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Es ist bloß Heimat

Dieser Text ist eine gekürzte Version eines Essays, den ich für meinen Essayband (Abre numa nova janela) geschrieben habe.

Kleines Kind mit einer Schaufel und einem Eimerchen vor einer zugeschneiten Sitzbank.

Irgendein Winter Ende der 1980er Jahre.

Es gibt verschiedene Meinungen darüber, ob ein Mensch mehrere Heimaten* haben kann. Ich habe nur eine, das genügt. Die Bezeichnung “Heimat” für einen Ort betrachte ich nicht als eine Aufwertung per se. Es besagt nicht, dass dieser Ort wichtiger als andere ist. Heimat ist eine Tatsache, wie es eine Tatsache ist, dass ich meinen Geburtstag im September feiere und nicht im Januar, oder dass ich in Köln lebe und nicht in Hamburg. Ohne Kontext lässt sich nicht sagen, das eine sei besser als das andere, doch es heißt auch nicht, es sei gänzlich unbedeutend. Es kann schöner/bequemer/unangenehmer sein, in Hamburg und nicht in Köln zu leben oder im Januar statt im September Geburtstag zu haben.

Die Aussage, man habe zwei Heimaten, wirkt auf mich wie eine Flucht in eine sozial vertretbare, politisch korrekte Antwort. Man möchte sich nicht aus der Gesellschaft ausschließen, unhöflich oder gar undankbar erscheinen. Ehrlicher wäre die Antwort: Ich lebe gern/ungern hier, aber/und die Heimat ist woanders.

Das klingt schon auf Papier und ohne ein Gesicht gegenüber unangenehm. Doch das “Unangenehme” begleitet Menschen, die in einem Land leben, in dem sie nicht geboren wurden, sowieso.

Unangenehm ist das ständige Beisein der Lüge.

Szene eins: Ich möchte eine Geschichte erzählen, die ich im Alter zwischen elf und neunzehn Jahren, also bereits in Deutschland, erlebt habe. Es ist gut, bei einer Geschichte einen Handlungsort benennen zu können. “Es war einmal in …” Um den Handlungsort meiner Geschichte anzugeben, kann ich nicht sagen" “da, wo ich herkomme” oder “da, wo ich geboren bin”, weil es falsch wäre. Den Handlungsort wahrheitsgemäß zu benennen, würde Raum in Anspruch nehmen. Das ist nicht immer angemessen. Angenommen, du bist an der niederländischen Grenze aufgewachsen und möchtest erzählen, wie du als Teenager das erste Mal allein rüber geradelt bist. Es reicht zu sagen, “Ich komme aus, ‘hier einen beliebigen Ort an der niederländischen Grenze einsetzen’ und ich erinnere mich, wie ich als Vierzehnjähriger das erste Mal allein rüber geradelt bin …” Nun stelle dir vor, du brauchst, um die Geschichte zu erzählen, fünf Minuten, nur um zu erklären, warum du nicht sagen kannst “ich komme aus”. Die Pointe wäre hin, also lügst du, weil es einfacher ist und Zeit spart. So habe ich es gemacht und so machen es andere.

Manchmal kann ich den Namen der Stadt nennen oder es mit “die Stadt, in der ich aufgewachsen bin” umschreiben. Doch der Name der Stadt sagt den meisten nichts und nicht immer lässt sich der zweite Halbsatz in eine Erzählung neutral einweben. Wie ich es auch löse, in meinen Ohren klingt es steif. Als müssten nach so einem Satz alle aufhorchen und merken, dass irgendetwas nicht stimmt. Als wüssten alle, dass es gelogen ist. Und machen wir uns nichts vor, es fühlt sich nicht gut an, Menschen anzulügen.

Szene zwei: Ich werde nach meiner Heimat gefragt. Ganz gleich, was danach passiert, Unbehagen macht sich breit. Unbehagen, wenn ich lüge, Unbehagen, wenn ich nicht lüge und die Frage riskiere, ob ich dort noch Familie habe. Wieder Unbehagen, ob ich lügen soll oder wahrheitsgemäß antworte. Unbehagen, ob weitere Fragen kommen. Unbehagen, ob die Person gerade etwas über Russland gehört oder gelesen hat und mir nun das Land voranalysieren möchte, mit anschließender Erwartung, dass ich zustimme oder widerspreche – und es ausführlich begründe. Unbehagen vom Abwägen, wie viel ich preisgebe, und von der Sorge nach weiteren Fragen. 

Und wenn keine Fragen kommen?

Unbehagen, ob das Schweigen etwas bedeutet.

Heimatverlust ist real. Wir dürfen darüber trauern, wir müssen den Verlust verbalisieren und damit verarbeiten, sonst riskieren wir, in einer erinnerten Heimat eingekapselt zu bleiben, die mit der Realität nichts mehr gemein hat. Die Heimat zu verlieren, gehört zum Leben mancher Menschen dazu. Erkennen wir das an, können wir mit weniger Unbehagen erzählen, können wir aufhören, zu suchen und zu erfinden.

Es ist bloß Heimat.

Vielen Dank, dass du mitliest. Bis in zwei Wochen!

Kristina

*Ich schreibe diese Zeilen als weiße Frau, die in einem Land mit mehrheitlich weißer Bevölkerung geboren wurde und in einem anderen Land mit mehrheitlich weißer Bevölkerung lebt. Diese Tatsache erlaubt es mir, die Frage nach Heimat je nach Situation unterschiedlich beantworten zu können. Viele Menschen haben diese Möglichkeit nicht.

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Hier schreibt Kristina Klecko, Autorin und Schreibdozentin. In meinem Newsletter Was mache ich denn da? verschicke ich alle zwei Wochen, jeweils am Freitag, kurze Essays über das Lesen, das Schreiben und das Leben drum herum.

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