Über Leid so zu schreiben, dass man als Lesende am Ende nicht emotional völlig zerfleischt ist, ist eine Kunst, die in meiner Smmlung nur einer beherrscht: John Irving.

Vor Jahr und Tag schrieb ich schon einmal über John Irving, damals “Das Hotel New Hampshire” (Abre numa nova janela), seit 30 Jahren mein unzerstörbares Lieblingsbuch. Doch obwohl das Buch damals sofort gezündet und, wie ich kürzlich bei meiner Zeitreise durch mein Bücherregal, bei der ich Bücher, die ich vor Urzeiten einmal gelesen habe, noch einmal lese, festgestellt habe, immer noch zündet, ist es das einzige Buch von Irving gewesen, das ich kannte.
Das passiert mir manchmal bei Büchern oder auch Musik: Dass mir ein einziges Werk so reich erscheint, mich so sehr nährt und bereichert, dass ich schlicht voll bin. Nicht übersättigt, nicht müde, sondern eher wunschlos glücklich. Ich brauche nicht mehr für die volle Gefühlsdosis als dieses eine Buch oder dieses eine Musikalbum. Und deshalb habe ich mir erst vor zwei Wochen ein weiteres Buch von Irving zugelegt: “Lasst die Bären los!”, sein Debüt als Schriftsteller.
Ich liege noch in den letzten Zügen, bin noch nicht ganz am Ende, aber wie schon bei dem Hotel Newhampshire ist diese Phase, kurz vor dem Schluss, für mich immer etwas Besonderes bei einem Buch. Bevor es unwiderbringlich vorbei ist, bevor ich erfahre, wie alles ausgeht, nehme ich mir einen Augenblick der Verzögerung, um zu prozessieren, was die Geschichte als Ganzes bis dahin in mir ausgelöst hat. Dieser Moment der inneren Einkehr umfasst den Stil, die Geschichte, den Aufbau, und auch, wenn sich das ziemlich analytisch anhört, ist es ein reiner Fühlprozess.
Nun also, kurz vor dem Ende von “Lasst die Bären los!”, merke ich, wie wohltuend Irvings Umgang mit Themen ist, die gemeinhin als schwer, sperrig, belastend, unhandlich wahrgenommen werden. Leid, Katastrophen, Tode, all das beschreibt Irving auf leichte Weise schrecklich und auf schreckliche Weise leicht. Jetzt, wo ich über die sagenhafte Stichprobengröße von 2 verfüge, kann ich sagen, dass mir kein anderer Autor - noch nicht einmal Terry Pratchett - so viel darüber beigebracht hat, dass der Tod … okay ist, wie John Irving.
Inhalt
Siggi Javotnik und Hannes Graff, zwei Studenten aus Wien, haben eines Tages die glorreiche Idee, dem bürgerlichen Alltag mit zu viel Raum für Leistung und zu wenig für Freiheit auf einem Motorrad, das eine ganz eigene Geschichte hat, den Rücken zu kehren. Nach einem Tag im Wiener Zoo mit zu vielen traurigen Kreaturen geht ihnen auf, dass sie genauso gefangen sind. Siggi ist ein verkannter Dichter, für den Bürgerlichkeit ohnehin keinen großen Reiz hat, Hannes hat gerade eine wichtige Prüfung versemmelt, die ihn ohne Plan B für sein Leben zurücklässt.
Der kreative, immer geisteshungrige, abenteuerlustige Siggi spielt auch mit dem Gedanken, die Zootiere zu befreien. Doch das erfordert Zeit und Planung, so es denn überhaupt machbar ist. Mit Schaudern denken beide an einen ähnlichen, zwanzig Jahre zurückliegenden Versuch, der damit endete, dass der Befreier von den Raubtieren des Zoos getötet wurde. Wenn überhaupt, wollen die beiden es besser machen.
Der Alternativplan, sich einfach auf jenes besondere Motorrad zu setzen, zu fahren, wohin der Zufall sie trägt, sich unterwegs von selbst gefangenen Fischen und Handel mit den ansässigen Bauern zu ernähren, sich vom Leben treiben zu lassen, scheint beiden realistischer als das Projekt Zoobefreiung. Und so fahren sie los, Italien ist allenfalls ein vages Endziel ihres Trips.
An einer ihrer Etappen im Umland von Wien verliebt sich Hannes in die junge Gallen und sein Enthusiasmus, sich mit Siggi dem Sog der Straße zu überlassen, wird schwächer. Zunächst versuchen die Drei noch zusammen, das Motorrad zu bezwingen, was Hannes mit schweren Brandwunden und Gallen als seine Pflegerin zurücklässt. Siggi, der Junge mit den Flausen im Kopf, ist viel allein und kehrt immer wieder zurück zu der Idee, die traurigen Zootiere zu befreien. Während Hannes gesund wird, fährt Siggi nach Wien, um den Zoo auszukundschaften. Lässt sich abends unbemerkt einschließen, beobachtet den Nachtwärter, der den ohnehin schon traurigen Tieren noch weiter zusetzt. Schießlich glaubt Siggi, die Abläufe der Wachwechsel gut genug zu kennen, um einen Befreiungsversuch zu wagen. Doch sein Versuch, Hannes wieder mit an Bord zu holen, scheitert an dessen Verknalltheit. Aus Gründen kommt schließlich alles anders als geplant und dabei spielen Liebe, Bienen, ein nachts quer auf der Straße stehender Wagen und der Tod eine Rolle. Danach steht Hannes vor der Gretchenfrage, was er nun mit Siggis Visionen - freien Zootieren, ein Leben in Italien - machen soll.
Das Erste, was man bei Irving lernen kann, ist, dass das Leben immer weitergeht. Disruptive Katastrophen und Traumata handelt er mit Halbsätzen ab, sein Fokus bleibt immer beim Leben. Die Katastrophe ist nur ein Ereignis unter vielen, nicht wichtiger oder unwichtiger als die positiven Begebenheiten der Reise. Eine seltsame Form von Gleichmachung von Leben und Tod findet man bei John Irving und damit die ultimative Loslösung von der christlichen Überhöhung des Lebens. Die besagt, Leben ist gut, Leben ist ein Geschenk, Leben hat die oberste Priorität. Tod ist eine Strafe, eine Sünde, eine Tragödie. Wie ein augenzwinkender Ketzer kündigt Irving dieser Sichtweise die Gefolgschaft. Er beschreibt Todesfälle, aber er bewertet sie niemals.
Denn - und auch das lehrt John Irving - das Leben geht immer weiter. Irgendwo stirbt jemand und irgendwo wird etwas geboren. Ein Kind, eine Idee, eine Vision. Ein Tod - egal von wem - hat nur für Zeugen und Hinterbliebene eine Bedeutung, aber keine universelle.
Das ist so wohltuend, so befreiend für jemanden wie mich, der immer schon eine sehr neutrale Sicht auf den Tod (Abre numa nova janela) hatte. Man könnte mich die Ambassadorin des Todes nennen, weil ich nicht müde werde zu betonen, wie normal und natürlich der Tod von Individuen ist. Verlustschmerz ist real, der darf da sein und sollte durchlebt werden. Aber im übergeordneten Sinn ist das, was da passiert ist, keine große Sache.
Tod und Leben als gleichwertigt zu behandeln, wie Irving das tut, ist nicht weniger als eine Ode an das Leben selbst. Nicht an die individuelle Existenz, an das Leben. Es ist lebensbejahend. Es feiert den Umstand, dass sich das Leben nicht vom Tod beeindrucken lässt. Nicht den Tod abzulehnen oder zu fürchten, bejaht das Leben, sondern ihn als gleich anzusehen, tut es. Der Tod ist da, er ist immer eine Möglichkeit - das zu akzeptieren und trotzdem das Leben zu wählen, es zu genießen, ist so viel mehr, als am Leben zu bleiben, weil man Angst vor dem Tod hat.
Das alles tut John Irving natürlich wesentlich eloquenter und berührender als ich es vermag. Und deshalb ist “Lasst die Bären los!” der zweite seiner Romane, der sofort bei mir zündet. Bei ihm liegt eine Leichtigkeit im Schrecklichen, die die Verhältnisse und auch das das eigene Empfinden geradezieht.
Aus den besagten Gründen fällt Hannes Siggis Notizbuch in die Hände, in dem der nicht nur seine Zoogedanken notiert hat, sondern auch die Geschichte seiner Eltern während des Krieges und der alliierten Stadtaufteilung. Eine Zeit, die an Leid und Tod nicht arm ist. Aber wenn man bei Irving liest, ist es vor allem eine Zeit der Resilienz. Nicht nur der Menschen, sondern des Lebens selbst.
Irving lässt seine Protagonisten leiden, er schickt sie durch die Hölle und zurück. Aber er tut das so liebevoll, so leichtfüßig, so wohlmeinend, dass keine Last zurückbleibt, sondern vielmehr das Gefühl, von einer Last befreit worden zu sein. Und genau deshalb würde ich die Lektüre seiner Bücher vor allem jenen empfehlen, die sich fragen, wozu sie noch am Leben sind, die an der Welt und ihrer eigenen Existenz leiden, mitunter womöglich suizidale Gedanken haben.
Ihr, nein, wir sind am Leben, weil der Tod absolut keine Bedeutung hat.
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