Ich will niemanden sehen.
Ich habe so sehr keine Lust auf da draußen, ich überziehe die Büchereibücher, mir egal.
(Tagebuch, 23.6.26)
Gehe ich genug spazieren? Noch nicht annähernd.
(Tagebuch, 24.6.26)
Das erste Manuskript hat dieses Haus verlassen.
(Tagebuch, 26.6.26)
Ich kann gar nichts tun, es ist zu tödlich. Allezeit fliegen Käfer durch das Fenster hinein und lassen sich erschöpft auf den Boden, das Bett oder vor den Fernseher fallen.
[…]
In Paris stellt ein Mann seine Bratpfanne kurz raus vor sein Fenster, holt sie wieder rein und brät dann darin Crêpe oder ein Spiegelei.
[…]
Ein Eispack im Nacken, eins im Schritt und immer ist noch alles grausam.
[…]
Ich will vielmehr mich beglückwünschen dazu, in der wärmsten aller Zeiten meine Herbststiefel im Angebot für 80€ gekauft zu haben, statt für die 250€, die sie eigentlich gekostet hätten und die ich niemals ausgegeben hätte.
Und aus einer Laune heraus, weil ich so froh über die Einsparung war, habe ich mir Leopardensandalen bestellt, obwohl ich nicht weiß, ob ich sie zu all meiner Kleidung tragen kann. Und dann kam mir wenige Minuten darauf ein Gedanke: Ich kann auch noch andere Sandalen holen. Ich darf zwei Paar Sandalen besitzen. In meinem Kopf ist das ungehörig und dekadent.
(Tagebuch, 27.6.26)
Juni, Juli. Juli, der siamesische Zwilling vom Juni. Ich weiß nie, welcher welcher. Der Juli, genau wie der Juni, ein Nicht-Monat. Der August ist von Sonnenmilch durchtränkt. Sie haftet ihn in geschmeidigen Klumpen an, duftet und tropft und macht Flecken. Der August hat die Farbe von unberührten Kirschblüten und Blue Curaçao. Der Juli hingegen hat keine Farbe. Aber wenn er müsste, dann wäre er graugrün und er duftete nach Vanillesauce.
Der Juni und Juli gehen in eins über. Es ist ein schrecklicher langer, 60 Tage anhaltender schwüler Albtraum.
(Tagebuch, 30.6.26)
Im Juli bekomme ich Besuch. Ich werde in Berlin Freundinnen wiedersehen, ein bisschen lesen. Wenn alles glatt geht, werde ich dem Roman-Manuskript 42 Seiten hinzufügen und 93 Tagebuchseiten vollschreiben. Es sind immer drei am Tag. Ich schreibe morgens, wenn meine Gedanken noch mir gehören. Am Abend geht es meistens nur um das, was passiert ist, aber selten darum, was ich will, deshalb.
Ich werde 31 mal grünen Tee trinken und Müsli mit Joghurt und Früchten essen. Ich werde 62 mal in mein Postfach sehen und feststellen, dass ich noch keine Antwort wegen des Manuskripts erhalten habe. (siehe 26.6.26) Was nicht schlimm ist, sondern verständlich. Eines meiner obersten Ziele ist es auch, langsam zu machen.
Ich werde zweimal ins Programmkino gehen, Father Mother Sister Brother und Silent Friend sehen und beide Filme mögen. Ich werde den Tomaten beim Wachsen zusehen und mir auch. Ich finde, das ist mehr als genug.
Habt es gut.
xoxo
Eure Jae