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Weibliche Lust: Hic sunt dracones

Zwischen Squirting und Klitoris: Obwohl sich das Verständnis weiblicher Sexualität stetig verbessert, bleiben Männer ahnungslos. Was da los?

(Inhaltswarnung: Hier gibt es too much information.)

Ich konsumiere Pornografie, seit ich Zugang dazu habe - grob geschätzt 35 Jahre. Und ich kann mit einiger Begeisterung sagen, dass sich die Darstellung von Frauen deutlich zum Positiven entwickelt hat. Heute gibt es ethisch und/oder von Frauen produzierte Pornos, die Frauen agieren in den Darstellungen freier und offensiver, man sieht nicht nur stromlinienförmige Plastikkörper, sondern auch Haare, Speck, Cellulite. Als sexpositive Feministin begrüße ich das.

Aber weibliche Lust ist - und darum geht es in diesem Text - immer noch sehr auf das männliche Ego zugeschnitten. Das fiel mir zum ersten Mal nach meiner langen Ehe auf, als plötzlich alle Männer, mit denen ich sexuell interagierte, mich zum Squirten bringen wollten. Nicht einfach nur als Station im Kanon möglicher Spielarten, sondern als sei es der Heilige Gral.

In den Pornos wirkt Squirting unglaublich spektakulär, die Frauen exlodieren dabei in einer Fontäne. In meinen sexuell aktiveren Lebensphasen war Squirting ein völlig unbekanntes Phänomen und als lustvolle Abenteurerin war ich neugierig.

Die wenigsten der Männer haben es bei mir geschafft, aber heute verfüge ich über die Erfahrung. Und ich muss sagen, ich war etwas unterwältigt. Es liegt zwar eine Art von Kontrollverlust in diesem Moment, der das eigene Loslassen auf eine ganz andere Ebene hebt, als ich es bis dahin kannte. Und ich verstehe, dass es Frauen gibt, die dieses Loslassen, das sich nach meiner Erfahrung eher auf einer geistig-mentalen Ebene vollzieht, extrem erregend finden. Aber in Bezug auf mein körperliches Lustempfinden war Squirting ein nice-to-have, nicht mehr.

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Squirting ist nach meiner Erfahrung ein sehr mechanischer Akt, der über die Reizung einer Region kurz hinter dem weiblichen G-Punkt funktioniert. Dieser gesamte Bereich der Vagina ist sehr sensibel und in der Regel geht die Stimulation mit intensiver körperlicher Erregung einher, die über einen längeren Zeitpunkt auf gleichbleibendem Niveau gehalten werden kann (lovely!).

Squirting wird oft als female ejaculation bezeichnet und bekommt dadurch den Anstrich der ultimativen weiblichen Lusterfahrung. Es wird gleichgesetzt mit einem Orgasmus. Tatsächlich kann Squirting zwar mit einem Höhepunkt einhergehen, muss aber nicht.

Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Dadurch, dass Squirting in der Pornografie immer ein Spektakel ist (Fontäne, lustvolles Schreien, blabla), glaube ich (!), dass die Praktik für Männer eine übergroße Bedeutung bekommt. Sie halten Squirting für die ultimative Orgasmuserfahrung, und eine Frau dazu zu bringen, fühlt sich an wie “Ich habe ihr gerade den Sex ihres Lebens beschert”, hat also einen deutlichen Egocharakter.

Das Dumme ist, dass der weibliche Orgasmus viel mehr Schattierungen hat als der männliche. Selbstverständlich ist auch männliche Erregung individuell und Orgasmus ist nicht gleich Orgasmus, aber letztlich geht es beim Mann immer um die Verschiebung der Vorhaut. Bei Frauen gibt es mehr Möglichkeiten zwischen Kopfgeilheit und dem ultimativen körperlichen Orgasmus.

Und eine der Möglichkeiten bleibt bei der Mehrheit der Männer immer im Vagen: die Klitoris. Es gehört zu den spektakulärsten und gleichzeitig niederschmetterndsten Erkenntnissen über meine eigene Sexualität, dass sie im Grunde zu mindestens 70% aus der Sucht nach klitoralen Orgasmen besteht.

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Mit Anfang 30 hatte ich eine kurze Affäre, in der wir uns im Wesentlichen nur gegenseitig mit der Hand befriedigt haben. Elysium, traumhaft toll, da werde ich nicht lügen. Jede Form von Penetration fällt im Vergleich zu meinen klitoralen Orgasmen blass aus und ich kann die Zahl der Männer, die mich in meinem gesamten sexuell aktiven Leben auf penetrativem Weg, einzig durch ihre praktischen Fähigkeiten, an meine Erregungsgrenzen oder sogar darüber hinaus gebracht haben, an einer Hand abzählen.

Und da komme ich wieder zur männlichen Wahrnehmung weiblicher Sexualität. Gehen wir der Einfachheit davon aus, dass ich mich nur mit Männern treffe, die aufrichtiges Interesse an meiner Klitoris haben. Die aktiven Oralsex praktizieren, um etwas zu geben, und nicht, damit sie danach egoistisch ihrem eigenen Orgasmus entgegenstoßen können. Sexpositive Männer mit einem Mindestmaß feministischer Bildung.

Aber selbst diese Männer - nahezu alle hatten mir zu irgendeinem Punkt mitgeteilt, dass sie es lieben, eine Frau zu lecken - schienen über einen gewissen Punkt der Hingabe an weibliche Lust nicht hinauszukommen. Sie widmeten sich mit aufrichtigem Enthusiasmus meiner Klitoris, aber keiner von ihnen, nicht einer, vermittelte mir das Gefühl, dass es bei der Stimulation meiner Klitoris um mehr ging als die Vorbereitung der Penetration. Klitoris ist gleich Vorspiel. Kein einziger unternahm einen ernsthaften Versuch, mich klitoral zum Kommen zu bringen, meine Klitoris war immer nur Zwischenstation.

Das hat sicher auch etwas mit Versagensangst zu tun, die ich auch von mir selbst kenne. In dem Moment, in dem man sich den Orgasmus des Gegenüber als Ziel setzt, ist der Leistungsdruck bei der eigenen Performance ungleich höher, als wenn man einfach nur Erregung erzeugen will. Mit diesem Ansinnen fühlt es sich nicht so sehr als Versagen an, wenn jemand nicht kommt. Man hat es ja gar nicht wirklich versucht.

Wenn einem das Gegenüber nicht völlig egal ist, ist diese Versagensangst absolut menschlich. Ich habe viele meiner sexuellen Begegnungen aufrichtig genossen, obwohl sie mich nicht an die Grenze meiner körperlichen Empfindungen gebracht haben.

Aber ich glaube, dass eben auch die öffentliche Wahrnehmung der weiblichen Lust einen Anteil daran hat. Als ich begann, Pornografie zu konsumieren, ging es nie um die Schattierungen weiblicher Lust. Heute spielt dieser Faktor in pornografischen Darstellungen eine viel größere Rolle. Aber weil Pornografie immer noch überwiegend für Männer produziert wird, wird eben auch darauf geachtet, dass die weibliche Lust nicht zu realistisch dargestellt wird.

Klitorale Stimulation, die tatsächlich zum Orgasmus der Frau führt, findet man heute vorwiegend bei echten Paaren, die ihre partnerschaftliche Sexualität freiwillig auf den üblichen Pornoplattformen hochladen. (Wer meinen Kink teilt, wird bei TheSweetMartini oder WhiteMallow auf der bekanntesten Plattform fündig.). Einerseits ist das für mich als Feministin schön, weil ich einigermaßen sicher sein kann, dass die Frau bei der pornografischen Darstellung nicht ausgebeutet oder missbraucht wird. Andererseits ist es aber auch ein bisschen mager.

In den meisten professionell produzierten Videos ist weibliche Lust immer noch ein Vehikel für männliches Wohlbefinden, kommt nur vor, solange sie entweder der männlichen Lust oder dem männlichen Ego zuarbeitet. Sie muss leicht zugänglich, leicht zu erreichen sein. Ohne Anstrengung und ohne Versagensangst.

Das wäre nicht grundsätzlich schlimm. Wenn ich ein Pornovideo anschaue, will ich auch nicht unbedingt sehen, wie viel Technik und individuelles Eingehen es im Zweifelsfall braucht, um einen Mann zu einem überwältigenden Orgasmus zu bringen. Es wird allerdings dann blöd, wo diese Pornografie - leichtgängig, oberflächlich, unindividuell - Zuschauende dazu bringt zu glauben, sie wüssten, wie Sexualität funktioniert.

Jede Art von Sexualität bedeutet immer Individualität. Ein Sicheinlassen auf die persönlichen Vorlieben des Gegenübers. Und ich finde es verdammt schade, wenn Egos und/oder Vorurteile dazu führen, dass man nicht ernsthaft versucht, dem anderen das Maximum an Lust, zu dem er oder sie fähig ist, zu entreißen.

Will sagen: Pornografie ist nett für niederschwellige Erleichterung. Aber glaubt bitte nicht, Ihr seid Sexgötter oder -göttinnen, weil Ihr es schafft, jemanden auf Anhieb squirten zu lassen. Hört zu, seid lernwillig, seid bereit, anderes zu machen, oder länger durchzuhalten, als das, was Ihr in der öffentlichen Darstellung seht.

Denn am Ende entscheidet nicht die Schnelligkeit oder Einfachheit, mit der Ihr jemanden erregt, darüber, ob Sex wirklich mindblowing wird, sondern inwieweit sich Eurer Gegenüber auch körperlich gesehen und angenommen fühlt.

Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei Instagram (Abre numa nova janela) oder Bluesky (Abre numa nova janela) folgen.

Tópico Liebe, Dating & Sex

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