Nur noch zwei Monate trennen uns vom Jahresende - das bedeutet, dass Du beim Umblättern der letzten Seiten des Follow Women-Kalenders 2025 noch zwei Newsletter von mir erhalten wirst.
Darin verweben sich die Geschichten der Frauen, die ich porträtiere, mit meinen eigenen, sehr persönlichen Erfahrungen - deren Ergebnis ich nie vorhersehen kann, wenn ich mich an ein leeres Blatt setze.
Zurzeit arbeite ich mit voller Kraft an der Premiere des Kalenderprojekts für das Jahr 2026, und spontan kam mir der Gedanke, einen zusätzlichen Newsletter zu schreiben- einen, der in gewisser Weise auf die Fragen antwortet, die ohnehin jedes Jahr kurz vor der Veröffentlichung auftauchen.
In diesem Newsletter möchte ich mir auch erlauben, mehr Persönliches zu teilen. Denn ehrlich gesagt glaube ich nicht an das authentische Bild einer Künstlerin, die sich hinter einem perfekt kuratierten Instagram-Feed versteckt. Dort mag es zwar verführerische Ordnung und Ästhetik geben, aber oft ist es auch kühl und langweilig.
Das, was ich beruflich tue, ist untrennbar mit meinem Leben verbunden. Es ergänzt und spiegelt sich gegenseitig.
Das engagierte Porträt, das ich zeichne, ist daher gewissermaßen ein doppeltes Porträt: Die Begegnung mit einer Frau, einer Inspiration, einer Heldin berührt immer etwas Persönliches in mir - sie spiegelt sich, vervielfacht sich. Ich bin mir dessen sehr bewusst, denn ohne diese Resonanz hätte das, was schließlich in eure Hände gelangt, nicht dieselbe emotionale Kraft, nicht diese Intensität.
Die Zeit, in der ich den neuen Kalender erschaffe, ist zugleich der Abschluss einer schwierigen Phase.
Vor einem Jahr habe ich meinen Bruder verloren, und die Fertigstellung des letzten Kalenders, den ihr noch immer nutzt, war für mich eine Herausforderung und zugleich eine therapeutische Rettungsleine. Ich habe mich an ihr festgehalten.
Ich bin noch immer im Prozess der Trauer, und meine Familie heilt nur langsam.
Danke Dir, danke, dass ich etwas hatte, worauf ich zurückkommen, worauf ich mich beziehen konnte. Das Schaffen des Kalenders ist für mich zu einem Fixpunkt geworden, zur Achse jedes Jahres.
Den aktuellen Kalender gestalte ich in meinem eigenen, neuen Zuhause - nur wenige Monate nach einer Trennung. In einem winzigen, aber glücklicherweise eigenen, zurückeroberten Leben, in dem sich auf kleinstem Raum mein Atelier befindet, ein Raum, in dem ich ein Leben für mich und meine Tochter eingerichtet habe.
Man kann darüber sprechen, oder auch nicht. Ich aber habe beschlossen, es zu tun: ohne Angst und ein wenig entgegen der gängigen Tendenz, dass die Orte, an denen wir uns begegnen - also die sozialen Medien - dazu neigen, zwei Extreme zu bedienen: Hass oder ewige Leichtigkeit und Glückseligkeit. Von dieser Position aus möchte ich Dir sagen: Das ist nicht wahr. Wir alle sind müde und desorientierte Nutzer*innen des Internets. Auf der Suche nach einer eigenen Gemeinschaft verwechseln wir manchmal Maskerade mit Wahrheit. Es lohnt sich, dazu einen gesunden Abstand zu entwickeln - ohne das Engagement zu verlieren.
Ich glaube, wir müssen nicht ständig glücklich sein.Was wir wirklich brauchen, ist Lebendigkeit - den Kontakt zu uns selbst und zur Welt.
Ich schätze zutiefst die Gemeinschaft, die sich auf organische Weise um das Projekt Follow Women gebildet hat. Es berührt mich sehr, dass mein Kalender bereits an so vielen Orten hängt: in privaten Wohnungen, Ateliers, Büros, Restaurants, Küchen, Vereinen…in großen Institutionen und in stillen, persönlichen Räumen.
Wie jedes Jahr erreicht mich eine Flut spannender Fragen zum Kalender in privaten Nachrichten - und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um hier auf einige davon zu antworten. Die meisten betreffen die Auswahl der Protagonistinnen und den Entstehungsprozess selbst.
Wenn ich jedes Jahr einen Kalender mit zwölf Frauenporträts gestalte, denke ich gern an das einfache Symbol des gemeinsamen Tisches. Es ist, als würde ich zwölf Frauen zu einem gemeinsamen Abendessen einladen - und ich frage mich: Mit wem würde ich gern zusammensitzen? Worüber würden wir sprechen? Was könnten zwölf Frauen aus unterschiedlichen Epochen, Kulturen, Disziplinen und sozialen Schichten miteinander teilen?
Inspiriert hat mich dazu einst ein für mich sehr wichtiges feministisches Werk: „The Dinner Party” (1979) von Judy Chicago - ich lege Dir sehr ans Herz, es Dir anzusehen. Es erklärt vieles.
So sammle ich das ganze Jahr über impulsiv neue weibliche Figuren. Die diesjährige Liste umfasste 42 Namen - und das endgültige Dutzend ist mein ganz persönlicher Auswahlprozess. In diesem Jahr habe ich mir erlaubt, neben starken Aktivistinnen auch Frauen einzuladen, die ich einfach mag: Dichterinnen, deren Texte ich liebe, Schauspielerinnen, die mich mit ihren Rollen faszinieren, oder Persönlichkeiten, die mich mit Humor und Lebensmut überraschen. Kurz gesagt: Ich habe mir erlaubt, den Kalender dieses Mal etwas leichter, trotzdem engagiert und vielleicht aber auch persönlicher - zu gestalten.
Der Ausgangspunkt ist immer ein Impuls: eine Reise, eine Lektüre, ein Gespräch, ein Bild, ein Auftritt. Die weitere Arbeit umfasst ebenso viel Recherche wie Zeichnung, Grafik, Layout und schließlich die Produktion des Kalenders und der Fine Art Prints.
Der Ausgangspunkt bleibt bei mir immer die analoge Tuschzeichnung - ein Medium, das im Laufe der Jahre einfach zu meinem Ausdruck und meinem Erkennungszeichen geworden ist. Ich liebe seine plakatartige Klarheit und die unterschätzte Rolle von Geste und Zufall.
Wie jedes Jahr geht auch diesmal ein Teil des Erlöses an eine Organisation, die Frauen unterstützt. In diesem Jahr möchte ich - aus persönlichen Gründen - besonders eines der Berliner Frauenhäuser oder eine ähnliche Initiative fördern. Ich weiß, wie entscheidend es sein kann, im Moment einer Trennung einen Ort zu haben, an den man sich wenden kann.
Inzwischen lade ich euch herzlich zur Premiere des neuen Kalenders ein - am 23. November um 18 Uhr.
Wie jedes Jahr erwartet euch eine limitierte Serie von 350 signierten und nummerierten Exemplaren, erhältlich im Onlineshop (Abre numa nova janela) und vor Ort in der Buchhandlung Ocelot in Berlin.
Mit herzlichem Gruß und großem Dank für eure Aufmerksamkeit und euer Dabeisein.
Follow Women!
Nadia Linek