Der 80. Jahrestag der Befreiung ist ein Tag, der von vielen Seiten instrumentalisiert wird. Auch, weil vor allem vom Kriegsende gesprochen wird - und darüber vergessen wird, dass es nicht nur um das Ende des Krieges geht.
Am 8. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht - und damit endete in Europa der Zweite Weltkrieg. So die offizielle Erzählung. Deutschlands Verbündeter Japan allerdings kämpfte weiter. Erst am 2. September 1945 kapitulierte auch das japanische Kaiserreich. Und erst dann endet der Zweite Weltkrieg auch im asiatisch-pazifischen Raum.
Das Schwierige an dieser Erzählung des Kriegsendes aus deutscher Perspektive ist: Mit dem Zweiten Weltkrieg endet auch die NS-Diktatur. Das wird aber ganz gerne vergessen. Der Fokus liegt auf “dem Krieg” - und das ist nachvollziehbar für alle Länder, die von Deutschland angegriffen wurden. Deren Bevölkerung gegen die Nazis gekämpft hat, deren Bürger*innen verschleppt, versklavt, deportiert und ermordet wurden.
Aus deutscher Perspektive allerdings müssen wir zwingend auch immer über das Ende der NS-Diktatur sprechen - oder besser: Deren Niederlage. Und damit über die Niederlage aller Deutschen, die diesem Regime angehangen, es unterstützt und ihm gedient haben. Das tun wir aber nicht so gerne und deshalb reden wir vor allem “vom Krieg”. Und da insbesondere von dem Grauen, dass die (Ur)Großväter an der Front erleben mussten (von deren Kriegsverbrechen reden wir deutlich weniger) und den Kriegstraumata der Verwandten, die als Kinder die Angriffe der Aliierten überlebt haben. Und ja, das ist ohne Frage schlimm. Also wirklich schlimm.
Aber gerade rund um den 80. Jahrestag drägen sich genau diese Geschichten in den Vordergrund. Soll vor allem über das Leid der deutschen Bevölkerung gesprochen werden und eben nicht über das Leid, dass die deutsche Bevölkerung verursacht hat. Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieses Newsletters: Traumata.
Trauma ist Trauma
Gleich zwei Veröffentlichungen zeigen sehr deutlich, wo das Problem ist, wenn zum 80. Jahrestag des Kriegsendes in Europa über Traumata gesprochen wird. So hat zum Beispiel das WDR Format “Quarks” auf instagram einen Post veröffentlicht zu “Vererbtem Schmerz (Abre numa nova janela)”. Damit wir alle über dasselbe sprechen, hab ich diese Posts hier einmal als Screenshots reinkopiert. Plattformbrüche sind ja immer schwierig. Mir geht es hier im Übrigen nicht um ein ÖRR-Bashing. Diese Undifferenziertheit lässt sich in weiten Teilen der Bevölkerung immer wieder beobachten. Mir geht es hier tatsächlich um Aufklärung.
Was macht also dieser Post? Zunächst einmal versucht er, sich dem Thema “Transgenerationale Traumata” zu nähern und pickt sich dabei eine recht umstrittene wissenschaftliche These raus. Nämlich die zur Epigenetik, die besagt, dass traumatische Erfahrungen erblich weitergegeben werden können und als quasi Schatten auf den Genen der Nachfahren nachweisbar sind. Das kann man grundsätzlich zum Thema machen, aber nicht so.
(Abre numa nova janela)Denn: Zunächst wird hier eine Studie zitiert, die mit Hilfe von Shoa-Überlebenden durchgeführt wurde. Jetzt hat zwar vor allem die systematische Verfolgung und industrielle Vernichtung von Jüdinnen*Juden maßgeblich zu der Zeit stattgefunden, in der Deutschland Europa mit Krieg überzogen hat. Aber das macht es noch nicht zu ein und demselben Ereignis. Deutschland hat unter anderem die Eroberung der Nachbarländer genutzt, um dort Jüdinnen*Juden, aber zB auch Sinti*zze und Romn*ja systematisch zu verfolgen und zu ermorden, sei es durch Ghettoisierung, Deportation oder auch Massenerschießungen vor Ort. Das war ein Kriegsziel, aber es ist nicht dasselbe wie Krieg.
(Abre numa nova janela)Trotzdem geht es im folgenden Slide plötzlich um "(Kriegs-)Trauma. Ohne jegliche weitere Einordnung. Und das ist tatsächlich ganz schwierig - um es mal vorsichtig zu formulieren. Genozidale Verfolgung - die übrigens in Deutschland schon ihre Anfänge in der systematischen und radikalen Entrechtung und Ausgrenzung von Jüdinnen*Juden hatte, sowie ihrer massiven Stigmatisierung - ist nicht dasselbe wie Kriegserfahrungen. Genozid heißt, dass Menschen aufgrund von unveränderlichen Merkmalen qua Geburt die Existenzberechtigung verwehrt wird. Sie sollen nicht leben dürfen. Sie werden systematisch erfasst und ausgelöscht von ihren Mitmenschen.
(Abre numa nova janela)Kriegserfahrungen hingegen sind wesentlich universeller. Und auch, wenn das jetzt stark verkürzt formuliert ist, aber: Wenn irgendwo eine Bombe landet, dann fragt sie nicht nach der Herkunft. Sie tötet, was im entsprechenden Explosionsradius existiert. Das ist auf eine bestimmte Art hoch zufällig1, sieht man mal davon ab, dass während des Nationalsozialismus bestimmten Menschen der Zugang zum Beispiel zu Bunkern verwehrt war und sie deswegen wahrscheinlicher zu Opfern wurden als andere Bevölkerungsgruppen, deren Leben in der Ideologie des Nationalsozialismus Vorrang hatten. Aber im Grundsatz ist, hoffe ich, verständlich, dass wir hier von verschiedenen Arten von Traumata sprechen. Und dass die Menschen, deren Traumata durch “den Krieg” verursacht wurden zwar ebenfalls ein Leben lang unter diesen Erfahrungen leiden. Aber die Ursache dieser Erfahrung, die endet quasi mit dem Ende des Krieges.
(Abre numa nova janela)Antisemitismus - also die Ursache für systematische Verfolgung und Ermordung von Jüdinnen*Juden - endete aber nicht mit dem Ende des Krieges. Antiziganismus endete nicht mit dem Ende des Krieges. Das heißt die Ursachen der Traumata bleiben weiter bestehen. Und deshalb ist das nicht dasselbe und es muss differenziert darüber gesprochen werden. Man kann nicht einfach Forschung zu Shoa-Überlebenden auf die Traumatisierung einer Kriegsgeneration anwenden (Mehrfachtraumatisiserung hab ich hier der Einfachheit mal rausgelassen).
Es geht hier nicht um eine Hierarchisierung von Leid. Was Menschen im Krieg erleben ist ohne jede Einschränkung schlimm. Es geht aber sehr wohl um eine Differenzierung der Ursachen von Traumata, weil sie eben auch andere Auswirkungen haben. Trauma ist nicht gleich Trauma, nur weil es einen übergeordneten Begriff gibt.
Und so gut der letzte Post bei Quarks gemeint ist: Antisemitismus und Rassismus lassen sich nicht einfach wegtherapieren. Sie existieren weiterhin. Sie sind weiterhin der Grund dafür, dass Menschen diskriminiert (was eigentlich schlimm genug sein wollte) oder ermordet werden.
Wem nach diesen Ausführungen noch nach weiteren Beispielen ist:
Der Historiker Johannes Spohr hat via BlueSky auf diesen Beitrag des SWR hingewiesen: “Traumata der NS-Zeit - Wie sie Kriegskinder und Enkel belastet (Abre numa nova janela)”
Er schreibt zu diesem Artikel: “Auf die Schilderungen von Anita Schwarz, Tochter der Holocaust-Überlebenden Eva Szepesi, folgen ohne Bruch Beispiele geflohener, nicht verfolgter Deutscher aus Schlesien und der Tod deutscher Soldaten:
»Sechs Millionen grausamst ermordete Jüdinnen und Juden – über fünf Millionen gefallene deutsche Soldaten, elf Millionen in Gefangenschaft – bis zu 80 Millionen tote Menschen weltweit. Familien mussten flüchten oder wurden aus den damaligen deutschen Ostgebieten vertrieben, 14 Millionen waren dadurch ohne Obdach.«
»Die deutsche Gesellschaft leistet ihren Beitrag, indem sie offen über den unermesslichen Schmerz und die Todesangst in den jüdischen Familien spricht, über den Horror an der Kriegsfront und in den Kellern und Bunkern während der Bombennächte, über die tragischen Verluste, die Vergewaltigungen und auch über die Folgen der Schuld.«
Seine Einordnung: Täter werden nur benannt, wenn es um die emotionalen Folgen ihrer Nachfahren geht. Das ist schon arg relativierend.
Und auch ich muss sagen: Das ist in seiner Gegenüberstellung entsetzlich und zeigt, dass auch viele Journalist*innen bis heute nicht verstanden haben, was Genozid im Kern bedeutet.
Eine weitere Ergänzung stammt von der Historikerin Anna Hájková mit den Hinweis auf die Forschung von Avi Sagi Schwartz, M. van Ijzendoorn et al, die keine Hinweise auf eine genetische Transmission von Traumata an die 2. und 3. Generation gefunden haben:
https://sites.google.com/psy.haifa.ac.il/avisagi-schwartzphd/projects (Abre numa nova janela)Zur Zufälligkeit von Tod durch zB Bomben: Je nach Kriegsgeschehen oder Kriegsverlauf ist das natürlich nicht zufällig. Das zeigt sich unter anderem aktuell am Krieg gegen die Ukraine oder Israels Angriffen im Gaza-Streifen, aber auch im Raketenbeschuss auf Israel. Es ist schon auch eine Frage nach den Kriegszielen zu beantworten. Aber wir sprechen hier im Kontext des Nationalsozialismus auf die Angriffe auf Deutschland. Und natürlich sollten deutsche Zivilisten getroffen werden, aber nicht weil sie deutsch waren, sondern weil sie halb Europa mit Krieg überzogen hatten. Das ist ein eklatanter Unterschied. ↩