Saltar para o conteúdo principal

Nein, China ist nicht 5000 Jahre alt

Die Kommunistische Partei Chinas sehnt sich nach einer ewigen Geschichte ihres Landes. Ich erkläre dir, warum du dabei skeptisch sein solltest.

“Wir nennen uns die Nachfahren des Drachens”, erzählt Xi Jinping Donald Trump bei einem Spaziergang (Abre numa nova janela) durch die Verbotene Stadt in Peking. Es ist 2017, und Trump zum ersten Mal als US-Präsident in Peking. China könne seine Geschichte über 5000 Jahre zurückverfolgen, sagt Xi und wirkt sichtlich stolz. Ob Ägypten nicht eine wesentlich ältere Zivilisation sei, hakt Trump nach?

Xi nickt. “Aber wir sind die einzige Zivilisation, die kontinuierlich seit über 5000 Jahren existiert. Wir haben dieselbe Haut, dieselben Haare wie unsere Vorfahren.”

Chinas Geschichte übt eine große Anziehungskraft aus - selbst auf jene Menschen, die China eher kritisch gegenüberstehen. Das habe ich gleich gemerkt, als ich vor zwei Jahren meinen ersten Chinatext für Krautreporter schrieb. Damals stellte ich den Leser*innen zwei Fragen: Was schockiert dich an China? Und was begeistert dich? Fast alle schrieben mir, Nachrichten über Menschenrechtssituation und Überwachung würden sie bedrücken. Und fast alle schrieben, sie beeindrucke die lange Geschichte des Landes, die tausendjährige Kultur, die Volksseele.

Die vermeintlich 5000 Jahre alte Zivilisation Chinas muss oft herhalten, um das Land zu erklären. Doch dieses Narrativ hat einen Haken, sagt der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang: Die sogenannte chinesische Zivilisation ist ein Mythos, der selbst in China kaum älter als 120 Jahre ist. China war lange weder so groß, noch so einheitlich oder konfuzianisch, wie es heute scheint.

Heute, unter Xi Jinping, hat dieser Mythos wieder Hochkonjunktur. Denn nach Überzeugung der Kommunistischen Partei mündet er in der Rückkehr Chinas an die Weltspitze. Wer versteht, wie die 5000jährige Geschichte Chinas erfunden wurde, weiß, was Chinas Großmacht-Ambitionen antreibt. Und fällt gleichzeitig nicht auf den Mythos rein.

So wurde die Geschichte Chinas erfunden

5000 Jahre alt ist China eigentlich erst seit 1901. Damals erschien in Japan ein Essay mit dem unscheinbaren Titel: “Einführung in die Geschichte Chinas”. Geschrieben hatte es Liang Qichao, ein Gelehrter aus dem heißen, feuchten Süden Chinas und einer der bekanntesten Reformer des Landes. Aus dem Exil in Japan verfasste er rastlos Hunderte Texte zur Geschichte und Zukunft Chinas. Liang verfolgte ein ziemlich ambitioniertes Ziel: Die Rettung des chinesischen Kaiserreiches.

Anfang des 20. Jahrhunderts lagen die glorreichen Tage des Kaiserreiches in weiter Ferne. Es hatte katastrophale Niederlagen gegen Großbritannien und Japan erlitten, seine Modernisierung verschleppt und kämpfte obendrein mit einer grassierenden Opiumsucht in der Bevölkerung. Liang glaubte, eine Lösung für Chinas Krise gefunden zu haben: Nur ein Land, das über eine einheitliche und kontinuierliche Geschichte verfügt, kann den Eintritt in die Moderne überleben.

Liang datierte den Beginn der chinesischen Geschichte auf 2700 vor Christus. “Da sind wir in der Steinzeit, das muss man sich klarmachen,” sagt der Hamburger Sinologe Kai Vogelsang, der zur chinesischen Geschichtsschreibung forscht. Aus jener Zeit sind lediglich Legenden mythischer Kaiser überliefert, die halb Gottheit, halb Mensch sein sollen.

Liang legte fest, welche Gebiete zu China gehören: das historische Kerngebiet im Osten, plus Xinjiang, Tibet und der Mongolei. Für dieses Land prägte Liang gleich einen neuen Namen, der sich bis heute gehalten hat: Zhongguo, das chinesische Wort für China.

Wichtig ist: Liang beschrieb in seiner Geschichte nicht eine bereits existierende Nation. Er erschuf sie aktiv durch das Schreiben ihrer Geschichte. Liangs Geschichte Chinas steckt voller Widersprüche und spiegelt die Furcht vor einem sozialdarwinistischen Kampf der Völker wider. Aber er hatte ein wichtiges Prinzip verstanden: Geschichte existiert nicht einfach, sondern wird erzählt. Seine Geschichte Chinas bestimmt bis heute, wie China sich selbst versteht - und wie wir auf das Land blicken.

Wie der Mythos Xi Jinping nützt

Heute tragen unzählige Bücher zur Geschichte Chinas die 5000 Jahre im Titel, oft begleitet von Phrasen wie dem “Reich der Mitte” oder “alles unter dem Himmel”. Die vermeintlich Jahrtausende zurückreichende Geschichte Chinas findet sich in Reiseführern (Abre numa nova janela), Zeitungsartikeln (Abre numa nova janela) und Ausstellungstexten (Abre numa nova janela). Selbst die härtesten Kritiker*innen der Volksrepublik können sich in der Regel zu einem Lob der chinesischen Geschichte herablassen.

Auch Xi Jinping lässt kaum eine Gelegenheit aus, die Besonderheit der chinesischen Zivilisation zu betonen. Mit manchen Begriffen könnte man Bingo spielen, so oft tauchen sie in den Theoriemagazinen der Kommunistischen Partei auf: der unermüdliche Sinn der Selbstverbesserung, ein harmonisches, multiethnisches Land, konfuzianische Ethik, eine ununterbrochene Zivilisation.

Dieses Verständnis Chinas ist komplett ahistorisch, sagt Vogelsang: “China war nicht immer so groß, China war nicht immer konfuzianisch.” Bronze, Pferdegespanne, Kaftane und der Buddhismus: Das ist nur eine winzige Auswahl der Dinge, die China aus aus anderen Reichen importierte. China wurde erst durch Anreize von außen zu dem faszinierenden Land, das es heute ist.

Was Xis Zukunftsvision mit Europas faschistischer Vergangenheit gemeinsam hat

Das kümmert Xi Jinping wahrscheinlich überhaupt nicht. Xi ist schließlich nicht Geschichtswissenschaftler, sondern Anführer eines marxistisch-leninistischen Einparteienstaats auf Supermacht-Kurs. Dafür hat Xi ein Prinzip perfektioniert, ursprünglich aus der Feder Mao Zedongs stammt: die Vergangenheit in den Dienst der Gegenwart zu stellen. Und das funktioniert, grob zusammengefasst, so:

Die Kommunistische Partei betrachtet sich als Erbin der glorreichen 5000jährigen Zivilisation Chinas. Mit der Demütigung durch den Westen, der China bekriegte und kolonisierte, erlebte China einen beispiellosen Niedergang. Erst mit der Machtergreifung der Kommunistischen Partei begann Chinas Wiederaufstieg, der mündet in der großen Wiedergeburt der chinesischen Nation münden wird. Die große Wiedergeburt: Das ist im Verständnis der Kommunistischen Partei Chinas historisches Schicksal, in einer post-westlichen Weltordnung an die Spitze zurückzukehren.

Das Narrativ der nationalen Wiedergeburt kennen wir auch in Europa. Mussolini sah das faschistische Italien in der Tradition des römischen Reiches. Die Nationalsozialisten wollten mit dem Dritten Reich an eine germanische Vergangenheit anknüpfen. “Die Rückkehr zu alter Pracht”, sagt Vogelsang, “ist ein typisch faschistisches Narrativ.”

Die nationale Wiedergeburt Chinas soll bis 2049 vonstatten gehen, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik. Die 5000jährige Geschichte Chinas nützt die Diplomat*innen des Landes schon heute als Waffe. Nachdem US-Vizepräsident JD Vance herablassend über chinesische Bauern sprach, schoss Victor Gao, ein ultranationalistischer Analyst, zurück: Er sei stolz, der Nachfahre eines Bauers zu sein. China sei schon vor 5000 Jahren dagewesen, und werde noch weitere 5000 Jahre existieren. In den Kommentaren unter der Aufzeichnung seines Channel-4 Interviews wird er für seine vermeintliche Demut gefeiert.

https://www.youtube.com/watch?v=Xof9FwrCrsg (Abre numa nova janela)

Es ist übrigens nicht so lange her, da schien sich die Kommunistische Partei vor der Geschichte Chinas regelrecht zu fürchten. Mao entfachte während der Kulturrevolution einen Kriegszug gegen die chinesische Geschichte, die der neuen sozialistischen Gesellschaft weichen sollte. Die Roten Garden zertrümmerten tausende Tempel, verbrannten Bücher und demütigten ihre Lehrer und die Intellektuellen des Landes.

In der Volksrepublik China finde man den mysteriösen Osten nicht mehr, klagte 1971 ein Autor der New York Times (Abre numa nova janela). Man treffe nur noch gewöhnliche Arbeiter an, die dem Westler vertrauten Routinen nachgingen. Erst als Mao starb und die Kulturrevolution endete, holte die KPCh die chinesische Geschichte wieder aus dem Giftschrank.

Geschichte ist gefährlich für Politiker*innen, sagt Vogelsang, denn sie behauptet, es war mal anders als heute, und es wird wieder anders sein. “Politiker*innen kann man die Unerbittlichkeit der Geschichte eigentlich nicht zumuten.”

Danke fürs Lesen! Wen das Thema interessiert, dem empfehle ich das Buch “The Invention of China” von Bill Hayton. Sag mir, was du von dieser Ausgabe hältst:

(Abre numa nova janela)