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Kennst du Prokrastiwork?

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Ich habe große Aufgaben oft aufgeschoben. Bis ich aufgehört habe, gegen das falsche Problem zu kämpfen.

Hi!

Seit letzter Woche wird dieser Newsletter von über 100 zahlenden Mitgliedern getragen – das sind fünf Prozent von denen, die regelmäßig mitlesen. Das macht mich stolz und spornt mich an. Danke 🫶!

Heute geht es um ein Thema, das Natascha sich gewünscht hat. Sie unterstützt den Newsletter seit März. Natascha hat mir geschrieben, dass sie bei der Arbeit immer wieder in Nebenaufgaben versinkt und sich wie paralysiert fühlt, obwohl sie viele Produktivitäts-Methoden kennt und nutzt, zum Beispiel Deep Work und ein Bullet Journal.

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Ich kann mit diesem Thema sehr viel anfangen, denn puh, bin ich gut im Prokrastinieren. Beziehungsweise in Prokrastiwork. Diesen schönen Begriff habe ich von Natascha gelernt. Prokrastiwork bedeutet, dass man irgendwelche Dinge tut, um sich produktiv zu fühlen, aber nicht das, was eigentlich am Wichtigsten wäre. Was perfekt beschreibt, wie ich einen Teil meiner Arbeitszeit verbringe.

Einer Kollegin sagte ich mal: Manchmal bin ich schon morgens gestresst, weil ich nicht weiß, was mein Gehirn an diesem Tag leisten wird. Selbst wenn ich top vorbereitet reingehe – ich kann das Ergebnis nicht kontrollieren. Ich weiß nur, dass ich eine bestimmte Aufgabe schaffen muss. Das stresst mich manchmal so sehr, dass ich mich viel zu lange an Nebenaufgaben festhalte, statt die Hauptsache anzugehen.

Ohne es zu wissen, hatte ich damals etwas erkannt, das ich jetzt erst wirklich verstehe: Es geht beim Prokrastinieren weder um mangelnde Organisation noch um Selbstdisziplin. Deswegen helfen Tools auch nur bedingt.

Ich habe trotzdem sehr viele ausprobiert. Ich bin meiner Produktivität mit verschiedensten Methoden hinterhergelaufen – Eisenhower-Skalen, Notion-Datenbanken, Pomodoro, KI-Assistenten – und fühlte mich dabei immer wieder wie Clavicular, ein Looksmaxxer, der jeden Zentimeter seines Gesichts optimiert und sich trotzdem wundert, dass er nicht bei jeder Frau landet.

Clavicular und ich vergessen wohl beide, wie viele andere Faktoren ein Ergebnis beeinflussen, die man nicht kontrollieren kann: die Wünsche und Verhaltensweisen anderer Menschen etwa oder die Tatsache, dass ein Gehirn kein Computer ist und nicht jeden Tag exakt gleich performt.

Was wirklich passiert, wenn wir aufschieben

Die Sache ist: Wer aufschiebt, plant nicht schlecht – er versucht, seine Stimmung zu reparieren. Das ist der Kern eines Übersichtsartikels (Si apre in una nuova finestra) der Psychologen Fuschia Sirois und Timothy Pychyl. Wenn eine Aufgabe sich unangenehm anfühlt, weil sie langweilig ist, bedrohlich wirkt oder so groß, dass wir nicht wissen, wo wir anfangen sollen, suchen wir gefühlsmäßig Erleichterung. Und die kriegen wir am schnellsten, wenn wir etwas anderes tun. 

Es fühlt sich besser an, Kaffee mit der Kollegin zu trinken oder Wäsche aufzuhängen, als das Projekt mit Deadline anzugehen. Wir tun das nicht, weil das Projekt egal ist, sondern weil unser Gehirn versucht, aus einer schwierigen Situation rauszukommen. Das ist normal. Das will es immer.

Wenn es aber darum geht, mit einem Gefühl umzugehen, dann helfen die besten To-Do-Listen oder Excel-Tabellen nicht. Was hilft, ist der Umgang mit dem unangenehmen Zustand selbst.

Tauziehen im Kopf

Die Psychologin Annemieke Apergis-Schoute von der Queen Mary University of London beschreibt die Grundlage fürs Prokrastinieren in diesem Artikel (Si apre in una nuova finestra) als Tauziehen zwischen zwei Systemen: einem Bedrohungssystem, das anspringt, wenn eine Aufgabe unsicher, mühsam oder bewertend wirkt – „Was, wenn ich versage?“ – und einem Belohnungssystem, das alles befeuert, was sich sofort gut anfühlt: scrollen, aufräumen, mit Freunden chatten.

Inzwischen frage ich mich in solchen Momenten nicht: Warum wehre ich mich so? Sondern: Was würde diese Aufgabe gerade weniger bedrohlich machen? 
Klar, die Antwort könnte lauten: sechs Wochen Urlaub mit Ziegen, bitte. Das ist selten spontan drin. Etwas anderes aber schon.

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