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Lasst uns – mal wieder – campen, aber anders

viele bunte Zelte auf einer Wiese, im Hintergrund Bäume

Viele von uns waren in den letzten Jahren sicher auf unzähligen Camps und haben regelmäßig bei Demonstrationen und Aktionen voller Überzeugung „die Revolution“ herbeigerufen, von ihr geträumt und Hoffnungen in dieses große, oft auch sehr undefinierte Ziel gelegt.

Was ist uns aber im Verlauf der Zeit bewusst geworden? Das mit der Revolution ist so eine Sache, und zwar eine komplexe und komplizierte. Ganz eindeutig ist dabei aber, dass wir sie so schnell, so radikal und ausgelöst durch den einen Moment wohl nicht hinbekommen werden. Das hat unterschiedliche Ursachen: die appellativen Protestformen, die leider noch immer überwiegen, sind nicht in der Lage, solche Momente zu schaffen, wir sind zu wenige, täuschen uns dabei auch selbst über die Realität des Klassenkampfes, vermeintlich revolutionäre Subjekte und Mitstreiter*innen und die „endgültigen Antworten auf die großen Fragen“ können wir auch nicht liefern. Was nun? Halten wir es jetzt mit „lasset alle Hoffnung fahren“ oder lieber doch weiterhin mit der Idee der Revolution? Ich plädiere klar für die letzte Version, denn diese beinhaltet auch weiterhin Hoffnung, ohne die es nicht geht. Allerdings brauchen diese großen Begriffe dringend einen Realitätscheck.

Eine Revolution, verstanden als grundlegenden und nachhaltigen strukturellen Wandel eines oder mehrerer Systeme, kann man nicht machen und aus dem Ärmel schütteln. Eine Revolution in diesem Sinne müssen wir alle sein – mit neuen Ansätzen und Ideen, organisiert, wachsend und solidarisch. Womit wir wieder bei meiner Überschrift wären: lasst uns campen, aber anders:

Let’s Kollapscamp!

Und lasst uns diesen Rahmen nutzen als Startpunkt und Baustein für die Idee einer Bewegung und dem, was sich aus Bewegungen natürlich immer entwickeln kann: ein grundlegender, nachhaltiger struktureller Wandel eines Systems 😉

Was ist neu am Kollapscamp? Es ist kein Aktionscamp im eigentlichen Sinne und es auch nicht gedacht, Wissen im üblichen Sinne zu vermitteln oder einmal mehr Strategien zu diskutieren (so gern ich das auch teilweise tue).

Wir stecken gerade mitten im Prozess, einen Lernort zu schaffen: praktisches Wissen über große und kleine Themen, um die wir im Rahmen des fortschreitenden, vielschichtigen Kollapses unseres Alltages nicht herumkommen werden: emotionale Arbeit, um das, was überall passiert verarbeiten und aushalten zu können, aber auch praktisches Lernen und Praxiswissen bezogen auf Langfristigkeit, den akuten konkreten Katastrophenfall und den Kampf. Das alles eingepackt in solidarische Strukturen und Netzwerke für gegenseitige Hilfe, nicht in Bunkern jede*r für sich allein. Ja, Kollaps ist dabei ein großes und schweres Wort und ja, wir haben große Ziele und viel vor. Ebenfalls nicht abzustreiten ist, dass sie auch in unserem Kontext wieder da sind, die großen Begriffe, aber diese Begriffe sind kein Problem, wenn sie nicht zu Platzhaltern und bloßen Schlagworten verkommen und wir sehen die Möglichkeit, durch das, was wir starten wollen, einige große Begriffe tatsächlich endlich mit Inhalten füllen zu können: Resilienz, Solidarität, Gegenmacht und Selbstverteidigung sind solche Beispiele.

Freiwillige bei Aufräumarbeiten nach der Flut in Valencia, Straße voller Matsch und Müll, Menschen räumen auf

Um Widerstandskraft zu entwickeln, braucht es Wissen, Mitstreiter*innen und sichere Räume. Damit Solidarität praktisch werden kann, sind Strukturen, Netzwerke, jede Menge Wissen u.a. zu allen Fragen, die Versorgung (mit Wasser, Energie, Medikamenten, Lebensmitteln…) betreffen gleichermaßen unverzichtbar wie Sicherheit. Der Aufbau von Gegenmacht und die Möglichkeit, sich und andere schützen und verteidigen zu können, benötigt ganz eindeutig Wissen (und zwar auch, bevor es zu tatsächlicher physischer Gewalt kommt) und sichere Rückzugsorte. Bei all diesen und vielen weiteren Problemen helfen keine Strategiediskussion und keine weiteren Aktionen, die nicht störend eingreifen in Abläufe und Prozesse des Systems. Wir werden sicher nicht alle Antworten liefern können und mit einem Kollapscamp nicht am Ziel all unserer Ideen und Hoffnungen ankommen, aber wir wollen Auftakt und Baustein sein und die ehrlichen, notwendigen Fragen stellen, um angesichts der Realität in die richtige Richtung zu starten, mit euch allen.

Das Kollapscamp und eine entsprechende Bewegung stehen dabei ganz ausdrücklich nicht in Konkurrenz zu all den Gruppen, der Klimagerechtigkeitsbewegung und der sozialen Bewegungen, die verstanden haben, dass es auch auf dieser Seite kein weiter-so und kein Verdrängen der Realität mehr geben darf. Natürlich müssen wir weiterhin um jedes Zehntel Grad kämpfen und für offene Grenzen, den Kapitalismus und das Patriarchat in die Tonne klopfen und das System erschüttern, bis es zusammenstürzt. Die Ansätze des Kollapscamps und derjenigen, die Wälder besetzen, Autobahnen, Häfen, Baustellen für LNG blockieren, Faschisten im Weg stehen und Tagebauen Einhalt gebieten, schließen sich definitiv nicht aus, sie ergänzen sich und das ist genauso gewollt. Diversity of tactics – ihr erinnert euch an dieses Mantra aus Stategiediskussionen!?

Let’s get it done und let’s camp together.

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