
Florenz, Italien, September 2008 © Kristina Klecko
Über Nacht wurde es kalt. Gefühlt gestern noch umschmeichelte die weiche Herbstsonne die Wangen und spielte frischer Wind in den Haaren; plötzlich spannt die Haut, platzt an den Fingerknöcheln auf, und die Haare verschwinden unter einer Mütze.
Das war also der Herbst, auf den ich jedes Jahr so sehnsüchtig warte (Abre numa nova janela). Dieses Jahr ist er an mir vorbeigerauscht. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal im Leben gedacht, wenn der Herbst für alle so ist, dann verstehe ich, warum viele ihn nicht mögen.
Na gut, dann: Hallo Winter.
Dezember ist: Dunkelheit um 8 Uhr morgens und um 17 Uhr abends, Kälte und Ungemütlichkeit vor der Tür, umso mehr Kerzen und Lichterketten in den Innenräumen. Dezember ist: der Wunsch nach Wärme, nach wie früher; der Wunsch, Vanille und Bittermandel zu riechen, Schokolade zu schmelzen und die beste Mandarine zu erwischen. Dezember ist auch: lass uns noch ein letztes Mal im alten Jahr treffen und in diesem Jahr komme ich nicht mehr dazu. Noch einmal alles geben und zur Ruhe kommen. Zurückblicken mit einem Auge auf das neue Jahr.
Wann fängt die Besinnlichkeit an?
Ich mache mir Gedanken darüber, was ich den kleinen Menschen in meinem Leben zu Weihnachten schenken könnte. Sie vielleicht im neuen Jahr ins Kino ausführen? Gemeinsame Zeit statt Geld, sinnvoll schenken. Doch ich habe Zweifel, dass sie alt genug sind, Absichten als Geschenke zu akzeptieren. Ich glaube, sie haben recht.
Viele Gutscheine werden nie eingelöst, auch solche für gemeinsame Kochabende, Ausflüge oder eben Kinobesuche. Gut zu schenken ist eine Kunst.
Mit dem Verschenken der Gutscheine geht das Versprechen einher, sich im neuen Jahr Zeit für ein gemeinsames Erlebnis zu nehmen. Man versichert dem beschenkten Menschen: Ich möchte unsere Beziehung aufrechterhalten, du sollst auch im neuen Jahr Teil meines Lebens sein.
Das ist schön.
“Gemeinsam zu leben, Geschichten zu erzählen, zu verarbeiten, darüber zu lachen oder zu weinen, zu schweigen und neue Geschichten erleben bedeutet viel.”
Maria Bujanov, “Warmer Ozean” in Postmigrantische Störung No. 2
Andererseits sind Gutscheine für gemeinsame Aktivitäten mit Arbeit für die Beschenkten verbunden. Sie müssen Zeit finden, sich aufraffen, sich möglicherweise auf etwas einlassen, das sie von selbst gar nicht in Erwägung gezogen hätten. Eine überteuerte Design-Kerze, die aus Verlegenheit verschenkt wurde, wäre in der Zeit, in der man mit dem Planen des gemeinsamen Erlebnisses beschäftigt ist, bereits drei Mal abgebrannt. Manchmal ist es einfach.
Ist Zeit mit mir wirklich ein Geschenk?
Darf Anwesenheit ein Geschenk sein? Sollte sie nicht selbstverständlich sein und für Menschen, die wir lieben, unterjährig verfügbar?
Es gibt durchdachte Zeitgutscheine. Menschen vereinbaren, sich „keinen Kram“ zu schenken, weil alle schon so viel – und alles, haben, oder weil man etwas haben möchte, das für andere zu teuer, nicht auffindbar, unangemessen zu verschenken wäre. Sicher kann man die gemeinsame Zeit genießen. Doch manchmal sagen Zeitgutscheine auch: Ich habe mir im letzten Jahr nicht genug Zeit für dich genommen; ich weiß nicht, was dir Freude bereiten würde.
Immerhin sind Zeitgutscheine ein Versprechen, es im neuen Jahr besser machen.
Halten wir es?
Vielen Dank, dass du mitliest!
Kristina
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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.