Husserls Antwort auf die tiefste Frage – und was sie für unser Leben bedeutet
Liebe Leserinnen und Leser,
heute möchte ich euch einen Satz vorstellen, der mich mehr als alle anderen zu diesem Buch geführt hat. Ein Satz, der in einer philosophischen Abhandlung des frühen 20. Jahrhunderts steht, und der sich liest wie ein uraltes spirituelles Versprechen:
»Der Kern davon ist, wie er es beschreibt, »sich selbst wahr zu machen«. Das dürfte ein dringendes Bedürfnis des Menschen sein: seine eigene Wahrheit zu finden, er selbst zu sein, sich zu verwirklichen.«
— Ronald Engert im Anschluss an Husserl

Was Husserl damit meint
»Sich selbst wahr machen« ist für Husserl keine psychologische Aussage und kein Ratgeber-Versprechen. Es ist eine philosophische Konsequenz: Wenn das Subjekt der Ausgangspunkt aller Erkenntnis ist, wenn alles Wissen, alle Wissenschaft, alle Wahrheit in letzter Instanz im erkennenden Ich wurzelt, dann hat dieses Ich eine Aufgabe: sich selbst zu erkennen, sich selbst zu werden, sich selbst wahr zu machen.
Das nennt Husserl die Entelechie des Menschen. Das Wort kommt aus dem Griechischen: das Ziel (telos) in (en) sich selbst tragen. Der Mensch hat sein Ziel nicht außerhalb, er trägt es in sich. Und dieses Ziel ist: zu sich selbst zu kommen.
Die Abspaltung und ihre Folgen
Was passiert, wenn Menschen diesen Weg nicht gehen – wenn sie sich nicht selbst wahr machen können? Husserl und ich beschreiben es im Buch so:
»Die Sinnlosigkeit und die Abspaltung des Menschen von sich selbst, die fehlende Integrität sind zentrale Probleme unserer Zeit. Sie führen zu Vereinzelung und Verrohung, zu Sarkasmus und Egoismus.«
Das ist eine harte Diagnose. Aber ich glaube, jede und jeder von uns erkennt sie — in sich selbst, in anderen, in der gesellschaftlichen Atmosphäre. Die Frage ist: Was ist der Ausweg?
Der Ausweg: Erkenntnis als Selbstwerdung
Husserls Antwort ist keine therapeutische und keine religiöse. Sie ist eine erkenntnistheoretische. Wenn wir den apodiktischen Grund unseres Erkennens aufsuchen, d.h. wenn wir zur Frage vordringen, wie wir überhaupt erkennen, was wir für wahr halten und auf welchem Boden wir stehen, dann öffnet sich ein Raum der Selbstermächtigung.
Nicht im Sinne von Ego-Stärkung. Sondern im Sinne von: Ich weiß, wo ich stehe. Ich kenne die Voraussetzungen meines Denkens. Ich habe den unreflektierten Automatismus des Denkens unterbrochen. Das ist Freiheit – philosophisch, nicht romantisch.
»Erst in diesem Bewusstwerden unseres apodiktischen Grundes werden wir zu echten Personen im positiven Sinne, also zu Individuen oder Subjekten, die zu sich kommen und in ihrer Selbstermächtigung freiheitlich und selbstbestimmt leben können.«
— Aus dem Buch
Eine persönliche Anmerkung
Für mich ist dieser Teil des Buches der persönlichste. Die Frage, was es bedeutet, wirklich man selbst zu sein jenseits aller Rollen, Erwartungen, Ideologien und erlernten Reaktionen, ist keine abstrakte Frage. Sie ist die Frage, die jeden Menschen irgendwann einholt.
Husserl gibt darauf eine Antwort, die ich so nirgendwo sonst gefunden habe: philosophisch präzise, methodisch sauber, und doch unmittelbar am Lebendigen. Das ist der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe.
Im nächsten Brief: Was die vedische Philosophie zu all dem beiträgt und wie das Buch die Brücke zwischen phänomenologischer Methode und spiritueller Weisheitstradition schlägt.
► »Subjektivität und Welt« — zum Buch (Si apre in una nuova finestra)
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