Als ich vor kurzem in Paris war und zwischen Konzert 1 und Anstellen für Konzert 2 mit Archäolog:innen – Blick einfach mal durch die Stadt gelaufen bin, ist mir wieder extrem bewusst geworden, wie beeindruckend Machtsymbole bis heute noch in Szene gesetzt sind und was das mit mir als Betrachter:in macht. Pure Größe, die Architektur selbst und strategisch kluge Positionierung, die auch bei späteren Bau- und Wachstumsphasen der Stadt berücksichtigt wurde, vermitteln noch heute ein Gefühl von Größe, Stärke, Macht und Erfolg. Es wird noch Jahrhunderte, manchmal Jahrtausende später eine Geschichte erzählt, die bis heute greifbar ist und nach wie vor ihre Wirkung auf die Betrachter:in nicht verfehlt. Das gilt für viele Städte und selbst wenn von gewissen Orten nur noch Ruinen in Ausgrabungsstätten übrig sind, wird das spürbar. Paris kann etwas besonders gut: Sichtachsen, wahnsinnig beeindruckende Sichtachsen durch breite Straßen, teilweise beinahe Stonehenge -esque Züge durch die auf- oder untergehende Sonne.
Ohne Sichtbarkeit funktioniert weder die Erzählung von Macht noch die von Ereignissen und das ist eine Erkenntnis, die sehr früh existierte und entsprechend benutzt wurde. Die Macht von Erzählungen und Bauwerken geht dabei weit über „die Geschichte wird vom Sieger gemacht“ hinaus. Das stimmt natürlich, aber bereits weit vor Kämpfen mit Siegern und Verlierern, werden Orte und Schrift benutzt, um Wege zu Siegen und Machtstellungen zu ebnen.
Hieroglyphen und ihre Wirkung und Funktion
Die Hieroglyphen waren ursprünglich keine schriftliche Umsetzung von Sprache im eigentlichen Sinne. Hieroglyphen sind ein bildhaftes Schriftsystem, dazu gedacht mit Werkzeugen in Stein gehauen zu werden, um auf Monumenten weithin sichtbar zu sein – als Kommunikation mit den Göttern, aufgeladen mit magischer und ritueller Macht, als Hymnen auf Taten der Pharaonen und anderer Personen mit hohem Status und Amt und als Abschreckung für Feinde, die sich pharaonischem Herrschaftsgebiet näherten. Monumente mit Hieroglyphen schufen Mythen, die ihren Teil zur Macht und der bis heute anhaltenden Faszination dieser Hochkultur beigetragen haben und sie tun es noch heute, auch wenn man eine derjenigen ist, die sie lesen können und damit immer wieder Menschen in Erstaunen versetzt. Sie tun es noch heute, wenn man Teil einer Ausgrabung ist und plötzlich im Sand Schriftzeichen erkennt und das ganze Team über Tage elektrisiert ist, um endlich zu sehen, was da im Sand verborgen liegt.
Schrift und Monumente sorgen aber nicht nur dafür, dass die Geschichte einer Hochkultur erzählt wird, sie sind oft auch Teil des Entstehens einer Hochkultur, weil durch Schrift und Monumente Mythen und Geschichte geschaffen werden, die gerade zu Beginn größer sind als der eigentliche tatsächliche Status einer aufstrebenden Macht und im weiteren Verlauf dann unentbehrlich für den Machterhalt werden. Erst mit wachsendem Einfluss, Territorium und Macht wurde Schrift für andere Dinge benutzt und benötigt – für die Verwaltung, den Handel, Kommunikation mit anderen Herrschern usw. und dann entwickelten sich mit dem Hieratischen und später dem Demotischen sozusagen alltagstaugliche Schriften aus Vereinfachungen der in Stein gemeißelten Hieroglyphen, die weiterhin für die oben genannten und eigentlich implizierten Zwecke verwendet wurden. Es ist ebenso bezeichnend, dass ein wesentlicher Faktor, der hilft den Zeitpunkt festzumachen, an dem das Alte Ägypten seinen Zenit überschritten hatte, ebenfalls wieder die Hieroglyphen sind. Als eine Schrift, die immer schon Eliten, Herrschern, Priestern und hohen Beamten vorbehalten war, ist in später Zeit deutlich sichtbar, dass immer weniger Menschen innerhalb der Eliten in der Lage waren, Hieroglyphen zu lesen und zu schreiben. Es gibt immer mehr der sogenannten Scheinhieroglyphen, die keinerlei Sinn ergeben und nur noch optisch Hieroglyphen darstellen. Das sie trotzdem benutzt wurden, ebenfalls weiterhin auf Monumenten und Gräbern in großer Zahl verwendet wurden, macht deutlich, wie wichtig die bloße Sichtbarkeit ist: allein der optische Eindruck dieser Zeichen reicht aus, um sie und diejenigen, die sie nutzen, mächtig und wirkungsvoll erscheinen zu lassen – mein Grab ist geschützt, Feinde werden eingeschüchtert durch den Anblick der Symbole. Sichtbarkeit war relevanter als Inhalt.
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Was hat das mit der Kollapsbewegung zu tun?
Ehe jetzt die Ägyptologin mit mir durchgeht und ich diesen Text ins Demotische übersetze oder in Stein meißele, hier mein eigentlicher Punkt: Wir, als sich findende Kollapsbewegung, sind darauf angewiesen, sichtbar zu sein. Wir können keine Städte bauen, Monumente und Denkmäler errichten oder eine neue Sprache/Schrift erfinden, aber wir müssen uns zur Verfügung stehende Mittel nutzen, um wahrgenommen zu werden und uns gerade jetzt in der Aufbau- und Findungsphase größer und relevanter zu machen, als wir das aktuell sind 😉Warum? Nun, weil wir uns ja alle in Bewegungen organisieren, um etwas zu erreichen und zu verändern – je mehr Menschen, desto besser die Chancen und größer die potenziell möglichen Veränderungen. Wir wollen Narrative setzen, Diskurse mitgestalten, Gelder aus Fördertöpfen für Projekte erhalten, im Gespräch bleiben, wahrgenommen werden. All das bedarf Sichtbarkeit. Wie sorgen wir dafür, dass wir gesehen werden? Das diesjährige Kollapscamp ist bisher der sichtbare und physisch greifbare Ort, der für die größte Sichtbarkeit gesorgt hat, als 1. großer und nach außen wirkender Kumulationspunkt, der von vielen als Start einer Bewegung interpretiert wurde und wird. Es gab und gibt Kollapscafes und einzelne workshops, deren Außenwirkung aber bei weitem nicht so groß war, wie die des Camps. Und genau dafür war das Kollapscamp auch gedacht – Startschuss und Impulsgeber für eine eventuell entstehende Bewegung, Tür- und Raumöffner im strategischen Feld linker, zivilgesellschaftlicher Organisierung. Bis zum nächsten Camp, das 2026 eventuell kommt und ein bis zwei anderen Projekten, an denen u.a. ich gerade mitarbeite, dauert es aber noch eine Weile und in dieser Zeit ist deshalb eine weitere wichtige Aufgabe, die vor uns liegt, die Sichtbarkeit der Kollapsbewegung aufrechtzuerhalten.

Wie schaffen wir Sichtbarkeit?
In diesem Sinne müssen wir uns Gedanken machen, wie das möglich ist und welche Mittel uns zur Verfügung stehen. Es gibt Blogs wie meinen und den von Tadzio Müller, es gibt immer noch Anfragen für Interviews im Nachgang des Kollapscamps, es gibt Veranstaltungen, an denen immer wieder auch Menschen aus der Kollapsbewegung teilnehmen, es gibt viele sehr gute Gespräche oft auch in internationalen Kontexten, die zu Projekten und Zusammenarbeiten führen und die ich aktuell immer als sehr bereichernd und empowernd empfinde. Aber – um mit der Ägyptologie und Archäologie zu sprechen – es braucht auch Hieroglyphen und Monumente, umso mehr, wenn wir nicht nur im Gespräch bleiben wollen, sondern als relevant, spannend und im besten Sinne anziehend wahrgenommen werden wollen, was uns die Arbeit im besten Falle erleichtern kann. Damit uns ein Ruf vorauseilt, brauchen wir Sichtbarkeit und Geschichten.
Dieser Text ist somit eine Einladung, eure Geschichten sichtbar zu machen und eure Projekte vorzustellen. Wir haben im Zuge der Programmarbeit für das diesjährige Kollapscamp überraschend positive Erfahrungen gemacht. Es gibt mehr Projekte, die im Kleinen bereits das tun, was wir uns von Anfang an für eine Kollapsbewegung ausgemalt haben, als wir erwartet haben. Es gibt ganz viele Menschen, die im Prinzip nur darauf gewartet haben, endlich angesprochen und gefragt zu werden, um durch ihr Wissen und ihre Fähigkeiten dann ganz wesentlich zum Erfolg des Kollapscamps beizutragen. Diese Projekte und Menschen decken ganz unterschiedliche Bereiche ab und es sind oft Erfolgsgeschichten, die kaum jemand kennt, weil Sichtbarkeit fehlt, weil die einzelne Geschichte nicht erzählt wird und viele Einzelgeschichten nicht Teil der großen Geschichte einer Kollapsbewegung sind. Das zu ändern, ist ein Teil der Arbeit und Aufgabe für uns alle.
Von der Klimabewegung lernen
Hier lässt sich auch von der Klimabewegung lernen. Wir haben dort erlebt und gezeigt, wie wichtig Sichtbarkeit und tatsächliche Orte sind, um das Bild zu gestalten, welches wir nach außen transportieren, um unsere Utopien erlebbar und vermittelbar zu machen: geldfreie Räume, hierarchiearme Orte, Zusammenleben in Gemeinschaften jenseits von Familie und binären Vorstellungen etc. Im Hambacher Forst, dem Danni und in Lützerath konnten wir das einerseits selbst erleben, viel lernen und mitnehmen für die nächsten Kämpfe, aber – und das ist mindestens so wichtig – auch Menschen außerhalb unserer Strukturen hatten dazu die Chance und dadurch ist ganz viel Positives passiert. Waldspaziergänge wurden zu Zeiten der Hambi – Besetzung etabliert, um Anwohner:innen und Besucher:innen einzubinden, Ängste und Vorurteile abzubauen und sie mit dieser Geschichte, dem Erlebten wieder in „ihre Blase“ zu schicken, um dort weiterzuwirken. Unter anderem das Fehlen solcher Orte (Monumente) ist aktuell ein Problem für die Klimabewegung, weil es dann schwerer ist, Geschichten zu erzählen. Und es ist ein Grund, warum gerade richtig viel Vorfreude zu spüren ist, wenn Ende Gelände eine Massenaktion für 2026 ankündigt. Massenaktionen und Bilder erzählen Geschichten nach innen und nach außen. Wir brauchen diese, weil es uns ein gutes Gefühl gibt und weil wir dadurch Hieroglyphen in Monumente meißeln, die eine Botschaft nach außen transportieren. Meine und Tadzios Kritikpunkte lasse ich jetzt aus, weil es diesem Text hier um etwas anderes geht.
Ich werde deshalb weiterhin über die Kollapsbewegung reden, über Ideen und Projekte für 2026, über solidarisches Preppen, kritische Fragen stellen usw. – nicht, weil meine Sichtbarkeit der relevante Punkt ist, sondern die einer entstehenden Bewegung, die momentan keinen „großen Ort“ hat, sondern nur viele kleine und vereinzelte. Wenn wir die Zeit bis zum nächsten Camp und den anderen Projekten nutzen, um als Bewegung sichtbar zu bleiben und es in der ganzen Breite überhaupt erstmal zu werden, ist das wesentlicher Teil einer Erfolgsgeschichte, die wir sicher alle gerne mitschreiben möchten.