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Noch. (The World Cup Diaries III)

Und als wir gemeinsam vor dem Radio saßen
Die Aufstellung hörten, unser Abendbrot aßen
Nahmst du meine Hand, und sagtest:
„Liebling, ich bin gegen Deutschland“
(kettcar)

185/∞

Is this thing on?

Es musste ja passieren: Donald Trump hat die Fußball-WM ruiniert.

https://www.youtube.com/watch?v=UdRHqcmDrbc (Abre numa nova janela)

Er tat es, wie er alles im Leben angeht: Mit breiter Brust, vorgeblich höflichen Mafia-Fragen, stolz zur Schau gestellter Ahnungslosigkeit, die er selbst zur Kompetenz erklärt; raunend, mäandernd, auf einer unsichtbaren Ziehharmonika spielend, sich langsam in Rage redend — und mit katastrophalen Folgen für Einzelpersonen, die nicht er sind, ganze Länder und Institutionen.

Man kann sich das ausmalen, wie der US-Präsident den FIFA-Präsidenten anruft und noch mal um eine Überprüfung der Roten Karte gegen Folarin Balogun bittet. Wie Gianni Infantino, der extra für Trump den „FIFA Peace Prize“ erfunden hatte, irgendein FIFA-Gremium einberuft, das aussieht wie die Hauptversammlung der Superschurken in einer James-Bond-Parodie, und wie dieses dann zu dem FIFA-Ergebnis kommt, dass die FIFA-Sperre für ein FIFA-Spiel, die so eine Rote Karte normalerweise nach sich zieht, zur FIFA-Bewährung ausgesetzt wird.

Es ist nicht die erste Merkwürdigkeit bei diesem Turnier:1 Cristiano Ronaldos Sperre aus der WM-Qualifikation, die ihn eigentlich die ersten beiden Gruppenspiele gekostet hätte, war ebenfalls teilweise zur Bewährung ausgesetzt worden (Abre numa nova janela); Lionel Messi hatte im ersten Gruppenspiel gegen Algerien rätselhafterweise (Abre numa nova janela) trotz verschiedener Fouls gar keine Karte gesehen; diverse Schiedsrichter- und VAR-Entscheidungen lassen sich allenfalls noch mit Hanlon’s Razor (Abre numa nova janela)2 erklären. Aber Trump machte es wie immer und brachte das, was sonst hinter vorgehaltener Hand, unter der Ladentheke oder in Hinterzimmern stattfindet, ins grelle Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit. „Aufrichtig“, könnte man das nennen. Oder halt „unverfroren“.

Belgien konnte sich der Unterstützung von einer Milliarde Fußballfans weltweit sicher sein. Der arme Folarin Balogun, der unverschuldet in einen weltpolitischen Skandal geraten war, fand kaum in die Spur. Der Rest seines Teams, das in den vorherigen Spielen noch beeindruckt hatte, war nicht wiederzuerkennen. Es war wie in einer Jugendmannschaft, bei der der Junge, dessen Vater mit seinem Bauunternehmen den neuen Trikotsatz gesponsert hat, immer aufgestellt wird, und bei der Stadtmeisterschaft den entscheidenden Elfmeter vergibt. Die Belgier fertigten die US-Amerikaner mit einem ungefährdeten 4:1 ab.

Balogun hatte noch die Größe, nach der Niederlage zum belgischen Trainer Rudi Garcia zu gehen. Der verriet hinterher zwar nicht, was Balogun gesagt hatte, lobte den Spieler und die Geste aber überschwänglich.3

Der Schaden scheint erstmal abgewendet, aber ob sich diese WM, die FIFA und die Sportwelt insgesamt jemals davon erholen werden, ist noch gar nicht so sicher. Bei „The Athletic“ (Abre numa nova janela) und „11 Freunde“ (Abre numa nova janela) habe ich interessante Aufsätze gelesen, die diese Frage verhandeln.

Andererseits könnte es auch für Don Vito Infantino ein ganz kleines bisschen weniger gemütlich werden: Die UEFA hat die FIFA heftig kritisiert (Abre numa nova janela); die norwegische Verbandspräsidentin Lisa Klaveness, seit jeher eine der lautesten Kritikerinnen Infantinos, hat nachgelegt (Abre numa nova janela); und selbst Sepp Blatter, jener zwielichtige frühere FIFA-Boss, den Infantino beerbt hatte, bekommt noch einmal Gelegenheit, sich als moralisch überlegen zu inszenieren (Abre numa nova janela). Hat eigentlich schon jemand bei Gerhard Schröder und Angela Merkel nachgefragt, warum die gegen die Sperren von Michael Ballack 2002 (Abre numa nova janela) bzw. Torsten Frings 2006 (Abre numa nova janela) nichts unternommen haben?

Die ganze Gemengelage hätte vor zehn Jahren vielleicht noch das sichere Ende von Infantinos Amtszeit bedeutet, aber vor zehn Jahren sind wir auch alle noch davon ausgegangen, dass das „Access Hollywood“-Video (Abre numa nova janela) das sichere Ende von Donald Trumps politischen Ambitionen bedeuten würde. „The politics of soccer make me nostalgic for the politics of the Middle East“, hatte Henry Kissinger, selbst einer der gerissensten Hundesöhne (Abre numa nova janela) unter der Sonne, schon vor über 40 Jahren gesagt (Abre numa nova janela).

Es musste ja passieren: Deutschland ist bei der WM im Sechzehntelfinale ausgeschieden und hat zum dritten Mal in Folge das Achtelfinale verpasst.

Das war unter anderem doof für die Bundesregierung, denn ich unterstelle einfach mal, dass diese in alter Tradition (Abre numa nova janela) die WM-Euphorie hatte nutzen wollen, um sehr unbequeme Gesetzesänderungen voranzubringen. Als die vier Apokalyptischen Ponys (Abre numa nova janela)4 vor die Presse traten, war die Euphorie allerdings schon weg und die Bevölkerung hatte nicht nur Kapazitäten, sondern auch erheblichen Frust, um den kleinen (Abre numa nova janela) und großen (Abre numa nova janela) Unverschämtheiten, die der Arbeitskreis Aktionismus da ersonnen hatte, eher ablehnend gegenüberzutreten. Wenigstens konnte der Kanzler so von seinem peinlichen Social-Media-Post ablenken, in dem er (offenbar versehentlich (Abre numa nova janela)) von „Einsatz und Teamgeist“ bei der WM geschwärmt hatte, mit denen das Team das Land angeblich „begeistert“ habe.

Es war aber auch doof für die Bundesregierung, denn spätestens seit letztem Montag fungiert der DFB als Bildspender für alles, was falsch läuft in diesem Land: Politik, Behörden, Institutionen, Wirtschaftsunternehmen, Medien, Rolltreppen in öffentlichen Gebäuden, Männer — alle leben seit Jahrzehnten vom Glanz früherer Tage und dem Glauben, dass der schon von ganz allein bleiben wird. Aber Glanz, stellt sich raus, ist ein Infrastrukturobjekt wie jedes andere: Es bleibt nicht von allein in Schuss; irgendjemand muss sich darum kümmern, im Zweifelsfall immer jemand, der zufällig gerade nicht man selbst ist.

So produziert man am Markt vorbei, so schafft man nicht-funktionierende Strukturen, so merkelt man sich halt so durch. Ein Land wie ein Eigenheim, das seit Jahrzehnten nicht renoviert wurde, und von den Käufern jetzt erstmal kernsaniert werden muss. Ein Land wie Joshua Kimmich beim Einkaufen. Ein Land, in dem Männer in schlecht sitzenden Anzügen allen erklären, wie es zu laufen hat, bis die jungen Menschen - zumeist Frauen - die den ganzen Bums wirklich am Laufen halten, ausgebrannt sind oder entnervt aufgeben oder von Männern, die sich in ihrer ach so starken Männlichkeit gekränkt fühlen, ermordet werden.5

Dass Friedrich Merz immer wieder mit Bernd Stromberg verglichen wird, passt halt nicht nur auf optischer, rhetorischer und sozialkompetenter Ebene; fast ganz Deutschland ist diese eine traurige Dienststelle der Capitol-Versicherung. Wir waren nie cool, aber irgendwann waren wir wenigstens mal der Riegel-Fabrikant Drögel (Abre numa nova janela) oder der Trigema-Affe (Abre numa nova janela). Heute gucken wir alle so aus der Multifunktionswäsche wie das Livepublikum des „ZDF-Morgenmagazins“ beim Auftritt (Abre numa nova janela) von Ikkimel.

Völlig klar also, dass sich Medien wie die „Rheinische Post“ (Abre numa nova janela) oder „11 Freunde“ (Abre numa nova janela) daran machten, Verband und Land, Trainer und Kanzler miteinander zu vergleichen. Und auch, wenn ich diese Gleichsetzung von Fußball, Politik und Wirtschaft nicht überstrapazieren will: Es passt doch wunderbar ins Bild, dass gerade ein Verein aus der 1. Bundesliga der Männer abgestiegen ist, der einem kriselnden Automobilkonzern gehört, der zu 20 Prozent im Besitz des Landes Niedersachsen ist. Deutschland 2026 ist der VfL Wolfsburg.

Da man erratisches, stures und dünnhäutiges Verhalten, das nur sehr bedingt zu Erfolgen führt, 38-jährigen Männern weniger durchgehen lässt als 70-jährigen, ist Julian Nagelsmann jetzt nicht mehr Bundestrainer. Sein Nachfolger soll Jürgen Klopp werden.

Das führt zu der phantastisch-absurden Situation, dass der TV-Experte Klopp, der Nagelsmann mit einem flapsigen Spruch6 noch vor Anpfiff des Turniers angezählt hatte (Abre numa nova janela), jetzt jeden Tag im Fernsehen darüber spricht, wie er die Gespräche mit seinem potentiellen neuen Arbeitgeber DFB und seinem aktuellen Arbeitgeber Red Bull angeht, und was er als Bundestrainer tun würde. Das ist ein bisschen wie als David Niven bei der Oscar-Verleihung 1958, die er selbst (co-)moderierte, als Bester Darsteller ausgezeichnet wurde (Abre numa nova janela), nur mit etwas weniger Glamour.

Es könnte aber auch sein, dass es ein bisschen so wird wie Stefan Raabs Rückkehr zum ESC im vergangenen Jahr: Jetzt nimmt man halt den, von dem immer alle sagen, dass er es machen soll, um ein für alle Mal zu beweisen, dass es mit ihm auch nicht funktioniert. Und dann wird demnächst bestimmt irgendjemand vorschlagen, einfach Karl-Theodor zu Guttenberg zum Kanzler zu machen.

Da die meisten Menschen in Deutschland schlechte Nachrichten sehr viel mehr lieben als gute, ist ein bisschen untergegangen, dass Deutschland in den letzten Wochen Beachhandball-Weltmeister (Abre numa nova janela) bei den Männern, U-20-Handball-Weltmeister (Abre numa nova janela) bei den Frauen und Box-Weltmeister im Schwergewicht geworden ist.

Genauer: Zum ersten Mal seit Max Schmeling 1932 ist ein Deutscher Schwergewichts-Weltmeister — Agit Kabayel aus Wattenscheid.7

Das machte nicht so richtig Schlagzeilen, weil er den Titel nicht in einem spektakulären, überinszenierten Kampf im Privatfernsehen gewonnen hat, sondern vom Interims-Weltmeister zum offiziellen Weltmeister des WBC heraufgestuft (Abre numa nova janela) wurde, nachdem der bisherige Weltmeister  Oleksandr Usyk seine Titel bei WBC, WBA und IBF abgegeben wurde.

[Kurzer Exkurs ins Organigramm des Boxsports: Anders als beim Fußball, wo es mit der FIFA nur einen offiziellen Weltverband gibt („Noch.“), der offizielle Weltmeisterschaften abhält, gibt es im Boxen vier große Profi-Weltverbände - WBA (World Boxing Association), WBC (World Boxing Council), IBF (International Boxing Federation) und WBO (World Boxing Organization) - und zahlreiche kleinere. Theoretisch kann ein Sportler in mehreren Verbänden gleichzeitig boxen und - wie Usyk - sogar Weltmeister sein.

Was den Titel des Interimsweltmeisters angeht, den Agit Kabayel im vergangenen Jahr errungen und im Januar verteidigt hatte, möchte ich direkt die Wikipedia (Abre numa nova janela) zitieren:

Der Titel wird eingeführt, wenn ein Titelträger über längere Zeit nicht in der Lage ist, diesen zu verteidigen. Dies kann durch eine Verletzung oder eine Vertragsunklarheit geschehen. Wenn dies eintrifft, kämpfen zwei ausgewählte Kämpfer derselben Gewichtsklasse um den Interimstitel, um in der Zeit der Verteidigungsunfähigkeit einen Hauptherausforderer zu stellen. Dieser kämpft zum nächsten möglichen Zeitpunkt gegen den echten Titelträger, um die Titel zu vereinen. Der Sieger wird meist Undisputed Champion genannt.

Kabayel war also Interimsweltmeister des WBC. Er hatte Usyk immer wieder zum offiziellen Kampf aufgefordert und wurde durch dessen Rücktritt jetzt offizieller Weltmeister. Das bedeutet aber offenbar nicht, dass Kabayel kampflos Weltmeister geworden wäre, denn durch den Interimstitel ist er im Prinzip schon gleichberechtigter Weltmeister, wurde aber anders gen… Ach, ich weiß es doch auch nicht, Leute!]

Ich kann alle Argumente gegen den Boxport gut nachvollziehen und habe selbst seit fast 30 Jahren (Abre numa nova janela) keinen Kampf mehr angeschaut. Ich habe Wladimir Klitschko mal die Hand gegeben, was aber deutlich weniger Eindruck hinterlassen hat als der Händedruck von James Dean Bradfield von den Manic Street Preachers, nach dem ich sicherheitshalber mal meine Finger durchgezählt habe. Aber mein sportbegeisterter Großvater hat alle Kämpfe der Klitschkos, von Henry Maske und Axel Schulz (den ich neulich in Bochum am Hauptbahnhof habe stehen sehen) verfolgt und uns oft erzählt, wie er als Junge nachts von seinem Vater geweckt wurde, um die späteren Kämpfe von Max Schmeling gegen Joe Louis in den USA am Volksempfänger zu verfolgen. Insofern hätte er sich sicherlich gefreut, dass nun, nach fast einhundert Jahren, endlich wieder ein Deutscher auf dem Schwergewichts-Thron sitzt.8

Vor zwei Wochen, als ich den letzten Newsletter schrieb, war es ja wahnsinnig heiß. In Bochum hatten wir über 38 Grad Celsius. Oder, wie ich alsbald auf Social Media las: „Das ist der kälteste Sommer Deines restlichen Lebens“.

Das ist, mit Verlaub, Quatsch: Auch wenn solche Extremwetterlagen immer häufiger werden, treten sie nicht unbedingt jedes Jahr auf. („Noch.“) Niemand weiß, wie die Zukunft aussieht. Es ist denkbar, dass dies der kälteste Sommer der nächsten Jahrzehnte wird (also: bis der Golfstrom kippt und unser Klima hier dem in Kanada ähnelt), es ist vielleicht sogar wahrscheinlich, es wird aber wahrscheinlich auch welche mit niedrigeren Temperaturen geben — vielleicht sogar mit niedrigeren Jahresmitteln.

Junge Menschen, die gerne aufgebracht und spiegelverkehrt in Handykameras reden, werden nun womöglich einwenden, dass sei ja Haarspalterei, aber ich bin Germanist und sage: Entschuldigung, Sprache hat eine Bedeutung! Sie bestimmt unser Denken und Handeln. Und mit jeder ungenauen Formulierung macht Ihr Euch angreifbar.

Kurz zuvor hatte ich bereits einen anderen Social-Media-Post gesehen, in dem relativ wörtlich stand: „Kinder kommen mit 9 mit Pornos in Kontakt”. Das klang, als ob alle Kinder am Tage ihres 9. Geburtstags Post von irgendeiner Bundesbehörde bekommen, die ihnen vollkommen unangemessenes Material zustellt. Keine Ausnahmen, alles absolut unausweichlich.

Es macht mich fertig, wie viele Texte im Indikativ geschrieben sind, so als ob alle zukünftigen Ereignisse schon festgeschrieben seien.9 Es ist eine fast schon lustvolle Hingabe an die Katastrophe — oder halt Negative Manifestation.10 Klima, KI, Elon Musk — alles wird genau so kommen. Hoffnung ist unbegründet; am Besten, Ihr wehrt Euch gar nicht.

Während ich noch darüber nachdenke, ob das nun Fatalismus (Abre numa nova janela), Defätismus (Abre numa nova janela) oder Determinismus (Abre numa nova janela) ist, kann ich meine Reaktion schon deutlicher benennen: Es macht mich zu gleichen Teilen wütend und traurig. Ich möchte mit Menschen, die so denken, am Liebsten nichts zu tun haben. Mit Menschen, die sich auch noch so äußern, noch weniger. Das einzige, was noch schlimmer ist als grässliche Facebook-Kommentare, sind ja jene Personen, die bei einem Ereignis - egal, wie schön oder schlecht es ist - schon mal ankündigen, dass dieses zu grässlichen Facebook-Kommentaren führen wird. Mecht sein; mecht nech sein.

Ein nicht unbedeutender Teil der Gesellschaft scheint zu erwarten, dass die AfD am 30. Januar 2033 an die Macht kommen und sich dort bis zum 8. Mai 2045 halten wird — weil: Das macht man halt so. Da passt es erstaunlich gut ins Bild, dass ein erfolgreicher Schlager der Jetzt-Zeit „Der Zug hat keine Bremse” heißt.

Natasha Beddingfields „Unwritten“ (Abre numa nova janela) ist seit ein paar Jahren ein Riesenhit bei der Gen Z; The Clash haben vor 44 Jahren auf dem Cover der „Know Your Rights“-Single (Abre numa nova janela) postuliert, dass die Zukunft ungeschrieben sei; aber erwachsene Menschen benehmen sich, als sei alles schon vorbestimmt, als seien sie nicht mehr als Kleindarsteller*innen in einer riesigen Soap Opera, die ihren Text aufsagen und zur vorbestimmten Zeit dramatisch zu Boden sinken. Hier werde selbst ich zum Friedrich Merz und möchte dringend an mehr Eigenverantwortung appellieren.

Aber so unterschiedlich sind halt die Menschen: Während ich es rundherum ablehne, mich zu „verabreden“, also private Termine für in zwei bis 26 Wochen festzulegen,11 beruhigt es andere Personen vielleicht zu wissen, wann die Welt untergeht. Das sind dann die, die auch an Horoskope glauben.

Ja, die Gegenwart ist gerade mal wieder ziemlich anstrengend. Aber da kann man ein überraschendes Vorbild in Kylian Mbappé finden: Im Spiel gegen Paraguay, dessen Spieler knüppelten, schlugen, traten, rumzickten und die Franzosen generell behandelten wie die deutsche Bundesregierung junge Menschen, entwickelte der Superstar in den letzten Minuten eine fast schon stoische Gelassenheit. Je wilder die Gegner um sich schlugen, je mehr sie auf ihn eintraten, desto fröhlicher wirkte der Stürmer.

Immer offensichtlicher lachte (Abre numa nova janela) er auf dem Platz, doch es war kein überhebliches Lachen, wie es vielen anderen Spielern hätte passieren können; Mbappé glich eher einem liebenden Vater, dessen vierjähriger Sohn gerade eine Wutanfall erleidet und dabei so unfreiwillig komisch schon mal alle zukünftigen Testosteronschübe vorwegnimmt, dass sich der Vater wirklich zusammenreißen muss, nicht loszuprusten. Er lachte die Paraguayer nicht aus, er lachte auch nicht mit ihnen, sondern auf eine etwas ungläubige, aber freundlich-wohltuende Art über ihr Gebaren. Nach dem Abpfiff kam sein Trainer Didier Deschamps zu ihm, um ihn zu ermahnen — und dann doch mitzulachen.

Denn das einzige, was wirklich sicher ist: So jung kommen wir nicht mehr zusammen!

Was macht der Garten?

Die Tomatenpflanzen stellen mit ihrem Wachstum die gesamte deutsche Wirtschaft in den Nachtschatten. Die Erdbeerpflanzen liefern zuverlässig. Noch habe ich die Hoffnung auf eine eigene Wassermelone nicht aufgegeben und ich habe sogar einige Brombeersträucher vor dem Rollkommando des Heuschrecken-Immobilienimperiums retten können.

Was hast Du veröffentlicht?

Das Coffee And TV-Mixtape (Abre numa nova janela) für Juni. Im Blog, bei Apple Music (Abre numa nova janela) und Spotify (Abre numa nova janela).

Was hast Du gehört?

Bülow feiere ich (auch hier im Newsletter (Abre numa nova janela)) ab, seit ich sie vor sieben Jahren beim Eurosonic Noorderslag live gesehen habe. Nach Millionen von Spotify-Streams, einem Major-Deal, aus dem sie inzwischen wieder raus ist, und zwei Grammy-Nominierungen für ihre Mitarbeit an Beyoncés  „Texas Hold ‘Em“ hat die deutsch-kanadische Musikerin jetzt mit 26 ihr Debütalbum veröffentlicht: Ganz allein, ohne großes PR-Theater, einfach so. „I Understand You Sometimes“ ist wunderschöner, im allerbesten Sinne unaufgeregter Indiepop, der sowohl Hitzewellen als auch graue, bedeckte Tage wunderbar untermalt. Wenn „Folklore“/„Evermore“ Eure liebste era vom Taylor Swift ist, solltet Ihr dieses Album hören!

Die Chicagoer Punkrock-Band Sincere Engineer um Sängerin Deanna Belos hat ihr viertes Album herausgebracht: „Probable Claws“ ist laut, ungestüm und rotzig (um mal ein vom Aussterben bedrohtes Adjektiv zu verwenden, das sooo dringend jetzt auch nicht gerettet werden müsste). Und gut.

Vor 20, 25 Jahren habe ich die Britpop-Band Embrace sehr gefeiert. Sie waren der Grund, warum ich zu meinem allerersten Haldern Pop Festival gefahren bin, sie haben Teenager-Herzschmerz und Abiturienten-Allmachtsphantasien untermalt, waren auf zahlreichen Mixtapes — und dann hab ich sie genauso aus den Augen verloren wie nahezu alle Mitschüler*innen und Kommiliton*innen. Ihr neuntes Album „Avalanche“ stellt somit eine Art Klassentreffen dar — und zwar buchstäblich: Es geht um Kinder, ums eigene Altern und die Veränderungen, die man im Leben so durchmacht. Und was soll ich sagen? Es holt mich komplett ab! Danny McNamara kann immer noch nicht so richtig schön singen, aber gemeinsam mit seinem Bruder Richard schreibt er immer noch jene Sorte Songs, die bei den Gallaghers riesengroße evergreens würden. Es ist wirklich, als würde man Menschen von früher wiedersehen. Und dafür hören wir doch Musik!

Was hast Du gesehen?

Argentinien - Ägypten. Ein Monumentalfilm, ein Schlachten-Epos, ein Krimi, ein Shakespear’sches Königsdrama, möglicherweise auch ein Verschwörungs-Thriller. (Ich weiß, dass es bei diesem Turnier noch spektakulärere Spiele gab, aber da musste ich leider schlafen.)

Was hast Du gelesen?

Die Osteuropa-Historikerin Marci Shore hat für die „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (Abre numa nova janela) (für die auch ich manchmal schreibe) einen sehr persönlichen Gastbeitrag über den 11. September aus heutiger Perspektive geschrieben. Es ist eine spannende Meditation über Geschichtsschreibung, Vorbestimmung und Zeitenwenden — aber auch ein Plädoyer für große Ideen.

Im „New Yorker“ (Abre numa nova janela) stellt Shayla Love ein interessantes Experiment vor, das zumindest mir noch unbekannt war: Seit 20 Jahren nehmen Sozialpsycholog*innen der University of Arizona jeden Tag ein paar Minuten Geräusche und Gespräche aus dem Alltag von Proband*innen (die sich natürlich darauf einlassen) auf und schließen aus den ihnen vorliegenden Fragmenten Rückschlüsse. So kamen sie etwa zu dem Schluss, dass die Menge der Wörter, die die Menschen jeden Tag so sprechen, mit jedem Jahr abnimmt — man muss ja nicht mehr nach dem Weg fragen oder mit der Kassiererin an der Supermarktkasse sprechen. (Ich würde vermuten, dass ich aus genau diesen Gründen deutlich mehr spreche, aber es sind vor allem Schimpfwörter, mit denen ich Navi-Apps (Abre numa nova janela) und anderen elaborierten Technik-Schrott bedenke.) Eine sehr spannende Lektüre!

Alissa Geffert hat für „Monopol“ (Abre numa nova janela) über die Tour de France geschrieben; die „Bildmaschine“, den „Mythos“ und das „Zeichensystem“. Wenn Ihr Sportmedien rundherum ablehnt, könnt Ihr Euch hier von einem Kunstmagazin erklären lassen, was dieses jährliche Ereignis so monumental macht.

Vor ein paar Wochen geisterte ein Songfragment als Mem durch die Sozialen Medien, dass quäkend erklärte: „Du bist gut genug“. Ich hab den Witz wie so oft bei deutschem Humor (Helge Schneider, Teddy Teclebrhan, Jan Böhmermann) nicht verstanden, die Videos jedes Mal übersprungen, für ein paar Tage weniger Zeit auf Instagram verbracht und hatte den Bums schon fast wieder vergessen, denn: Baby, so schnell geht das alles heutzutage! Aber jetzt hat sich Johanna Schmidt in der „taz“ (Abre numa nova janela) noch mal über Lied, Vermarktung, „Egalmusik“ und inhaltslose Statements aufgeregt. Ihre Empörung und ihren Argumentationsweg muss man nicht komplett teilen, aber die Lektüre ist allemal spannender als der Song (und es hilft ja eigentlich immer, den eigenen Horizont zu erweitern).

Was hat Dir Freude bereitet?

Ben Folds Five, die ich im Alter von 16 Jahren zu meiner Lieblingsband ernannt hatte, haben eine Neuveröffentlichung ihres ersten Albums angekündigt (Abre numa nova janela) und werden auch zum ersten Mal seit 13 Jahren wieder gemeinsam auf Tour gehen.

Und jetzt: Musik!

https://www.youtube.com/watch?v=Ssd3U_zicAI (Abre numa nova janela)

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Habt ein schönes Wochenende!

Always love, Luki

  1. Oder die erste Merkwürdigkeit in der Geschichte (Abre numa nova janela) der Fußball-WM.

  2. „Never attribute to malice that which can be adequately explained by stupidity“.

  3. Balogun, Sohn nigerianischer Eltern, hat übrigens einen amerikanischen Pass, weil seine Eltern, die eigentlich in London lebten, vor seiner Geburt in die USA reisten, die Airline seine hochschwangere Mutter nicht mitnehmen wollte, und er so in New York City zur Welt kam. Er profitiert damit von genau jener birthright citizenship, also der Staatsbürgerschaft ab Geburt auf amerikanischem Boden, die Donald Trump noch letzte Woche vor dem Obersten Gerichtshof abschaffen lassen wollte. Das Weiße Haus sieht darin erwartbar keine Ironie (Abre numa nova janela).

  4. Dass Merz, Söder, Klingbeil und Bas in irgendeinem Sattel säßen, womöglich noch fest, glaubt doch außer ihnen selbst wirklich niemand mehr. Und für Pferde fehlt es ihnen einfach an Größe.

  5. Und Dieter Nuhr (Abre numa nova janela) Witze darüber macht.

  6. „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf. Noch.“

  7. Wattenscheid ist seit 1975 offiziell ein Stadtteil von Bochum, aber da sich die Wattenscheider bis heute nicht als Bochumer fühlen und die Bochumer die Wattenscheider maximal als Bochumer zweiter Klasse betrachten, gebietet es der Respekt, hier von Wattenscheid zu sprechen. Wir sind trotzdem alle sehr stolz auf ihn.

  8. Er hätte mich sicherlich auch gefragt, was für ein „Landsmann“ Agit Kabayel denn sei, worauf ich geantwortet hätte, der sei Deutscher, worauf er irgendwas mit „aber eigentlich“ gefragt hätte, worauf ich gesagt hätte, dass seine Eltern Kurden seien, woraufhin …

  9. Andererseits muss ich zugeben: Spätestens in der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass die Menschen mit Konjunktiven und Wahrscheinlichkeiten so gar nicht umgehen können.

  10. Man kann nun - völlig zu recht - einwenden, dass Positive Manifestation ja auch nur bedingt erfolgreich zu sein scheint, wenn man sich Nagelsmann und Merz so anguckt. Joa. Aber was die machen, ist eigentlich keine Manifestation mehr, sondern Pfeifen im Walde.

  11. Denn wer weiß, ob ich mich in zwei bis 26 Wochen mit irgendjemandem treffen will, noch dazu mit Menschen, die so langfristig planen? Ich nicht!

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