Sie geben ihrem Partner in der Öffentlichkeit keine kreativen Kosenamen mehr wie »Träumchen«, »Schnuffelbär« oder »Tittenspatz«
Sie haben ihr Tandem verkauft und die Call-a-Tandem-App, die sie stattdessen nutzen wollen, verwenden sie fast nie
Sie erzählen Freund/innen schon länger nicht mehr von ihrem »wahnsinnig aufregenden Sexleben«
Sie haben die Töpferszene aus »Ghost – Nachricht von Sam« ewig nicht mehr nachgestellt
Auf den Flugzeugbannern, mit denen sie ihre/n Partner/in überraschen, stehen Botschaften wie »Taust Du bitte endlich das Eisfach ab? Danke.«
Sie haben ewig keine Kreuzfahrt mehr zusammen unternommen
Das, womit sie abends im Bett stricken, sind Spinnweben
Ihr Paartherapeut schließt heimlich Wetten gegen den Fortbestand ihrer Beziehung ab
Vielen Beziehungen werden langweilige Routinen zum Verhängnis. Ein ähnliches Problem plagt Torsten Gaitzsch in seiner aktuellen Kolumne:

Heute: Keine Macht dem Drögen
Hand aufs Herz, jede dieser meiner Kolumnen hat mittlerweile den gleichen faden Ablauf: Ich teile Ihnen mit, was ich irgendwo gesehen oder gelesen habe, und stürze mich anschließend in halbherziges freies Assoziieren … Wie halten Sie das eigentlich Woche für Woche aus?
Je nun, dit fiel ma uff! In der Kaufhalle sah ich eine neue vegane Rügenwalder-Wurst: »Hauchgenuss« stand auf der Packung. »Pesthauchgenuss«, schoss es mir durch den Kopf. Mehr habe ich dazu nicht anzumerken. Mein Highlight der letzten Tage war eine Bushaltestellenwerbung der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes, Bestandteil einer Aufklärungskampagne zu sog. Schockanrufen. Auf nämlichem Plakat sehen wir einen (leider KI-generierten) Opa mit einem Telefonhörer in der Hand. Oberzeile: »Deine Geschichte ist gut – aber erfunden.« Hauptzeile: »Ich lege auf!« Das fand ich schon mal prima. Noch bestrickender ist aber der Name jener Kampagne, die das KOK-Projekt »CESA« (Callcenterbetrug, Enkeltrick, Schockanruf) begleitet: »Tatort Telefon«, dazu der Slogan »Falsches Drama. Echter Betrug.« Chapeau, liebe Polizei bzw. von der Polizei engagierte Agentur! Vier Banger auf einem Poster untereinander, davon kann sich selbst manch kommerzielles Unternehmen eine (hauchfeine) Scheibe abschneiden.
Die zwei einprägsamsten von Bundes- oder Landesregierungen mitverantworteten Sprüche aus der Zeit meiner späten Kindheit / frühen Jugend haben bemerkenswerterweise mit Rauschgift zu tun. 1.) »Keine Macht den Drogen« war eine inflationär im öffentlichen Raum ausgestellte Forderung, die damals viele junge Leute in Verkennung des dativus possessivus nicht verstanden haben – »Hä, meinen die ›Keine/r macht die Drogen‹?«; es gibt noch heute ganze Reddit-Threads darüber. 2.) »Wir Sachsen sind Spitze [sic] ohne Joint und Spritze«. Dahinter steckte das Landeskriminalamt. Und dieser Schlachtruf ist dem unmöglichsten aller Beitrittsländer ja nun wirklich in Fleisch und Blut übergegangen. Niemand lässt sich mehr impfen, und »Kiffer« stehen seit je auf den Feindeslisten regionaler Nazigruppen (vgl. etwa »Skinheads Sächsische Schweiz«, 1997–2001).
Die oben erwähnten Rentnerplakate könnte man übrigens zweitverwerten, um auf Altersarmut aufmerksam zu machen. Man lässt lediglich den Satz »Ich lege auf« neben dem/der abgebildeten Senior/in stehen, und alle denken: Och, die arme Person, muss in hohem Alter noch als DJ jobben!
Verabschiedet sich und wünscht ein gut informiertes Wochenende:
Ihre TITANIC-Redaktion
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