Hast du Lust auf ein kleines Gedankenexperiment?
Stell dir vor, wir schreiben das Jahr 2030.
Du lernst heute Lara kennen. Eine junge Frau in ihrem Alltag – der, je nach System, sehr unterschiedlich verläuft.
Welches der beiden Szenarien bevorzugst du?

Bild: ChatGPT
Szenario A: Der verwehrte Flug
Lara reibt sich verschlafen die Augen. Ein leichtes Vibrieren des Chips in ihrem Handgelenk erinnert sie daran, dass sie nicht allein ist: Ihre KI hat schon längst Puls, Blutdruck und Atemfrequenz gecheckt. „Dein Stresslevel ist erhöht“, meldet die Stimme. „Ich habe dir vorsorglich einen Arzttermin gebucht.“
Lara stöhnt. Eigentlich will sie nicht hingehen. Aber wer Termine ablehnt, riskiert Ärger mit dem Konto. Und Ärger bedeutet oft: blockierte Zahlungen.
Genau das ist schon gestern passiert. Lara wollte einen Flug nach Übersee buchen – genug Geld war da. Doch die Transaktion wurde verweigert. Offiziell ohne Begründung. Inoffiziell? Vielleicht, weil sie als Journalistin auf der Arbeit in einem Artikel positiv über eine umstrittene Organisation berichtet hat, die für mehr Selbstbestimmung in Heilungsprozessen kämpft. Mit dem Ziel, Menschen für das eigene Körpergefühl zu sensibilisieren.
Noch bitterer: Das mühsam Ersparte für die Reise wird Ende des Monats verfallen. So funktioniert das Konto: Restbeträge werden gelöscht. Genervt schluckt Lara eine Beruhigungspille. Vielleicht klappt es ja nächsten Monat.

Bild: pexels
Szenario B: Auf der Startbahn
Lara wacht auf – sie fühlt sich leicht gestresst. Deshalb legt sie das KI-Armband an und fragt ihre Werte aktiv ab. Aber ihr ist schon klar, warum sie angespannt ist: Es geht um eine große Entscheidung – eine Reise, die ihr Leben verändern könnte.
Bevor sie bucht, gönnt sie sich Rat. Eine Beratungsstunde bei ihrer Mentorin. Ihr Kontostand lässt es zu, und das Ausgeben ist sogar erwünscht: Am Monatsende verlieren die „Infopunkte“ ein wenig an Wert, damit Geld im Umlauf bleibt.
Für die Nachbarschaftshilfe gestern – eine Stunde Altenpflege – hat die demokratische Bank der Region ihr automatisch neue Punkte gutgeschrieben. Jetzt kann sie diese direkt einsetzen.
Als die Beratung vorbei ist, wird der entsprechende Betrag gelöscht. Ihr Geld wandert dabei nicht mehr von Hand zu Hand. Die Punkte sind nur zur persönlichen Kontrolle, ob sich Geben und Nehmen bei ihr in etwa die Waage hält.
Doch, das Buchen des Fluges fühlt sich richtig an. Mit Fahrtwind im Gesicht spürt Lara, wie ihr Stresslevel sinkt.

Und jetzt zu dir
Hast du etwas gefühlt, als du die beiden Szenarien gelesen hast?
In welchem würdest du lieber leben – A oder B?
Falls du bei A gelandet bist: Lehn’ dich zurück. Die Infrastruktur, die dieses Szenario möglich macht, ist bereits im Aufbau. In zwei, drei Jahren könnten wir erste Facetten davon im Alltag erleben.
Falls du A gruselig und B sympathischer findest: Umso mehr Grund, mal genau hinzuschauen.

Bild: pexels
Soviel ist sicher
Die Szenarien sind natürlich überspitzt. Aber hier die Fakten, die real sind:
Die EZB arbeitet am digitalen Euro. Ein offizielles Zahlungsmittel, zentral ausgegeben. Wird etwa 2027-2029 eingeführt.
Jede Transaktion ist theoretisch rückverfolgbar.
Das Geld ist theoretisch programmierbar – Zahlungen könnten also begrenzt oder verweigert werden.
Noch steht im Regelwerk, dass das nicht passieren soll. Aber rein technisch wäre es möglich.
Der aktuelle Entwurf des Regelwerks ist online verfügbar – aber nur auf Englisch, und so unübersichtlich und langweilig gestaltet, dass man sich fragt, ob dieses Dokument bewusst übersehen werden soll.
Aber … zum Glück haben wir ja jetzt die KI: ChatGPT etwa kann es dir in einer Sekunde auf Deutsch übersetzen, die wichtigsten Punkte zusammenfassen, deine Fragen dazu beantworten oder sogar zu deinen Fragen passende Zitate auswerfen. Das pdf findest du unten im Button verlinkt. Wenn du Lust hast, probier’ es aus – in Zeiten von Fake News aller Couleur wird es Zeit, die Geduld zu erlernen, mit Originalquellen zu arbeiten:
Findest du alles bisher nicht so dramatisch?
Es kommt noch dicker: Parallel entstehen gerade zwei WEITERE SYSTEME:
Die Digitale Identität der EU („European Digital Identity Wallet“ ab nächstes Jahr) und die neue Geldwäsche-Behörde AMLA (volle Macht ab 2028). Kritiker warnen davor, dass diese drei Strukturen kombiniert (was angestrebt ist) dazu führen können, dass alle unsere Transaktionen tatsächlich lückenlos rückverfolgt werden und am Ende auch unser Geldvermögen zeitlich verfallen sowie unser Konsum-/ sonstiges Verhalten belohnt oder bestraft werden kann, siehe Szenario A.

Bild: Wikipedia (Abre numa nova janela)
Chance oder Falle?
Man könnte das System als unsichtbare Falle – wie ein Schlagnetz – sehen: Zuerst merkt man nichts, aber bei der falschen Bewegung schnappt sie zu. Der Anlass kann eine beliebige Krise sein: Krieg, ein Bankencrash, Ölkrise, Hyperinflation. Plötzlich scheint die einzige Lösung, den systemischen Zusammenbruch zu verhindern, jene zu sein, in den digitalen Euro zu flüchten. Das entspräche der von Naomi Klein beschriebenen neoliberalen „Schock-Strategie“, in der die Orientierungslosigkeit in Krisen dazu genutzt wird, um zuvor vorbereitete Lösungen leichter einzuführen.
ABER – jetzt verrate ich dir, was ich insgeheim darüber denke. Denn diese Entwicklungen könnten auch eine Chance bergen:
Man spekuliert nämlich auch, dass die neue Währung an ein Grundeinkommen gekoppelt werden könnte, als Lösung für wachsende Arbeitslosigkeit o.ä. – Kritikern zufolge ein bequemer, goldener Käfig.
Jetzt könnte aber Folgendes passieren: Möglicherweise kommen so viele Menschen, die unter ihren Vollzeitjobs, chronischer Erschöpfung oder familiären Aufgaben ächzen, zum ersten Mal in ihre Kraft. Denn sie haben plötzlich Zeit, sich ein Leben nach ihren wahren Bedürfnissen aufzubauen und sich mehr für lokale, solidarische Strukturen vor Ort einzusetzen.
Und hier kommt Szenario B ins Spiel: Es ist inspiriert von Modellen wie Regionalwährungen (“Das Wunder von Wörgl”), Zeitwährungen sowie Informationsgeld. Im Kleinen teilweise bereits erprobt. Solche dezentralen, regionalen Wirtschaftsformen kombiniert mit frei entwickelten Software-Lösungen oder einem Schwarzmarkt, in dem z.B. mit Gold/Silber bezahlt wird (wie in einigen Supermärkten in El Dorado/ Venezuela) könnten im Untergrund florieren und irgendwann den zentralistischen Panzer von innen auflösen.
Findest du, das klingt total abwegig? Dann lies es als Gedanken-Gymnastik. Nur zum Dehnen des Möglichkeitshorizontes. Denn er kann irgendwann entscheidend sein, wenn das Außen uns vor die Wahl stellt – wie auch immer das aussehen wird.