Gofigramm

Ich gehe davon aus, dass Du die Debatte um die Stadtbild-Aussagen des Bundeskanzlers mitbekommen hast. Erst am vergangenen Wochenende hat es Demonstrationen in mehreren deutschen Städten gegeben, die dagegen protestiert haben. Ich habe selbst an einer Demo in Marburg teilgenommen, die sich eigentlich gar nicht gegen Merz, sondern für ein Verbot der AfD ausgesprochen hat. Aber natürlich ist in den Redebeiträgen auf der Bühne auch auf die Aussagen von Merz Bezug genommen worden.
Dabei ist anfangs gar nicht klar gewesen, was er überhaupt genau gemeint hat. Ich habe Dir mal alle Aussagen zusammengetragen. Er hat sie im Lauf mehrerer Tage getroffen, die erste vor vierzehn Tagen, die letzte vor fünf. Los ging es hiermit:
"Bei der Migration sind wir sehr weit. Wir haben in dieser Bundesregierung die Zahlen August 2024, August 2025 im Vergleich um 60 Prozent nach unten gebracht, aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen. Das muss beibehalten werden, das ist in der Koalition verabredet."
Schon hier hat Merz starken Zuspruch und lauten Protest erfahren. Was er jedoch konkret hat sagen wollen, bleibt unserer Interpretation überlassen. Es hat etwas mit Migration zu tun und mit ‚Rückführungen‘ in sehr großem Umfang durch den Innenminister. Ist es Zufall, dass das Wort ‚Rückführung‘ an das Wort ‚Remigration‘ erinnert? Hat Merz nicht gewusst, dass seine Aussage sehr vage ist und unterschiedlich interpretiert werden kann? Hat er ALLE Menschen mit Migrationsgeschichte gemeint oder nur eine bestimmte Gruppe? Und wenn das der Fall gewesen ist: Welche?
Er ist Tage später gezielt danach gefragt worden und hat daraufhin dies gesagt:
"Wer es aus dem Lebensalltag sieht, weiß, dass ich mit dieser Bemerkung, die ich in der letzten Woche gemacht habe, recht habe." Es sei nicht das erste Mal, dass er dies gesagt habe, und er sei nicht der Einzige, der dies gesagt habe. "Fragen Sie Ihre Kinder, fragen Sie Ihre Töchter, fragen Sie im Bekanntenkreis. Alle bestätigen, dass das ein Problem ist, spätestens mit Einbruch der Dunkelheit."
Es ist tatsächlich ein Problem, dass sich viel zu viele Menschen in Deutschland bei Dunkelheit kaum noch auf die Straße trauen. So sagte zum Beispiel Sareh Darsaraee, die stellvertretende Vorsitzende des Ausländerbeirates in Marburg auf der Demo am vergangenen Samstag, dass sie wirklich Angst hat, nachts durch Marburgs Straßen zu ziehen. Sie hat eine dunkle Hautfarbe, ist im Iran geboren worden. Wenn sie das Haus verlässt, hat sie erzählt, dann fragt sie sich: Bin ich zu provokativ gekleidet, zu stark geschminkt, ist der Schmuck, den ich trage, okay? Was ist, wenn ich einen anderen provoziere? Und daran denkt sie selbstverständlich auch an gewaltbereite weiße Rassisten, klar.
Hat Friedrich Merz auch an sie gedacht? Vielleicht. Aber sehr deutlich ist er auch diesmal wieder nicht gewesen. Er hat eine Aussage, die der Interpretation bedarf, ergänzt durch eine weitere Aussage, die jeder so interpretieren kann, wie sie oder er möchte.
In Deutschland ist die Debatte inzwischen in voller Fahrt. Er hat recht, rufen die einen. Er hat nicht verstanden, dass er der Kanzler aller Menschen ist, die in diesem Land leben, rufen die anderen. Um welches Problem geht es ihm wirklich? Hat er ein Problem mit Hautfarbe und Herkunft? Oder geht es ihm um etwas anderes?
Endlich, vor fünf Tagen, wird er ausführlicher und konkreter. Er sagt folgendes:
„Ja, wir brauchen auch in Zukunft Einwanderung, das gilt für Deutschland wie für alle Länder der Europäischen Union. Wir brauchen sie auch und vor allem für unsere Arbeitsmärkte. Denn schon heute sind ja viele Menschen mit Migrationshintergrund - wie wir es so ausdrücken - unverzichtbarer Bestandteil unseres Arbeitsmarktes. Sie arbeiten in Deutschland, sie leben in Deutschland, sie arbeiten in Pflegeheimen, in Universitäten. Wir können auf sie eben gar nicht mehr verzichten, ganz gleich, wo sie herkommen, welcher Hautfarbe sie sind, und ganz gleich, ob sie schon in erster, zweiter, dritter oder vierter Generation in Deutschland leben und arbeiten. Die meisten sind ja auch schon Staatsbürger unserer Länder und das gilt auch für Deutschland. Probleme machen uns diejenigen, und das ist auch ein Thema heute gewesen, die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, die nicht arbeiten und die sich auch nicht an unsere Regeln halten. Viele von ihnen bestimmen auch das öffentliche Bild in unseren Städten. Deshalb haben auch viele Menschen in Deutschland und anderen Ländern der Europäischen Union – das gilt nicht nur für Deutschland - einfach Angst, sich im öffentlichen Raum zu bewegen. Das betrifft Bahnhöfe, das betrifft U-Bahnen, das betrifft bestimmte Parkanlagen, das betrifft ganze Stadtteile, die auch unserer Polizei große Probleme machen. Die Ursachen dieser Probleme müssen wir lösen. Die müssen wir und können wir auch nur gemeinsam in Europa lösen, auch um das Vertrauen der Bevölkerung in unseren Rechtstaat auch wieder herzustellen und zurückzugewinnen, wo es uns in den letzten Jahren verloren gegangen ist.“
Über diese Aussage kann man in der Tat konstruktiv diskutieren. Aber ist sie Teil der Debatte? Nein. Denn dafür kommt sie viel zu spät. Die erste über das ‚Stadtbild‘ hat sich schon längst verselbstständigt. Das lässt sich gut an der Berichterstattung der Medien erkennen. Das ZDF-Politbarometer wollte gerne wissen, ob die Menschen ihrem Kanzler eigentlich zustimmen. Dies ist das Ergebnis:

Aber, Moment. Nach welcher Aussage hat das ZDF gefragt, der ersten oder der dritten? Wer genau hinsieht, stellt fest, dass das Politbarometer nach der dritten, konkreteren Aussage gefragt hat. Doch die Überschrift suggeriert, dass 63 % aller Deutschen Merz von Anfang an recht gegeben haben. Das schlägt sich auch in den Schlagzeilen nieder. Hier ein Screenshot meiner Google-Suche von heute Morgen:

„Mehrheit stimmt ‚Stadtbild‘-Aussagen zu“, titelt der SPIEGEL. Ach was. Komisch nur, dass die Überschrift eine andere ist, wenn man auf den Link klickt:

Das klingt schon anders. Was ist passiert? Wurde sie vielleicht nachträglich verändert? Ich vermute, ja. Es wurde nämlich Kritik am ZDF laut. Sehr laut. Denn natürlich ist die Schlagzeile des Politbarometers zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung falsch. Der ersten ‚Stadtbild‘-Aussage stimmt eben keine Mehrheit zu, sondern erst den genaueren Ausführungen. Der Spiegel fasst es in dem Artikel so zusammen:
„Die Frage, ob der CDU-Vorsitzende mit seiner Aussage recht habe, bejahten 63 Prozent der Befragten im ZDF-Politbarometer, 29 Prozent verneinten sie. Deutlich mehr Ältere als Jüngere gaben dem Kanzler recht. In der Altersgruppe von 18 bis 34 Jahren antworteten nur 42 Prozent mit Ja, bei den 35- bis 59-Jährigen waren es 70 und bei Menschen ab 60 Jahren noch 66 Prozent.
Dabei wurde erhoben, wie die Menschen zu der Konkretisierung der Stadtbild-Aussage stehen, die Merz in dieser Woche vorgenommen hatte. Die Frageformulierung zielt auf »Probleme mit denjenigen (...), die keinen dauerhaften Aufenthaltsstatus haben, nicht arbeiten und sich nicht an unsere Regeln halten«. Die erste allgemeinere Äußerung von Merz wurde nicht abgefragt.“
Das also finden 63 % der Befragten problematisch. Und ich kann das nachvollziehen. Mit dem Stadtbild an sich aber scheint die Mehrheit der in Deutschland lebenden Menschen im Großen und Ganzen recht gut klarzukommen. Und ob Rückführungen im großen Stil das noch verbessern können, sei mal dahingestellt. Denn da bleiben ja gewisse Fragen offen: Wie groß ist eigentlich die Gruppe der Menschen, die Probleme machen, die sich nicht an ‚unsere‘ Regeln halten und ausreisepflichtig sind? Wird das ‚Stadtbild‘ sich spürbar verbessern, wenn sie erst einmal ‚zurückgeführt‘ werden? Geht das überhaupt ohne Weiteres? Gibt es da nicht auch rechtliche Hürden? Um welche Länder handelt es sich wohl? Herrscht dort möglicherweise Krieg?
Ich habe Dir das alles zusammengetragen, damit Du Dir selbst ein Bild machen kannst. Nichts gegen scharfe Debatten, nichts gegen Demonstrationen. Wer sich für die Demokratie starkmacht, muss mit Meinungsverschiedenheiten klarkommen.
Allerdings glaube ich einem Polit-Profi wie Merz nicht, dass er nicht weiß, was er auslöst, wenn er suggestive und vage Aussagen macht, die unterschiedlich interpretiert werden können. Ich glaube, dass er auf Zustimmung von einem bestimmten Ende des politischen Spektrums spekuliert hat.
Es hat der CDU nichts genutzt. Sie hat in den Umfragen einen Prozentpunkt verloren.
„Ihr sollt wissen, meine Lieben: Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn“ schreibt der weise Jakobus in seinem Brief im Neuen Testament. (Jakobus 1,19). Recht hat er. Lass uns hinhören und uns sorgfältig unsere Meinung bilden. Und dann weiter im Gespräch bleiben.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!
Dein Gofi
Danke für Dein Interesse! Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.
Podcast
Unsere Filmklassiker (1): Über Wahnsinn, Wale und wahre Liebe

Für Euch sind wir tief in die Filmarchive gestiegen, um von dort die Filmklassiker unserer Wahl mitzubringen und über sie zu sprechen. Und um die Qualität dieses Gespräches zu steigern, haben wir das wandelnde Lexikon der Popkultur, den unvergleichlichen Gerrit Schönberger eingeladen, mitzumachen. Jeder von uns durfte sich für zwei Filme entscheiden. Vier Männer, acht Filme - dafür ist eine Podcastfolge zu wenig. Deshalb präsentieren wir Euch beim nächsten Mal den zweiten Teil unseres Gespräches. In dieser Folge sprechen wir über Das Kabinett des Dr. Caligari, Casablanca, Sunset Boulevard und Moby Dick. Viel Spaß! (Abre numa nova janela)
00:00:00.00 Was sind überhaupt 'Klassiker'?
00:12:07.20 Das Kabinett des Dr. Caligari
00:40:34.14 Casablanca
01:08:23.12 Sunset Boulevard
01:29:58.17 Moby Dick

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Podcast
Phobien, Tote und Cowboys in Zeitlupe (unsere Filmklassiker Pt. 2)

Auch in dieser Folge stellen wir uns gegenseitig die Filmklassiker unserer Wahl vor. Wobei wir zugeben müssen, dass diese Bezeichnung bei mindestens zwei der Filme nicht unumstritten ist. Und auch, wie wir sie bewerten, fällt äußerst unterschiedlich aus. Umso launiger ist diese zweite Filmtalkrunde, zu der wir natürlich wieder Gerrit Schönberger eingeladen haben. Viel Spaß! (Episodenbild: Screenshot von der IMDB)
00:00:00.00 Vertigo
00:33:22.19 Spiel mir das Lied vom Tod
01:03:04.02 Eraserhead
01:30:47.21 Stand by me
Du findest die Folge hier oder überall, wo es Podcasts gibt. (Abre numa nova janela)
News
Auf den Spuren des ersten Christfluencers Europas
Begleite Judith Seibold von CHAVAJA und mich auf eine Reise nach Griechenland vom 17.-24.5.2026

Shaul von Tarsos war radikal. Was er anpackte, das erledigte er zu 150%. Und dabei konnte er rücksichtslos sein – gegen sich selbst und auch andere.
Aufgewachsen als Bürger zweier Kulturen, der hellenistischen und der jüdischen, fließend zweisprachig (Griechisch und Aramäisch), war er in einer multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt zu Hause. Als Handwerker, jüdischer Theologe und Mystiker. Mit einem großen Ziel: Er wollte die Welt mit seiner Botschaft erobern.
Unter seinem Künstlernamen Paulus (der Kleine) ging er die große Aufgabe an. Wo er auftauchte, spaltete er die Geister. Während die einen ihn liebten und verehrten, war er für die anderen ein rotes Tuch. So erreichte er Europa. Und Europa empfing ihn mit Stockhieben und Gefängnis. Doch einen radikalen Aktivisten wie Paulus stachelte das nur an. Er machte weiter und legte eine Spur, der wir noch heute folgen können.
Komm mit uns dorthin, wo für das Christentum in Europa alles begann: nach Griechenland. Wir besuchen die Orte, an denen Paulus wirkte, an denen er Zuspruch und Widerstand erlebte, an denen er Dinge sagte und tat, die die Leben von Menschen und den Lauf der Geschichte veränderten. Wir versuchen herauszufinden, was ihn antrieb, was ihn für manche so unwiderstehlich machte und welche Bedeutung sein Werk bis heute für uns hat.
Ich bin schon seit vielen Jahren von Saulus aus Tarsos fasziniert. Für mich gibt es fließende Übergänge zwischen den Propheten und Aposteln der Antike und unserem heutigen Verständnis von Künstlern.
Als Guide konnten wir den griechenlanderfahrenen Dany Walter aus Israel gewinnen, der uns den jüdischen Paulus näher bringen wird.
Einen Einblick in Programm erhaltet Ihr hier: Programm_Die_Griechenlandreise (Abre numa nova janela)
Mehr Informationen zu Chavaja – Bildungs- und Begegnungsreisen erfahrt Ihr hier: https://www.chavaja.de/ (Abre numa nova janela)
Die Preise werden veröffentlicht, sobald Mitte Juni die Flugpreise da sind. Dann könnt Ihr Euch anmelden. Einen Frühbucherrabatt gibt es bis zum 1. August
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