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#17: Weicheier, Familienväter, Gentle-Men, wir wollen euch!

Wie können wir mit Männern leben? Das fragt sich die Philosophin und Beobachterin des Pelicot-Prozesses Manon Garcia (Abre numa nova janela). Wie können wir neben Männern unseren Alltag bestreiten, obwohl sie alle vom Patriarchat profitieren, ob sie wollen oder nicht? Wie mit ihnen unser Leben teilen, obwohl gerade die Männer, die uns besonders nahe stehen (Abre numa nova janela), eine der größten Gefahren für Leib und Leben sind? Statistisch gesehen (Abre numa nova janela). Wie gleichzeitig mit diesen Zahlen und der Einsicht, die sie bringen, gemeinsam mit Männern existieren, ohne vor Angst paranoid zu werden?

Garcia hat dieser Problematik ein Buch (Abre numa nova janela) gewidmet, in dem sie ihre Beobachtungen und Gedanken über den Prozess gegen Dominique Pelicot und seine Mitangeklagten zusammengefasst hat. Pelicot, der dafür verurteilt wurde, seine Ehefrau über ein Jahrzehnt lang immer wieder betäubt und gemeinsam mit Dutzenden anderer Männer massenhaft vergewaltigt zu haben.

Ein Verbrechen von monströsem Ausmaß, aber mit sehr mondänen Tätern. Alle Verurteilten seien “normale” Männer mit durchschnittlichem Leben, ein Querschnitt der männlichen Gesellschaft, so Garcia. Sie hätten auch unsere Väter, Partner, Brüder, Freunde oder Söhne sein können. Das ist für mich, abgesehen von der Perfidität in Pelicots Vorgehen, der schockierendste Aspekt des ganzen Falls.

Manon Garcias Analyse umfasst augenöffnende Gedanken über unser unzureichendes Verständnis von “Zustimmung” zu Sex und die kollektiv empfundene Überforderung mit der Banalität der faulen Ausreden, die die Täter für ihre Verbrechen finden. Ich möchte hier aber nicht näher erläutern, was ich alles gelernt habe. Gar nicht, um nicht zu spoilern, sondern weil ich denke, dass es den Platz ihres schmalen, aber schwerwiegenden Büchleins benötigt, um alles ausreichend zu erklären. Und Garcia hat selbst schon sehr klare, oft wenig philosophisch-verklausulierte Worte dafür gefunden. Meine Leseempfehlung. 

Aber eines findet sie nicht: einen Lösungsvorschlag, der die Moderatorin und das Publikum in Berlin bei der Premiere der deutschen Übersetzung ihres Buchs zufriedenstellen konnte. Denn ihre Antwort auf die Frage, wie besonders Frauen, die Männer lieben, auch mit ihnen leben können, ist Liebe.

Allerdings nicht die Liebe dieser Frauen. Sie sieht den Ball durchaus im Spielfeld der Männer. Sie plädiert dafür, dass Männer, die mit Frauen romantisch verbandelt sein wollen, diese wenigstens ein bisschen mehr lieben müssten. Nicht besitzen wollen, nicht kontrollieren wollen, nicht als Objekt betrachten, sondern lieben im Sinne der Akzeptanz als selbstbestimmte Person. So als wäre sie ein anderer Mann.

Garcia vermutet wahrscheinlich, dass Vergewaltigungen und (sexualisierte) Gewalt gegen Frauen allgemein dadurch seltener vorkommen sollten. Was auch gut sein kann. Aber was das Publikum wahrscheinlich vor den Kopf stieß, war die Einfachheit der Antwort im Kontrast zur Komplexität der neuen Frage: Wie lernen Männer, Frauen mehr zu lieben? Und wieso sollten sie das wollen?

Cleo live

Am 14.10. darf ich die Moderation der Buchpremiere von “Orgasmic Parents” (Abre numa nova janela) bei der Buchbox im Prenzlauer Berg übernehmen! Ein wundervoll anschaunlich in Wort und Bild gestaltetes Praxisbuch für lebendige Sexualität rund um das Eltern werden und sein. Hier finden sich die Tickets (Abre numa nova janela) - seid schnell und erscheint zahlreich, um dieses tolle Werk mit uns zu feiern!

Ich habe dazu zwei Thesen. Erstens, indem sie Weichheit (und das damit stereotyp verbundene Weibliche) embracen. Zweitens, indem Frauen lernen, weiche Männer zu lieben. Ja, es braucht einen team effort.

Ich persönlich date am liebsten weiche Männer. Sanfte Typen, die am besten auch ein bisschen gay sind. Aber noch bis vor zwei Jahren sah das komplett anders aus. Genau wie mein Dating-Leben, das deutlich belasteter war von Seximus, Empathiemangel und Übergriffigkeit. Ich will gar nicht behaupten, dass es jetzt nicht mehr zu Konflikten zwischen mir und meinen männlichen Partnern kommt. Aber die Qualität der Kommunikation und das Level an Respekt mir gegenüber haben sich deutlich verbessert, seitdem ich Weicheier bevorzuge. 

Weicheier, das sind Männer, die Schwäche zulassen, Fehler eingestehen und andere Gefühle als Wut zeigen, habe ich gelernt. Ich bin in dem Glauben aufgewachsen, dass Weicheier das Gegenteil von “echten Männern” darstellten und deswegen unsexy seien. Nichts war lange Zeit weniger hot für mich, als ein Mann, der nicht ständig sagen kann, wo’s lang geht. Es ging sogar noch tiefer als reine Attraktivität, ich habe sanfte Männer nicht im selben Maß respektiert wie “echte”.

Dabei ist der Gentleman einst ein erstrebenswerter Status gewesen, der sich im herkömmlichen Sinne des Begriffs über besonders respekt- und rücksichtsvolles Verhalten gegenüber anderen Menschen - auch Frauen - auch Frauen, an denen es kein sexuelles Interesse gab - ausgezeichnet hat. Das moderne Verständnis des “Gentlemen’s Club” hingegen bezieht sich nicht selten auf Männerbünde, die Frauen als Lustobjekte betrachten, und einfach nicht ernst nehmen. Wobei letzteres vielleicht schon immer so war.

Dabei ist das genau, was wir brauchen: gentle men, sanfte Männer. Wieso? Weil sie zuallererst niemandem Angst machen.

Letztens saß ich in Neukölln auf einer Parkbank und las obiges Buch. Zwischendurch musste ich mir ein paar Verschnaufpausen von der manchmal schwer einzuhaltenden Lektüre gönnen und ließ meinen Blick dafür durch die Gegend wandern. Ich beobachtete alle Leute, die im Oktobersonnenlicht an meiner Parkbank vorbei schlenderten und stellte fest: Auch wenn ich per se keine Angst vor fremden Menschen habe, gibt es manche, die mich weniger einschüchtern als andere.

Und wenn ich das auf Personen beziehe, die ich als Männer lese, dann ist das vor allem eine Gruppe: Väter. Männer mit Kindern. Um sie herum, vor ihnen im Buggy oder an ihre Körper geschnallt. Sie wirken einfach unheimlich friedlich auf mich. Das kann daran liegen, dass ich ein unerschütterliches Vertrauensverhältnis zu meinem eigenen Vater habe. Es kann aber auch daran liegen, dass Männer, die sich um Kinder kümmern, das Sinnbild ungefährlicher, sanfter Männlichkeit sind.

Ich persönlich habe noch nie von einer Frau gehört, sie fände bevaternde Männer in irgendeiner Art und Weise bedrohlich. Auch nicht von denjenigen, die selbst keine Kinder haben wollen. 

Worum es hier nicht geht, ist, diese Männer als besonders hot oder attraktiv darzustellen. Ich spreche hier nicht vom Sexsymbol “Dad Bod”, sondern von einem nicht-alarmierten Nervensystem beim Anblick eines Mannes mit Kind.

Der “Familienvater” ist in meinen Augen der am wenigsten bedrohliche Archetyp Mann, sogar noch vor dem “alten Mann”, weil der Vater sich höchstwahrscheinlich vor seinen Kindern selbst mit übergriffigen Kommentaren und Geräuschen zurückhält. Schließlich gehört der Ausdruck von Sexualität vor ihren Kindern für die meisten Eltern noch zu den ungebrochenen Tabus. Von Vätern erwarte ich also nichts Ekliges, das über Baby-Kotze auf dem Shirt hinausgeht.

Was alles nicht heißen soll, dass Väter keine Gewalt anwenden können. Aber mir geht es erst einmal um den friedvollen Eindruck, den sie vermitteln. Der auch schon oft genug dafür gesorgt hat, dass Betroffenen nicht geglaubt wurde, gerade weil man es mit einem Familienvater als Täter zu tun hatte. Ich schweife ab.

Jedenfalls bin ich davon überzeugt, dass wir das Muster “hart gleich hot” und “weich gleich shit” auch wieder verlernen können und sollten. Denn der “weiche Mann”, ist ein Mensch, der weiblich konnotierte Verhaltensweisen, Interessen etc. nicht von sich weist - und damit einer, der im Sinne Garcias die Frauen ein bisschen mehr liebt. Denn der Kult um “wahre Männlichkeit” mit Härte, Stärke, Bärten und anderen Umlauten wurzelt in nichts anderem als Misogynie.

Also, wie kann man “das Weibliche” als Mann mehr annehmen?

Wo konkrete Schritte sehr individuell gestaltet werden können, habe ich einen allgemeinen Ratschlag: Interessiere dich für die Perspektive von Frauen und nicht-binären Personen. Lies ihre Bücher, schau ihre Filme und höre den Menschen in deinem Umfeld zu. 

Oder geh doch z. B. Mal in einen Laden für Periodenprodukte (Abre numa nova janela) und schau dich um, was es so gibt. Lass dir erklären, was du noch nicht kennst. Lass dich beraten, welche Produkte du für deinen nächsten Damenbesuch bei dir Zuhause in deinem Badezimmer anbieten könntest. Aber lass auf jeden Fall dieses seelenlose Desinteresse an sogenannten “Frauenthemen” sein.

Du bist ein Mann und willst deine Mitmenschen nicht einschüchtern? Weil du keine Gefahr bist? Dann zeig es!

Du willst nicht bedrohlich wirken? Dann werd weich!

Du hast von ‘ner Frau gehört, sie findet das nicht attraktiv? Dann lass sie ziehen! Da kommt schon noch eine andere, die das hot findet. Weil es auch eh nicht um deine Schale gehen sollte, sondern um deinen Kern.

Harte Schale war gestern. Wie wär’s mal mit weiche Schale dort, wo auch weicher Kern drin ist? Vor wem versteckst du den eigentlich? Immer noch vor deinem Vater? Grow. The fuck. Up.

Und nun mein Aufruf an die hetero datenden und liebenden Frauen um mich herum. Hinterfragt bitte eure Vorurteile gegenüber und Berührungsängste mit weicher Männlichkeit. Denn wenn er sich für deinen Geschmack “zu feminin” bewegt, kleidet oder spricht, könnte das deine persönliche Präferenz sein. Oder auch ne gute Prise internalisierte Misogynie. Bei mir war das jedenfalls so und ich kann bestätigen, dass man das verändern kann.

Aber mehr Veränderung müssen wir von unseren Mit-Männern einfordern. Indem wir zeigen, dass ihre Weichheit willkommen ist und dass die alte Härte sie nicht mehr weiterbringt.

Ich hoffe sehr, dass sie das motivieren wird, Frauen ein bisschen mehr zu lieben.

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Blog

Was dir nie jemand sagt…

über Sex ab 50

In dieser Reihe stelle ich Menschen, die 50 Jahre oder älter sind, fünf Fragen dazu, wie sich ihr Sexleben entwickelt hat.

In Ausgabe Nummer 7 hat Toni S. (64) über ihre Erfahrungen gesprochen und ermuntert alle, Sex gerne auch abseits der bekannten, ausgetretenen Pfade zu erkunden!

Wenn du auch einmal Teil der Interview-Reihe sein möchtest oder jemanden kennst, der*die interessiert ist, melde dich gerne bei mir! Los geht’s:

Welche Stichworte beschreiben Sex ab 50 für dich am besten?

Toni: “Fantastische Orgasmen, fantasievoll, lustorientiert. Von der Performance zur Lustreise.”

Was fühlt sich bei Sex ab 50 anders an als mit 30?

Toni: “Ich fühle mich beim Sex lustvoller, selbstbestimmter, befreiter und neugieriger.”

Worauf willst du heute beim Sex nicht mehr verzichten?

Toni: “Ein*e entdeckungsfreudige*r Partner*in. Mit 50, 10 Jahre nach meiner Scheidung und nach vielen unterschiedlichen Sexpartnern, bin ich in eine offene Beziehung gerutscht. Der Mann, mit dem ich ein Jahr zusammen war, war mein erster Partner, der sich intensiv mit der weiblichen Sexualität auseinandergesetzt hatte.

Er hatte tolle Bücher darüber gelesen. Bücher, die ich bis dahin nicht kannte. Und hatte viel Erfahrung und Lust sich mit mir und meinem Körper zu beschäftigen. Er selbst war impotent. Und wir hatten viele wunderbare Erlebnisse mit mir und meiner Vulva, die sich mir mit völlig neuen Lustgefühlen offenbarte.

Vielleicht war es der Fakt, dass er impotent war. Ich hatte zum erstmal Sex ohne das vorrangige Gefühl bei mir, den Mann unbedingt befriedigen zu müssen. Mein Erleben stand komplett im Vordergrund und meine Lust war es, die ihn befriedigte.

Dadurch konnte ich diesen inneren, patriarchal getriebenen Zwang überwinden, unbedingt befriedigen zu müssen. Ich könnte mich zum ersten Mal völlig frei meiner Lust hingeben.”

Ist dir Sex heute wichtiger oder unwichtiger als mit 30?

Toni: “Wichtiger, weil tiefer und erfüllender.”

Was hat dir nie jemand über Sex ab 50 gesagt?

Toni: “Dass es unendliche Tiefen zu entdecken gibt, die mich als Mensch weiter machen. Die Tiefe kam mit meiner erstaunlichen Einsicht, dass der Sex und die Befriedigung nur für mich da waren, ohne diesen Care-Zwang.”

Herzlichen Dank für dein Vertrauen, liebe Toni, und dass du deine Erfahrungen mit einem buchstäblich weichen Mann mit uns geteilt hast!

Empfehlungen

Natürlich empfehle ich an dieser Stelle nochmal ausdrücklich Manon Garcias gesammelte Gedanken zum Pelicot-Prozess “Mit Männern leben”:

Wer sich unabhängig vom Geschlecht dafür interessiert, wie man sich seine Sanftheit erkämpft und auch in politisch harten Zeiten bewahrt, der*die sollte einen Blick in das ebenfalls gerade erschienene Buch von Laura Lucas, Katrin Rönicke und Lena Sindermann werfen: “Resist! Weich bleiben in harten Zeiten” (Abre numa nova janela). Die Macherinnen produzieren übrigens auch den großartigen, feministischen Lila Podcast (Abre numa nova janela) und sind auch hier auf Steady mit einem Newsletter vertreten (schaut mal in meinen Empfehlungen vorbei).

Und zu guter Letzt noch eine andere Podcast-Empfehlung: In Bed With The Right ist ein Format, dem ich regelmäßig mit Verzückung und Empörung zugleich lausche. Aber der Zweiteiler über Phyllis Schlafly (Abre numa nova janela) - die Frau, die eigenhändig den Equal Rights Act in den USA gekippt hat - ist ganz besonders empfehlenswert. Alle, die sich politisch interessieren, sollten ihre Geschichte kennen. Sie hat den Vorwurf der Unmoral über die Gleichstellung der Geschlechter gebracht. And frankly, I hope she’s rotting in her own personal hell.

Mehr von Cleo

Im Tagesspiegel ist mal wieder eine neue Kolumne von mir erschienen! Lesbar mit Abo: “Wer hat eigentlich Sex in der Therme?” (Abre numa nova janela)

Kontakt

Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (Abre numa nova janela) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (Abre numa nova janela) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!

Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

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Tópico Cleographie

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