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Der Aufstieg und Fall des “CEO-Mönchs” von Shaolin

Der Abt Shi Yongxin hat aus dem Shaolin Kloster ein globales Business gemacht. Jetzt erschüttern Vorwürfe von Korruption und Affären seinen Status. Die wahren Hintergründe seines Sturzes liegen woanders.

Bildcredit: IMAGO / Avalon.red

Shi Yongxin galt lange als der mächtigste religiöse Akteur Chinas — und als eine der polarisierendsten Figuren des Landes. Der rundgesichtige Abt des Shaolin Klosters, der auf Fotos stets mit gelber Robe und einer Kette aus Gebetsperlen auftritt, hat aus dem Tempel ein wirtschaftliches Imperium gemacht. Aufgrund seines Händchens für Geschäfte wird der Abt auch der “CEO-Mönch” genannt.

Um so tiefer ist jetzt sein Sturz: Ende Juli verkündete der Shaolin-Tempel in einem kurzen Zweizeiler, Behörden ermittelten gegen Shi Yongxin aufgrund der Veruntreuung von Geldern und illegitimer Beziehungen zu Frauen. Nur zwei Tage später setzte der Tempel einen neuen Abt ein.

In China überraschen die Vorwürfe kaum jemanden. Bereits vor zehn Jahren beschuldigte ein anonymer Shaolin-Schüler den Abt, Millionen von Dollar des Tempels veruntreut und in teure Autos und eine australische Geliebte investiert zu haben. Wer sich den Fall genauer anschaut, merkt: Zum Verhängnis wurde Shi Yongxin nicht sein moralisches Fehlverhalten. Sondern ein politisches Wettspiel, bei dem der Abt sich verzockt hat.

Wie der Abt zum “CEO-Mönch” wurde

Nur eine Handvoll Mönche befand sich nach Ende der Kulturrevolution im altehrwürdigen Shaolin-Kloster. Vor rund 1500 Jahren übersetzten Mönche hier buddhistische Schriften von Sanskrit auf Chinesisch und legten damit den Grundstein für die Entwicklung des Chan-Buddhismus. Auch die chinesische Kampfkunst Kungfu hat hier ihren Ursprung. 

Heute ist das Kloster UNESCO-Weltkulturerbe und zieht jedes Jahr Millionen von Gästen an. Shaolin hat in über 70 Ländern Zweigstellen, in denen Shaolin-Mönche Kungfu und den Chan-Buddhismus lehren. Sein umstrittener Abt steht mit 18 Unternehmen in Verbindung, (Abre numa nova janela) zum Beispiel dem Online-Shop “Shaolin Happy Land”. Shaolin verdient jährlich geschätzte 60 Millionen Euro mit Tickets, Räucherstäbchen und Markenlizenzen. (Abre numa nova janela)

Diese Kommerzialisierung geht auf das Konto von Shi Yongxin, der 1987 zum Oberhaupt des Klosters wurde (Abre numa nova janela)— genau zu der Zeit, als China sich dem Kapitalismus öffnete. In jenem Jahr übernahm er die Leitung des Verwaltungskomitees des Klosters. Der Mönch, der sich der Legende nach anfangs nicht mal das Busticket zum Tempel leisten konnte, trieb seitdem eine gnadenlose Kommerzialisierung des Tempels voran.

Der Abt Shi Yongxin tritt stets in gelber Mönchsrobe und mit einer Kette aus Gebetsperlen auf. Bildcredit: IMAGO / China Foto Press

All das wirkt ziemlich schräg, wenn man bedenkt, dass Mönche traditionell ein demütiges Leben führen. Persönliche Bereicherung und romantische Beziehungen sind ihnen untersagt. Als die Regierung nach der Kulturrevolution den Klöstern wieder den Betrieb erlaubte, forderte sie im Gegenzug von den Buddhist:innen, sich selbst zu versorgen und wirtschaftlich tätig zu werden. Nongchan Bingzhong 农禅并重 nennt sich diese Doktrin, die gleiche Gewichtung von Arbeit und Zen.

“Das wurde für viele Klöster zu einer Legitimation, Dienstleistungen aller Art zu übernehmen”, erklärt Carsten Krause, Research Fellow am Numata Zentrum für Buddhismuskunde der Universität Hamburg. Der Abt des Shaolin-Klosters hat diese Doktrin auf die Spitze getrieben, auch deswegen ist er so umstritten.

Warum der “CEO-Mönch” sich verzockt hat

Shi Yongxin hat sich eine stoische Ruhe angeeignet, was Kontroversen um seine Person angeht. “Wenn China Disneyparks importieren kann, warum können andere Länder dann nicht Shaolin importieren?”, so lächelte er die Fragen aufgebrachter Reporter weg, die ihn 2015 aufgrund einer millionenschweren Investition in einen Shaolin-Zweig in Australien belagerten. Auch die Vorwürfe illegitimer Beziehungen und unehelicher Kinder brachten ihn nicht aus der Ruhe. “Wenn es ein Problem gäbe, wäre es vor langer Zeit schon aufgetaucht”, teilte der Abt 2015 der BBC Chinese (Abre numa nova janela) mit.

Dieses Mal ist jedoch sicher: Für den “CEO-Mönch” gibt es keine Rückkehr mehr. Im Shaolin Tempel ist mit Shi Yinle ab jetzt ein geradezu asketischer Abt eingesetzt. Für viele chinesische Netizens ist der Fall damit abgehakt: Die Vorwürfe waren schließlich bekannt, und Korruption ist weit verbreitet.

Einige vermuten jedoch, dass hinter Shi Yongxins Sturz noch etwas anderes steckt. Auch Carsten Krause sagt: “Die Gründe, die nach außen kommuniziert wurden, sind nicht die einzigen, möglicherweise nicht mal die richtigen Gründe für seinen Sturz.” Stattdessen hat der Abt sich durch seine internationalen Ambitionen in Gefahr gebracht.

Nelson Mandela, Queen Elizabeth, Apple-Chef Tim Cook und Henry Kissinger: Die Liste von Shi Yongxins Bekanntschaften liest sich wie ein Adressbuch globaler VIPs. Grundsätzlich ist das kein Problem: “Ein internationales Profil ist auch eine Aufgabe buddhistischer Mönche”, erklärt Carsten Krause. 

Mit einem besonders heiklen Besuch schlug Shi Yongxin jedoch über die Stränge: Im Februar 2025 besuchte Shi Yongxin den Vatikan, mit dem China keine diplomatischen Beziehungen führt. Dort erhielt er eine Privataudienz beim Papst. Danach reiste Shi Yongxin weiter nach Abu Dhabi, um mit hochrangigen Vertretern der saudischen Regierung über die Aufstellung eines muslimisch-buddhistischen Rates zu sprechen.

Der Mönch strebte wohl einerseits an, seinen Ruf als “CEO-Mönch” endgültig hinter sich zu lassen. Und sich andererseits zu einer religiösen Figur von globaler Bedeutung zu stilisieren. Internationale Aufmerksamkeit auf seine Person schützt ihn letztlich auch. 

“Mit einem nicht offiziell abgesegneten Besuch beim Vatikan hat Shi Yongxin eine rote Linie überschritten. Vermutlich war er sich der Brisanz dieses diplomatisch sensiblen Besuchs nicht bewusst”, sagt Krause. Denn vieles deutet darauf hin, dass die chinesische Regierung diese Reise als einen unverzeihlichen Akt politischer Illoyalität betrachtet.

Das Dilemma chinesischer Buddhist:innen

Chinas Buddhist:innen müssen einen ziemlichen Balanceakt navigieren. Sie müssen einerseits ihrer Arbeit als religiöse Vertreter im In- und Ausland nachgehen. Andererseits dürfen sie sich nicht zu unabhängig vom Staat machen. Das wird deutlich, wenn man sich die Aufgaben der Buddhistischen Vereinigung Chinas auf ihrer Webseite (Abre numa nova janela)anschaut:

Ihr Ziel ist es, die buddhistischen Gläubigen aller Nationalitäten des Landes zu vereinen und anzuleiten, […] die Führung durch die Kommunistische Partei Chinas und das sozialistische System zu unterstützen und unbeirrt den Weg des Sozialismus chinesischer Prägung zu gehen.

Auch der Staat hat ein kompliziertes Verhältnis zum Buddhismus. “Viele Menschen in China haben ein religiöses Bedürfnis, das kann der Staat nicht einfach ignorieren”, erklärt Carsten Krause. “Aber wer lebenslang ins Kloster geht, entscheidet sich auch gegen staatliche und gesellschaftliche Konventionen.” Erlangt eine spirituelle Bewegung daher zu viele Anhänger, begreift die Kommunistische Partei das als Bedrohung ihrer Autorität. Ein besonders bekannter Fall ist die Falun Dafa Bewegung, die in den 1990er Jahren Millionen von Anhängern sammelte und schließlich von der Regierung brutal verfolgt wurde.

In diesem Balanceakt hat der umstrittene Abt sich verzockt. Die Reise, die Shi Yongxins Status retten sollte, löste stattdessen seinen endgültigen Sturz aus. Den “CEO-Mönch” abzusägen, ist für die chinesische Regierung ein Leichtes: Nicht nur sind die Vorwürfe gegen ihn seit Jahren bekannt. Praktischerweise wurde gerade auch in Thailand ein Sexskandal unter Mönchen (Abre numa nova janela) aufgedeckt, der den Vorwürfen noch mehr Glaubwürdigkeit verleiht.

Shi Yongxins Leben in Saus und Braus ist derzeit noch ein Gerücht. Seine Vergehen sind nicht von einem Gericht bestätigt. Sein wahrer Fehler aber war ein misslungener Versuch, sich zu einem unabhängigen religiösen Akteur zu emanzipieren. “Sein Sturz”, sagt Carsten Krause, “ist auch eine Warnung an andere Mönche, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen.”

Ein YouTube Kommentar (Abre numa nova janela) fasst den Fall treffend zusammen: “Die Kommunistische Partei kann es erlauben, dass jemand „fehlerhaft“ ist. Sie wird nie akzeptieren, dass jemand sich unabhängig macht.”

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