
Die bosnische Nationalmannschaft schreibt Geschichte und qualifiziert sich für die Endrunde der WM. Doch während auf dem Platz ein gemeinsames Team entsteht, zeigen Politik und Medien, wie unterschiedlich Bosnien noch immer auf sich selbst blickt.
Vor dem ersten Spiel der Bosnier gegen Kanada hatte ich in einem längeren „Lagebild"-Text (Abre numa nova janela) beleuchtet, welche symbolischen, politischen und gesellschaftlichen Auswirkungen die komplexen Zusammenhänge in einem multiethnischen Staat wie Bosnien haben. Dabei hatte ich die Zusammensetzung des Kaders, in dem der Großteil der Spieler in der Diaspora geboren sind, andere aber aus den unterschiedlichsten Regionen des Landes kommen, unter die Lupe genommen.
Auch die Rolle von Trainer Sergej Barbarez war Teil der Analyse. Der ehemalige Bundesligaspieler genießt lagerübergreifend bei den drei Völkern – bosnische Serben, bosnische Kroaten und Bosniaken – Anerkennung, was in Bosnien nur den wenigsten gelingt.
Und jetzt hat es die bosnische Nationalmannschaft tatsächlich geschafft: Durch einen 3:1-Sieg gegen Katar hat sich das Team von Trainer Sergej Barbarez erstmals für die Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Der Gegner im Sechzehntelfinale dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit Gastgeber USA sein. Gespielt wird in San Francisco am Donnerstag kommende Woche um zwei Uhr nachts (MESZ).
Der Fußballverband nimmt durch die Teilnahme an der Endrunde zwei Millionen US-Dollar ein, bereits die Qualifikation für die WM hatte neun Millionen eingebracht.
Vico Zeljković dürfte sich darüber am meisten freuen. Der Präsident des Fußball-Verbandes, Neffe von Milorad Dodik, ist in der Vergangenheit insbesondere von Bosniaken kritisiert worden. Vor einigen Jahren hatte Zeljković in einem Facebook-Post die Integrität des Staates Bosnien und Herzegowina angezweifelt, sein Onkel gilt als führender Separatist aus der Republika Srpska.
Nach dem Sieg gegen Katar gratulierte Zeljković seiner Mannschaft und schrieb auf Facebook: „Ich bin stolz auf das, was wir heute Abend gezeigt haben (…) Noch vor wenigen Jahren schien dieses Ergebnis für viele unerreichbar.”
Auf der Pressekonferenz freute sich Trainer Barbarez und erklärte: „Wir sind zwar klein, aber wir sind viele. Ich glaube, unsere Diaspora hat mehr Einwohner als unser Land selbst. Viele unserer Landsleute leben in Amerika. Sie wünschen sich alles, es bedeutet ihnen sehr viel, die Spiele sehen und mitfiebern zu können. 30.000 Menschen im Stadion – das ist fantastisch.”
Zlatko Dalić, seit 2017 Trainer der kroatischen Nationalmannschaft und gebürtig aus Bosnien, gratulierte ebenfalls: „Sie arbeiten gut zusammen, sind gut organisiert und das ist ein großer Erfolg für sie. Ich wünsche ihnen viel Glück für den Rest der Weltmeisterschaft.”
Stimmen außerhalb des sportlichen Kontexts sind in diesem Zusammenhang aber mindestens genauso interessant, im Kontext der komplexen Gemengelage in Bosnien lohnt der Blick darauf besonders – gerade vor dem Hintergrund der politischen Führungspersonen und ihren politischen Aktivitäten in den vergangenen Tagen. Dasselbe gilt für ein kurzes Schlaglicht auf die Medien.
Disclaimer: Die folgenden Beispiele, Zitate und Texte sind von mir selektiert worden, es ist möglich, dass ich Sachen übersehen habe. Sie dienen dazu, die Argumentationslinie in diesem Text zu untermauern, was natürlich eine subjektive Interpretation ist.
Erstes Beispiel ist Denis Bećirović, das bosniakische Mitglied des Staatspräsidiums von Bosnien und Herzegowina. Das kollektive Staatsoberhaupt bilden neben ihm Željko Komšić für die bosnischen Kroaten und Željka Cvijanović für die Serben.
Bećirović veröffentlichte noch gestern Abend ein Instagram-Video, in dem er mit Sergej Barbarez und einigen Nationalspielern zu sehen war und schrieb: „Herzlichen Glückwunsch an unsere Drachen! Lang lebe das Heimatland!”
Der Bosniake Bećirović weilte gestern in Berlin und führte Gespräche mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in denen es vorrangig um die EU-Beitrittsbemühungen Bosniens und die Nachfolge für das Amt des Hohen Repräsentanten ging. Der noch amtierende Hohe Repräsentant, Christian Schmidt, hatte vergangenen Monat seinen Rücktritt verkündet.
Heute ist Bećirović im polnischen Danzig, wo die Wiederaufbau-Konferenz für die Ukraine stattfindet.
Željko Komšić schloss sich ihm als kroatischer Vertreter an und betonte in einem Auftritt bei Hayat TV, wie stolz er auf die Nationalmannschaft und die Fans sei, weil sie von Bosnien ein positives Bild in der Weltöffentlichkeit kreierten. Komšić ist dafür bekannt, in Bosnien eher einen als spalten zu wollen, was ihm insbesondere aus bosniakischer Perspektive viel Wohlwollen entgegenbringt.
Kommentare von Željka Cvijanović, der serbischen Vertreterin, habe ich bis zur Veröffentlichung dieses Textes keine gefunden.
Cvijanović war in den vergangenen Tagen in Israel und traf dort Benjamin Netanjahu, dem sie in einem Statement „für die langjährige gute Zusammenarbeit und das Verständnis, das er der Republika Srpska und ihren Positionen entgegengebracht hat” dankte.
Abseits der Berichterstattung über den WM-Verlauf aus bosnischer Sicht sind mir bei N1 und RTRS zwei Texte aufgefallen, die dazu dienen, die politische Situation in Bosnien besser zu verstehen.
N1 ist ein Fernsehsender, der über den gesamten Balkan berichtet und mit CNN zusammenarbeitet. RTRS ist der öffentlich-rechtliche Fernsehsender der Republika Srpska und steht damit dem Dodik-Lager nahe.
Auf der eigenen Webseite veröffentlichte N1 heute Morgen einen Text, der über eine Studie eines in Slowenien ansässigen Thinktanks berichtet. Das IFIMES ist das „International Institute for Middle Eastern and Balkan Studies“, das politische und sicherheitspolitische Entwicklungen in Südosteuropa und anderen Regionen analysiert.
Bosnien und Herzegowina befindet sich laut der Studie an einem Scheideweg zwischen einer stärkeren Integration in EU und NATO und verstärkter Zusammenarbeit mit politischen Kräften, die kontinuierlich das Land destabilisieren. Als zentrale Herausforderungen werden institutionelle Blockaden, Korruption und separatistische Bestrebungen genannt – insbesondere aus der Republika Srpska.
Den kommenden Präsidentschaftswahlen im Oktober 2026 misst IFIMES daher große Bedeutung bei: Sie könnten darüber entscheiden, ob das Land den Kurs Richtung europäischer Integration fortsetzt oder in politische Krisen und Spaltungen zurückfällt.
Einen anderen Akzent setzt ein politisch stark gefärbter Kommentar, den RTRS heute Morgen auf der Startseite platzierte. Aleksandar Vranješ schreibt anscheinend als bosnischer Botschafter für Serbien, auf einer Webseite wird er als Politikwissenschaftler geführt.
Der Text stellt die EU als „rechtsbrechend” und „undemokratisch” dar. Grundlage ist die Behauptung, die EU würde durch Eingriffe in die Nachfolge des Postens des Hohen Repräsentanten und das internationale Aufsichtssystem in Bosnien gegen Verträge verstoßen – die Rechtslage wird hier allerdings recht selektiv ausgelegt.
Inhaltlich arbeitet der Text mit vielen Zuspitzungen, Unterstellungen und stark wertenden Begriffen („Tyrannei“, „okkupative Verwaltung“, „antiserbische Politik“), ohne diese sauber nachzuweisen. Komplexe institutionelle Prozesse in Bosnien und Herzegowina werden stark vereinfacht und in ein Narrativ gepresst, das die EU, westliche Staaten und den Hohen Repräsentanten als gezielt feindlich gegenüber der Republika Srpska darstellt.
Dabei werden unterschiedliche politische Positionen und internationale Mechanismen bewusst vermischt, um ein klares Feindbild zu erzeugen.
Auch zentrale Ereignisse – etwa Entscheidungen des Hohen Repräsentanten oder Spannungen im politischen System – werden aus dem Kontext gerissen und als Beleg für eine angebliche „fremde Herrschaft“ interpretiert. Der Text ist damit weniger Analyse als politische Agitation mit dem Ziel, Misstrauen gegenüber einer angestrebte EU-Integration zu schüren.
Allein an diesen beiden Online-Artikeln wird die Fragmentierung des politischen Systems in Bosnien deutlich. Viele Medien in Bosnien sind deutlich den drei politischen Lagern zuzuordnen und spiegeln damit die ethnisch-politische Teilung des Landes wider.
Die Folge ist ein Mediensystem, das jeweils abgekoppelt vom anderen berichtet und speziell in der Republika Srpska mit RTRS ein wichtiges Medium bietet, das stark an der politischen Linie von Dodiks Partei ausgerichtet ist. Gesamtstaatlich betrachtet gibt es Medien wie N1 oder Al Jazeera Balkans, die dafür bekannt sind, eher pluralistisch zu berichten. Aber auch das ist wie immer eine Frage der Interpretation.
Ein historischer sportlicher Erfolg führt in Bosnien nicht zwangsläufig zu einer gemeinsamen nationalen Erzählung, wie es bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland, dem „Sommermärchen”, der Fall war. Der Fußball, der als identitätsstiftender Kitt wirken soll, wird besonders in Bosnien schnell in bestehende politische und ethnische Deutungsmuster übertragen.
Die Nationalmannschaft ist auf dem Papier ein gemeinsames Symbol des Gesamtstaats, ihre Wirkung im Land ist jedoch unterschiedlich.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieser Weltmeisterschaft: Die Nationalmannschaft schafft es, Spieler aus Banja Luka, Mostar, Tuzla und der Diaspora unter einem Trikot zu vereinen.
Doch selbst in dem Moment, in dem Bosnien und Herzegowina den größten sportlichen Erfolg seiner Geschichte feiert, existiert keine gemeinsame Vorstellung davon, was dieses Land ist, wohin es sich entwickeln soll – und welche Geschichte über seinen Erfolg erzählt werden darf.
Hinter diesem Text steckt wie immer einiges an Zeit. Wenn du mich bei meiner Arbeit unterstützen willst, kannst du gerne Mitglied (Abre numa nova janela) werden oder mir via Paypal (Abre numa nova janela) ein Eis spendieren.
Und damit enden wir mit diesen Bildern aus Bosnien.
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