
Hi,
diese Woche starten wir wieder mit einer kleinen Hörempfehlung für dich: Der Soziologe Andreas Kemper hat einen Podcast (Si apre in una nuova finestra) gestartet, in dem er “fortlaufend Entwicklungen zwischen aristokratischer Reaktion und Tech-Feudalismus” dokumentieren möchte.
Mittlerweile gibt es drei Folgen, in denen Verbindungen und Netzwerke des libertären Autoritarismus / sogenannten Rechtslibertarismus gezeigt werden. Andreas Kemper nennt diese “Denkrichtung” übrigens Proprietarismus (Si apre in una nuova finestra), weil es den Akteur:innen vor allem um IHRE Freiheit und IHR Privateigentum geht. Um beides zu schützen, gehen sie planvoll gegen demokratische Gleichheitsideale und staatliche Institutionen vor.
Jetzt aber rein in den Newsletter, für den wir diese Woche Simon Strick interviewt haben. Es ist ein langer Text geworden, der aber - versprochen!!! - absolut lesenswert ist;) Unsere Mitglieder können sich den Text auch als Podcast eingelesen anhören! Scrollt dazu einfach nach unten!
Bleib achtsam und alles Liebe,

“Das Produzieren von spektakulärer Grausamkeit für das Spektakel und die digitalen Ökonomien - das ist Faschisierung im digitalen Zeitalter”
Simon Strick ist Amerikanist und Medienwissenschaftler. Seine Schwerpunkte sind Rassismustheorien, Gender und Affect Studies. Auf seinem Linktree (Si apre in una nuova finestra) gibt‘s noch weitere Infos zu und Publikationen und Beitrage von ihm.
Der Zugang, den Simon dabei sehr oft wählt, geht über Populärkultur: Wie diese funktioniert, was sie über unsere Gesellschaft verrät und was wir daraus lernen können - das zieht sich durch sein wissenschaftliches Arbeiten und hat ihn ab 2014 zur Auseinandersetzung mit der Alt-Right-Bewegung und der Neuen Rechten gebracht, weil sich diese zunehmend der Populärkultur bedient haben.
Daraus ist sein Buch “Rechte Gefühle (Si apre in una nuova finestra)” entstanden, für das er viel in Imageboards wie 4chan und in den rechten Tiefen von Reddit recherchierte und Memes analysierte. Das kommt ihm heute zugute, weil viele dieser Memes heute im “Mainstream” angekommen sind und sogar vom Weißen Haus geteilt werden.
Deshalb hat Simon auch einen besonderen Zugang zur Politik der Trump-Regierung. Was für viele wie Wahnsinn oder Chaos aussieht, ergibt für Simon absolut Sinn und ist eine konsequente Entwicklung des letzten Jahrzehnts. Simon bietet eine Erklärungsmöglichkeit für die Inszenierung von Donald Trump, die wir so noch nicht in den Leitmedien gefunden haben und sehr spannend finden.
Achja: Simon selbst ist heavyuser auf Bluesky (Si apre in una nuova finestra) und eine Mememachine.
(Si apre in una nuova finestra)Simon, was interessiert dich an Popkultur?
In der Populärkultur ist erstmal viel los, sie ist seismographisch. Im Populären wird oft alles gleichzeitig verhandelt: das Gute und das Schlechte, das Sagbare und das Unsagbare. Es bringt die Widersprüche der Zeit auf den Punkt. Was tabuisiert ist, was nicht gesagt werden kann, was die kollektiven Wünsche sind - all das findet im Populären statt und vermischt sich mit dem sogenannten Normalen, dem Breitentauglichen.
Populärkultur verbindet das Unsagbare mit dem Alltäglichen, die großen Widersprüche und Konflikte mit dem völlig banalen.
Und Populärkultur ist für mich ein Schlüssel zur Gegenwart. Vieles passiert auf Social Media, die auch ein “populärkulturelles Kraftwerk” sind in dem wir alle arbeiten, ob wir wollen oder nicht. Wenn wir Texte und Bilder teilen, deuten wir gemeinsam, was gerade los ist, was populär ist oder sein soll. Als Kulturwissenschaftler finde ich es unheimlich spannend zu beobachten, was dabei entsteht.
Verbringst du noch viel Zeit auf Reddit?
Auf Reddit und in Imageboards bin ich kaum noch unterwegs. Das war vor allem für “Rechte Gefühle” wichtig - von 2015 bis 2021 habe ich viel Zeit in rechten Foren verbracht, mit YouTube-Kommentaren, Telegram und so weiter.
Das brauche ich heute nicht mehr, weil das, was ich damals dort untersucht habe - extrem rechte Kommunikation und Bildwelten der neuen Rechten - aus meiner Sicht in den Mainstream eingesickert ist. In Parteisprache, in Leitmedien. Es hat sich verallgemeinert.
Du hast gerade einen Aufsatz geschrieben und bringst als Beispiel das Bild einer US-amerikanischen Aktivistin, das vom Weißen Haus geteilt wurde - manipuliert, um sie weinend zu zeigen. Was hat es damit auf sich?
Das Foto wurde im Januar vom Department of Homeland Security und vom Weißen Haus auf Twitter gepostet. Es zeigt Nekima Armstrong, eine afroamerikanische Rechtsanwältin und Aktivistin aus Minneapolis, die bei einem Protest verhaftet wurde - tränenüberströmt, mit aufgequollenem Gesicht.

Nur: Das Bild war manipuliert, wahrscheinlich mit KI. Denn Kristi Noem, die Ministerin für Heimatschutz, hatte eine halbe Stunde zuvor das Originalfoto gepostet und darauf wirkt Armstrong gefasst und souverän. Das zweite Bild ersetzte diesen Ausdruck gezielt durch eine weinerliche Version, die das Stereotyp der hysterischen Schwarzen Frau wiederholt.
Mein Text fragt: Warum reicht es einer Regierung nicht, Menschen wegen Protests zu verhaften, also Freiheitsrechte einzuschränken? Warum muss sie Verhaftete in offizieller Kommunikation zusätzlich beleidigen und entstellen?
Das Armstrong-Bild ist nur ein Beispiel von vielen - 2025 wurde eine angeblich illegal eingereiste Frau abgeschoben, deren Verhaftung in einer Studio-Ghibli-Szene dargestellt, wieder weinend, wieder in offener Fälschung eines Originalbilds. Das Prinzip ist dasselbe: nur Verletzung der Bürger:innenrechte reicht nicht, es muss visuelle Demütigung obendrauf. “Fuck around and find out”, wie es auf Rechtstwitter oft heißt.
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Das Weiße Haus hat dazu geschrieben: “The Memes Will Continue”. Ist es das, was Memes heute sind - die Verbildlichung von Staatsgewalt?
Das ist der Kern meines Textes. Kaelon Door, der Social-Media-Koordinator des Weißen Hauses, twitterte zu beiden Bildern: “The memes will continue” und “the arrests will continue”. Verhaftungen gehen weiter, Memes gehen weiter.
Daraus entwickle ich die These, dass die Trump-Regierung Menschen verhaftet und abschiebt, weil das gute Memes ergibt. Ein gutes Meme ist eins, das auf Social Media zirkuliert, das Empörung erzeugt, geteilt und kommentiert wird. Und dafür, so das Argument, sind diese Verhaftungen da. Sie sind Meme-Produktion. Es ist Bilderterror durch den Staat.
Deutlich war das auch beim Venezuela-Einsatz vor einigen Monaten - die Verhaftungsszene von Maduro war vor allem als Social-Media-Bild konzipiert.
Meine These ist, dass sich die US-Regierung momentan weitgehend in die Logik sozialer Medien eingeschrieben hat, so dass die Frage, ob ein Post gut läuft, die Regierungspolitik beeinflusst. Man verhaftet Leute, weil es als Meme funktioniert. Arrests for Memes, sozusagen.

Memes wurden früher in Messageboards geteilt, heute vom Weißen Haus. Hat 4chan vorbereitet, was die Trump-Regierung heute tut?
Schon, aber ich will da differenzieren. Memes sind sowas etwas wie eine Lingua Franca - eine Kommunikationsform, die über Sprachgrenzen funktioniert und die alle benutzen. Das ist erstmal kein nur politisches Phänomen.
Memes haben eine eigene Logik: Sie wollen irritieren, Reaktionen provozieren, möglichst viel Reichweite erzielen. Das ist eine Sozialdynamik im Netz, unabhängig von Inhalt oder politischer Haltung - die Meme Economy.
Was meine Forschung zu digitalen Faschismen über zehn Jahre ergeben hat: Rechte Memes haben in dieser Economy besonders gut funktioniert. Es war Teil einer bewussten Strategie der Alt-Right zum Beispiel, über Memes zu kommunizieren. Das ist der sogenannte Meme War. Der hat Trump 2015/16 geholfen.
Der entscheidende Schritt ist ein aber anderer: Die Trump-Regierung hat sich dieser Meme-Economy nicht nur bedient - sie hat sich ihr heute vollständig untergeordnet.
Trump hat im Wahlkampf 2016 die irritierendsten Dinge gesagt, die man auf einer Präsidentschaftsbühne sagen konnte, und dafür die meiste Aufmerksamkeit bekommen. Weil das funktioniert hat, ist die gesamte Regierung heute darauf ausgerichtet, polarisierende, provozierende Ereignisse und Bilder zu produzieren, die viral gehen und die Aufmerksamkeit bündeln.
Was mich interessiert: Wie eine Regierungslogik - die eigentlich fragen müsste, was demokratisch sinnvoll ist, was geopolitisch geboten ist - sich einer digitalen Aufmerksamkeitsökonomie überschrieben hat - was passiert dann. Das versuche ich gerade zu begreifen. Da wird eine ganze politische Ökonomie ausgetauscht.
Ist Viralität politische Legitimation? Ablenkung vom Demokratieabbau? Oder einfach Applaus für Trump? Was ist das große Ziel?
Ich komme aus der Medienwissenschaft, ich beschreibe kulturelle Dynamiken. Und wenn sich Politik einer Meme-Economy unterordnet, dann hat sie, aus dieser Sicht, kein im herkömmlichen Sinn “politisches” Ziel mehr - weil sie sich der Aufmerksamkeitsökonomie untergeordnet hat, nicht umgekehrt.
Und das kann eigentlich nur eskalieren. Es gibt keinen Endpunkt, kein perfektes Meme, nach dem man sagt: Jetzt haben wir die Weltaufmerksamkeit dominiert. Das wird nie passieren.

Sondern?
Was wir stattdessen seit Trumps Amtsantritt sehen, ist eine absolute Eskalation von Bildpolitiken. Man marschiert nicht nur in Minneapolis ein und terrorisiert Menschen - man macht es als Bildereignis, um noch mehr irritierende Bilder zu produzieren, mehr Kulturkampf, mehr Meme War.
Das Ziel ist nicht politische Legitimation, sondern Dominanz im Aufmerksamkeitsraum. Zeigen, dass man diese Bilder produzieren kann und es niemand stoppen kann. Also machen sie weiter. Das ist, glaube ich, der entscheidende Punkt.
Auch deshalb geschieht Venezuela, Iran und vielleicht bald irgendwas anderes. Es sind spektakelhafte Bildpolitiken, die halt mit Bomben, Militär und Terror gegen die Bevölkerungen produziert werden. Ihr Ziel ist aber vielleicht nur die Bilder.
Ich denke, partialfaschistische Medienregierungen wie Trump II eine ist, haben letztlich kein Endziel. Sie verfolgen keine Geostrategie. Es ist eine Eskalationsspirale, die rein aus solchen Bild- und Überbietungslogiken heraus resultiert.
Das heißt: Nicht “was klickt, ist effektive Politik” - sondern “effektive Politik ist, was klickt”?
Das ist ein Zitat aus meinem Aufsatz. Ein Bild, das das für mich am besten gezeigt hat: Während Venezuela bombardiert und Maduro entführt wurde, saß der Kriegsminister Pete Hegseth vor seinem Laptop und suchte auf Twitter nach “Venezuela” - er schaut, was der Militäreinsatz für Echo bekommt.
Das Bild wurde von Trump verbreitet. Das ist eine Art Politik oder Geopolitik zu machen, die sich nur dafür interessiert, was als Online-Spektakel funktioniert.
Von “grab them by the pussy” über “migrants are poisoning the blood” bis zu Kriegen: Das ist eine schnelle Eskalationsspirale. Ist Faschismus die logische Konsequenz, weil man immer drastischer sein muss?
Die Eskalation selbst ist die Faschisierung, von der gerade viele sprechen. Das heißt auch, man muss nicht notwendig auf eine “Konsequenz” dessen warten, also auch auf einen “Endzustand Faschismus”. Das Produzieren von spektakulärer Grausamkeit für das Spektakel und die digitalen Ökonomien - das ist Faschisierung im digitalen Zeitalter.
Die USA waren ja nicht erst unter Trump kriegsführend. Spektakelhafte Gewalt gab es in den Golfkriegen, den Interventionen der 2000er Jahre während des “War on Terror”, Abu Ghraib. Ein Unterschied ist vielleicht, dass es damals übergeordnete Erzählungen gab: Angebliche “Weapons of Mass Destruction”, Reaktion auf 9/11, der Kampf gegen “Feinde der freien Welt”, und so weiter. Es gab noch diese Legitimationen des Westens, die das Spektakel einbetteten.
Das ist jetzt weggefallen. In Gaza haben wir gesehen, wie auch Deutschland zum Beispiel diese legitimierenden Rahmungen zunehmend fallenlässt. Wenn man sich Trumps Kommunikation anschaut, sind die Bilder selbst Legitimation. Die Übertretung, die Zerstörung ist der Zweck. Sie wird nicht mehr durch eine größere Erzählung abgefedert, die irgendwie Mehrheiten absichern soll. Sie rechtfertigt sich als Bild- und Zerstörungsproduktion selbst, “wir können das tun” reicht aus.
Bei Kritik oder Protest legt man einfach nach - Verhaftungsmemes, Abschiebememes, Bombenmemes.

Wird deshalb mit KI nachgeholfen, um das Ganze grausamer wirken zu lassen?
Es geht bei faschistischen und White-Supremacy-Bewegungen immer um Phantasmen, um Reinheit, um Heimat. KI ist dafür ein unglaublich effizienter Motor. Man kann das Phantasiebild einer “rein weißen Heimat” automatisch bebildern. KI bringt das faschistische Phantasma ins Bild, damit die Realität hinterhergeformt werden kann.
Es werden also verzerrte Bilder der Realität hergestellt, wie sie sich Trumpisten und andere vorstellen, und sie gestalten dann die Welt um, bis sie ihrem Zerrbild entspricht. Eine Art Bildzwang entsteht, die Realität muss dem Bild angepasst werden. Das gefälschte Bild von Nekima Armstrong ist dafür nur ein Beispiel - es will das herstellen, was es zeigt: eine aufgelöste, hysterische, machtlose, verhaftete Opposition.
KI bebildert nicht nur eine mythische Vergangenheit (das hat uns Roland Meyer in diesem Interview erklärt (Si apre in una nuova finestra)), sondern auch eine faschistische Zukunft.
Ja, etwas ähnliches hat Ernst Bloch in den 1930er Jahren über den Faschismus geschrieben: Sein Merkmal ist die sogenannte Ungleichzeitigkeit. Ein zentrales Merkmal faschistischer Kulturen ist ein Zusammenfallen von verklärter Vergangenheit und idealisierter Zukunft, von Archaik und Fortschritt, mittelalterliches Pogrom und industrielle Vernichtung.
Bloch sagte, damit konnte der Faschismus die Zeitempfindungen verschiedenster Klassen zusammenführen. Heute spricht die neue Rechte von ähnlichen Ungleichzeitigkeiten, zum Beispiel im sogenannten “Archäofuturismus”.
Diese Überblendungen sind in der Populärkultur extrem gut machbar, das Archaische und das Futuristische können ineinandergleiten. Ein gutes Beispiel ist der Film 300: Da geht es um 300 Spartaner gegen persische Horden, ein Erfolgsfilm nach 9/11. Archaische Figuren als Zukunftsbild für die USA im Krieg gegen den “Islam”: Das war bereits ein archäofuturistischer, faschistischer Film, der mitten in der Populärkultur stattfand.
Faschisierte Bildwelten sind also in der Populärkultur völlig normal, heute inszeniert sich Pete Hegseth so, wie es der Film damals vorgab und die zahllosen Memes, die aus ihm entstanden.
KI-Generatoren greifen auf solche populären Archive zurück, machen die Bilder noch zugänglicher, noch verwendbarer.
Wie wichtig ist Ideologie noch, wenn die Aufmerksamkeitsökonomie das Verhalten bestimmt? Sind das ideologische Faschist:innen oder ist das egal, weil das Ergebnis dasselbe ist?
Die Frage ist in gewisser Weise sehr alt. George L. Mosse hat das für den historischen Faschismus diskutiert: Hat er einen ideologischen Kern oder ist er eine Vernichtungsdynamik, die eskaliert? Er beschreib den Faschismus als Ideologie ohne inneren Kern, er nannte ihn einen “Scavenger” - Faschismus sammelt ideologische Versatzstücke zusammen, Klassenkampf, “Rassenkampf”, was auch immer sich beschleunigen und zusammenkleben lässt.
Ich glaube, das ist unter digitalen Bedingungen noch wichtiger geworden. Diese relative Ideologielosigkeit und gleichzeitig dieses unheimlich wirksame Moment der Dynamik: die Energie, das Mitreißen, das Gefühl, bei einer Eskalation mitzumachen.
Ich bin derzeit an dem Punkt, die Faschisierung weniger vom ideologisierten Faschisten her zu erklären, also vom “Täter” aus. Ich beschreibe eher faschisierende Dynamiken, Plattformen, Infrastrukturen, die Menschen oder genereller Akteure hineinziehen und die ihnen Idealbilder, Zugehörigkeit, Energie anbieten. Es ist weniger ein ideologisches Projekt, das von den Rändern die Mitte übernehmen will, als eine gesamtgesellschaftliche Dynamik.

Social Media wäre eine solche Dynamik - eine, die Provokation, Irritation und Eskalation liebt und sich deshalb sehr gut mit rechten Projekten verträgt, die sich in den letzten 20 Jahren erfolgreich als “Provokation” und Dissidenz aufgestellt haben.
Wie können Medien darüber berichten, ohne die Bilder zu reproduzieren und die Dynamik zu verstärken?
Gute Frage, ich möchte mehrere Antworten darauf geben.
Was man machen kann, ist, glaube ich, zuerst die Arbeit, die ihr und viele andere sowieso bereits machen: die Beschleunigung anhalten, ein konkretes Element herausgreifen - ein Bild, eine Verhaftungsszene, einen Propagandadiskurs - und genau hinschauen.
Was ist das Originalbild, was ist die Realität, was ist die Manipulation, was ist der Kontext, was passiert noch? Das ist erstmal Realitätsrückgewinnung.
Man macht die Propaganda damit teilweise größer, weil man sie zeigen muss, um sie zu korrigieren. Aber man erarbeitet zugleich ein Stück Realität zurück, das teilbar ist, über das Konsens hergestellt werden kann. Man entschleunigt und gibt diesen Spektaktelbildern ihre Schwere zurück. Absolut zentral meiner Meinung nach.
Eine zweite Aufgabe ist, andere Themen zu vertreten. Einer der wirksamsten Mechanismen rechter Kommunikation ist Themensetzung - sie verdrängt seit mindestens zwanzig Jahren alles andere, auch weil Leitmedien das bereitwillig mitmachen. Dagegen braucht es Medien, die gezielt woanders hinschauen und die Themen abbilden, die durch das rechte Spektakel überblendet werden und werden sollen.
Und drittens bin ich für mehr Metaperspektiven. Wir beschreiben keine unvermittelte Realität, sondern eine, die durch Algorithmen, Akteure und Infrastrukturen gefiltert ist. Welche Bilder kommen zu uns, welche nicht, und warum? Diese Frage muss glaube ich jede:r Diskursteilnehmer:in mittlerweile mitdenken und mitbeschreiben.
Wir sind alle in einem Medienzirkus - und das sichtbar zu machen, gehört zur journalistischen oder generellen Aufgabe dazu.
Und auch mal Social Media ausmachen?
Nein, das finde ich nicht. Mit Social Media kann man ziemlich gut solche “Übersichten” üben, ich denke, das machen auch viele Leute täglich: Die Leute ordnen ein, machen Medienkritik, oft sehr gute. Lancieren andere Themen, liefern Kontext.
Für mich gibt es wegen Social Media diese Übersicht: Ich weiß, welche Memes vor zehn Jahren auf rechten Messageboards kursierten und dass Abwandlungen dieser Memes heute von AfD oder CDU im Bundestag aufgesagt werden. Auch eine Art von Metaperspektive, die ich ohne Social Media nicht hätte.
Ein anderes Beispiel: 2015 habe ich einen abseitigen Blogger gelesen, der halbrechtes Zeug vor sich hinschrieb, wie viele andere auch. Heute ist er als Curtis Yarvin bekannt, wird von der New York Times interviewt oder von Andreas Rödder von der CDU als wichtiger Denker der Gegenwart eingeordnet.
Ich weiß, Yarvin ist einer von hunderten nerdig-rechten Bloggern gewesen, die sich am Computer ein nerdig-faschistoides Weltbild zusammengezimmert haben.
Sie waren uninteressant, und dass Yarvin heute angeblich interessant wäre, liegt einerseits an Peter Thiels Geld für Yarvin, andererseits an Leitmedien und Mainstream, die solche Figuren aufbauen und benutzen, um den Mythos von “rechten Intellektuellen” zu bedienen.
Im Netz zu bleiben und zu beobachten, welche kulturellen Logiken es gibt und welchen Resonanzen Leute folgen, das kann vorteilhaft sein. Sonst wird Content unkritisch weitergereicht, bis man plötzlich öffentliche Figuren produziert hat, ohne zu verstehen, woher sie kommen.
Du schreibst, um nochmal auf deinen aktuellen Aufsatz zu kommen, über “Zerstreuung” und “Berauschung”, Was meinst du damit?
Das ist eine Beobachtung von Ernst Bloch aus Erbschaft dieser Zeit von 1935. Bloch hat darin nicht den Aufstieg Hitlers beschrieben, sondern vor allem die deutsche Populärkultur, während der Faschismus entsteht. Er schreibt über Tanzveranstaltungen, Radio, Kleidung, politische Bewegungen. Das Buch ist eine popkulturelle Untersuchung des Faschismus als Atmosphäre.
Dabei macht er eine einfache, aber für mich sehr treffende Unterscheidung: Die 1920er bis etwa 1928 nennt er die Phase der Zerstreuung - das klassische Weimar-Bild, viele Subkulturen, viel Entertainment, viele Möglichkeiten, soziale Spannungen.
Danach, bis 1933, kommt die Phase der Berauschung. Diese Einteilung passt für mich sehr gut auf das, was ich erforscht habe.
2014 bis 2018, als ich Alt-Right auf 4chan und anderen Messageboards untersucht habe, war das eine Phase der Zerstreuung: Shitposting, edgy Memes, Meme Warfare, Witze, Mobbing-Kriege gegen Frauen in der Gaming-Szene - und man konnte noch nicht klar unterscheiden, ist das rechts, ist das faschistisch, ist das Ironie, ist das Misogynie, Jugendkultur?
Aus dieser Zerstreuungsphase ist mittlerweile eine gesamtgesellschaftliche Berauschung geworden. Die Bilder oder Taktiken, die ich damals in rechtsdrehenden Netzkulturen gefunden habe, tauchen jetzt in der amerikanischen Regierung auf, als Regierungslogik. Aber genauso auch bei der AfD und teilweise in den Leitmedien, Volksparteien und so weiter.
Amerika ist oft voraus. Wie viel von diesen Dynamiken siehst du schon in Deutschland?
In den USA wird eine medial-militärische Politik betrieben, die ich für zukunftsweisend halte. Platt gesagt kann man es so beschreiben: Eine Gruppe von Leuten, die in 4chan-Foren und rechten Internetkulturen sozialisiert wurde, ist an Regierungsmacht gekommen.
Elon Musk ist der deutlichste Fall: ein Milliardär, dessen ganzes Weltbild und Geschäftsgebaren von rechter Online-Populärkultur geprägt ist. Der prominenteste Fall von Online-Radikalisierung, den es gibt.
Pete Hegseth ist - wie er aussieht, wie er spricht, was er denkt - auch mit Internetradikalisierung erklärbar: männlichkeitsfixiert, rassistisch, white supremacy-orientiert.
Er spielt als Minister nach, was rechte Manosphere-Influencer um 2016 auf Youtube gesendet haben. Wir sehen also Entscheidungsträger, die im Internet radikalisiert wurden und heute mit den gleichen Ideen, Werten oder Logiken Krieg führen.
Das ist in dem Maße noch nicht in Deutschland angekommen, aber das ist eine Art möglicher Blaupause. Nimmt man die internationale Vernetzung extrem rechter bis rechtspopulistischer Parteien - CPAC-Treffen, die bekannten transatlantische Netzwerke - als Anhaltspunkt, kann das zu einer Übersetzung nach Europa beitragen. Teilweise gab es memeförmige Interventionen, zum Beispiel Matthias Helferich, der mal als “Talahon”-Klischee im Bundestag aufgetreten ist. Wenn die AfD an der Macht ist, könnte sich das durchaus in memeförmiger, spektakelhafter Bildpolitik äußern.
Im sogenannten Vorfeld sind die Produktionsmechanismen schon ähnlich, man denke nur an die KI-Kommunikation von Kanälen wie “Wilhelm Kachel”: die produzieren völkische Memes mit KI und fluten den Medien, ganz nach dem Vorbild von Alt-Right.
Und was ist mir unserer Regierung?
Friedrich Merz hat in seiner ihm eigenen Inkompetenz schon einige Memes hergestellt, ich denke an die “Stadtbild-Debatte” oder “Zirkuszelt”. Ob er das nun wusste, oder nicht, ist mir ein bisschen egal. Es ist reaktionärer Kulturkampf mit provokativen, rechten Bildern.
Andererseits ist Merz selbst eigentlich ein Meme, nämlich vom patriarchalen, sich-selbstüberschätzenden Westdeutschland der 1980er Jahre, mit aller Brutalität, die da drinsteckt. Ein Westdeutschland, das es nicht mehr gibt, das Merz aber immer wieder verspricht, performt und bei Widerstand auch durchsetzt.
Das wäre vergleichbar mit Trump, der für die ewigen 80er bis 90er in den USA steht - das ist populärkulturell nicht zu unterschätzen, wie sehr beide diese mythische Zeit “vor Gender, vor Multikulti” verkörpern. Aber wie immer, wenn Deutsche etwas machen, werden sie es auf eine gründliche und bürokratische Art machen - Merz wäre Trump als Bürokrat.
Schreckliches Bild.