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Warum du ständig Dinge vergisst

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Stress beeinflusst das Gehirn. Eine Forscherin zeigt, was dagegen hilft.

Hi!

In letzter Zeit hatte ich öfter das blöde Gefühl, dass mein Gedächtnis nachlässt. Ich erzähle meinem Mann etwas und verliere beim Reden den Faden. Ich lese einen Absatz und muss ihn noch einmal lesen, weil nichts hängen geblieben ist. Das hat mich ziemlich genervt und mir ein bisschen Sorgen gemacht.

Im Newsletter „The Future Of Attention (Si apre in una nuova finestra)“ der Psychologin Gloria Mark bin ich auf eine Erklärung gestoßen – und hatte einen ziemlichen Aha-Moment.

Mark forscht seit über zwanzig Jahren zu Aufmerksamkeit und digitalen Ablenkungen und hat das Buch „Attention Span“ geschrieben. In einer Newsletter-Ausgabe beschreibt sie, wie anhaltender Stress das Gehirn verändert und unter anderem das Gedächtnis beeinflusst. Und welche konkreten Strategien nach heutigem Forschungsstand helfen.

Ich fand ihre Erklärung so einleuchtend und hilfreich, dass ich den Text mit Marks Erlaubnis für meinen Newsletter heute übersetzt habe. Hier ist er.

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Jahrelang bin ich um drei Uhr morgens aufgewacht und lag im Dunkeln, während mein Kopf den Tag noch einmal durchspielte. Ich dachte an Unerledigtes, an Nachrichten, die ich noch beantworten musste, an Sätze aus Gesprächen, die ich im Nachhinein anders formuliert hätte. Meine Gedanken liefen hin und her, als würden sie in meinem Kopf auf und ab gehen. Stress zeigt sein hässlichstes Gesicht oft nachts.

In letzter Zeit habe ich mit einigen Frauen Anfang dreißig gesprochen. Sie machten sich Sorgen, dass ihr Gedächtnis immer schlechter wird. Ich konnte ihnen versichern, dass das nicht passiert. Was sie erleben, ist etwas anderes: Stress, der sich über Monate hinweg ansammelt. Und der in einem Kopf landet, der kaum noch Pausen kennt.

Viel spricht dafür, dass wir eine gestresste Gesellschaft sind. In der „Stress in America“-Erhebung (Si apre in una nuova finestra) der American Psychological Association von 2025 gaben rund die Hälfte der Befragten an, moderaten bis starken Stress zu erleben. 69 Prozent nannten ihre Arbeit als wesentliche Ursache.

Auch weltweit zeigt sich ein ähnliches Bild: Laut dem „State of the World’s Emotional Health“-Report (Si apre in una nuova finestra) 2025 von Gallup berichtet mehr als ein Drittel der Menschen von starkem Stress – deutlich mehr als noch vor zehn Jahren.

Akuten Stress kennen wir alle. Man spürt ihn unmittelbar: Der Puls steigt, der Atem wird flacher. Wenn wir die Situation verlassen oder das Problem lösen können, sinkt der Stresspegel meist wieder. Doch wenn Belastung zum Dauerzustand wird, wenn sie uns Tag für Tag begleitet, kann sie chronisch werden.

Chronischer Stress steht in Verbindung mit ernsthaften gesundheitlichen Folgen – etwa Herzkrankheiten, Bluthochdruck oder einem geschwächten Immunsystem.

Wie Stress unsere Aufmerksamkeit verändert

Was genau hat Stress mit Aufmerksamkeit zu tun?

Chronischer Stress stört die Funktion des präfrontalen Cortex. Diese Hirnregion sorgt dafür, dass wir unseren Fokus halten, ihn bewusst steuern und bei Bedarf wechseln können. Das hilft uns, Unwichtiges auszublenden – zum Beispiel das ständige Aufleuchten und Piepen von Benachrichtigungen.

Sie macht auch möglich, dass wir schnell umschalten. Du fährst Auto, unterhältst dich mit einer Mitfahrerin. Plötzlich bremst das Auto vor dir. Du hörst mitten im Satz auf zu sprechen und richtest deine Aufmerksamkeit auf die Straße.

Chronischer Stress erschwert es uns, die Aufmerksamkeit flexibel zu wechseln.

In einer Studie (Si apre in una nuova finestra)von Forschenden des Weill Medical College und der Rockefeller University mussten Medizinstudierende unter anhaltendem Prüfungsstress eine Aufgabe lösen, bei der sie ihre Aufmerksamkeit flexibel umschalten sollten: Mal sollten sie auf die Farbe eines Reizes reagieren, mal auf dessen Bewegung.

Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe brauchten die gestressten Studierenden deutlich länger, um zwischen diesen Anforderungen zu wechseln. Hirnscans zeigten außerdem, dass der präfrontale Cortex weniger effizient arbeitete.

Die gute Nachricht: Diese Effekte sind umkehrbar. Einen Monat später, als der Prüfungsstress nachließ, unterschied sich die Leistung der Studierenden nicht mehr von der Kontrollgruppe.

Stress verändert, wie wir denken und fühlen

Stress greift das Gehirn noch auf eine weitere Weise an. Das sogenannte Default Mode Network (auf Deutsch sinngemäß „Ruhezustandsnetzwerk“) ist aktiv, wenn wir nicht an einer konkreten Aufgabe arbeiten. Es spielt eine Rolle bei Selbstreflexion, emotionaler Verarbeitung und Selbstregulation.

In einer weiteren Studie (Si apre in una nuova finestra) mit Medizinstudierenden in der Prüfungsphase zeigten Hirnscans, dass Stress die Aktivierung und Deaktivierung dieses Netzwerks in verschiedenen Hirnregionen verändert. Das könnte erklären, warum anhaltender Stress mit Stimmungsschwankungen und Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation einhergeht.

Stress betrifft uns also nicht nur körperlich. Er verändert auch, wie wir denken und fühlen: Er schwächt das Arbeitsgedächtnis (Si apre in una nuova finestra), erschwert es, aufmerksam zu bleiben und uns zu konzentrieren. (Si apre in una nuova finestra)Genau deshalb sollten wir ihn nicht zum Dauerzustand werden lassen.

Strategien gegen Stress – was nach dem heutigen Stand der Forschung hilft

Es gibt nicht die eine Lösung für Stress. Aber die Forschung zeigt einige Strategien, die nachweislich wirken.

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