
Der folgende Beitrag stammt von Wolfang Tietze.
Tietze war lange Jahre Mitarbeiter des Spiegels, vor allem in der Recherche. Durch die derzeitige Entwicklung in der medialen Berichterstattung hat der inzwischen über 70-Jährige sich nochmal in das Hasenloch gewagt.
Bitte dazu den Hinweis unter dem Artikel beachten!
Der Fall Amir
Ich gebe lediglich einen Einspieler für den Fall Amir. Um den es hier geht und über den ich zumindest auf Social Media (Si apre in una nuova finestra) auch einiges geschrieben hatte.
Früh wurde erkennbar, dass die Hamas Hilfslieferungen im Gazastreifen hortet und reguliert. Die UN und andere Hilfsorganisationen waren nicht Willens oder in der Lage, diese direkt an die Bevölkerung zu verteilen. Und sind es bis heute nicht.
Im Februar 2025 wurde die GHF, die Gaza Humanitarian Foundation, in der Schweiz gegründet. Daran beteiligt war eine Gruppe US-amerikanischer Geschäftsleute, ehemaliger Militär- und Geheimdienstangehöriger sowie privaten Sicherheitsunternehmen, die von den USA und Israel unterstützt wurden.
Abgesicherte Verteilerzentren wurden eingerichtet (siehe Titelbild), in denen Hilfslieferungen als „Care-Pakete“ direkt an die Bevölkerung verteilt wurden. Die Aufregung war groß, u.a. strich die UN Organisationen von ihren Listen, die mit der GHF zusammenarbeiteten.
Schnell kamen Gerüchte auf, Mitarbeiter der GHF oder des israelischen Militärs (Israel Defense Forces, IDF) würden auf Hilfesuchende schießen. Ich hatte mehrfach dazu berichtet.
https://steady.page/de/u-m/posts/9c479899-67e1-47f9-aaef-d8e11b0ee1e7 (Si apre in una nuova finestra)Ab dem 26. Juli 2025 tauchte ein gewisser Anthony Aguilar in einem Interview der BBC auf. Wo er als ehemaliger Mitarbeiter schwere Vorwürfe gegen die GHF und die IDF erhob. Von da an wurde er durch die Medien gereicht.

Bereits im Umlauf war ein Video, dass einen Jungen zeigte, der bei einer Ausgabe dankbar die Hand eines GHF-Mitarbeiters küsst.
Anthony Aguilar behauptete, dieser Junge sei nach diesen Aufnahmen von Mitarbeitern der GHF erschossen worden.

Wolfgang Tietze hat sich diesen Fall näher angeschaut.
Nicht nur, dass der Junge tatsächlich noch lebt. Das dürfte inzwischen als nachgewiesen gelten. Sondern wie die Medien damit umgegangen sind und bis heute umgehen. In diesem Fall der Spiegel.
Wolfgang Tietze
Der Spiegel: Journalismus im Blindflug - Wenn Forensik auf redaktionelles Schweigen trifft
Journalistisches Handwerk folgt einem unverrückbaren Grundprinzip: Erst die Recherche, dann die Verifizierung. Und wenn sich ein Sachverhalt als falsch erweist, folgt die Korrektur. Als ich selber noch für den Spiegel recherchierte, war dies die Grundlage meiner Arbeit. Wer die Wahrheit sucht, muss sich den Fakten unterordnen, egal wohin sie führen.
Heute blicke ich auf die aktuelle Berichterstattung zu den Ereignissen im Gazastreifen – und ich bin alarmiert. Nicht primär über die Komplexität des Konflikts, sondern über den Zustand des investigativen Handwerks in den Redaktionsstuben, die eigentlich den Standard setzen sollten.
Der Fall „Abboud“: Die Dekonstruktion einer journalistischen Fehlleistung
Betrachten wir ein konkretes Beispiel: Die Geschichte des Jungen Abdul Rahim Muhammad Hamden. Von seiner Familie wird er „Abboud“ genannt.
Der Name „Amir“ hingegen wurde ausschließlich von Anthony Aguilar ins Spiel gebracht, der den Jungen bei seiner kurzen Begegnung am 28. Mai 2025 fälschlicherweise so bezeichnete.
Lange Zeit wurde Aguilars Behauptung, dieser Junge sei von der IDF getötet worden, als belegte Tatsache verbreitet. Doch die Realität ließ sich nicht länger hinter einem Narrativ verstecken. Im Spätsommer 2025 leitete die Gaza Humanitarian Foundation (GHF) eine forensische Untersuchung ein, die methodisch keine Zweifel ließ:
Gesichtserkennungssoftware:
Bestätigte die Identität des lebenden Jungen durch Abgleich mit altem Bildmaterial.Narbenabgleich:
Ein markantes körperliches Merkmal (die Stirnnarbe) entlarvte Aguilars Behauptung eines „Doppelgängers“ als bloße Schutzbehauptung.Die Flucht-Chronologie:
Dokumente und familiäre Aussagen belegten, dass der Junge am angeblichen Todestag lebte.Physische Evidenz:
Der Junge trug bei seiner Auffindung exakt das Kleidungsstück, das auf den „viralen Aufnahmen“ seiner angeblichen Erschießung zu sehen war.
Diese Daten, im September 2025 von Fox News Digital publiziert, sind kein Meinungsbeitrag. Es ist forensische Evidenz.

Kein Einzelfall: Das Muster der selektiven Wahrnehmung
Der Fall „Abboud“ ist dabei leider kein isoliertes Ereignis. Er fügt sich in eine Reihe von Berichten ein, bei denen sich das Muster wiederholt: Ein emotional starkes Narrativ wird unkritisch übernommen, während korrigierende Fakten – sobald sie auftauchen –systematisch ignoriert oder als irrelevant abgetan werden.
Es ist ein Muster der selektiven Wahrnehmung, das bei einem Medium dieses Anspruchs nicht nur verwundert, sondern die Frage nach der redaktionellen Integrität in der Breite aufwirft.
Beweise, die der Spiegel ignorierte: Die Aguilar-Desinformationskampagne
Der Spiegel veröffentlichte am 01.09.2025 ein Interview mit Anthony Aguilar.

»Manche krochen auf allen vieren, manche humpelten davon, manche entkamen den Kugeln. Amir fiel hin und bewegte sich nicht mehr.«
Anthony Aguilar, Interview Spiegel, 01.09.2025
Die investigative Aufarbeitung durch Matt Tadio (veröffentlicht am 06.08.2025) entlarvt die Aussagen von Anthony Aguilar als einen Rachefeldzug gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber UGS. Die zentralen Punkte, die der Spiegel bei der Veröffentlichung ignorierte:
Der Fall „Amir“ als bewusste Lüge:
Aguilar behauptete, er sei Zeuge des Todes von „Amir“ geworden. Tadios belegt durch Zeugenaussagen, dass der Junge zu diesem Zeitpunkt lebte. Aguilar wusste dies, verbreitete die Märtyrer-Legende jedoch aktiv weiter.
Vom Mitarbeiter zum Erpresser:
Aguilar wurde am 13.06.2025 wegen mangelnder Leistung gekündigt. Er versuchte im Anschluss, das Unternehmen durch die Drohung mit Falschinformationen zur Wiedereinstellung zu erpressen.
Systemisches Ignorieren von Fakten:
Die Redaktion hätte durch einen einfachen Abgleich mit diesen seit Wochen verfügbaren Beweisen feststellen können, dass es sich bei Aguilar um einen diskreditierten Mitarbeiter handelt.
Die Chronologie der Täuschung
Auf meine Anfrage erläuterte John Acree [ehem. Leiter GHF, Anm. U.M.] den Hintergrund: Die GHF hielt ihre Beweise bis zum 4. September 2025 unter Verschluss – aus humanitärem Schutz für die Familie. Anthony Aguilar hingegen verbreitete am 1. September 2025 im Spiegel-Interview die Behauptung, die GHF-Beweise seien nicht authentisch.
Der Interviewer [Spiegel, 01.09.2025, Anm. U.M.] konfrontierte Aguilar mit der Behauptung: „Die GHF hat bestritten, dass Amir getötet wurde. Ein später an einer anderen Ausgabestelle aufgenommenes Foto zeigt, dass er lebt.“
Aguilar antwortete: „Dieses Foto, das die GHF vorgelegt hat, zeigt offensichtlich einen völlig anderen Jungen. Das ist eindeutig nicht Amir.“
Indem der Spiegel Aguilars „Foto-Behauptung“ in das Interview einbrachte, legitimierte er dessen Ausreden, obwohl dieses Foto in der suggerierten Form gar nicht existierte.
John Acree verdeutlicht den Kontext in meiner Presseanfrage:
„Frage 2: Identitätsüberprüfung: […] Können Sie erläutern, welches konkrete Bildmaterial bis zu diesem Zeitpunkt (1. September 2025) von der GHF veröffentlicht worden war, auf das sich Herr Aguilar in diesem Zusammenhang bezogen haben könnte?
Antwort: Auch hier haben wir aufgrund der Drohungen der Hamas gegen den Jungen und seine Familie davon abgesehen, unsere Informationen zu veröffentlichen.“
[Übersetzung U.M.]
Die Antwort aus der Redaktionsleitung
Ich habe die zuständige Redaktionsleitung – namentlich Herrn v. Rohr – mit diesen Fakten konfrontiert. [Mathieu von Rohr, Ressortleiter „Ausland“, Spiegel, Anm. U.M.]
Die Antwort war in ihrer Kürze und inhaltlichen Leere erschütternd.
„Für keine der beiden Darstellungen liegt eine unabhängige Überprüfung vor.“
Mathieu von Rohr, Redaktionsleitung Der Spiegel
Bezeichnenderweise behauptete v. Rohr, für keine Seite liege eine unabhängige Überprüfung vor.
Dies ist sachlich falsch: Fox News lieferte diese unabhängige Überprüfung bereits am 29. September 2025.
Dabei stützte sich Fox News nicht lediglich auf GHF-Material, sondern führte eine eigene, unabhängige forensische Verifizierung durch – inklusive eines Abgleichs mit neutralem Bildmaterial vor Ort, der unabhängigen zeitlichen Rekonstruktion und der Befragung dritter Quellen. Diese Unabhängigkeit macht die Bestätigung der GHF-Daten so schwerwiegend für die journalistische Glaubwürdigkeit des ursprünglichen Berichts.
Wie lange noch?
Wenn der Spiegel seinen eigenen Anspruch auf „Aufklärung“ ernst nimmt, muss er sich fragen: Wie lange kann ein Medium, das seinen Ruf auf der Entlarvung von Lügenaufgebaut hat, Redakteure in Führungspositionen behalten, denen es angesichts nachweisbarer Fehler an jeglichem beruflichen Ethos mangelt? Die Leser verdienen eine konkrete Antwort, eine Entschuldigung und die Entfernung des Interviews.
Der Spiegel muss endlich aufhören, den eigenen Mythos über die Realität zu stellen.
Epilog: Wolfgang Tietze und U.M.
Ich habe über X Kontakt zu Wolfgang Tietze bekommen. Der seine sehr detaillierten und fundierten Recherchen auf seiner Homepage und auf seinem X-Account (Si apre in una nuova finestra) unsystematisch und unentgeltlich veröffentlicht.
Ich finde diese Arbeit, auch wenn sie (noch) nicht in leicht zu lesenden Artikeln mündet, mehr als unterstützenswert. Für jemanden wie mich ist sie Gold wert.
Deshalb habe ich sehr gerne meine Plattform und Hilfe angeboten. Und vielleicht wird auch hier noch mehr folgen.
Stammleserinnen und Stammleser wissen, dass wenn ich einmal um Hilfe bitte, es nicht für mich ist. Und es immer einen guten Grund hat, zu dem ich ganzen Herzens stehen kann. Nicht um die Welt zu verändern, sondern um konkret etwas zu bewirken.
Wolfgang Tietze ist Rentner und inzwischen über 70 Jahre alt. Und während ich dies tippe sitzt er meines Wissens mit seiner Frau bei einem Cappuccino in der Berliner Sonne. Er hat nur eine kleine Rente und kann mit seiner Arbeit, sei es nur zur Recherche oder in höherwertigen Veröffentlichungen, nur weitermachen, wenn er etwas Unterstützung erhält.
„Meine Defizite? Kein Karriere-förderndes Verhalten und eine nachweislich schlechte Selbstvermarktung. Aber ich blicke auf über 40 Jahre harte investigative Arbeit zurück.“
Wolfgang Tietzes Vita hier… (Si apre in una nuova finestra)
Ich habe inzwischen einige Eindrücke und Recherchen aus seiner Arbeit gesehen. Zur Verbringung der Geiseln am 10/7 (sehr detailliert), Medien und Hamas in Gaza, Kritik an Berichten in Monitor, Spiegel, ARD und vieles mehr.
Ich bitte herzlich darum, ihn kräftig zu unterstützen. Oder wenigstens zwei Cappuccino zu spendieren.
https://www.paypal.com/paypalme/WolfgangTietze3 (Si apre in una nuova finestra)
Es macht mir wirklich traurig, ist eigentlich ein Witz und eine erschreckende Zustandsbeschreibung unserer Medienlandschaft, wenn ein Rentner und ein MilBlogger den Job gut bezahlter Medien korrigieren müssen.
https://steady.page/de/u-m/posts/0966e446-63a6-45a4-963f-778762df550d (Si apre in una nuova finestra)