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Die Klima-Desinformations-Maschine rollt

Ausgabe 37 - Wie RCP8.5 für politische Zwecke missbraucht wird

Moin!

Die Klimakrise sei abgesagt liest man derzeit an vielen Stellen des Internets. Was hanebüchener Unsinn ist.
Kuriose Gleichzeitigkeit: Während Teile Westeuropas unter einem Hitzedom schmoren, nutzen Klimaleugner eine wissenschaftliche Präzisierung, um Zweifel zu schüren und Klimapolitik infrage zu stellen. Es werden Fakten aus dem Zusammenhang gerissen und teils tüchtig gelogen – und das lohnt sich mal aufzudröseln.

Schön, dass Sie dabei sind!

Diesen Newsletter werde ich mit random Bildern der Ostsee bebildern, die ich in meinem Bildungsurlaub gemacht habe.

In dieser Newsletterausgabe geht es darum, wie Akteure gezielt falsche Informationen verbreiten. Um das sichtbar zu machen, werden notwendigerweise Teile der falschen Erzählungen reproduziert. Deshalb vorab: Die Erderwärmung ist real, sie ist menschengemacht und ihre Folgen sind bisher vielfach sogar drastischer als prognostiziert. Über die Wege zur Bekämpfung der Erderwärmung kann und muss man streiten, nicht aber über ihre Existenz.

RCP8.5. Selten hat eine Klimamodellierung so viel Aufmerksamkeit erhalten. RCP8.5 ist gemeinhin als das Worst-Case-Szenario bekannt, mit dem in der Klimawissenschaft die Auswirkungen einer massiven Nutzung fossiler Brennstoffe durchgerechnet werden - und welche Folgen das für die Erderwärmung hätte: Etwa plus 5 Grad.

RCP8.5 stammt aus einer Zeit vor dem Pariser Klimaschutzabkommen, als die Welt noch einen massiven fossilen Kurs fuhr und Erneuerbare Energien allenfalls eine tolle Idee, aber noch nicht so günstig verfügbar waren. Es soll zeigen, was schlimmstenfalls passieren könnte, um das überhaupt wissenschaftlich greifbar zu machen. Doch schon seit etwa 2014 wird innerhalb der Wissenschaft intensiv darüber debattiert, ob man dieses Szenario weiter verfolgen sollte oder ob man sich nicht auf realistischere Szenarien fokussieren sollte. [Link] (Abre numa nova janela)

Und genau das passiert jetzt. Im neuen Sachstandsbericht des IPCC, der derzeit erarbeitet wird, werden neue Szenarien genutzt, die neu erarbeitet wurden, weil Wissenschaft sich auf Basis neuer Erkenntnisse weiterentwickelt. RCP8.5 sei nicht mehr plausibel heißt es, weil die dafür nötige CO2-Konzentration der Atmosphäre kaum mehr zu erreichen ist. Zum Teil auch dank des Ausbaus Erneuerbarer Energien.

Seitdem wird diese normale wissenschaftliche Entwicklung genutzt, um Leserinnen und Leser zu verwirren und zu täuschen. Zum Beispiel in der Bild:

Prognosen völlig falsch! Klimaforscher streichen ihr schlimmstes Angst-Szenario

Scrollt man bis zum Ende des für Bild-Verhältnisse sehr langen Textes, erfährt man immerhin, dass die Erderwärmung natürlich trotzdem da ist und auch durchaus üppig. Man kann dem Autor also keine vollständige Desinformation vorwerfen, wohl aber bewusste Fehlleitung der Leserinnen und Leser mit Hilfe einer dusseligen Überschrift.

Einen deutlichen Schritt weiter ging in ihrem Meinungsbeitrag als Kolumnistin der Welt die ehemalige CDU-Familienministerin Kristina Schröder, die mittlerweile stellvertretende Leiterin der selbsternannt bürgerlichen Denkfabrik „Republik21“ ist.

Sie überschrieb ihren Beitrag mit: „Die Apokalypse fällt aus. Können wir bitte noch mal über das Klimaziel sprechen?“

Darin behauptet sie:

„Deutschland schlittert immer tiefer in die Deindustrialisierung. Schuld ist ein Klima-Horrorszenario, das Wissenschaftler nun als falsch enttarnt haben. Allerhöchste Zeit, die deutschen Klimaziele zu überdenken.“

Schröder suggeriert: Die Basis deutscher Klimapolitik zerbricht mit dem Wegfall von RCP8.5. Das ist falsch. Aber weil es komplex ist, das zu erklären, wird diese Lüge verfangen.

Schröder und andere – wie z.B. der AfD-Politiker Karsten Hilse bei der von seiner Partei angesetzten Aktuellen Stunde im Bundestag zum Thema, meinen: Der Weltklimarat bezieht sich auf RCP8.5. Deshalb seien die Einschätzungen des Weltklimarates falsch. Weil sich die deutsche Politik auf die Einschätzungen des Weltklimarates bezieht, sei die deutsche Klimapolitik falsch. Weil sich auch das Bundesverfassungsgericht in einer Klimaschutzentscheidung von 2021 auf den Weltklimarat bezieht, sei auch diese Entscheidung falsch. Deshalb sollten wir alles infrage stellen.

Fakt ist aber: Der IPCC bezieht sich gar nicht nur auf RCP8.5, sondern greift in seinen Berichten alle wissenschaftlich verwendeten Szenarien auf.

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Szenariendarstellung um 6. Synthesebericht des IPCC

Wenn Schröder oder Hilse also behaupten, mit dem Abschaffen des Szenarios RCP8.5 würde die deutsche Klimapolitik ihre Grundlage verlieren, dann ist das faustdicker Mumpitz.

Mithilfe einer massiv verkürzten Darstellung einer normalen wissenschaftlichen Entwicklung wird hier gezielt Stimmung gegen Klimapolitik gemacht. Von einer Partei (AfD), die den menschengemachten Klimawandel leugnet, einem Thinktank, der die deutsche Klimapolitik ohnehin auf dem Kieker hat und einer Verlagsgruppe, die schon im Fall des Heizungsgesetzes eine Kampagne fuhr, die oft mit der Wahrheit wenig zu tun hatte.
Charakteristisch ist dabei, dass im Kern durchaus wahre Entwicklungen völlig verkürzt werden, aus ihrem Zusammenhang gerissen. Die Tatsache etwa, dass wissenschaftsintern bereits lange darüber diskutiert wurde, inwiefern RCP8.5 noch zeitgemäß ist, wird zum Beleg hochstilisiert, dass sich hier lange eine kleine Lobby durchgesetzt habe, die das Szenario brauche, um Menschen Angst zu machen.
Die hier aufgeführten Akteure dieser Kakophonie sind dabei nur eine Auswahl, zu der man natürlich auch US-Präsident Donald Trump hinzufügen könnte.

Wenn Sie in einem Bundesland leben, wo Sie Anspruch auf Bildungsurlaub haben, nutzen Sie den auf jeden Fall!

Doch es geht noch weiter.
In sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Instagram bleibt derzeit keine Kommentarspalte zu Klimathemen ohne Beiträge, in denen Accounts davon sprechen, dass doch alles nicht so schlimm werde, die Klimakrise sei doch abgesagt, was regt ihr euch auf, war doch alles Fake. Schaut man sich diese Accounts genauer an, tragen viele Merkmale, die darauf hindeuten, dass dahinter keine echten Menschen stecken. 

Die Maschine zur Delegitimierung von Klimapolitik läuft – und sie ist gut geölt.

Wie aber dagegen halten, wenn diese Erzählung in die Köpfe kriecht? Nun, es braucht gar kein Worst-Case-Szenario: Auch “darunter” wird es ausreichend scheiße.
Im Grunde reicht eine Beschreibung des Status Quo., z.B.:

  • Aktuell erleben Teile Westeuropas die erste Hitzewelle des Jahres. Großbritannien hat mit Werten über 35 Grad einen neuen Mai-Rekord erreicht - an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gab es Rekordhitzewerte, auch der Westen Frankreichs brütet. Das ist nicht normal – im Mai.

  • Das europäische Erdbeobachtungssystem Copernicus meldet in den letzten Wochen immer neue Rekordtemperaturen der Meeresoberfläche – auch nicht normal.

  • Die Weltwetterorganisation erklärte im März, der Planet sei in einem nie gekannten Energie-Ungleichgewicht. Die Erde nimmt in enormen Maße Wärme auf – heißt: Es wird mehr Sonnenenergie aufgenommen, als abgegeben. Extrem unnormal.

Derzeit gehen die Vereinten Nationen von einer Erwärmung von 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Zur Erinnerung: Weil sich Europa deutlich stärker aufheizt als andere Regionen, liegen wir bei einer globalen Durchschnittstemperatur von +1,5 Grad in Deutschland bereits bei +2,5 Grad im jährlichen Durchschnitt. Heißt: 2,8 Grad global machen es hier richtig schön kuschelig.

Angesichts dieser dramatischen Entwicklungen und der sich parallel immer weiter verschlechternden geopolitischen Lage, ist es absolut nachvollziehbar, dass Menschen Auswege suchen. Erzählungen, dass ja in Wirklichkeit alles nicht so schlimm sei, können ein solcher Ausweg für die Psyche sein. Die Realität wird dadurch nicht geändert. Und doch zeigen Ereignisse wie rund um den Wal Timmy, wie wirkmächtig solche Erzählungen werden können. Wenn Leute sich kollektiv, mit Unterstützung sozialer Medien Dinge einreden und es ihnen gelingt, entscheidende politische Akteure auf ihre Seite zu ziehen, dann stirbt der Wal eben nicht am Strand, sondern wird schwer verletzt ins Meer geworfen und ertrinkt.

Wäre schade, wenn das auch der deutschen Klimapolitik widerfahren würde. Wenn Ihnen Leute begegnen, die auf diese Erzählung reinfallen, empfehlen Sie am besten diesen Newsletter.

Die Auseinandersetzung mit der menschengemachten Erderwärmung und ihren Folgen kann zu starken Gefühlen führen. Verunsicherung, Angst, Wut - das komplette Spektrum. Das ist völlig menschlich und es geht vielen so. Viele dieser Gefühle können eine Basis sein, ins Handeln zu kommen. Sie können aber auch überwältigen. Es ist völlig richtig sich dann Hilfe zu suchen - ob professioneller Art oder im Rahmen von Gesprächen mit Familie und Freund:innen.

Man muss allerdings rechtzeitig buchen, um die guten Sachen machen zu können.
Kurz notiert

Die UN-Generalversammlung hat in der vergangenen Woche eine Resolution angenommen, die klimapolitisches Handeln stärken soll und die Entscheidung des Internationalen Gerichtshof zur internationalen Verantwortlichkeit fürs Nicht-Handeln stützt. Das ist erstmal viel Diplomatie-Prosa und doch: Dass in Zeiten wie diesen eine deutliche Mehrheit für den Antrag des kleinen Inselstaates Vanuatu zusammenkam, kann man positiv sehen. Wer dagegen stimmte: Belarus, Iran, Israel, Liberia, Russland, Saudi-Arabien, die USA und Yemen. [Link] (Abre numa nova janela)

Die Bestände vieler klassischer Gartenvögel gehen zurück. Das ist das Ergebnis der „Stunde der Gartenvögel“, ein Projekt des Naturschutzbundes, bei dem Jahr für Jahr Menschen aufgefordert sind, die Vögel in ihrem Garten zu dokumentieren. Hier zeigen sich über Jahre negative Trends. Wer einen Garten hat, kann aber helfen – durch naturnahes Gärtnern, das Platz für Insekten lässt. Wer keinen Garten hat, kann durch bürgerschaftlichen Einsatz für Grünflächen helfen. [Link] (Abre numa nova janela)

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Wie sich die Havel mittlerweile von der Wasserautobahn zu einem Naturparadies entwickelt hat, durch gezielte Renaturierung der Aue, erzählt meine Kollegin Katharina Thoms: [Link] (Abre numa nova janela)

Welche Probleme die Wasserversorgung Berlins absehbar in den kommenden Jahren bekommen wird, weil die Spree immer weniger Wasser führt, auch aufgrund des Kohleausstiegs in der Lausitz, berichtet die SZ (€): [Link] (Abre numa nova janela)

Danke für Ihr Interesse & bis zum nächsten Mal
Frau Büüsker