
Paris, when it’s naked – Paris, wenn es nackt ist. So heißt ein dünnes Buch der Dichterin und Künstlerin Etel Adnan im Original, auf Deutsch etwas weniger reißerisch: Paris, Paris. Ein eigenartiger Titel, dachte ich, zumal es keinesfalls von Liebes- oder Bettgeschichten handelte. In diesem Paris regnete es immerzu, es gab viel Misstrauen, noch mehr Einsamkeit.
„Einsamkeit gehört daher ironischerweise zum Wesen von Paris, denn keine Liebe kann die Erwartungen erfüllen, welche die Stadt entstehen läßt.“
Etel Adnan, Paris, Paris, übers. v. Nicolaus Bornhorn
Adnans Paris ist nicht das touristische Paris. Es ist auch nicht das Paris der in den Nullerjahren so beliebten Filme: So ist Paris, Paris, je t’aime, 2 Tage Paris … Paris zu benennen garantierte Erfolg. Auch ich hatte schon immer eine Schwäche für die Stadt. Für den Klang der Sprache, das angebliche savoir vivre, das Versprechen auf Lichter und Romantik.
Auch wenn ich es aufgegeben habe, Französisch zu lernen, flammt die alte Liebe unkontrolliert auf, sobald ich französische Chansons höre, einen französischen Film sehe oder auch nur eine Brioche rieche.
Meine erste Begegnung mit der Stadt war das Buch Paris war eine Frau von Andrea Weiss, in der es um Künstlerinnen und Literatinnen aus (vornehmlich) den USA ging, die in den 1920er Jahren nach Paris kamen, weil sie dort freier leben konnten als daheim. Djuna Barnes (Abre numa nova janela), Sylvia Beach, Gertrude Stein ... die meisten dieser Frauen kennt man heute nicht, was schade ist. Das Buch habe ich als eine Liebeserklärung an diese Frauen gelesen, aber auch an die Stadt, die deren Leben und Schaffen ermöglicht hatte. Bei späteren Besuchen in Paris war natürlich alles ganz anders. Zu wenig verständig, zu teuer, zu sehr ein Bild.
Schon lange wundert es mich, dass Köln nicht auf diese Weise die sagenumwobene Hauptfigur seiner eigenen Erzählungen geworden ist. Sicher, die Stadt ist kleiner, provinzieller sagen einige, nicht schön, sagen viele …
„Es ist ja auch ne sehr hässlich aufgebaute Stadt, muss man leider sagen.“ René Böll, Quelle (Abre numa nova janela)
Aber Schönheit ist bei Städten nicht ausschlaggebend.
Und Köln ist eigentlich immer nackt.
Nackt ist es im Februardunst oder in flirrender Sommerhitze. Nackt ist es da, wo Menschen schwere Türen und Eisentore zu Hinterhöfen aufschließen, wo Mülltonnen auf die Straße gerollt oder Kellertreppen hochgehievt werden, wo Menschen aus Mangel an Boulevards den ersten Kaffee in der Frühlingssonne auf dem schmalen Bürgersteig im Stehen genießen.
Seitdem die Zentralbibliothek mitten in der Fußgängerzone untergebracht ist, erlebe ich neue Seiten von Köln – und von mir. Morgens warten mehr Menschen vor der Bibliothek als vor dem Apple Store wenige Meter weiter. Ich freue mich. Sehr als Kölnerin fühle ich mich, wenn ich mich zwischen shoppenden Tourist*innen hindurchschlängle und scharf in den schmucklosen Eingang der Bibliothek einbiege. Im weihnachtlichen Getümmel ist alles zu viel. Gehen die Leute auf der Straße eigentlich absichtlich so langsam, könnten Tocotronic aus meinen Gedanken herausgeschrien haben. Und dann dieser Geruch aus verbranntem Sonnenblumenöl im dritten Aufguss, frisch ausgepacktem Plastik und Seifen, die besser verpackt geblieben wären. Ich rieche das alles durch verschlossene Türen der Geschäfte. Wenn das das nackte Köln ist, ist es nicht sehr appetitlich.
Vielleicht ist Köln nicht in der Einkaufszone am Dom nackt?
In Literatur ist Köln mir vor allem in einem Buch aufgefallen. In Eva Weissweilers Notre Dame de Dada. Es ist eine Biografie der gebürtigen Kölnerin, Kunsthistorikerin und Journalistin Luise Straus-Ernst, Köln aber ist die zweite Hauptfigur – oder ihr Gegenspieler? Schon im Prolog macht Weissweiler klar, dass Köln im Nazi-Deutschland mitgemacht hat.
„SS-Männer haben kurz nach Karneval ihre Wohnung durchsucht, ihr geliebtes, komfortables kleines Nest auf der Sülzer Emmastraße, haben ihr den Pass abgenommen, die Bücher ihres Sohnes Jimmy aus den Regalen geworfen, die Unterwäsche durchwühlt und die Matratzen aus den Betten gerissen. Ihren Pass hat man ihr kurze Zeit später wiedergegeben. Aber die Aufträge, die sie als Kunsthistorikerin und Journalistin so dringend brauchte, blieben aus.“
Eva Weissweiler, Notre Dame de Dada
Die lebensbedrohende Abweisung kam von Kölner Rundfunkanstalten und Museen, an deren Häusern ich regelmäßig vorbeilaufe, die ich heute gern besuche (Abre numa nova janela). Diese Institutionen sind noch da, Luise Straus-Ernst wurde 1944 deportiert und im Konzentrationslager Auschwitz ermordet.
Wenn ich es mir recht überlege, ist es nicht wichtig, wo Köln nackt ist, es soll aber die Geschichten seiner Bewohner*innen erzählen.
Bis in zwei Wochen!
Kristina
Beischriften sind Gedanken, Zitate, Fotos und Notizen – Nebenschauplätze der Kurzessays, flüchtig und daher exklusiv für Abonnent*innen.💜 Melde dich kostenlos an, um die Kurzessays künftig mit der Beischrift zu erhalten.
Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.