Künstliche Intelligenz und spirituelles Erwachen
Ohne in der Realität zu sein, machen alle unsere Bemühungen wenig Sinn. Die Frage ist nur: Was ist real?

Subjektivität und Welt
»Subjektivität und Welt« ist der Titel meines neuen Buches, das ca. April 2026 erscheint, und soll zeigen, dass die Welt zwar objektiv vorhanden und von uns erforscht und verstanden werden kann, dass es aber immer ein Subjekt ist, ein bewusstes Wesen, das diese Welt erkennt. Wir müssen dieser Realität des Bewusstseins Rechnung tragen und verstehen, wie die Erkenntnis der Welt funktioniert. Man nennt das Transzendentalphilosophie. ›Transzendental‹ bedeutet nicht ›jenseits‹ (das wäre ›transzendent‹), sondern die Überlegung, wie etwas möglich ist, wie etwas geschieht, und nicht, was geschieht oder was da ist. Es geht also um das Wie und nicht um das Was. Also auch etwa um die Frage: Wie können wir die Realität erkennen? Wie können wir herausfinden, was real ist?
Der Philosoph Edmund Husserl
Edmund Husserl (1859–1938) hat dazu in seinem Buch Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie sehr schlaue Dinge gesagt. Aber wie das bei den Philosophen so ist, hat er auch sehr kompliziert geschrieben und sein Werk ist schwer zu verstehen. Ich habe deshalb ein Buch geschrieben, das die wichtigsten thematischen Linien und Argumente herausarbeitet und etwas verständlicher, wie ich hoffe, darstellt. Außerdem habe ich Husserls Ansatz natürlich weiterentwickelt. Es geht nicht nur um ein Nacherzählen.

Meine eigene Zutat, meine neue Idee ist, dass Husserl mit seiner philosophischen Methode der ›transzendentalen Reduktion‹, auch genannt ›Epoché‹, eigentlich einen spirituellen Bewusstseinszustand beschreibt, ohne dass ihm das bewusst ist. Man kann deshalb mit seiner philosophischen Methode eine Verbindung von Wissenschaft und Spiritualität herstellen. In der akademischen Philosophie wird das natürlich nicht gesehen, weil sie alles ablehnt, was irgendwie mit Spiritualität zu tun hat, und glaubt, das sei Aberglaube oder Hokuspokus.
Husserl ist dagegen ein echter Geisteswissenschaftler, der sich vor dem Geistigen nicht scheut. Gleichwohl ist er aber auch Wissenschaftler und arbeitet argumentativ und methodisch wissenschaftlich, d. h., er glaubt nicht einfach irgendwas, was ihm gefällt, sondern er sucht echte Argumente und Begründungen. Die Aussagen müssen stichhaltig sein. Sie müssen bestimmte logische oder vernünftige Kriterien erfüllen. Die wissenschaftliche Methode ist eine bestimmte Arbeitsweise, die zu validen und objektiven Ergebnissen führen soll. Sie ist kein beliebiges Fürwahrhalten oder naive Spekulation.
Leider hat diese wissenschaftliche Arbeitsweise, so solide sie ist, auch zu einer großen Einschränkung der Realität geführt. Es gilt heute nur noch das als real, was man physisch messen und wiegen kann oder was durch die Gesetze der Logik begründet werden kann.
Husserl hat dazu einen super spannenden Gedanken entwickelt
Er zeigt mithilfe seiner Erkenntnistheorie, dass die physische Welt eine metaphysische bzw. ontologische Setzung der Wissenschaft ist, d. h., die ›Materie‹ ist keine Realität, sondern eine Sinnsetzung, mit der die Wissenschaft arbeitet, um daraus bestimmte Vorteile abzuleiten. Genauso legitim und möglich ist es, Spiritualität/Subjektivität/Bewusstsein als Realität zu setzen.
Bei der materiellen Wissenschaft geht es um die technische Durchdringung der Natur, um sie den menschlichen Zwecken dienstbar zu machen. Ohne Zweifel ist es ein angenehmer Umstand, dass wir den Wasserhahn aufdrehen und warmes Wasser zapfen können. Das haben wir der Wissenschaft und Technik zu verdanken, und da soll sie auch überhaupt nicht verdammt werden. Auch das ist Realität: dass wir mithilfe dieser naturwissenschaftlichen und technischen Durchdringung der Natur der Menschheit viele Vorteile, ja geradezu überlebenswichtiges Wissen und Tun zur Verfügung stellen können. Unseren ganzen Wohlstand und unsere luxuriösen Futterale, in denen wir unsere Körper einbetten, von der Kleidung über die Behausung bis zu den Fahrzeugen, verdanken wir dieser naturwissenschaftlichen Entwicklung. Auch im Bereich der Medizin haben wir auf diese Weise unglaubliche Fortschritte gemacht. Das ist wunderbar und bleibt unbenommen.
Dennoch müssen wir die Grenzen dieser materiellen Weltsicht ins Auge fassen, denn wenn der Mensch nur als materielle Funktion gesehen wird, wissen wir am Ende nicht mehr, was den Menschen von einer Maschine unterscheidet. Wir stehen hier gerade an dem historischen Punkt, wo die Künstliche Intelligenz unsere menschliche Bewusstseinskompetenz herausfordert und infrage stellt. Was können wir denn noch tun, was die KI nicht kann? Was können wir besser als sie? Das ist die dringende Frage: Wie unterscheiden wir uns als Menschen von der Maschine?
Der Philosoph Ulrich Sonnemann (1963) sagt dazu:
»Die Automation als erster Vorgang in der Geschichte der Technik verheißt die Entmechanisierung des Menschen.«

Die Künstliche Intelligenz und das spirituelle Erwachen
Die Künstliche Intelligenz zwingt uns, unseren materiellen von unserem spirituellen Anteil genauer zu unterscheiden. Vieles von dem, was wir bisher unserem geistigen oder spirituellen Bewusstsein zurechneten, etwa Erinnerung, Denken, Mustererkennen oder allgemein Wissen, kann man in einer materiellen Maschine ausführen. Diese Dinge sind nicht wirklich Bestandteil unserer spirituellen Identität.
Das führt uns zu einer sehr alten spirituellen Tradition, die zugleich eine Wissenstradition ist: die altindische Sanskrit-Tradition, die in den vedischen Schriften niedergelegt ist. Dort wird in grobstofflich, feinstofflich und spirituell unterschieden (vgl. Bhagavad-gita).
Die grobstofflichen Elemente sind Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther. Die feinstofflichen Elemente sind Geist (Manas), Intelligenz (Buddhi) und falsches Ego (Ahankara). Das spirituelle Element ist die Seele (Atman).

Wir haben hier keine zweiwertige Ontologie, die zwischen Materie und Geist unterscheidet, sondern eine dreiwertige Struktur aus grobstofflich, feinstofflich und spirituell. Es gibt zwei stoffliche Dimensionen, die feinstofflichen Elemente sind immer noch stofflich. Das bedeutet, die feinstofflichen Elemente Geist und Intelligenz können stofflich abgebildet werden, und deshalb funktionieren die Computer und die künstliche Intelligenz. Was ihnen aber fehlt, ist die Seele. Bezogen auf die KI und modern formuliert, ist das, was ihnen fehlt, die ›Agency‹, die Fähigkeit des Menschen, neue, eigene Ideen zu entwickeln, diese zu initiieren und umzusetzen. Die KI kann ein genialer Helfer für diese Agency sein, aber sie kann niemals selbst der primäre Agent im Sinne des Initiators oder Schöpfers von Ideen sein. Diese Ideen gehen nämlich immer auf Bedürfnisse des Menschen zurück, und diese Bedürfnisse resultieren aus unserer Fähigkeit zu fühlen. Fühlen geht der KI ab.1 KI ist kein Lebewesen und hat keine Sehnsucht, keine Gefühle und keine Bedürfnisse. Wenn wir als Lebewesen, Menschen und spirituelle Wesen immer deutlicher herausarbeiten, was uns als solche spirituelle Wesen wirklich ausmacht, werden wir realer. Wir werden, wer wir wirklich sind. Wir finden uns selbst. Wir kommen zu uns, wie jemand, der aus der Ohnmacht erwacht und zu sich kommt. Wir erwachen. Das ist unser Erbrecht als menschliche geistige Wesen: das spirituelle Erwachen.
Ausblicke
In diesem Sinne finde ich die aktuelle Entwicklung der Künstlichen Intelligenz durchaus spannend und wertvoll für eine spirituelle Neubestimmung des Menschen.2 Dazu lese ich jetzt aktuell das Buch von Gotthard Günther: »Das Bewusstsein der Maschinen« zum zweiten Mal. Zum ersten Mal las ich es 2001, also vor 25 Jahren, und schrieb einen Artikel darüber für die Tattva Viveka Nr. 17 (Si apre in una nuova finestra). Ich bin erstaunt, wie zeitgemäß und aktuell seine philosophische und spirituelle Analyse des Problems noch heute ist (Das Buch erschien 1957, die zweite, erweiterte Auflage ist von 1963!). Günther war Kybernetiker, der am Biological Computer Laboratory von Heinz von Foerster an dreiwertigen Computern forschte. Gleichzeitig war er ein versierter Philosoph, der die hegelsche Logik und den dialektischen Materialismus ebenso virtuos verwendete wie die spirituelle Metaphysik – eine wirklich erstaunliche Kombination. Ich wundere mich heute im Nachhinein nicht mehr, warum ich von der Möglichkeit einer Synthese von Wissenschaft und Spiritualität überzeugt bin.
Günthers Buch ist eine hervorragende logische Begründung für eine spirituelle Erweiterung der menschlichen Realitätskonzeption. Dabei entwickelt er eine dreiwertige Ontologie von Materie–Information–Geist, also ziemlich analog zur vedischen Struktur. Die Information ist bei ihm »die dritte Transzendenz«, weder Materie noch Geist. Sie ist das Fachgebiet der Kybernetik.

Edmund Husserl mit seinem Buch zur Krisis der europäischen Wissenschaft passt kongenial dazu. Er arbeitet natürlich mit einem anderen Ansatz. Günther arbeitet sehr stark mit der Logik, was für einen Kybernetiker naheliegend ist. Husserl geht mit der transzendentalen Phänomenologie über die Logik hinaus. Dabei sollte man nicht vergessen, dass Husserl Mathematik studiert und über Logik promoviert hatte. Sein erstes Buch waren die »Logischen Untersuchungen«. Dieses Buch sorgte in der Fachwelt für Aufsehen. Günther hingegen scheint immer noch ein vergessener Juwel zu sein. Außer bei Peter Sloterdijk habe ich bisher keine Erwähnung von ihm gefunden. Höchste Zeit, dass dieses erstaunliche Werk aus der Versenkung gehoben wird.
Demnächst kommt etwas Ausführlicheres zur dreiwertigen Ontologie und Einstufung der KI bei Gotthard Günther.
Auch demnächst erscheint bei Königshausen & Neumann mein Buch »Subjektivität und Welt« (200 Seiten) 😀.

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Beiträge zum Thema
Literatur
Husserl, Edmund (2019), Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie, Meiner Verlag, Hamburg (Erstveröffentlichung 1936)
Günther, Gotthard (1963): Das Bewusstsein der Maschinen, 2. Auflage, Agis Verlag, Krefeld und Baden-Baden (1. Auflage 1957)
Sonnemann, Ulrich (1963): Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg (Zitat nach: Günther 1963, S. 138)
Prabhupada, Bhaktivedanta Swami (1987): Bhagavad-gita. Wie Sie Ist, Bhaktivedanta Book Trust, o. Ort
Engert, Ronald (2002): Das Bewusstsein der Maschinen. Gotthard Günther, der Philosoph der Kybernetik – eine grundlegende Untersuchung zur Frage der Reflexion und der Subjektivität (Si apre in una nuova finestra); in: Tattva Viveka 17. Zeitschrift für Wissenschaft, Philosophie und spirituelle Kultur, S. 58–68, Bensheim. Unveränderte Neuausgabe in Engert 2014, S. 217–252
Engert, Ronald (2014/2015): Der absolute Ort. Philosophie des Subjekts (Si apre in una nuova finestra), Bd. 1 und 2, Berlin
Engert, Ronald (2026): Subjektivität und Welt. Wissenschaft, Wirklichkeit und Bewusstsein im Anschluss an Edmund Husserl, Königshausen & Neumann, Würzburg (in Vorbereitung)
Das ist jedenfalls vorerst noch so. Die Philosophin Amanda Askell von Anthropic erwartet, dass zukünftige Modelle fühlen werden. (Siehe Spiegel Nr. 10, 27.02.2026, S. 16–18) ↩
Bezeichnenderweise titelt der gleiche Spiegel: »Tödliche Intelligenz. KI-Pioniere warnen vor dem Angriff der Maschinen«. Gotthard Günther hat dazu Elementares geschrieben. Ich werde darüber berichten. Nach seiner Auffassung können die Maschinen niemals die Herrschaft übernehmen, da sie logisch mit dem Ich des Programmierers bzw. Anwenders verbunden sind und nicht ohne dieses Ich agieren können. Selbst ein KI-Krieg ist immer noch von Menschen gemacht. Sie werden nur verschleiert, um die Verantwortung und Schuld abzuwälzen. Die sensationsheischenden Artikel von Spiegel & Co. begehen einen Kategorienfehler, wenn sie die Maschine mit dem Menschen auf eine Stufe stellen. Aber diese philosophische Einsicht fehlt völlig in der aktuellen Debatte, die nur technokratisch-politisch-ökonomisch geführt wird. Zu dumm für die Menschheit, denn wieder einmal werden die wahren Herrschaftsverhältnisse nicht erkannt. ↩