Mehr denn je habe ich das Gefühl, das Spiel namens Leben zu verlieren. Dabei will ich leben.

Schon wieder finde ich mich in einem teuflischen Zyklus aus Erschöpfung und Geldsorge. Nach der Abgabe meines Manuskripts haben mich Menschen beglückwünscht, haben mir Freude und Erleichterung und Erholung gewünscht. Ich mir im Übrigen auch.
Stattdessen aber wusste ich, dass sich mit der Abgabe ein winzig kleines Zeitfenster öffnet, um endlich meine Wohnzimmerwand zu streichen, also habe ich das gemacht. Ein Energiefenster dafür hatte ich nicht, im Gegenteil. Drei sorgenfreie Wochen Urlaub mit Nichtstun, gesundem Schlaf und homöopathischen Sozialkontakten hätte ich gebraucht, um meinen Kraftspeicher wieder aufzufüllen. Aber sorgenfrei war leider aus und deshalb habe ich bis heute keine Entspannung, keinen Schlaf, keine Sozialkontakte. Ich hatte nur die Wahl, die Gelegenheit meines durch Cortisol und Adrenalin noch hochgepushten Systems noch eben schnell auszunutzen, oder es eben nicht zu tun.
Seit Monaten schiebe ich Arzttermine vor mir her, obwohl ich Symptome habe, weil ich immer dachte, machste nach der Abgabe, wenn du Zeit und Ruhe hast, lol. Diese Woche also ist voll mit Terminen, ich muss mich weiter aufrecht halten. Alles in mir schreit verzweifelt danach, loszulassen, einfach die Erschöpfung rauszuweinen, aber ich weiß auch: Wenn ich das tue, breche ich völlig zusammen. Dann werde ich wochenlang handlungsunfähig und finde nie einen Weg aus dieser verdammten Not.
Eigentlich bin ich seit Monaten schon aus meiner Depression raus, meine Resilienz war wieder da, meine Selbstsicherheit, meine Gelassenheit und Konstruktivität beim Blick in die Zukunft. Den Winter habe ich stabiler durchgestanden als alle Winter der sechs Jahre davor. Mir kamen gute und wie ich glaube auch tragfähige Ideen, um ein stabiles Einkommen zu generieren. Ich habe mir ein Dokument mit einem ordentlichen Finanzplan angelegt, so richtig mit Tabellen, wieviel Geld brauche ich, welche Leistungen kann ich anbieten, wie oft müssen die gebucht werden, um das Ziel zu erreichen, wie kann ich sie bewerben. Echt ey, wie so eine erwachsene, vernünftig und konstruktiv handelnde Person.
Aber weil das Buchmanuskript, mit dem ich zeitlich eh schon hinterher hing, Priorität hatte, konnte ich diese berufliche Neuaufstellung nicht wirklich verfolgen. Ich habe es versucht, aber sehr schnell gemerkt, dass ich mich dabei verzettele und am Ende bei beidem nicht vorankomme. In den nächsten Tagen unterschreibe ich den Vertrag für ein neues Projekt, das mich aber finanziell auch nur einen Monat lang trägt. Ich weiß mit 1000%iger Sicherheit, dass ich der Welt etwas zu geben habe, was sie als Mehrwert empfindet. Ich weiß mit 1000%iger Sicherheit, dass diese ganze erwachsene Planung funktionieren kann, weil sie nicht bloß auf der vagen Hoffnung basiert, dass irgendein Text von mir viral geht und so zu weiteren Einkünften führt, sondern auf meiner Fähigkeit als Wissensvermittlerin.
Selbstkritische Ursachenanalyse
Die Ursachen dafür, dass das jetzt alles wieder so dramatisch ist, sind vielschichtig.
Ich habe meinen Einkommensfokus zu sehr und zu lange auf mein Blog gelegt, von dem ich glaubte, dass es mich tragen kann. In den letzten 25 Jahren, lange vor den sozialen Medien (ja, so lange blogge ich schon), haben mir so viele Menschen gesagt, wie sehr meine Blogtexte ihnen im Leben weitergeholfen, ihren Horizont erweitert haben, dass ich daraus auf eine nennenswerte Bereitschaft, dafür zu bezahlen, geschlossen habe. Das war ein Irrtum, eine Fehleinschätzung. Unabhängig davon, ob ich öfter oder seltener, ob ich über gesellschaftspolitische Themen, über psychische Gesundheit oder einfach über ganz Persönliches blogge, wachsen meine Abozahlen nicht. Steady schickt mir regelmäßig Mails mit Tipps, mehr Menschen zum Bezahlen zu animieren. Aber wann immer ich das versuche, melden sich nur mehr Leute von meiner (gratis) Newsletter-Subscription ab. Neue Abos gibt es weder nach neuen Texten noch nach Werbemaßnahmen. Ich weiß, dass ich etwas falsch mache, ich weiß nur nicht, was.
Die Dramatik der gegenwärtigen Situation liegt auch daran, dass ich es einfach nicht früher geschafft hat, das Buchmanuskript einigermaßen vorzeigbar abzuschließen, so dass der Verlagsvorschuss bei der Abgabe schon bis auf einen kleinen Rest aufgebraucht war. Zudem waren im November überraschend 1300.- Mietschulden aus der Vergangenheit aufgetaucht, die ich nicht bemerkt hatte, und im Januar und Februar brauchten meine beiden Katzen kostspielige Versorgung. Zahlreiche Blogabos wurden gekündigt, was ich zwar angesichts meiner mageren Gegenleistung vollkommen verstehe und niemandem übel nehme, was mein monatliches Einkommen aber dennoch deutlich spürbar gedrückt hat. Dann streckte mich 2 Wochen lang ein grippaler Infekt nieder und hat die Manuskriptabgabe noch weiter verzögert.
Alle Menschen und Institutionen, mit denen ich offen über meine finanzielle Situation gesprochen haben, waren verständnisvoll und sind mir entgegengekommen. Haben mir Aufschübe und/oder Darlehen gewährt. Mein Vermieter, meine Tierärztin, mein Verlag, die liebe Freundin, die mir Geld geliehen hat. Und ich bin allen so dankbar dafür.
Das Interesse an meiner Arbeit ist im Moment so hoch wie seit dem Erscheinen von “Female Choice” nicht mehr. Ich komme bisweilen kaum hinterher, die Interview- und Podcastanfragen einigermaßen zeitnah zu beantworten. Einerseits freut mich das natürlich wahnsinnig, denn meine Motivation für “Female Choice” war ja nie, reich zu werden, sondern zu einem Umdenken, einer strukturellen Verbesserung der Welt beizutragen.
Aber bis auf wenige multiplizierende Ausnahmen war am Ende immer wieder klar, dass die unbezahlte Beteiligung an Podcasts nur eine andere Form von “Ich geb dir Exposure” ist. Exposure zahlt nicht meine Miete, Exposure ermöglicht mir nicht, meine Schulden zurückzuzahlen. Solange in der jeweiligen Zielgruppe nicht genug Entscheiderinnen sind, die mich nach dem Hören des Podcasts für einen Vortrag, eine Lesung, eine Podiumsdiskussion, einen Medienartikel buchen, bedeutet eine Podcastaufnahme für mich immer nur unbezahlte Arbeit gegen Exposure.
Ich schaue heute also auf die letzten, die allerletzten 300 Euro auf meinem Konto, es gibt keine Versicherung mehr, die ich auflösen könnte, keine Spareinlage, nichts, was mir noch helfen könnte, meine laufenden Kosten zu decken. Mit den noch ausstehenden Geldbeträgen werde ich keine der bestehenden Schulden tilgen, aber wenigstens bis Ende April meine Miete zahlen können. Bis dahin muss ich diese - lol - Businesspläne umgesetzt haben.
Ich schaue auf die aus Pech (Corona, Algorithmen) und eigenen Unzulänglichkeiten (meine Depressionserkrankung, falsche Entscheidungen) entstandenen Trümmer, auf die geringe Zeit, die ich noch habe, um das Ruder herumzureißen, auf meinen gegenwärtigen Erschöpfungszustand und denke: Das schaffst du niemals, Meike. Das ist nicht zu schaffen. Gib einfach auf. Lass los. Lass dich zurücksinken in die tröstliche Dunkelheit. Hör einfach auf zu kämpfen.
Alles in mir will dieser beginnenden Depression und den suizidalen Gedanken entgegenbrüllen: Haltet die Klappe! Ihr wart schon weg und Ihr werdet nicht wieder zurückkommen! Dieses eine Mal überlasse ich dir nicht das Feld! Ich bin ein Stehaufmädchen, du nicht! Ich kann Menschen etwas geben und du nicht!
Aber mein ganzer Körper schmerzt. Nicht nur wegen der Symptome, die ich aktuell medizinisch abklären lasse, sondern auch, weil ich völlig am Ende bin.
Wäre dies ein Märchen, tauchte jetzt aus dem Nichts eine Mäzenin oder ein Mäzen auf, die mir fünf- oder besser zehntausend Euro geben. Nicht als weitere Verschuldung, sondern damit ich Luft bekomme, einerseits meine Kraftreserven wieder zu füllen, andererseits mich ohne die finanzielle Existenzbedrohung meiner beruflichen Neuausrichtung zu widmen. Aber Leben ist kein Märchen und deshalb kann ich nur versuchen, die letzten Moleküle Energie zusammenzukratzen, um wieder auf die Füße zu kommen.
Bitte kündigt Eure Blogabos noch nicht. Ich brauche sie zum blanken Überleben.
Ich weiß, dass alles besser werden kann, wenn ich nur einen Moment zum Durchatmen bekomme.
(Abre numa nova janela)
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