Dieser Tage beschäftigt uns auch in der Wissenschaftscommunity vor allem eins: Wie kommen wir einigermaßen durch die aktuelle Hitzewelle? Ich kann von Glück sagen, dass meine Lehrveranstaltungen in dieser Woche nicht stattfinden und mir auch der dieswöchige Fakultätsrat erspart bleibt, da ich gestern eine Keynote beim University Future Festival (Abre numa nova janela) in Berlin gehalten habe und am Mittwoch als Expertin bei einem überparteilichen Fachgespräch mit Bundestagsabgeordneten zu Finanzierung und Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft (Abre numa nova janela) mitwirke. So stellte sich mir — anders als vielen Kolleg_innen — nicht die Frage, wie ich diese Woche mit Lehre, Gremienterminen usw. umgehen soll, wenn es in meinem Büro und den von mir genutzten Hörsälen kaum noch auszuhalten ist. Bereits vor knapp einem Jahr habe ich in diesem Newsletter über das Thema Hitze an Hochschulen geschrieben (damals noch auf Substack). Da die dringend benötigten Hitzekonzepte nach wie vor auf sich warten lassen, greife ich den damaligen Beitrag in leicht überarbeiteter Form heute erneut auf.
Von allen beruflichen Terminen, die ich im Sommersemester habe — Lehre, Gremiensitzungen usw. — findet lediglich ein einziger in einem klimatisierten Raum statt. Für die anderen Räume gilt dasselbe wie für mein Büro: Es wird darin im Sommer rasch extrem heiß. So heiß, dass ich nicht weiß, wie unter diesen Umständen Lehrveranstaltungen und sonstige Arbeitstätigkeiten überhaupt noch sinnvoll stattfinden sollen — und das vor allem ohne Gesundheitsgefährdung der Beteiligten.
Bereits im Juli 2023 schrieb ich auf Twitter darüber (Abre numa nova janela), dass sich Studierende — teils mit explizitem Bezug auf die Hitze — für mein Seminar krankgemeldet hatten. Ich schrieb damals auch: „Wir werden Konzepte für den Umgang damit brauchen — besonders für die vielen Lehrveranstaltungen, die in nicht klimatisierten Räumen stattfinden.“ Passiert ist seitdem: nichts. Jedenfalls nichts, was der Situation ernsthaft Abhilfe schaffen könnte. Man meint (wie so oft im Wissenschaftsbetrieb) auch in diesem Fall, durch Beratung etwas verbessern zu können: viel trinken, in den frühen Morgenstunden lüften usw. Aber Beratung wird die Temperaturen nicht senken, und auch, wenn alle ausreichend hydriert in luftiger Kleidung in früh morgens gelüfteten Räumlichkeiten zusammenkommen, brauchen wir uns nichts vorzumachen. Es bleibt an vielen Orten schlicht zu heiß, um vernünftig arbeiten und studieren zu können.
Wollen Hochschulen ihrer Fürsorgepflicht nachkommen, müssen sie also dringend aktiv werden. Mittel- und langfristig durch eine Sanierung der (ohnehin maroden) Gebäude, die eine vernünftige Isolierung, effektive Möglichkeiten zur Verschattung und ja, vielfach auch Klimatisierung in der Breite benötigen werden. Außerdem wäre es ratsam, die Außenbereiche der Hochschulgebäude umzugestalten. Statt versiegelter Betonwüsten braucht es möglichst viel Grün. (Das muss dann auch gepflegt und gegossen werden, klar — aber wer bei diesem überhitzten Wetter mal durch einen Park gelaufen ist oder auch nur an einigen Büschen und Bäumen vorbei, kapiert spätestens dann: Pflanzen kühlen enorm, nicht nur durch den Schatten, den sie spenden, und das sollten Hochschulen sich dringend zunutze machen.)
Anders als große Sanierungen, die angesichts des vielerorts akuten Kürzungswahns zugegebenermaßen eher unwahrscheinlich sind (so notwendig sie auch bleiben), wäre eine solche Begrünung vergleichsweise preiswert. Daher, liebe Hochschulen: Brecht die Betonwüsten auf und setzt Beete hinein! Damit ist es aber natürlich längst noch nicht getan, zumal es in den Gebäuden weiterhin zu warm bleiben dürfte. Hier kommen daher drei Ansatzpunkte, wie Hochschulen zumindest übergangsweise auf die Hitze reagieren können, bis ihre Gebäude auf einem hitzetauglichen Standard sind. Denn Kürzungen hin oder her: Soll Arbeiten und Studieren in den nächsten Jahren über die Sommermonate überhaupt noch möglich bleiben, wird so ein Standard früher oder später alternativlos sein.
Extreme Hitze verlangt Flexibilität
Zuallererst: Die extremen Temperaturen verlangen größtmögliche Flexibilität vonseiten der Hochschulen. Statt wenig hilfreiche E-Mails zu versenden, in denen sinngemäß steht „es ist viel zu heiß, aber da können wir leider auch nichts machen, arbeiten und studieren Sie bitte weiter“, wäre es angebracht, Mitarbeitenden und Studierenden möglichst umfängliche Freiheiten in der Ausgestaltung ihrer Arbeit und ihres Studiums zu geben.
Das gilt etwa für eine Ausweitung von Homeoffice-Regelungen und mobilem Arbeiten. Wer kann, sollte die Möglichkeit erhalten, zum Arbeiten Orte aufzusuchen, an denen es kühler ist als im eigenen Büro. Nun sind die Hochschulen damit natürlich nicht aus dem Schneider, denn es ließe sich zu Recht kritisieren, dass hier ein Problem, das in ihrer Verantwortung liegt — unzureichende Arbeitsbedingungen — individualisiert und ins Private verschoben wird („sollen doch die Beschäftigten sehen, wie sie ihre Wohnungen herunterkühlen!“). Zu diesem bedenkenswerten Argument ist allerdings zweierlei zu sagen: Erstens kann eine erweiterte Homeoffice-Regelung zumindest einigen Beschäftigten kurzfristig helfen, wenn sie Möglichkeiten erhalten, sich an kühlere Orte zurückzuziehen. (Was mobiles Arbeiten betrifft, muss das auch nicht zwangsläufig das eigene Zuhause sein, es könnte sich ebenso auch um eine klimatisierte Bibliothek oder ein begrüntes Parkareal handeln, wenn das Arbeiten dort bei einigermaßen angenehmen Temperaturen möglich ist.) Zweitens kann auch die Hochschule ihren Beschäftigten Optionen bereitstellen, um innerhalb ihrer eigenen Räumlichkeiten bei angemessenen Temperaturen tätig zu sein, und das gilt übrigens ebenso für Studierende — dazu gleich mehr.
Zuvor aber zu einer weiteren Form der Flexibilität neben der räumlichen Variante: Auch mehr zeitliche Flexibilität ist angesichts der Temperaturextreme gefordert; für das Personal in Technik und Verwaltung in Gleitzeit gibt es diese schon oft. Bei Lehre und Gremiensitzungen wird über eine Anpassung, die vom vorgesehenen Plan abweicht, bisher hingegen kaum nachgedacht. Dabei wäre es denkbar, dass bei starker Hitze Lehrveranstaltungen entfallen oder, wo das möglich ist, digital bzw. hybrid stattfinden sowie dass einzelne Sitzungen durch die Bereitstellung von Materialien zum asynchronen Selbstlernen ersetzt werden. Wer jetzt die Digitalaversion aus der Corona-Pandemie wieder rausholt, sei darauf hingewiesen, dass weder Studierende noch Lehrende etwas davon haben, bei Temperaturen, die jede Konzentration unmöglich machen, auf Teufel komm raus Lehrveranstaltungen durchzuführen. Spätestens, wenn von den Beteiligten jemand kollabieren und die Hochschule verklagen sollte, dürfte sich die deutsche Hochschullandschaft endlich Gedanken um Hitzekonzepte machen (denn nichts scheuen deutsche Hochschulen so sehr wie mögliche Klagen, das wissen wir aus der #IchBinHanna-Thematik) — aber es wäre ratsam, damit schon vorher anzufangen. Umfangreiche Freiräume für die räumliche und zeitliche Planung zu eröffnen (auch für kurzfristige Anpassungen an extreme Wetterereignisse wie akute Hitzewellen) wäre ein Anfang. Dazu zählt übrigens auch, Arbeitszeiten und Pausen flexibler zu gestalten — und zusätzliche Pausen zu ermöglichen. Beispielsweise hat die Uni Leipzig sich immerhin ein Hitzekonzept gegeben (Abre numa nova janela), das u.a. solche flexibilisierten Arbeits- und Pausenzeiten enthält.
Kälte-Inseln für alle!
Räumlichkeiten an deutschen Hochschulen sind oft nicht klimatisiert, in einigen ist das Betreiben einer Klimaanlage sogar verboten (bei uns heißt es etwa, dass „in Gebäuden im Landeseigentum keine Klimatisierung von Büroarbeitsplätzen gestattet“ sei). Aber: Viele deutsche Hochschulen verfügen zumindest über einzelne klimatisierte Räume. In Bezug auf diese Räume gilt es jetzt, ein möglichst effizientes Nutzungskonzept zu entwickeln. Dazu sollte zählen, dass Räume mit Klimaanlage in Phasen, in denen dort keine Lehrveranstaltungen oder Gremientermine stattfinden, denjenigen Hochschulmitgliedern offenstehen, die sich zumindest kurzzeitig abkühlen möchten (Abre numa nova janela). Klar, auch das will organisiert werden. Möglich wäre es z.B. so: Die Hochschule gibt an, welche klimatisierten Räume wann zur Verfügung stehen, um von Beschäftigten und/oder Studierenden genutzt zu werden. Über ein Online-Buchungsformular können Sitzplätze in den Räumen gebucht werden, für einzelne Stunden oder im üblichen Zeitregime der Hochschule (in der Regel 90min-Slots). Denkbar wäre auch, entsprechende Räume für Prüfungen zur Verfügung zu stellen (und in der Prüfungsphase einer solchen Nutzung Priorität einzuräumen). So wären die an Hochschulen vorhandenen Räume mit einer angemessenen Arbeitstemperatur bestmöglich genutzt.
Ggf. könnten hier auch Räumlichkeiten einbezogen werden, die aus anderen Gründen weniger überhitzt sind, z.B. Kellerhörsäle. Und schließlich: Auch die fancy Sitzungssäle mit Klimaanlage von Präsidien, Rektoraten und Dekanaten sollten möglichst vielen Hochschulmitgliedern zugänglich gemacht werden, während dort keine Sitzungen stattfinden. Es dürfte eine Reihe von solchen klimatisierten Räumlichkeiten geben, die zwischendurch ungenutzt bleiben, während die Beschäftigten und Studierenden in anderen Gebäudeteilen der Hochschulen in der Hitze schmoren müssen. So etwas ist kein kluger Umgang mit der immer wertvoller werdenden Ressource der gekühlten Räume! Es ist deshalb Zeit, sie für alle zu öffnen und transparent zu machen, wo sich solche Orte auf dem Campus befinden.
Neue Semesterzeiten: Jetzt erst recht!
Neben diesen Möglichkeiten, der Hitzequälerei beizukommen, liegt eine weitere Lösung auf der Hand: Die Semesterzeiten sollten angepasst werden. In Bluesky-Diskussionen zum Thema wurde dieser Vorschlag (Abre numa nova janela) wiederholt gemacht, und ich begrüße ihn nicht zuletzt, weil ich bereits 2023 in NRW als Sachverständige für eine Anpassung der Semesterzeiten votiert habe (Abre numa nova janela): aus Gründen der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft als Beruf. In diesem Kontext hatte damals auch Jan-Martin Wiarda in einem Blog-Beitrag die Entwicklung der Forderung nach veränderten Semesterzeiten nachvollzogen (Abre numa nova janela), angefangen beim diesbezüglichen Vorstoß der Hochschulrektorenkonferenz im Jahr 2007, der auf eine internationale Harmonisierung zielte. Mit einem Herbstsemester von Anfang September bis Weihnachten und einem Frühjahrssemester von Anfang März bis Ende Juni wären zumindest die Hochsommermonate Juli und August von der Vorlesungszeit ausgenommen. (Die Uni Mannheim macht das übrigens bereits so (Abre numa nova janela).)
Auch hier gilt: Aus der Welt ist das Problem mit der Hitze dadurch nicht, schließlich schlägt sie oftmals schon viel früher im Jahr zu — und viele Hochschulmitglieder sind zudem auch in der vorlesungsfreien Zeit in der Hochschule bzw. müssen es sein. Aber zumindest zwingen Hochschulen ihre Mitglieder dann nicht mehr in den heißesten Monaten des Jahres dazu, in Lehrveranstaltungen, Gremiensitzungen usw. zu schwitzen. Da das Hitzeproblem sich nicht von allein verbessern, sondern im Gegenteil in den kommenden Jahren noch zuspitzen dürfte, wäre es jetzt wirklich an der Zeit, endlich die längst überfällige Umstellung der Semesterzeiten in Angriff zu nehmen.

Überhitzte Köpfe
Wie immer gilt auch beim Thema Hitze: Weder Hochschulbeschäftigte noch Studierende bestehen ausschließlich aus klugen Köpfen, die unbeeindruckt von äußeren Umständen ihre Arbeit verrichten. Beschäftigte und Studierende sind Menschen, mit Körpern und Bedürfnissen sowie teils mit Einschränkungen und Erkrankungen, die die Hitze für sie besonders gefährlich machen. Die Gesundheit ihrer Mitglieder sollte Hochschulen ein wichtiges Anliegen sein — in erster Linie aus Gründen der Fürsorge. Allen Hochschulleitungen, die das allein nicht überzeugend finden, sei gesagt, dass hitzebedingt kollabierende Hochschulmitglieder nicht nur unfähig sind, ihre Arbeit bzw. ihr Studium zu machen und Exzellenzanträge zu schreiben, sondern in absehbarer Zeit auch furchtbar schlechte Presse bedeuten.
Fazit: Wir brauchen besser gestern als heute vernünftige Konzepte mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen zur Hitzebewältigung an allen deutschen Hochschulen! Gerade als Einrichtungen, die der Forschung verpflichtet sind, können Hochschulen wissenschaftliche Erkenntnisse und Prognosen zu Klimawandel und Gesundheitsbelastung durch Hitze nicht einfach ignorieren. Im Gegenteil sind sie hier besonders gefragt. Liebe deutsche Hochschulen: Bitte legt endlich los, damit wir als Eure Mitglieder einen kühlen Kopf bewahren können. Denn sonst gilt schon bald: Arbeit und Studium müssen hitzebedingt leider ausfallen!