✶ Schreibtischpornografie✶ Drei starke Bücher✶ The Return of the Lesekreis✶ Postkartenliebe✶ Mail Art ✶ Und ein großes “Haaallloo!”✶

AHOI AUS DEM SOMMERBÜRO,
werte Mitlesende. Endlich konnte ich wieder dort einziehen, ins Sommerbüro, und wenn es wettertechnisch gut läuft, werde ich meine Arbeitstage noch bis Mitte Oktober dort verbringen.
Eine schöne Gelegenheit, diesen Letter mit einem faszinierenden Phänomen zu beginnen: der Schreibtischpornografie.
Auch drei starke Bücher kommen im Folgenden vor, außerdem Postkartenliebe und Mail Art und am Ende ein großes “Haaallloo!”.
SCHREIBTISCHPORNOGRAFIE
Die Frage, wo, wie, wann genau schreibende Menschen ihre Schriften verfassen, scheint von erstaunlich breitem Interesse zu sein. Immer mal wieder finden sich Homestorys und Fotostrecken in Zeitungen und Magazinen dazu, zum Beispiel so was: Inside the rooms where 20 famous books were written (Abre numa nova janela). Oder so was: Where writers write: Photos of famous writers’ writing rooms (Abre numa nova janela). Oder auf diese Art: Arbeitsplatten. Autoren über ihre Schreibtische (Abre numa nova janela).
Ein etwas merkwürdiger Voyeurismus, wenn man es mal in Ruhe bedenkt, nicht wahr? Auch ich schaue mir solche Bilder gern an. Oder spioniere Menschen, deren Bücher ich schätze, sogar noch aufdringlicher hinterher, invadiere ihre privaten Räume und mache selber Fotos davon, wie etwa im Dorf Carwitz in Mecklenburg-Vorpommern, wo Hans Fallada sich in die innere Immigration vor den Nazis flüchtete - wo er die “Welteinsamkeit” suchte, wie er es formulierte. Falladas Wohnhaus ist zu besichtigen (Abre numa nova janela), Dutzende Bilder habe ich dort mal gemacht.

Eine befreundete Wissenschaftlerin, die Kultursoziologin Simone Jung (Abre numa nova janela), hat 2020 bei Rowohlt ein ganzes Buch zum Thema (mit)herausgegeben, zwar ohne Fotos, aber mit einem Dutzend Beiträgen von Gegenwarts-Autorinnen und -Autoren, DENKRÄUME. Von Orten und Ideen (Abre numa nova janela) heißt der Band.
Manche Autorinnen schreiben von sich aus ganze Bücher, in denen sie sich sehr konkret mit den Räumen, Wohnungen oder Häusern auseinandersetzen, in denen sie sich einzurichten versuchen, fürs Schreiben und fürs Leben, etwa die Britin Deborah Levy in EIN EIGENES HAUS (Abre numa nova janela) und, gerade kürzlich erschienen, Christine Koschmieder in EIN HAUS FÜR MICH (Abre numa nova janela).
Auch ich habe schon in Buchform über Schreibbedingungen nachgedacht, wenn auch eher im ökonomischen als im räumlich-gestalterischen Sinne: im Essay ECHTLEBEN (Abre numa nova janela). Die folgende “Schreibtischstelle” von Rainald Goetz habe ich darin zitiert, drei Sätze aus DEKONSPIRATIONE (Abre numa nova janela), einer Erzählung, in der sich Goetz ebenfalls mit dem Schreiben als Tätigkeit beschäftigt:
Martin hat zu Katharina gesagt: Er muss das Gefühl haben, wenn er am Schreibtisch sitzt, das würde sexy aussehen. (…) Er muss sich lässig angezogen fühlen, das Zimmer muss aufgeräumt sein, der Schreibtisch, der Computer, die Bücher um ihn rum, der Kaffee, den er trinkt. Er würde sich selber immer in einer Filmszene sehen, beim Arbeiten.1
“Sich selber in einer Filmszene sehen, beim Arbeiten”: Aus dem Jahr 2002 stammt dieser Goetz-Satz, und je weiter die Social Dingsda sich über die Jahre entwickelten, desto öfter kam er mir wieder in den Sinn. Gar nicht so selten kommt es bei den Social Dingsda ja vor, dass Autorinnen oder Autoren (vor allem sind es, meinem Eindruck nach, aber doch die weiblichen Schreibkräfte) ihre Desks und Pulte ausstellen. Mit “ausstellen” meine ich, dass man den Schreibtisch-Fotos mitunter deutlich anmerkt, dass da ganz schön herumdekoriert wurde vor der Aufnahme. Hier rückt jemand eine Goethe-Büste hinterm Laptop ins richtige Licht (garniert mit einem selbstironischen Kommentar, versteht sich) - da verwittert ein Strauß Pfingstrosen pittoresk neben einem Notizblock (und fast schon automatisch ergibt sich eine gewisse 19.-Jahrhundert-Schwingung, Ewigkeit, Gewichtigkeit und so weiter). Hier eine Packung Kopfschmerztabletten neben der Tastatur (Selbstironie again, Stilleben einer hard working Kreativkraft) - dort ein geöffnetes Sprossenfenster hinter der Schreibtischplatte, mit Blick auf den See X oder die Trauerweide Y oder was auch immer die Landschaft hergibt, in der Autorin Z oder Autor B gerade ein Aufenthaltsstipendium verbringt.
Schriftstellerkitsch: ein gutes, immer mal wieder brauchbares Wort, wie ich finde. (Selten sieht man ja Bilder von dem Konferenztisch, an dem eine Etat-Managerin alle paar Tage ein sogenanntes Meeting über sich ergehen lassen muss; oder das Armaturenbrett des Fahrzeugs, in dem eine Fahrlehrerin ihre Stunden gibt; oder Detailaufnahmen der Spülmaschinen, mit denen eine Großküchenkraft ihre Werktage verbringt.)
Schriftstellerinnenverkitschung: Mit meinem Sommerbüro will ich es jetzt auch mal versuchen.
Also: Bei meinem Sommerbüro handelt es sich um einen schmächtigen Resopaltisch auf dem Balkon meiner Weddinger Wohnung. Der Balkon ist, bis auf eine Sonnenstunde am Spätachmittag, schattig, die Straße halbwegs verkehrsberuhigt. Zwei große grüne Bäume stehen links und rechts vorm Balkon, schräg gegenüber befindet sich ein kleines Tagescafé mit Tischen auf dem Trottoir. Und dort also, auf dem Balkon, an der frischen Luft (all day), mit ein paar allgemeingültigen Alltagsgeräuschen im Ohr - hier ein Teenager-Gegiggel, da ein nervöses Martinshorn, dann und wann dieses helle Hitchcock-Psycho-Horror-Geigen-Geräusch, wenn jemand einen E-Roller entsichert, und gelegentlich flucht mal jemand mittellaut über irgendetwas vor sich hin - in exakt dieser Nullachtfünfzehnumgebung kann ich am besten denken, lesen, schreiben.
So gut sogar, dass ich am eigentlichen Schreibtisch (er steht im Wohn-Arbeits-Zimmer) inzwischen kaum noch etwas zustande bringe. Über die Jahre hat es sich schleichend so entwickelt und nunmehr gänzlich festgesetzt: Wird es im Herbst irgendwann zu kalt im Freiluftbüro (ich versuche jedes Jahr, solange wie irgend möglich auszuharren, mit Pullis, Jacken, Decken und so weiter), ziehe ich mit meinem Schreibgerät notgedrungen durch die Balkontür nach innen - straight am Haupt-Schreibtisch im Wohn-Arbeits-Zimmer vorbei - und direkt in die Küche - wo ich mich für die kalten Monate dann erneut provisorisch einrichte.
Warum in der Küche - habe ich mich schon mehrmals gefragt. Und denke, es liegt auch dort: an den Geräuschen. Zum einen am leisen Kühlschrankbrummen (in regelmäßigen Abständen moppert so ein Kühlschrank sich akustisch ja auch ein bisschen hoch, brummt für ein paar Minuten lauter, wenn da die Kühlaggregate anspringen, keine Ahnung, warum mich das beflügelt). Außerdem liegt die Küche nach hinten raus, zum Hof hin, und so ein Mehrfamilienhaushof kann wie ein Schalltrichter wirken, wenn das Fenster gekippt ist, dringt der Pärchenknatsch aus dem Stockwerk drunter zu mir hoch, die Gitarrenübungen von jemandem weiter oben, das Porzellangeklapper, wenn wiederum jemand anderes seine Spülmaschine ausräumt, die David-Guetta-artige Halligalli-Playlist von schräg gegenüber. Ich finde es beruhigend, wenn ringsum die Welt stur weitergeht wie immer, während ich schreibe. Das entheiligt die Sache gewissermaßen - es entlastet mich.
Eine letzte Fußnote zu diesem Thema noch:
In einem Porträt des Schriftstellers Wilhelm Genazino (1943-2018) las ich kürzlich folgendes:
In Wilhelm Genazinos Wohnung stehen drei Schreibtische: der erste für das im Werk befindliche Buch, der zweite für Essays und andere Arbeiten und der dritte als Experimentalschreibtisch, den er „Luftschloss“ nennt: Hier liegen Notizen, Mappen und Zettel, aus denen vielleicht etwas wird oder eben auch nicht, oder später einmal.2
Experimentalschreibtisch: tolles Wort, nicht wahr?
STARKES BUCH 1: DAVID SZALAY
Achtung, performativer Widerspruch - hier nun doch ein Foto aus meinem Sommerbüro - aber nur (!), um auf das Buch hinzuweisen, das ich da rein zufällig in der Hand halte:

WAS NICHT GESAGT WERDEN KANN (Abre numa nova janela) - ein Roman. Geschrieben hat ihn der 1974 in Kanada geborene, in London aufgewachsene und in Wien lebende Autor David Szalay, die deutsche Übersetzung hat Henning Ahrens besorgt. 2025 wurde der Roman mit dem Booker Prize ausgezeichnet.
(Randbemerkung: Derartige Preise können einige Skepsis hervorrufen, bei mir ist das jedenfalls so, vor allem mit Blick auf deutsche Literaturpreise - was habe ich da schon für fades, biederes, bräsiges Zeug gelesen! Ich lese ja wirklich relativ viel, und wenn mir dabei ein mit großem Gedöns prämiertes “Meisterwerk” unterkommt, befällt mich nach der Lektüre von Jahr zu Jahr öfter der Gedanke: Na vielen Dank auch, wenn DAS the cream of the crop sein soll, kann man das Schreiben im Grunde ja gleich einstellen. Von mindestens zwei befreundeten und (nicht nur) von mir geschätzten Schriftstellern weiß ich, dass es ihnen ähnlich geht.)
Hier, im David-Szalay-Fall ist es aber anders. (Der Booker Prize ist ja auch kein deutschsprachiger Preis.) Ein bisschen an Albert Camus, “Der Fremde”, erinnere sein Roman, hatte ich aus ein, zwei Rezensionen aufgeschnappt, das machte mich neugierig. Und jetzt, nach der Lektüre, sage ich: Das mit Camus kommt höchstens maximal entfernt irgendwie hin, was aber egal ist, denn auch ohne jene Referenz ist dieses Buch gelungen, es ist sogar einer der überzeugendsten, uneitelst daherkommenden und gerade deswegen wirkmächtigsten / bei mir nachwirkenden Jetztzeit-Romane, die mir in den vergangenen drei, vier Jahren untergekommen sind.
Inhaltlich: Pi mal Daumen ein Männerbuch - das erzählerische Porträt eines Jetztzeit-Mannes, der zunächst, als junger Typ, “nichts Besonderes” ist - als middleaged man vorübergehend aber doch ein ziemlich “besonderes” Leben führt - bevor er im Alter … naja, das werde ich hier nicht spoilern.
Frauen kommen selbstverständlich auch vor. Und: Nein, ich finde die weiblichen Figuren keineswegs “eindimensional” oder gar “sexistisch” skizziert (wie eine weibliche Kritikerin bemängelte), sondern glaubhaft “aus männlich standardisierter Sicht” geschildert, und gerade die weiblichen Hauptfiguren, die Ehefrau und die Mutter, auch die Haushälterin, sind durchaus starke Charaktere mit einigen schillernden Tiefen, so, wie Szalay sie zeichnet.
Zusammengefasst: keine einzige langatmige Seite - gutes Ding - doch, doch.
STARKE BÜCHER 2 & 3: “LINKS UNTEN” & “OBEN RECHTS”

Die Hashtags #Trumpismus und #LandtagswahlenSachsenAnhalt dürften genügen, um zu verdeutlichen, warum auch die folgenden beiden Bücher gerade jetzt, in diesem Sommer, interessant sind.
Antonio Tabucchi: ERKLÄRT PEREIRA (Abre numa nova janela)
Ein Roman, erstmals 1994 erschienen, vom Italiener Antonio Tabucchi geschrieben - wenngleich die Geschichte in einem anderen Sprachraum und in einer anderen Zeit spielt, weit “links unten”, am südwestlichen Rand von Europa: im Portugal der 1930er Jahre. Erzählt wird die fiktive Geschichte eines Lissaboner Zeitungsredakteurs namens Pereira, der die faschistische Machtübernahme, den Beginn der Salazar-Diktatur mehr oder minder hilflos miterlebt. Schwerer Stoff - aber beeindruckend “leicht” erzählt, lakonisch, modern, schlank (nur 220 Seiten). So kam mir zumindest die englische Übersetzung vor (die ich mal im Portugalurlaub las). Auf Deutsch liegt der Roman in der Übersetzung von Karin Fleischanderl vor. Als ich neulich mit jemandem über Portugal sprach und zugleich mitbekam, wie US-Medien unter dem zunehmenden Zensur-Terror des mit Plastikgold vollgekleisterten Weißen Hauses leiden, fiel mir dieser Redakteur Pereira wieder ein. Sie liest sich wirklich gut, diese Geschichte, wie man so sagt, und hat, zumal in der sportlichen Taschenbuchversion, durchaus Strandpotenzial - also: Strandpotenzial mit Anspruch.
Heinrich Geiselberger (Hg.): OBEN RECHTS. Rechtspopulismus als Klassenprojekt. (Abre numa nova janela)
Vor ein paar Wochen frisch erschienen - ein starkes Vorwort - und sechs souveräne, mal erzählerischere, mal theoretischere Aufsätze von verschiedenen Autorinnen und Autoren, darunter der Politik-Professor Thomas Biebricher und die Literaturwissenschaftlerin Moira Weigel. Verschiedene Gestalten des neu-autoritären Typus werden beleuchtet, der unvermeidliche Donald Trump, der Außerirdische Elon Musk, der Tscheche Andrej Babiš, der Italiener Silvio Berlusconi, der Schweizer Christoph Blocher und, besonders interessant, diverse deutsche sogenannte Familienunternehmer. Eine erhellende Lektüre. Nichts, was der aufmerksame News-Junkie sich nicht auch selbst schon mal grob gedacht hätte - das aber erkenntnisfördernd vertieft - und mit dem einen oder anderen gruseligen “Aha!”-Effekt beim Lesen. Die richtige Fragestellung zur richtigen Zeit - solide gemacht. Vom Podiumsgespräch zur Buchpremiere gibt’s ein Video (Abre numa nova janela).
APROPOS BÜCHER: DER “LESEKREIS” IST ZURÜCK, HABEN SIE’S AUCH SCHON GEMERKT?

Wenn mehrere Menschen in regelmäßigen Abständen zusammenkommen, um über ein bestimmtes Buch zu sprechen, das sie alle gerade gleichzeitig lesen, wird das für gewöhnlich Lesekreis genannt. Eine altmodische Erfindung - die dieser Tage vielerorts wiederbelebt wird, wie mir scheint.
Unter der Überschrift NÜSSCHEN UND NOVELLEN (Abre numa nova janela) hat Susanne Neuffer in der Juni-Ausgabe der Kulturzeitschrift Merkur über eine solche Lesekreis-Erfahrung geschrieben. (Sie wirkt allerdings nicht gerade sehr attraktiv, diese Erfahrung.)
Im Mai nahm auch ich erstmals an so etwas teil, an vier Abenden, an denen es um den (neulich hier schon mal erwähnten) britischen Kulturwissenschaftler Mark Fisher (1968-2017) ging. Veranstaltet wurde bzw wird die Sache von dem polnischen Künstler und Autor Pawel Jankiewicz (Abre numa nova janela), in der Galerie Linger, einem kleinen Souterrain-Kunst-Raum in Berlin-Kreuzberg. Ein Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer gab es, alle vergleichsweise jung (im Vergleich zu mir) aus Brasilien, Griechenland, Polen, Argentinien, USA, UK. Auf Englisch lief die Reihe also, und sie hat mir ganz gut gefallen - ich fühlte mich in die Unijahre zurück versetzt, in ein Kolloquium oder besser: Proseminar. Im Juli findet dort eine weitere Lesereihe statt, diesmal - ha! - zum Situationisten Guy Debord (über den ich neulich hier (Abre numa nova janela) schrieb), der folgende Link führt direkt dorthin:
https://galerielinger.com/blogs/workshops-events/guy-debord-situation-of-the-spectacle (Abre numa nova janela)Auch im Kunsthaus NRW in Düsseldorf finden ähnliche Lese- und Diskutiergruppen statt, in einer kleinen “Salon”-Reihe läuft das dort. Zuletzt fungierte die Künstlerin Angela Fette als Gast-Gastgegeberin (Abre numa nova janela), leider kommt dieser Letter nun zu spät dafür, aber falls jemand aus dem Raum Düsseldorf dies liest und sich für dieses Lese- und Denkformat interessiert: Hier finden sich kommende Veranstaltungen (Abre numa nova janela) in jenem “Lab K Salon”.
Mit der Lfb-School hat das Literaturforum im Berliner Brecht-Haus schon 2019 ein ähnliches Format gestartet, ein Rückblick über vergangene Seminare findet sich hier (Abre numa nova janela), die Reihe wird bestimmt im Herbst fortgeführt.
➽ Frage ins Plenum:
Haben Sie schon einmal an einer derartigen Lese- oder Diskussionsreihe teilgenommen? Wenn ja: Hat es Ihnen gefallen? Oder hat es eher genervt? Wenn Sie Lust haben, mailen Sie mir doch (Abre numa nova janela) etwas dazu, das fände ich prima.
UND NUN ZUM PROGRAMM-HÖHEPUNKT: DER PAPPDECKEL AN SICH UND DIE MAIL-ART

Zunächst eine kleine Gedächtnisstütze für die Hardcore-Digitalinskis im Saal: Eine Postkarte ist ein kleiner dünner Pappdeckel, ca. 15 mal 10 cm, auf dessen Vorderseite sich oft ein farbenfrohes Motiv befindet, während die Rückseite Raum für eine handschriftliche Kurznachricht bietet, außerdem Platz für Briefmarken (die man eigenhändig draufkleben muss) sowie ein Adressfeld für die Anschrift des oder der gewünschten Empfängerin.
So ein Kärtchen kann man nicht per QR-Code irgendwohin befördern, es braucht manchmal ewig, bis es seine Zieladresse erreicht, manchmal geht es unterwegs auch ganz verloren. (das gilt insbesondere für sogenannte Ansichtskarten, die aus Urlaubsregionen verschickt werden).
Ein weiteres Charakteristikum: Es ist weitgehend unerheblich, was in der Postkartenachricht steht. “Wetter gut, Essen so lala, liebe Grüße!” reicht völlig, denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der oder die Empfängerin die Handschrift eh kaum entziffern kann (das Handschriftliche hat man sich ja längst abgewöhnt, nicht wahr, ein einziges Gekrakel ist das inzwischen, bei mir auch).
Alles egal - auf die Geste, die Briefmarken, den Pappdeckel an sich kommt es an.
Vor wenigen Tagen habe ich wieder mal einen verschickt, und diesmal einen ganz besonderen - die erste offizielle Belohnungspostkarte für den ersten offiziellen Mitglieds-Abonnenten dieses kleinen Newsletters nämlich!
Nennen wir den Empfänger diskret “Herrn X” - ein fantastisch freundlicher Mensch aus dem fernen Bayern! Allein vom Lesen sind wir uns bekannt. Dafür, dass Herr X nun als Pionier mutig vorangeschritten ist und so unternehmungslustig wie großzügig den folgenden Button geklickt hat …
… und nun also als Teil-Mäzen bei dieser Angelegenheit hier mitwirkt, gebührt ihm herzlichster Dank, herzlichste Ehre, herzlichste Begeisterung meinerseits! Dies ist die erste Karte, die ich ihm sandte, wie in den AGB vereinbart (Abre numa nova janela) (weitere werden folgen):

In diesem Zusammenhang habe ich mich wieder mal an die gute alte Mail Art erinnert, an die Post(karten)-Kunst, eine Untergattung der Konzeptkunst, von ihren Erfindern auch Correspondence Art genannt. DaDa, Fluxus, Popart, Punk: Spielt alles mit hinein (ist ausführlich auch bei Wikipedia (Abre numa nova janela) erklärt).
Alle paar Jahre wieder packt mich der Mail-Art-Rappel. Im Collagen-Modus verfremde ich handelsübliche Postkarten mit Text- und Bildschnipseln aus Zeitungen und Magazinen. Da jedes Stück ein Unikat ist, fotografiere ich es vor dem Versenden. Meine letzte Mail-Art-Phase trug sich zwischen 2018 und 2020 zu, hier sechs Beispiele, die ich damals an X, Y und Z schickte:


Was außerdem zur Mail Art zu sagen ist:
In München sind im “Artist Publications Archiv” sagenhafte 14.392 Mail-Art-Beispiele gesammelt (Abre numa nova janela)
Eine Liste von Mail-Artistinnen und Artisten (Abre numa nova janela) hat der frühere DDR-Verleger Lutz Wohlrab zusammengetragen.
Über die “politisch-ästhetische Brisanz” der Postkunst speziell in der DDR hat jener Lutz Wohlrab zudem einen Hintergrund für die Bundeszentrale für politische Bildung (Abre numa nova janela) verfasst.
Und im Spiegel veröffentlichte er mal ein Porträt des Ost-Berliner Künstlers Robert Rehfeld (Abre numa nova janela), eines der “Gründerväter der deutschen Mail Art”, wie es dort heißt.
In Leipzig fand 2025 ein kleines Postkarten-Kunst-Projekt (Abre numa nova janela) statt
Und die über den Globus verstreuten Postcrossing Communitys (Abre numa nova janela) finden ohnehin Gefallen daran.
You got the point, nehme ich an.
Verschicken Sie halt auch mal wieder ein Kärtchen!
Der oder die Empfängerin wird sich sicher darüber freuen, wenigstens einen flüchtigen Moment lang, und so ein flüchtiger Freudenmoment kann eine Menge wert sein in lausigen Zeiten wie diesen, nicht wahr?
BONUSTRACK
Ein knapp anderthalbminütiges großes “Haaaaallloo!” - im unbeschnittenen Original (Abre numa nova janela)sind es 19 Minuten:
https://www.youtube.com/watch?v=9I5a4BtvSBU&t=10s (Abre numa nova janela)Von Nahem zu sehen und hören ist es im renovierungsbedürftigen Bundespräsidentenschloss Bellevue, in der temporären FREIRAUM KUNST-Ausstellung (Abre numa nova janela)der Akademie der Künste, neben Werken Dutzender anderer Künstlerinnen und Künstler, noch bis Ende Juni. Nächste Woche nimmt ein Kumpel mich mit dorthin, darauf freue ich mich schon.
Hier der rufende Künstler Jochen Gerz in einem 20-Minuten Gespräch (von 2008):
https://www.bpb.de/mediathek/video/562664/die-gesellschaft-wurde-ploetzlich-befragt-von-einer-kraft-des-nutzlosen/ (Abre numa nova janela)Und jetzt: Ruhe im Karton.
Bis dann irgendwann im Juli wieder,
immer die Ihre: KK
Rainald Goetz: “Dekonspiratione. Erzählung”, Suhrkamp, Frankfurt/Main 2002 ↩
Silke Hartmann: “Gesamtmerkwürdigkeit des Lebens”, ein Porträt von Wilhelm Genazino, online erschienen (Abre numa nova janela) am 14.10.2014 bei bookster frankfurt, einem Online-Magazin (mit gleichnamigem Buch) aus der “Hauptstadt des Buches” (Zitat von der Website), aus der Literaturwelt in Frankfurt/Main ↩