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Die Kalibrierten

Clara hatte heute einen anstrengenden Tag in der Schule, die Prüfungen ihrer Schüler forderten sie mehr, als sie sich eingestehen wollte.

Sie wusste, dass sie mehr für sich tun müsste, aber nach Feierabend fehlte ihr oft die Kraft.

Sie schaltet den Fernseher ein. Krieg, Klima, Krisen. Und der Gesundheitsminister mit einer Ansprache.

„Wir möchten als Regierung, die Gesundheit unserer Bürger fördern."

Clara dachte „etwas Hilfe könnte sie auch brauchen." Sie hörte interessiert zu, und der Gesundheitsminister erzählte davon, ein Fitnessarmband kostenlos an alle Bürger zu verteilen, da sie die Gesundheit fördern wollen und somit auch die Kosten für das Gesundheitssystem langfristig senken zu können.

Zwei Fliegen mit einer Klappe, dachte Clara. Etwas für mich tun, und dabei zur Gesellschaft beitragen."

Er erzählte weiter, dass man das Armand über die Krankenkasse bekommt. Ein paar Tage später kommt die Fitnessuhr bei Clara an. Sie packt er mit freudiger Erwartung aus und dachte: „Wow, die Regierung hat sich richtig Mühe gegeben."

Sie hatte ein Einsteigermodell erwartet, aber das sah eher nach einem High End Produkt aus. Clara las die Anleitung, installierte alles, stellte es fertig ein. Sie war gespannt auf die ersten Ergebnisse: Schritte, Blutdruck, Stressniveau.

Am Wochenende traf sie sich mit Lena in einem Cafe. Clara erzählte begeistert von der tollen Idee der Regierung, etwas für die Gesundheit der Menschen zu tun.

Lena wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Sie schaute selten Nach-richten, es sei doch immer dasselbe, meinte sie, und das Negative wolle sie nichtständig in ihrem Leben haben.

Clara zeigte ihr das Armband und war spürbar Stolz das Angebot angenommen zu haben. Sie erzählte, wie sie nun mehr auf den auf den Stress achte, mehr Schritte läuft und sich insgesamt besser fühle, fast so als würde Lena in ihren Augen etwas verpassen, was allen anderen längst guttut.

Lena fühlte sich leicht genervt. Es war nicht ihr Ding, etwas nur deshalb zu tun, weil andere es auch taten. Sie war von Natur aus sie skeptischere von beiden, sie wollte sich erst gründlich informieren und abwarten, ob der versprochene Nutzen sich überhaupt zeigte.

Aber genau das war ein Thema, bei dem es oft zu Spannungen kam. Also hielt sich Lena zurück und nickte nur scheinbar zustimmend.

Als Lena wieder zu Hause war, fing sie an zu googeln. Die meisten Informationen klangen positiv von „hilfreich" bist „bahnbrechend". Fast wirkte es, als sei das Armband das Beste, was es derzeit gibt.

Ein paar wenige Stimmen warnten, aber was zählen schon vereinzelte Stimmen?

Lena blieb trotzdem skeptisch. Wann ist denn wirklich mal was umsonst ohne irgendeinen Haken?

Die anfängliche Euphorie von Clara ließ langsam nach. Manchmal spürte sie ein unangenehmes Gefühl im Herzen, ein Ziehen, das nicht unbedingt ein Schmerz war.

Sie machte sich vorerst keine großen Gedanken.„Vermutlich die Anspannung der letzten Wochen."

Eine Kollegin aus der Schule berichtete von etwas Ähnlichem, aber beide gingen nicht weiter darauf ein.

Nach etwa drei Monaten wurde Clara unruhiger. Das Ziehen blieb und schien sich beim Sprechen bestimmter Dinge sogar zu verstärken.

Sie ging zum Arzt und erzählte ihm davon. Der Arzt lächelte routiniert und sagte: „Das ist nur der Stress." Als sie ihn fragte, ob das Armand womöglich damit zu tun habe, winkte er ab: „Das Armand ist gut für Sie. Seien Sie froh, dass Sie es haben."

Lena fiel immer auf, wie gereizt die Menschen um sie herum wirkten. Auch Clara war betroffen.

Wenn Lena das Thema ansprach, bekam sie nur schroffe Antworten und eine Aus- rede nach der anderen.

Manchmal hatte Lena das Gefühl, alle würden sich verändern. Sobald es um Wahrheiten ging, kam nur noch Ablehnung.

Selbst auf einfache Fragen wie: „Wie geht es dir?" wurde nicht geantwortet, stattdessen wechselte man abrupt das Thema.

Clara wollte sagen: „Ich bin erschöpft." Doch über ihre Lippen kam: „Ich arbeite gerne, aber es ist gerade viel." Als es Lena zu viel wurde, sprach sie Clara direkt darauf an. Doch Clara schien sich immer weiter von ihr zu entfernen.

„Du verstehst es einfach nicht." '„Siehst in allem nur das Negative."

In den Nachrichten häuften sich inzwischen Berichte: „Sind die ohne Armband gefährlich fürs System?" „Sie tragen nicht zur Gesellschaft bei, und sie sind schuld, dass die Kosten immer noch nicht ausreichen gesenkt werden konnten."

Clara war im Supermarkt, als ein alter Bekannter auf sie zu kommt.Sie blickte nicht zuerst ins Gesicht, sondern suchte nach dem Armband an seiner Hand.

Unbehagen löste sich in ihr aus: „Ich habe keine Zeit, zu reden."

Als sie im Auto saß, dachte sie kurz: „War ich früher auch so unfreundlich?" Doch als das Unangenehme ziehen im Herzen kam, blickte sie auf, summte fröhlich vor sich hin und fuhr fort…

Was bleibt von uns, wenn wir nur noch das sagen, was niemanden stört?

Wenn wir die Wahrheit töten?

Wenn wir nicht mehr hinterfragen?

Bianka Seredinski-Holzner

Zwischenraumtexte 2025

Argomento Kurzgeschichten