
Verluste, die wir nicht benennen, verschwinden nicht
Sie finden andere Wege
Verwechsle niemals Bewegung mit Fortschritt.
Ernest Hemingway, amerikanischer Schriftsteller
Du bist jemand, der gut mit Veränderungen umgehen kann. Vielleicht stimmt das sogar. Es wäre auf jeden Fall eine kluge Strategie des menschlichen Organismus, denn Veränderungen sind häufig auch schmerzhafte Verluste: Sie halten uns auf, sie schwächen uns, sie stellen alles in Frage. Es scheint deshalb richtig, schnell über sie hinwegzukommen und entschlossen weiterzuleben. Schließlich schützen wir uns so. Und doch verschwinden die Verluste nicht, wenn wir sie nicht gefühlt haben. Sie lagern sich ab. Still, unsichtbar und irgendwann spürbar.
Die kleinen Verluste des Alltags: ungesehen, aber allgegenwärtig
Verluste sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Dazu gehört die Freundschaft, die sich still auflöst. Der Job, den wir innerlich verlassen haben (oder er uns). Eine Lebensphase, die endet. Der Sohn, der das Haus verlässt. Das Bild von uns selbst, das nicht mehr stimmt. Auch wenn niemand gestorben ist – ein Verlust ist fast immer der Grund für ein seelisches Leiden: Wenn wir traurig sind, haben wir unsere Freude verloren. Sind wir orientierungslos, fehlt uns ein Sinn. Und wenn wir einsam sind, fehlt uns nicht unbedingt nur die äußere Gesellschaft, sondern oft eine innere Sicherheit.
Während wir für die großen Verluste Rituale, Zeiten und sogar Feste haben, fehlen für die kleinen Verluste oft die Worte. Niemand schickt Blumen oder eine Karte. Was dann einsetzt, ist menschlich und vielen gut bekannt. Wir rationalisieren: “Das war eh nicht mehr so toll mit ihr.” Wir relativieren: “Anderen geht es viel, viel schlechter.” Wir funktionieren: Kopf runter, nicht auffallen, weitermachen. Das ist kein persönliches Versagen, das ist ein gut entwickelter Schutzmechanismus. Und doch hat dieser Schutz einen Preis.
Verluste fühlen – und ablegen
Wenn wir den Verlust wirklich fühlen würden, müssten wir uns selbst eingestehen, dass etwas unwiederbringlich verloren ist. Diese Leere ist dann nicht mehr zu übersehen. So klug dieser Schutz kurzfristig ist, so kostspielig ist er langfristig. Denn wir zahlen einen Preis dafür, nicht hinzuschauen: Die Erschöpfung, für die es keinen klaren Grund gibt. Die Gereiztheit, die sich im falschen Moment entlädt. Das Gefühl, als würden wir unbeteiligt unser Leben leben.
Was keinen Namen hat, kann nicht betrauert werden. Was nicht betrauert wird, das bleibt. Stell dir einen Ladenbesitzer vor: Obwohl die Schrauben längst nicht mehr im Regal liegen, stehen sie in den Büchern. Auch wir buchen nicht aus, was wir nicht benennen. Wenn wir eine Empfindung nicht ins Bewusstsein lassen können, verschwindet sie nicht. Sie sucht sich einen anderen Weg.
Wenn du kurz inne hältst: Welchen Verlust hast du nie benannt? Welcher Verlust war zu klein, um sich wirklich zu verabschieden?
Über einen Verlust kommen wir erst hinweg, wenn wir hindurch gehen. Etwas zu empfinden, auch etwas Schmerzhaftes, heißt nicht, darin zu versinken. Verluste, die wir nicht fühlen, verschwinden nicht. Sie warten nur.
Wir lesen uns nächste Woche.
Herzlich
– Britta
Jetzt bist du dran: Schreibimpuls der Woche
An dieser Stelle erhältst du jede Woche einen kleinen Schreibimpuls, der dich ins Spüren, Wahrnehmen, Reflektieren bringt. Du brauchst dafür gar nicht lang Zeit, etwa 15 Minuten genügen.
Ich möchte heute die beiden Fragen aufgreifen, die Britta in ihrem Impuls genannt hat. Mache es dir bequem, nimm Stift und Papier und stelle den Timer auf 7 Minuten. Was kommt dir zu diesen Fragen hoch:
Welchen Verlust habe ich nie benannt?
Welcher Verlust war zu klein, um mich wirklich zu verabschieden?
Schreib ganz frei und spontan alles auf, was dir gerade hochkommt. Ohne den Stift abzusetzen, frei von der Leber weg.
Konntest du ein paar Verluste identifizieren, kleinere und größere?
Dann picke dir, wenn du magst, nun einen der kleineren raus.
Stelle den Timer auf 7 Minuten und schreibe einen Abschiedsbrief. An deine alte Freundin, deine Lieblingstasse, die zerbrochen ist, dein jüngeres Selbst, die alte Wohnung mit dem schönen Balkon.
Atme danach tief durch und tue dir selbst etwas Gutes.
Gutes Schreiben! ✍️❤️
– Miriam
Unsere Schreibübungen kommen in unterschiedlicher Intensität daher. Manche sind locker-leicht, andere gehen tiefer.
Wie auch immer es gerade für dich ist:
Wenn du merkst, dass beim Schreiben mehr hochkommt als du im Moment bewältigen kannst, dann sorge bitte gut für dich.
Brich Übungen ab, die dir zu intensiv sind, tu dir etwas Gutes und suche das Gespräch mit Freunden, deiner Familie, deinem Partner – oder hole dir professionelle Hilfe, wenn du sie brauchst. Du musst da nicht alleine durchgehen.
Schon neugierig?
Nächste Woche geht es bei Inner Writing um ein starkes Gefühl, das wir häufig abwehren: Wut. Wut gilt als gefährlich, muss gezähmt, gebändigt, weggeatmet werden. Aber was, wenn das nicht stimmt? Was, wenn deine Wut dir etwas Wichtiges zu sagen hat?
Lies nächste Woche wieder rein!
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Britta Bettendorf – Psychologin mit eigener Praxis – und Miriam Schaan – Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Schreibpädagogin.
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