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Götz Kubitschek im Interview: 100 Minuten Selbstverharmlosung

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hast du mitbekommen, dass die AfD ihren Kampf gegen NGOs weiter professionalisieren will?

Die AfD-Bundestagsfraktion hat eine Stelle ausgeschrieben, die sich explizit mit der Durchleuchtung von Nichtregierungsorganisationen beschäftigen soll. Ein neuer Referent soll Daten zu Fördergeldern, Personen und Netzwerken sammeln und daraus parlamentarische Anfragen entwickeln - ausdrücklich mit politischer Loyalität zur AfD. Kritische Zivilgesellschaft wird damit nicht als Teil demokratischer Vielfalt behandelt, sondern als Gegner.

Correctiv ordnet das als Teil einer breiteren Strategie ein (Si apre in una nuova finestra): Autoritäre Akteur:innen diskreditieren NGOs gezielt, streuen Misstrauen und stellen ihre Gemeinnützigkeit infrage. Ziel ist es, zivilgesellschaftliches Engagement zu delegitimieren und seine Wirksamkeit zu schwächen.

Deshalb: Wenn du dir schon lange überlegt hast, eine NGO zu unterstützen, ist jetzt der beste Zeitpunkt, das zu tun!

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“Gibt es rechtsextreme Gewalt?”

“Ich kenne sie nicht.”

Das ist ein kurzer Ausschnitt aus einem Interview zwischen Götz Kubitschek und Jasmin Kosubek, das vor etwa einer Woche auf Youtube veröffentlicht wurde.

Ein kurzer Satz, ruhig gesprochen, ohne Zögern. Und doch sagt er viel darüber aus, wie Kubitschek argumentiert - nicht nur an dieser Stelle, sondern im gesamten Gespräch.

Natürlich kennt Kubitschek rechtsextreme Gewalt. Er kennt die Debatten, die Zahlen, die Anschläge, die Toten.

Wenn er sagt, er kenne sie nicht, ist das keine Wissenslücke, sondern er entwirft damit eine Gegenwelt.

Darin spielt rechtsextreme Gewalt keine Rolle, sie wird kleingeredet, verschoben, relativiert - bis sie verschwindet.

Das gesamte Gespräch findet in dieser Gegenwelt statt und ist entkoppelt von der Realität. Kubitschek zeichnet das Bild einer extremen Rechten, die im Grunde harmlos ist: friedlich, missverstanden, politisch marginalisiert. Gewalt, Radikalität und Gefährlichkeit verortet er konsequent bei den “Linken”, bei der Antifa, bei einem Staat, der angeblich politisch motiviert gegen seine Gegner:innen vorgeht.

🎤 Mit wem unterhält sich Kubitschek hier?

Jasmin Kosubek war lange Moderatorin beim russischen Propagandasender RT DE und betreibt mittlerweile einen reichweitenstarken Kanal auf Youtube: Stand Januar 2026 hat dieser über 315.000 Abonnent:innen. Dort führt sie “interessante Gespräche mit interessanten Menschen” - so das Motto. Und diese interessanten Menschen kommen auch aus der extrem rechten Szene, wie der Identitäre Martin Sellner oder der wegen Volksverhetzung verurteilte Vorfeld-Akteur “Shlomo Finkelstein”.

In das Interviewformat kommen aber auch der Polizist Manuel Ostermann, der mit Falschaussagen rechten Kulturkampf führt [1], die CDU-Politikerin Saskia Ludwig, die aktiv gegen die Brandmauer vorgeht und unionsseitig die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf angeschoben hat [2] [3] oder Philip Hopf, in dessen kürzlich beendetem Podcast immer wieder Verschwörungserzählungen und Fehlinformationen geteilt wurden [4].

Der Youtube-Kanal bietet eine Plattform für Akteur:innen aus rechtsextremen, verschwörungsideologischen, rechtslibertären und anderen “anti-Mainstream”-Milieus. Kosubeks Kanal taucht deshalb auch beim Projekt “Gegenmedien” des Zentrum für Liberale Moderne auf. Dort heißt es:

“Heute betreibt sie [Kosubek] ihren per­sön­li­chen Youtube-Kanal, auf dem sie Inter­views führt unter anderem mit alten RT-Weg­ge­fähr­ten wie Florian Warweg, Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern wie Daniele Ganser, Crash-Pro­phe­ten und Rechts­po­pu­lis­ten wie Max Otte oder Markus Krall, dem umstrit­te­nen Linken-Poli­ti­ker Diether Dehm oder Quer­den­kern wie Leo Lovis, der sich auf Tiktok ‘Ketzer der Neuzeit’ nennt. So unter­schied­lich auch die Gäste sind: Bei Kosubek geht es stets gegen ‘das System’.”

Und jetzt also Götz Kubitschek, Chefideologe der “Neuen Rechten” in Deutschland, der seit Jahrzenten daran arbeiten, die extreme Rechte zu intellektualisieren. Rund 100 Minuten geht das Gespräch, aus dem wir einige Aspekte beleuchten wollen. Die Öffentlichkeit, die Kubitschek hier bekommt, ist sehr groß im Verhältnis zu seinem eigenen “Kanal Schnellroda”, wo die allermeisten Videos nur einige Zehntausende Aufrufe haben.

Das toppt das Gespräch mit Kosubek nach wenigen Tagen: über 150.000 Aufrufe sind es bereits. Kubitschek erhält hier also eine Reichweite, die seine eigenen Kanäle deutlich übertrifft. Damit bekommt er Deutungsraum, um die extreme Rechte als gemäßigt erscheinen zu lassen.

Wir haben uns einige Aspekte aus dem Gespräch rausgesucht, die wir uns näher anschauen wollen und die zeigen: Wenn extreme Rechte eine große Plattform bekommen, verzerren sie das Bild auf sich, bis es nicht mehr wiederzuerkennen ist.

🐑 🐺 Wolf im Schafspelz? Warum es bei Kubitschek keine “Rechtsextremen” gibt, sondern nur “Rechte”

Kubitschek bezeichnet sich, die AfD, die extreme Rechte in Deutschland, durchweg als “rechts” oder “rechtskonservativ”. Rechtsextrem oder “extrem rechts” gibt es in seinem Vokabular nicht.

Beispielsweise spricht er von “Kalbitz, Poggenburg und Höcke”, die in die AfD und damit in eine “grundsätzlich weltanschaulich rechtskonservative Partei” eingetreten sind.

  • Andreas Kalbitz hatte über Jahrzehnte Verbindungen ins Kernmilieu des bundesdeutschen Rechtsextremismus und auch in den militanten Neonazismus. [5]

  • André Poggenburg schrieb in geleakten Chats “Deutschland den Deutschen” und davon, die Außengrenzen zu erweitern. [6]

  • Björn Höcke teilt in Reden [7] und Schriften [8] regelmäßig faschistische Ideologie.

Apropos Höcke: Über ihn gibt es genug Recherchen und Texte, die faschistische Überzeugung zeigen. Über ihn sagt Kubitschek: “In unserer Weltanschauung gibt es keine Unterschiede. Da gibt es nichts, worüber wir streiten würden.” Und, mit nicht gerade subtiler Selbstheroisierung: “Uns verbindet die Verantwortung als Männer, die eine gewisse Begabung haben, diese Begabung zum Wohle der Nation einzusetzen.”

🤜 Wir? Die anderen! Warum Gewalt in Kubitscheks Erzählung immer von links kommt

Ein Motiv, das sich durch das gesamte Gespräch zieht, ist die Selbstverortung in Referenz zu “den Linken”. Das verfolgt mehrere Ziele. Eines ist, dass Kubitschek “die Rechte” beständig gegenüber von “links” positioniert, also auf dem demokratischen Spektrum. Es ist eine falsche Symmetrie - und gezielte Selbstverharmlosung -, wenn er sagt:

“Wenn es eine Linke gibt, muss es eine Rechte geben”.

Das ist nur der erste Schritt. Der zweite ist, dass Kubitschek die Linke nutzt, um die “Rechte” im Vergleich dazu als vollkommen ungefährlich zeichnet. Er monopolisiert Gewalt. Und diese geht ausschließlich von Linken aus.

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Wenn Kubitschek über politische Gewalt spricht, referiert er immer auf die RAF oder auf G20 - beides steht stellvertretend für “linke” Gewalt. Und diese linke Gewalt gibt es in seiner Beschreibung überall.  

Kosubek fragt ihn deshalb: “Gibt es rechtsextreme Gewalt?”

Kubitschek: “Ich kenne sie nicht.” Und wie aus Reflex ergänzt er: “Linksextreme Gewalt sieht man aber allerorten.” Rechtsextreme Gewalt gebe es sicherlich irgendwo. Aber nicht “in dieser organisierten und verfolgten Art und Weise, wie es sie von Links gibt”.

Anekdotischer Beweis: Bei Pegida-Veranstaltungen habe die Polizei “immer mit dem Rücken zu uns und dem Gesicht nach außen gestanden”. Gewalt kommt nur “von außen”. Oder: von links.

👉 👈 Wie Kubitschek “die Antifa” und die Identitäre Bewegung bewusst gegeneinander ausspielt

Diese Strategie spielt er auch am Beispiel Antifa und Identitäre Bewegung durch: Die Antifa beschreibt er als “Vermummte”, die “Polizeistationen angreift, auf die Polizei einstürmt, Autos anzündet, mit Molotowcocktails arbeitet”. Die Identitäre Bewegung (IB) hingegen sei “eine zutiefst friedliche, kreative provokative Jugendbewegung, die sich seit Gründung Gewaltfreiheit in ihre Paragrafen geschrieben” habe.

Davon abgesehen, dass es viele dokumentierte Straftaten der IB gibt, von Körperverletzung bis Volksverhetzung [9], ist die IB als Organisation, die Metapolitik betreibt und besonders unter jungen Menschen ein extrem rechtes Weltbild verbreitet, untrennbar mit den Folgen verbunden, die dieses Weltbild mit sich bringt: extrem rechte Gewalt.

Der Verfassungsschutz sieht “angesichts des Erstarkens rechtsextremistischer Jugendgruppen eine Gefahr für Leib und Leben von Homo- sowie Transsexuellen, Mitgliedern der linken Szene und Menschen mit Migrationshintergrund” [10].

🤡 Warum Nazi-Aufmärsche zum “Karneval” erklärt werden

Auf diese Jugendgruppen kommt Kubitschek auch kurz zu sprechen. Er redet beispielsweise über Aufmärsche “von ein paar hundert Jungs, die aussehend wie die Hitlerjugend und durch Riesa oder Görlitz ziehen”. Von diesen Jungs geht in seiner Deutung aber keine Lebensgefahr aus, diese Aufmärsche bezeichnet Kubitschek als “Karneval”, als “Karikatur ohne politische Relevanz, die ich nicht ernst nehme”.

Indem Kubitschek diese Aufmärsche verniedlicht, entpolitisiert er sie - und entzieht ihnen jede Verantwortung für reale Gewalt. Die Realität widerspricht dieser Erzählung deutlich.

NSU, Hanau, Halle: Rechtsextremismus tötet. Und zwar regelmäßig. Das zeigt die Zeit mit einer Langzeitrecherche. Darin werden seit 1990 mindestens 203 “Tote rechtsmotivierter Gewalt” in Deutschland dokumentiert [11].

Der Verfassungsschutz zählt im aktuellen Bericht mittlerweile 15.300 “gewaltorientierte Rechtsextremisten” und ein Personenpotenzial im Rechtsextremismus von 50.250 Menschen [12]. Rechtsextremistische Gewalttaten sind 2024 im Vergleich zum Vorjahr um gut zwölf Prozent gestiegen auf 1.281.

💣 Wie geplante Umstürze zu “dummem Gerede” oder Ideen von “Rollator-Terroristen” werden

Kubitschek weist Gewalt grundsätzlich von der “Rechten”. Er sagt: Veränderung könne nicht durch Gewalt, sondern nur durch “mühevolle Kleinarbeit im politischen Betrieb” erreicht werden. Dass extrem rechte Gewalt genau diese “Kleinarbeit” vorbereitet, indem sie demokratische Akteur:innen, Kommunalpolitiker:innen und Ehrenamtliche einschüchtert und verdrängt, bleibt in seiner Darstellung unsichtbar.

Kosubek spricht ihn daraufhin auf Mario Müller und Kurt Hättasch an. In einer Recherche zu Müller beim Volksverpetzer heißt es:

“Müller hat sich in den vergangenen fast 17 Jahren einen Namen als Autonomer Nationalist, Rechtsextremist und Mitarbeiter des Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt gemacht. Seine Geschichte ist geprägt von militanten Aktionen, rechtsextremen Aktivitäten, Verurteilungen wegen Gewalttaten und einer engen Verbindung zum Umfeld der N/NPD und der führenden Rolle der Identitären Bewegung.” [13]

Und Hättasch ist Verdächtiger im aktuellen Terrorprozess gegen die “Sächsischen Separatisten“, die laut Endstation Rechts einen NS-Staat in Sachsen geplant und “für den Umsturz Schießen und Häuserkampf trainiert” haben sollen [14].

Müller, erklärt Kubitschek, sei vielleicht in seiner Jugend “ein radikaler Kerl” gewesen, heute aber längst ein geläuterter “Dandy”. Man müsse es doch verstehen, dass sich ein junger Mann einer “harten nationalsozialistischen Splittergruppe” anschließe, wenn es “nichts anderes” gebe und er nun mal “kein Linker” sei. Gut, Müller habe mal “einen verletzt”, sei vorbestraft - aber kein Grund, ihm keine zweite Chance zu geben. Mehr als Jugendsünden seien das nicht gewesen.

Aber das war es laut Correctiv nicht. In einem Artikel der Rechercheplattform heißt es, Müllers Methode sei noch immer “Gewalt und Medienarbeit”. Demnach habe sich Müller beim sogenannten “Geheimtreffen” damit gebrüstet, den reichweitenstarken Kanal “Dokumentation Linksextremismus” auf der Plattform X zu betreiben, “der geleakte Details über linke Akteure verbreitet und sie dort wie auf dem Präsentierteller preisgibt”.

Kurt Hättasch wiederum beschreibt Kubitschek als “jungen Mann, der sich verzweifelt verteidigt, ein Handwerksmeister, Pfadfinder, Kommunalpolitiker, Jäger und Vater”. Ihm werde gerade ein “politischer Prozess” gemacht. Dazu passt, dass Kubitschek an anderer Stelle über den Staat sagt, dass dieser “Parteipolitik” betreibe und “als Beute gegen andere Parteien gewendet” werde.

Hättasch jedenfalls sei einfach nur in Chatgruppen gewesen und habe einen Freundeskreis gehabt. “Daraus wird die geplante Gründung einer rechtsterroristischen Vereinigung konstruiert.” Ein Chatverlauf sei doch aber nichts Greifbares. “Zwischen Denken und Tun verläuft ein Graben. Es gibt so viele Leute, die dummes Zeug reden, das aber nie tun”, erklärt Kubitschek. Bei Hättasch habe sich nie etwas verdichtet - wie bei, man wird es erraten - RAF-Terrorist:innen.

Ganz ähnlich spricht Kubitschek über die “Terrorgruppe Reuß” - ehemalige Soldaten, eine Ex-AfD-Abgeordnete, ein Adliger - die den gewaltsamen Umsturz plante [15]: “Das sind Rollator-Terroristen. Das ist Politboulevard. Das gefährdet den Staat nicht.”

Um hier kurz eine aktuelle Zahl einzuwerfen: Cemas hat gerade veröffentlicht, dass es in Deutschland seit 2011 54 rechtsterroristische Fälle gab.

Kosubek fragt Kubitschek schließlich, was mit verurteilten Straftäter:innen sei und ob diese Platz in seiner “Rechten” hätten. Natürlich: Jede:r habe eine zweite Chance verdient. Nur, weil - wie er sie nennt - “Altrechte” beispielsweise in die IB oder die AfD eintreten, würde weder Partei noch IB extremer.

👀 Warum ein homogenes Volk für Kubitschek nicht utopisch, sondern realistisch sei (ohne Nennung von Mitteln)

An einer Stelle im Interview wird Kubitschek nach rechten Utopien gefragt. Darauf sagt er, die gebe es nicht. Eine Utopie sei ein “Nichtort”, aber “alles, was die Rechte fordert, ist realistisch”. Hier spricht er, ohne den verfassungswidrigen Kampfbegriff zu nennen, von “Remigration”.

Das merkt wohl auch Kosubek und spricht Kubitschek auf seine Vorstellung eines idealen deutschen Stadtbilds an und ob das nicht Utopie - weil unrealistisch in der Umsetzung - sei. Kubitscheks Vorstellung eines deutschen Stadtbilds klingt so:

“Ein klar wahrnehmbares deutsches Stadtbild, die Deutschen in der überwiegenden Mehrheit. Dann kommt das Fremde dazu, das Deutsch wird.”

Was hier als Beschreibung daherkommt, ist die normative Vorstellung eines homogenisierten Gemeinwesens, das mit der Realität pluralistischer Gesellschaften unvereinbar ist.

Wie rigide Kubitschek Zugehörigkeit denkt, zeigt sich auch in scheinbar banalen Beispielen. Er esse “bewusst keinen Döner”, das sei ein “Kulturbruch”. In Deutschland esse man “Thüringer, Bockwurst”, sagt er, “da bin ich konsequent”. Das wirkt harmlos, ist aber weitreichend: Er ethnisiert alltägliche Kulturpraktiken und definiert Zugehörigkeit über Reinheit und Abgrenzung. Doch das ist nur die Oberfläche.

Denn im Kern vertritt Kubitschek ein ethnisches Volksverständnis. Im Widerspruch zum Grundgesetz sagt er:

“Das Volk ist eine Abstammungs- und Fortpflanzungsgemeinschaft, eine Schicksalsgemeinschaft, eine historisch gewachsene Größe.”

Er spricht auch von “Ausländern”, die jetzt “Staatsbürger” sind. Das ist letztlich die Unterscheidung zwischen “Passdeutschen” und “Biodeutschen” und zeigt, wer für Kubitschek wohl nicht zum Volk gehört.

Deutschland wurde in seinen Augen “planlos überfremdet”, Migration erzählt er als “Gesellschaftsexperiment”, Menschen mit Migrationsgeschichte werden pauschal abgewertet und mit “Fremdheit”, “Religionsinkompatibilität”, “Arroganz”, “Anspruch”, “kriminellem Potenzial” verknüpft.

Daraus leite sich, so Kubitschek, der Auftrag der “Rechten” ab, diese Entwicklung “zurückzudrehen”.

Dass das kein abstraktes Gedankenspiel ist, zeigen Debatten innerhalb der AfD. Dort ist mittlerweile von bis zu 25 Millionen Menschen die Rede, die Deutschland verlassen sollen. AfD-Politiker:innen verweisen zudem offen auf die US-Abschiebebehörde ICE als Vorbild.

Was dieses “Zurückdrehen” bedeuten würde, hin zum von Kubitschek imaginierten deutschen Stadtbild, hat Spiegel-Journalist Jonas Schaible in einem Text beschrieben [16]. Darin schreibt er, dass Demokratien entscheiden könnten, wer neu ins Land komme - sie aber mit den Menschen leben müssten, die hier seien. Wer großangelegte Abschiebungen ins Spiel bringe, nichts anderes ist “Remigration”, verlasse demokratischen Boden. Das Ziel eines “homogeneren” Volkes ließe sich nur “mit autoritären Mitteln, mit schrankenloser Willkür und unvorstellbarer Gewalt” erzwingen, schreibt Schaible.

Genau hier liegt die Leerstelle von Kubitscheks behauptetem Realismus. Wenn er sagt, rechte Forderungen seien nicht utopisch, sondern realistisch, verschweigt er die Mittel. Denn demokratische Mittel gibt es dafür nicht. Dafür bräuchte es eine Politik, das hat gerade die Amadeu Antonio Stiftung (AAS) ausbuchstabiert, die auf “Sonderbefugnissen, Dauerüberwachung und permanentem Ausnahmezustand” fußt [17]. Eine Politik, wie sie die USA mit ICE macht, ohne Rechtsstaatlichkeit und Kontrolle, die ein Klima der Angst geschaffen hat. “ICE steht für Razzien, Inhaftierungen, Familientrennungen und ungekläre Todesfälle in Abschiebehaft”, schreibt die AAS.

❌ Wie Kosubek und Kubitschek Sachlichkeit vortäuschen während sie die Demokratie unterlaufen

Das Gespräch ist ein Paradebeispiel dafür, was man in Gesprächen mit einem Ideologen wie Kubitschek erwarten kann: keine offenen Bekenntnisse, keine klaren Grenzüberschreitungen, keine plakativen Tabubrüche. Stattdessen wird systematisch verschoben, relativiert und ausgelassen. Gewalt wird nicht geleugnet, sondern den politischen Gegner:innen zugeschoben. Extremismus wird nicht verteidigt, sondern als irrelevant erklärt. Autoritäre Ziele werden nicht benannt, sondern als “realistisch” ausgegeben.

Und darin liegt die Gefahr solcher Gespräche. Sie erzeugen oberflächlich den Eindruck von Vernunft und Sachlichkeit, während sie aber permanent demokratische Maßstäbe unterlaufen. Es fehlt Einordnung: die Folgen rechter Gewalt, die Logik der Einschüchterung und die autoritären Konsequenzen scheinbar harmloser Forderungen. Genau dadurch wird Normalisierung möglich.

Dialog

Aussage:

“Rechtsextreme Gewalt? Wüsste ich nichts von. Linksextreme Gewalt sieht man aber ständig.”

Gegenrede:

“Wenn du sowas sagst, dann verharmlost du doch rechtsextreme Gewalt. Faktisch ist das falsch: Rechtsextreme Gewalt tötet seit Jahrzehnten regelmäßig und wirkt weit über einzelne Taten hinaus. Einschüchterung, Bedrohung und Rückzug aus dem öffentlichen Raum sind zentrale Effekte. Wer diese Gewalt unsichtbar macht, normalisiert sie - und schwächt demokratische Teilhabe.”

Aussage:

“Das waren Jugendsünden. Die haben dummes Zeug geredet. Bloß weil man was sagt, heißt das nicht, dass man das dann macht.”

Gegenrede:

“Also haben diese Menschen keine Verantwortung? Du tust so als seien Ideologie, Vorbereitung und Gewalt voneinander getrennt. Rechtsextreme Radikalisierung ist ein Prozess, kein Zufall. Rechtsterrorismus entsteht nicht aus Gerede, sondern aus Weltbildern, Netzwerken und Eskalation. Wer Denken von Tun trennt, blendet aus, wie Gewalt vorbereitet wird.”

Quellen
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