Saltar para o conteúdo principal

Schreiben und Wahrheit

Essays, Memoiren und autobiografische Notizen gehören zu Creative Nonfiction, einem Genre, das man auf Deutsch etwas umständlich „kreatives nichtfiktionales Schreiben“ oder „erzählende Sachliteratur“ nennen kann. Der Begriff geht zurück auf den US-amerikanischen Schriftsteller Lee Gutkind, der 1997 in der Zeitschrift Vanity Fair, durchaus mit Absicht der Abwertung, als Pate des Creative Nonfiction bezeichnet wurde. Ironischerweise, so Gutkind in seinem Standardwerk You can’t make this stuff up, dt. etwa Das kannst du dir nicht ausdenken, habe der Siegeszug des Genres mit diesem Artikel begonnen. Wer sich heute in Buchläden umsieht, findet eine große Anzahl an Essaysammlungen oder Memoiren bekannter und weniger bekannter Menschen zu allen möglichen Themen.

In einem Spiegel an der Wand spiegeln sich Gemälde verschiedener Größe.

Köln, August 2022 © Kristina Klecko

Gutkind definiert Creative Nonfiction als „wahre Geschichten, schön erzählt“. Das Wort „Wahrheit“ aber ist im Schreiben wie im Leben ein schwieriges.

„Menschen sagen nur das, was sie sagen wollen, und ihre jeweilige Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit.“ Agnès Poirier, An den Ufern der Seine

In Schreibklassen sorgt die Aufforderung, einen wahren Text zu schreiben regelmäßig für Irritation, für einen kurzen Moment des Naserümpfens und des Augenbrauenhochziehens.

Ist Wahrheit nicht Interpretation?

Wir wissen, dass zwei Menschen eine Situation völlig unterschiedlich bewerten und erzählen können. Wer nicht dabei war, klopft den Bericht auf Plausibilität ab, entscheidet aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen – und kann doch nur vermuten, was wirklich geschehen ist. Mit der Zeit verändert sich das (falsch) Empfundene und (falsch) Erzählte erneut. Forschungen zum Gedächtnis legen nahe, dass wir uns weniger auf unsere Erinnerung verlassen können, als wir zur eigenen Beruhigung glauben möchten. Eine Freundin gab mir das Buch Das trügerische Gedächtnis der Rechtspsychologin Julia Shaw halbgelesen mit den Worten zurück, es sei ihr zu unheimlich. Shaw erklärt darin, dass

„unser Gedächtnis ähnlich wie eine Wikipedia-Seite funktioniert: Sie selber können den Inhalt verändern, aber jeder andere kann es auch.“ Aus dem Klappentext zu Julia Shaw, Das trügerische Gedächtnis

Erinnerungen sind manipulierbar, was ernsthafte juristische Konsequenzen haben kann, wenn sich beispielsweise Polizist*innen bei der Befragung von Opfern, Täter*innen und Zeug*innen dieser Tatsache nicht bewusst sind und mit ihren Fragen unbewusst falsche Erinnerungen provozieren.

Ist Wahrheit nicht etwas Großes?

Zu meinen liebsten Schreibübungen gehört die Themensammlung nach der „Five Things Essay“-Methode der Autorin Summer Brennan, über die ich in meinem allerersten Beitrag (Abre numa nova janela) bereits geschrieben habe. Dafür notieren die Schreibenden fünf Beobachtungen oder Gedanken des Tages und führen diese jeweils so weit aus, wie sie möchten. Ein Satz, eine halbe Seite – die einzige Vorgabe ist, dass die Beobachtungen oder Gedanken, die sie für den Einstieg nutzen, wahr sind. Manche blockiert diese Aufgabe, weil sie Wahrheit philosophisch groß denken, nicht als das Praktische, das alltäglich Kleine. Ich habe es gesehen, ich habe es gedacht. Nahezu alle Autor*innen haben im Schreibprozess das Gefühl, dass das, was sie schreiben, niemanden interessiert, schlimmer noch, dass niemand es braucht. Selbst die mit den vielen Veröffentlichungen, den Bestsellern, den Auszeichnungen.

„Wenn du denkst, deine Story sei irrelevant, ist wahrscheinlich das Patriarchat schuld.“ Mia Gatow, Regeln für das Leben und das Schreiben (Newsletter (Abre numa nova janela))

Ist Wahrheit nicht Geheimnis?

Wie viel Wahrheit verträgt das Schreiben? Die Ratschläge an Autor*innen sind vielfältig: Man dürfe nicht verheimlichen oder lügen, denn das schade der Glaubwürdigkeit. Man dürfe aber auch nicht zu viel erzählen, das könne die Leser*innen vergraulen oder sich ernsthaft um die psychische Gesundheit der Autor*innen sorgen lassen. Am besten sei die vielgerühmte goldene Mitte.

„Du kannst persönlich schreiben und etwas zurückhalten. Alle tun das.” Roxanne Gay, Creative Writing for Impact: Looking Inward & Outward in Personal Essays (Onlinekurs (Abre numa nova janela))

Doch lesenswerte Texte entstehen nicht, wenn man die goldene Mitte mathematisch genau berechnet und den Schmerz darin strategisch platziert. Manchmal muss ein Text mit einem durchgehen. Man könne, so Autorin Leïla Slimani, nicht schreiben,

„(…) ohne die Möglichkeit in Kauf zu nehmen, einen Verrat zu begehen, ohne diese Wahrheiten auszusprechen, die man seit der Kindheit verbirgt.“ Leïla Slimani, Der Duft der Blumen bei Nacht

Damit sind die großen menschlichen Dramen gemeint, die Geheimnisse, die man dem Vergessen und dem Verleugnen entreißen möchte. Manchmal aber geht es beim Schreiben, auch von kreativen nichtfiktionalen Texten, nicht um das, was passiert ist, sondern um die Frage, wie es sich angefühlt hat. Es geht um das, was folgte.

Meine Magisterarbeit handelte vom Werk des russischen Schriftstellers Ivan Bunin und davon, wie es sich durch seine Exilerfahrung verändert hatte. (In seinen Erzählungen kann man nachlesen, dass Exil keine lustige Auslandserfahrung ist, wie man bei dem aktuellen Jubel um amerikanische Wissenschaftler*innen, die das Land verlassen müssen, meinen könnte.) In der Geschichte Der Kelch des Lebens beschreibt Bunin einen Mann, der seine Frau beim Weinen beobachtet:

„Er wusste, dass die Tränen ihrer Jugend galten, dem einen glücklichen Sommer, der jeder jungen Frau einmal im Leben zuteil wird (…).“ Ivan Bunin, Der Kelch des Lebens (eig. Übers.)

Erinnert dich der Satz an einen solchen Sommer in deinem Leben?

Kann sein, dass genau das die Funktion von Wahrheit im Schreiben ist. Dass es dich an deine eigene Wahrheit erinnert.

Vielen Dank, dass du mitliest.

Schöne Grüße und bis in zwei Wochen!

Kristina

PS: In der Mitgliedsrubrik, Romansuche (Abre numa nova janela), habe ich darüber geschrieben, wie ich mit meinem Roman vorankomme, und warum ich im April etwas zielgerichteter gesucht habe.

Beischrift

Beischriften sind Gedanken, Zitate, Fotos und Notizen – Nebenschauplätze der Kurzessays, flüchtig und daher exklusiv für Abonnent*innen.💜 Melde dich kostenlos an, um die Kurzessays künftig mit der Beischrift zu erhalten.

Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

Tópico Lesen & Schreiben

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Was mache ich denn da? (Kurzessays) e comece a conversa.
Torne-se membro