Die abschließbare Schreibtischschublade
Petronella Polidori, die Hauptfigur bei den Polidoris, bekommt zu Anfang der Geschichte ein eigenes Zimmer. Ein Turmzimmer mit einem versteckten Geheimnis darin, das nur auf darauf wartet, von ihr entdeckt zu werden: in der abschließbaren Schreibtischschublade.
(Si apre in una nuova finestra)Ich erinnere mich noch genau, wie es sich angefühlt hat, diese Stelle zu schreiben: als Petronella den kleinen goldenen Schlüssel findet, ihn in das Schlüsselloch steckt – und er passt! Als sie die Schublade öffnet und den geheimen, verbotenen, düsteren, bunten, unheimlichen, abenteuerlichen, ja: gefährlichen Inhalt entdeckt.
Die Nachtseite der Kinderliteratur
Ein ganz ähnliches Gefühl kenne ich selbst aus meiner Kindheit: Manchmal, wenn ich in eine Geschichte eintauchte, gab es diesen Moment, der sich anfühlte, als hätte ich einen versteckten Schlüssel gefunden, in ein Schlüsselloch gesteckt – und er passte! Was sich mir dann eröffnete, war ein Geheimnis.

Die besten Kinderbücher, so schrieb die US-amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Schriftstellerin Alison Lurie (Si apre in una nuova finestra) 1990, seien diejenigen, die einen anderen Blick auf die Welt böten, die mit allgemeinen Konventionen spielten, diese hinterfragten und eine neue Perspektive jenseits von Kommerz und Pädagogik lieferten.
Mein Lieblingsbuch als Kind war Der kleine Vampir (Si apre in una nuova finestra) von Angela Sommer-Bodenburg und ist ein gutes Beispiel für dieses Phänomen, das Lurie subversive Kinderliteratur nennt. Der Moment, als Anton von seinem besten Freund, dem kleinen Vampir, einen Vampirumhang geschenkt bekommt und zum ersten Mal damit von seinem Zimmerfenster aus in die Nacht hinaus fliegt – für mich immer noch eines der aufregendsten Leseerlebnisse. Heimlich durch die Nacht zu fliegen – wie frei muss man sich da fühlen, wie mutig muss man sein? Da ist es natürlich ein Kinderspiel für Anton, trotz des Verbots seiner Mutter Vampirgeschichten zu lesen, Gruselfilme im Fernsehen anzuschauen und, natürlich, seine (un)heimlichen Vampirfreundschaften zu pflegen. Anton ist ein stiller Rebell. Selbstverständlich, denn andernfalls würde die ganze Geschichte nicht funktionieren. Antons Haltung ist die Voraussetzung für das Abenteuer und wird nicht infrage gestellt.
An die Stelle der anklägerischen oder larmoyanten und sentimentalen Pädagogik setzt die Autorin das Spiel der Ironie. Damit ist sie der Tradition ihres Stoffes treu (…). Von Anfang an wurden Vampirgeschichten erzählt und rezipiert mit dem ironisch-parodistischen Zungenschlag und Silberblick des von der Nachtseite des Lebens faszinierten aufgeklärten Autors und Lesers.
Aus: Gundel Mattenklott, Zauberkreide. Kinderliteratur seit 1945 (1989)
Ein vergleichbarer Moment war für mich die Stelle in Die Unendliche Geschichte von Michael Ende, als Bastian sich auf dem Dachboden seiner eigenen Schule zurückzieht und das gestohlene Buch aufschlägt – ganz in Ruhe, für sich allein, auf einem selbstgebauten, irgendwie gemütlichen Lager aus alten Turnmatten, unter einer zerschlissenen Decke, nachdem er von zu Hause weggelaufen ist. Das Buch, das Bastian zuvor aus dem Antiquariat des unfreundlichen Herrn Koreander heimlich mitgenommen hatte. Es war nicht zu verkaufen, auch nicht zu verschenken, doch es ist genau das richtige Buch für ihn. Hätte Bastian es nicht mitgenommen, hätte er niemals in die unendliche Geschichte eintauchen können. Und nun befindet er sich dort allein auf dem Speicher, der Regen trommelt aufs Dach, unten im Klassenzimmer beginnt bald der Naturkundeunterricht und er ist froh, dass er oben in seinem Versteck sitzt und lesen kann.
Ein ganz anderes, weniger bekanntes Schlüsselerlebnis – sehr seltsam und faszinierend, finde ich – ist das Klo der Lotte Prihoda aus Christine Nöstlingers Erzählung Der Spatz in der Hand und die Taube auf dem Dach (Si apre in una nuova finestra). Für drei Milchkaramellen die Woche mietet das Mädchen das Klo bei Herrn Hauser, dem Dachdecker, und bekommt dafür den riesigen, schwarzeisernen Schlüssel zum Klo. Zunächst macht Lotte es nur, weil ihre Eltern so sehr dagegen waren und dann aber, weil sie es braucht. Einen Ort zum Alleinsein, zum Lesen (selten), zum Briefe schreiben (wütende, beleidigende Briefe, die sie anschließend anzündet) – und am liebsten zum Nichtstun. (Fun Fact am Rande: Vor meinem inneren Auge wird diese Szene übrigens von Wes Anderson inszeniert.)
Subversive Kinderbücher, so Lurie, feiern das Nichtstun, den Ungehorsam. Sie zeigen und formen das Kind, das Fragen stellt. Das Kind, das seine eigenen Entscheidungen trifft.
These books, and others like them, recommend – even celebrated – daydreaming, disobedience, answering back, running away from home, and concealing one’s private thoughts and feelings from unsympathetic grown-ups.
Aus: Alison Lurie, Not in front of the grown-ups. Subversive children’s literature (1990)
Das ist nur meine kleine, persönliche Auswahl an Beispielen für Geschichten, die die Konventionen ganz leise unterwandern, Klischees brechen und damit Neues erschaffen. Zum Glück gibt es viele davon in der Kinderliteratur, doch leider auch jede Menge Gegenbeispiele. Als Verlagslektorin kenne ich den allgegenwärtigen Wunsch nach heiler Welt, Sonnenschein und Lieblichkeit sowie die große Angst vor Düsternis, verbotenen, verborgenen Dingen und Ungehorsam, gerade auf dem deutschen Kinderbuchmarkt, nur allzu gut.
Unter uns: die andere Perspektive
Was mich fasziniert, ist das Eigenleben, das die Geschichten in diesen oben beschriebenen Momenten entwickeln. Fast so, als wären sie atmende, lebendige Wesen, die uns in diesem Moment tief in die Augen blickten und sagten: Komm mit! Wir sind jetzt unter uns.
Wir sind in diesen Momenten Verbündete. Mit Anton, Bastian und Lotte. Wir erhalten eine geheime Botschaft, die sagt: Du darfst die Arme ausbreiten, abspringen und in die Nacht hinaus fliegen, auch wenn es gefährlich und verboten ist. Du darfst das Buch lesen, auch wenn jemand dir gesagt hat, du darfst es nicht. Du darfst allein sein, auch wenn alle dagegen sind. Und dieses Geheimnis ist schon sehr alt. Lurie schreibt unter anderem über die Märchen der Brüder Grimm und erklärt:
(…) the ways in which fairy tales, legends, rhymes, jokes, and superstitions can be used to express whatever is muted, suppressed, or compromised in mainstream culture.
Jenes Eigenleben, das Geschichten entwickeln – egal, ob Märchen, Sagen, Kinderreime, düstere Legenden oder Kinderliteratur –, kann nur entstehen, wenn sie sich vom Mainstream abheben. Von den Konventionen, von (vermeintlich) geltenden Regeln, weg von pädagogisch wertvoll und erlaubt.
Weg von So macht man das eben hin zu So mache ICH das eben. Und Ich ist in diesem Fall tatsächlich die Autorin oder der Autor.
Und hier wird es interessant in Zeiten von generativer KI.
Künstliche Intelligenz macht nämlich genau das Gegenteil. Sie analysiert den Mainstream, übernimmt die Konventionen und Regeln und kopiert diese. KI hat keine eigene Perspektive, kein Ich. Ein KI-generierter Text hat kein Eigenleben, er ist ein lebender Toter. Künstliche Intelligenz kann Bastians Moment auf dem Dachboden immer wieder auferstehen lassen wie einen Zombie. Aber sie kann keine neuen Momente dieser Art erschaffen.
Hier wird auch deutlich, was für wundersame Möglichkeiten eine Autorin oder ein Autor hat. Für mich wird das Geschichten erzählen erst da richtig spannend, wo ich unbekanntes Terrain betrete, wo die Geschichte sich ausprobiert, etwas Neues hinzufügt – entweder inhaltlich oder erzählerisch, am besten beides. Sowohl Die Polidoris als auch Smeralda Bohms Bestiarium sind solche Versuche – und ich freue mich, wenn sie gelingen. Insofern, als dass sie mindestens als solche verstanden werden. Im besten Fall – und damit hätte ich alles erreicht, was ich mir wünschen kann –, gibt es mindestens eine Person dort draußen, der ich so einen Schlüsselmoment geschenkt hätte, wie Angela Sommer-Bodenburg mir mit dem Vampirumhang. Einen unsichtbaren Schlüssel zu einem Ort, an dem der oder die Leser:in allein sein kann, allein mit der Geschichte und ihrem Eigenleben. Komm zu uns auf die Nachtseite!