[Dieser Beitrag erschien zuerst am 4. April 2023 auf Substack.]
Nach dem letztwöchigen WissZeitVG-Austausch im BMBF (Abre numa nova janela) ist vor der nächsten Runde voller Diskussionen über gesetzliche und andere Rahmenbedingungen der Arbeit in der deutschen Wissenschaft. Denn wie genau es mit dem WissZeitVG weitergehen wird, ist nach wie vor unklar – auch wenn sich für die Postdoc-Phase inzwischen ein Modell mit Anschlusszusage als praktikable Lösung abzeichnet und für die Promotion eh klar ist, was geschehen muss: wirksame Regelungen zur Mindestvertragslaufzeit! (Im Detail alles hier (Abre numa nova janela) nachzulesen.)

Während das BMBF in der Montagehalle hoffentlich mehr tut als sich um ministeriale Pflanzen mit Daueraufgaben zu kümmern (we’ll keep an eye on you, BMBF!), beginnt für viele von uns in der Wissenschaft Tätige das Sommersemester.
Ein Anlass, einmal darüber nachzudenken, wie sich die aktuellen Debatten zum WissZeitVG und darüber hinaus lokal in die Hochschulen tragen und dort weiter vorantreiben lassen. Schließlich sind die Auswirkungen von Kettenbefristungen und anderen Fehlentwicklungen des deutschen Wissenschaftssystems an diesen Orten in vielen Ausprägungen spürbar und richten für sämtliche Mitglieder der Hochschulen einigen Schaden an.
Studierende ins Bild setzen: Warum die Lehre unter personeller Fluktuation leidet
Für Studierende haben die Missstände im aktuellen Wissenschaftssystem gravierende Auswirkungen. Statt sich auf die Lehre zu konzentrieren, müssen Lehrende um ihre berufliche Existenz bangen. Ansprechpartner_innen für Rückfragen zum Studium wechseln ständig. Die Suche nach Betreuer_innen für Abschlussarbeiten gestaltet sich zäh und mitunter müssen Studierende in kleineren Instituten dafür sogar an Lehrende herantreten, die sie inhaltlich und persönlich bislang nie in Seminaren oder Vorlesungen kennengelernt haben: Eine beachtliche Hürde. Weil das Personal im Mittelbau regelmäßig ausgetauscht wird, fangen alle immer wieder von vorne an, sich in lokale Lernplattformen, Portale zur Prüfungsverwaltung, Modulhandbücher und Prüfungsordnungen einzuarbeiten. Entsprechend schwierig ist es für die Lehrenden, Studierenden bei Fragen gezielt weiterzuhelfen. In einem durchquantifizierten Wissenschaftssystem, in dem vor allem eingeworbene Drittmittel und prestigeträchtig platzierte Publikationen zählen, fristet die Lehre noch immer ein Schattendasein. Zeit in gute Lehre investieren zahlt sich sehr viel weniger aus als die Priorisierung anderer Tätigkeiten. Wer um den nächsten befristeten Folgevertrag fürchten und dafür Vorgesetzten beim Bedienen von Kennzahlen helfen muss, macht gute Lehre auf eigenes Risiko.
Dank der großen medialen Resonanz auf #IchBinHanna wissen viele Studierende inzwischen genauer über die Umstände Bescheid, unter denen ihre Lehrenden an der Hochschule tätig sind. Nichtsdestotrotz kann es hilfreich sein, einige Minuten der eigenen Lehrveranstaltung dazu zu nutzen, über die Hintergründe aufzuklären. Dafür habe ich das folgende Sharepic vorbereitet, das gern geteilt werden darf.

Vernetzung und Austausch unter Wissenschaftler_innen in kleiner und großer Runde
Mit dem Semesterstart geht es nicht nur in der Lehre weiter, auch der Austausch mit Kolleg_innen intensiviert sich erneut. #IchBinHanna hat gezeigt: Es lohnt sich, offen über die eigene Situation zu sprechen, denn dann wird plötzlich sichtbar, dass viele unserer Probleme, die wir für eigenes Verschulden gehalten haben, eigentlich strukturelle Ursachen haben. Mir ging das so mit meiner Arbeitslosigkeit: Ich habe meine Dissertation auf ALG 1 fertiggeschrieben (anteilig für meine E12-Stelle mit 50% Umfang, ohne finanzielle Hilfe meiner Eltern hätte ich die Promotion abbrechen müssen, und war damit im Vorteil gegenüber vielen, die diese Unterstützung nicht haben). Geredet habe ich darüber lange nicht – als ich es dann doch tat, stellte sich heraus, dass es vielen so ging wie mir (Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich haben für Zeitgeschichte online über Forschung auf ALG 1 und Hartz IV (Abre numa nova janela) geschrieben – es bleibt dabei, dass wir dringend genauere Zahlen bräuchten, wie viele Forschende das betrifft).
Neben dem Austausch im kleinen Kreis in der Mensa oder auf dem Flur bringt es eine Menge, sich für Gremien zu engagieren. Mittelbauvertreter_innen sitzen z.B. in Institutsvorständen, Fakultäts- und Fachbereichsräten, im Senat. (Vieles von dem, was ich über das deutsche Wissenschaftssystem weiß, habe ich aus der Gremienarbeit gelernt. Dass einige Personen die Zeit dafür nicht oder nur mit besonders großer Mühe aufbringen können, etwa aus gesundheitlichen Gründen oder weil sie Sorgearbeit leisten, ist übrigens Teil der Diversitätsprobleme in der deutschen Wissenschaft.)
Schließlich gibt es einige Mittelbauinitiativen, die großartige Arbeit machen, indem sie aufklären, Aktionen planen, sich in ihren Hochschulen und darüber hinaus für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen. Auch die Mitwirkung in und Unterstützung von solchen Initiativen ist eine tolle Möglichkeit, lokal tätig zu werden.
Solidarität aus und mit Technik und Verwaltung
Eine Hochschule besteht nicht nur aus Profs, wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen, studentischen Beschäftigten und Studierenden: Sie braucht Mitarbeitende in Technik und Verwaltung. Auch, wenn das in aktuellen Debatten häufig kaum sichtbar wird: Die Arbeitsbedingungen unserer Kolleg_innen in diesen Bereichen lassen nicht selten zu wünschen übrig. Hier gibt es ebenfalls befristete Arbeitsverhältnisse, die Eingruppierung ist häufig niedrig, auch die Problematik von ungewollten Teilzeitstellen ist vielen Beschäftigten in diesen Bereichen nicht fremd. Auch, wenn es mitunter zu berechtigter Frustration aufseiten von #IchBinHanna führt, wenn die Verwaltung erneut ewig braucht, um den eigenen Arbeitsvertrag fertigzumachen, sollten wir daran denken: In zahlreichen Fällen liegt das nicht an bösen Absichten, sondern an der Überlastung eines Hochschulapparats, der zu jedem neuen Semester eine Unzahl an Verträgen ausfertigen und deren Unterzeichnung organisieren muss. Das dysfunktionale System schadet auch denen, die es verwalten müssen.
Reden wir also auch offen mit unseren Kolleg_innen in Technik und Verwaltung, denn nur so erhalten wir ein Bild von ihrer Arbeitsrealität – einer Arbeitsrealität, die sicher in vielen Fällen ebenfalls belastet ist von den Problemen, die uns belasten, nur eben in anderen Formen und Ausprägungen.
Tragen wir die Diskussion ums WissZeitVG und die Umgestaltung des Wissenschaftssystems so parallel zu den Online-Debatten auch an die Orte, an denen wir arbeiten – und wirken wir so gemeinsam darauf hin, dass das System sich zum Positiven verändert, im Kleinen wie im Großen!
Und was gibt’s Neues, #IchBinHanna?
Nach einigen anderen Akteur_innen hat auch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen ein Papier (Abre numa nova janela) mit einem eigenen Anschlusszusage-Modell für die Postdoc-Phase vorgelegt. Während ein Anschlusszusage-Modell grundsätzlich ein Gamechanger für die Postdoc-Phase sein könnte, mahnt uns dieser Vorschlag dazu, die genaue Ausgestaltung eines solchen Modells kritisch zu diskutieren: Hauptkritikpunkt ist die Phase R2, in der Postdocs für den langen Zeitraum von bis zu vier Jahren ohne Anschlusszusage befristet werden können. Das birgt die Gefahr, dass Arbeitgeber nach Erreichen der vier Jahre keine Dauerstelle oder befristete Stelle mit Anschlusszusage anbieten, sondern das Personal weiter austauschen. Es braucht deshalb dringend eine weiterführende Diskussion über Anschlusszusage-Modelle ohne entsprechende Risiken.