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Wie du diskutierst, ohne dich verteidigen zu müssen

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Du musst nicht recht behalten. Was für eine Erleichterung.

KI generiert mit Midjourney

Hi!

Es soll ja Menschen geben, die sich mit Konflikten richtig wohlfühlen. Die in einen Streit reingehen wie in eine Sauna: Je hitziger, desto besser. Ich dagegen bekomme in Saunas leichte Panikattacken. Und versuche meistens, Probleme friedlich zu lösen. Bei Persönlichkeitstests kommen bei mir Titel wie „Diplomatin" oder „Teamworkerin" raus. Nur mein Sternzeichen – Skorpion – ist anscheinend auf Krawall gebürstet. Das sagen mir zumindest Leute, die sich für Astrologie interessieren.

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Und trotzdem: Ich habe noch nie so viele Konflikte erlebt und sogar Freundschaften verloren oder eingefroren wie in den letzten Jahren. Nicht weil ich plötzlich streitsüchtig geworden wäre – sondern weil es so schwierig geworden ist, irgendetwas zu besprechen, ohne an ein polarisierendes Thema zu stoßen. Nahost-Konflikt. Ukraine-Krieg. Die USA. Impfungen. Migration. Veggie-Wurst. Ich kenne einen israelischen Künstler, einer der sanftesten Menschen, die ich kenne, der auf Partys in Deutschland nicht mehr sagt, wo er herkommt – weil er nicht weiß, wie sein Gegenüber auf seine Herkunft reagiert. Ein Freund von mir macht sich Sorgen, dass seine Partnerin sich von ihm trennt, weil er manchmal Fleisch isst und sie seit kurzem überzeugte Vegetarierin ist.

Wann gehöre ich zu den Guten?

Auch ich ertappe mich dabei, dass ich unversöhnlicher geworden bin. Ich verteidige Meinungen mit einer Vehemenz, die ich mir manchmal selbst kaum erklären kann. Je unsicherer und komplizierter die Welt wird, desto wichtiger scheint die eigene Meinung zu sein. Als ob bei jedem Gespräch nicht nur eine Position auf dem Spiel stünde, sondern mein gesamter Charakter – und die Frage, ob ich zu den Guten gehöre.

Ich finde das enorm ermüdend. Und ich frage mich zunehmend: Was braucht eigentlich mehr Mut: eine Meinung zu verteidigen oder sie zu hinterfragen?

Einer, der sich sehr kluge Gedanken zu diesem Thema gemacht hat, ist Dirk von Gehlen, "Director Think Tank“ am SZ-Institut. Er mag Internet, Zukunftsmut und Kreativität – daraus gestaltet er neue Ideen, die er auch umsetzt, zum Beispiel den Newsletter Kopieren Kapieren (Si apre in una nuova finestra) und viele Bücher (Si apre in una nuova finestra).

 Für meinen Newsletter hat er einen Text geschrieben über eine Idee, die mir nicht mehr aus dem Kopf geht: Seine Meinung zu ändern, und anderen die Möglichkeit zu geben, ihre zu ändern, kann politisch mächtig sein. Das zeigt eine ungewöhnliche Protestbewegung in den USA. Dirk schreibt:

Ende Januar hat Anni Schlaefer einen Song mit diesen Worten auf ihre Patreon-Seite (Si apre in una nuova finestra) gestellt: „Dieses Lied soll ein Überlauflied sein, das wir ICE-Agenten vorsingen (und mit ihnen (?)... vielleicht eines Tages). Es erkennt an, dass es schwer ist, die eigene Haltung zu ändern, wenn man lange daran festgehalten, sein Leben darauf aufgebaut oder einen Beruf aus bestimmten Überzeugungen heraus gewählt hat.“ Gesungen wurde das Überlauflied seitdem immer wieder vor einem Hotel in Minneapolis, in dem ICE-Agenten untergebracht sind. Videos von dem friedlichen Gesang (Si apre in una nuova finestra) der so genannten Singing Resistance (Si apre in una nuova finestra) gehen seitdem viral. Zu hören sind darin diese Zeilen von Anni Schlaefers Patreon-Seite:

"ohh it's okay to change your mind, show us your courage, leave this behind ohh it's okay to change your mind, and you can join us, join us here anytime"

Die Idee des friedlichen Gesangs als Protestform hat sich „Singing Resistance“ offenbar (Si apre in una nuova finestra) von der serbischen Widerstandbewegung Otpor aus dem Jahr 2000 abgeschaut. In ihrem Toolkit (Si apre in una nuova finestra) stellten sich die Protestsängerinnen und -sänger so vor:

Angesichts der eskalierenden Gewalt gegen unsere Gemeinschaften und der Invasion unserer Städte und Gemeinden durch die Bundesbehörden singen wir, weil Gesang ein Gegenmittel gegen Angst ist, (...). Wir singen öffentlich auf den Straßen, um Trost, Kraft und Solidarität zu finden, um unsere Ablehnung zum Ausdruck zu bringen und um die Zusammenarbeit mit unterdrückerischen und autokratischen Kräften zu verweigern.

Das ist eine mir sympathische Protestform. Ich frage mich eh, warum die verbindende Form des Gesangs nicht häufiger genutzt. Die Zeilen von Anni Schlaefer haben es mir aber besonders angetan – denn ich finde, sie bringen auf den Punkt, was eine freie Gesellschaft ausmacht: das Privileg, die eigene Meinung zu ändern.

Damit meine ich nicht das Fähnchen, das sich in den Meinungswind hängt. Ich meine die Einsicht, morgen mehr zu wissen als gestern. Ich meine die Bereitschaft, hinzuzulernen. Meinungen werden fälschlicherweise wie guter Wein behandelt: je älter sie sind, umso schmackhafter sollen sie sein. Dabei ist es doch umgekehrt ein Ausdruck, von Offenheit und Lernfähigkeit, seine Meinungen jung und frisch zu halten.

Es ist okay, die eigenen Ansichten zu hinterfragen – und zu ändern. Diese Besonderheit unterscheidet freie Gesellschaften von autoritären: du darfst Meinungen nicht nur äußern, du darfst sie ändern. Ich finde das so wichtig, dass ich unlängst sogar einen TEDx-Talk dazu gehalten habe (Si apre in una nuova finestra).

Deshalb mag ich die Zeilen von Anni Schlaefer – weil sie uns daran erinnern, dass wir hinzulernen können und dürfen.

Lieber Geschenke anbieten

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