Hallo zusammen,
heute grüßt wieder Özge. Ich hoffe, ihr kommt gerade einigermaßen gut durch die Hitze. Was mich noch mehr zum Glühen gebracht hat als die Temperaturen, war ein vermeintlich witziger Satirebeitrag eines bekannten Comedians im deutschen Fernsehen.
Nur ich habe leider den Witz vergeblich gesucht und bis heute nicht gefunden.
(Abre numa nova janela)Humor kann verbinden, kann die Gesichtsmuskeln zum Wackeln bringen. Humor kann auf Missstände aufmerksam machen und zum Nachdenken anregen. Aber es gibt einen klaren Unterschied zwischen gutem, durchdachtem Humor und unüberlegtem, geschmacklosem Humor.
Einer der „Witze” aus der letzteren Kategorie kam von Dieter Nuhr. In der ARD-Sendung vom 18. Juni. Mit voller Überzeugung sagt er dort folgendes:
„Die Wahrscheinlichkeit, bei 300 bis 350 Femiziden pro Jahr auf einen Frauenmörder zu treffen“, sei „praktisch null“. Und „zur Sicherheit wäre es nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernt.“
💫 Aber das ist doch Satire. Das soll doch überspitzt sein?! 💫
Ich verstehe den Ansatz ja sogar grundsätzlich: Angst nehmen. Aber in diesem Ton ist es geschmacklos. Der Punkt ist: Man kann Kritik an einer pauschalisierenden Schlagzeile üben, ohne den Ratschlag „lern ihn halt erst kennen“ zu reproduzieren und damit den Frauen selbst die Schuld zuzuschieben. Denn in seiner Show ignoriert Nuhr aus Unwissenheit oder Boshaftigkeit, dass es gerade Männer aus dem sogenannten Nahfeld, Männer die man sehr gut kennt, sind, die Frauen statistisch am häufigsten Gewalt antun.
Aber anstatt, dass sich das Management und Dieter Nuhr hinsetzen, die eigenen Fehler eingestehen und über eine reflektierte Antwort nachdenken, postet Dieter Nuhr das hier auf Facebook (Abre numa nova janela):
Nuhr: „Von denen, die sich gerade wieder in den Medien publikumswirksam erregen, hat die überwältigende Mehrheit die Sendung nicht einmal gesehen. Sonst hätte sie wahrgenommen, dass es in "Nuhr im Ersten" um etwas ganz anderes ging: Um das Wort "strukturell", das allen Männern Schuld zuweist, weil sie "strukturell" Täter sind. Es ging um mehrere Artikel in großen deutschen Zeitungen, in denen Frauen infrage stellten, noch mit Männern leben zu können, weil diese "statistisch töten". Diese völlig überzogene pauschale Verunglimpfung war Thema meines Beitrages.“
Ach so. Es ging also nie darum, sich über Femizide lustig zu machen, sondern nur um das böse Wort „strukturell“. Tut mir Leid, Dieter, du musst jetzt ganz stark sein, denn ja, wir müssen über strukturelle Gewalt sprechen. Das BKA (Abre numa nova janela) zählt für 2024 308 Frauen, die getötet wurden. Die Polizei spricht bei diesen 308 Frauen nicht von Femiziden, weil es bisher noch keine bundesweite Definition davon gibt, welche Tötungsdelikte als Femizide gelten. Aber Haarspalterei, du sagst es ja selbst: Jede getötete Frau ist eine zu viel. Und dass die Gewalt an Frauen zunimmt (Abre numa nova janela), dass es größtenteils Partner oder Expartner sind, die Frauen töten (Abre numa nova janela), dass die Gelder für Frauenhäuser gekürzt (Abre numa nova janela) werden und die Wohnungskrise (Abre numa nova janela) Betroffene dazu verdammt, in gewaltvollen Beziehungen zu bleiben, all das meint dieses Wort: „strukturell“.
Nuhr: „Ich habe betont, dass jeder Frauenmord selbstverständlich (!) einer zuviel ist, aber dass die Chance, bei der Partnerwahl auf einen Frauenmörder zu stoßen, verschwindend gering ist. (Abre numa nova janela) (…) Kein Witz über Femizide, nirgends. Habe ich noch nie gemacht. Werde ich nicht tun. (Abre numa nova janela) Der Vorwurf ist lächerlich. Interneterregung wird zur Volksmeinung umgedeutet. So ist es üblich in diesen Tagen.” (Abre numa nova janela)
Da ist er wieder. Der unverstandene, ältere Mann, der das Internet verunglimpft. Eine Nutzerin brachte es laut „Blick (Abre numa nova janela)” auf den Punkt: Ob Nuhr in seinem Urlaub in Frankreich mal mit Gisèle Pelicot sprechen wolle, warum sie ihren Mann in 50 Ehejahren nicht richtig kennengelernt habe. Der Fall Pelicot – Dominique Pelicot betäubte seine Frau über Jahrzehnte hinweg und lud Männer zur Vergewaltigung ins gemeinsame Haus ein – zeigt ziemlich genau, warum „man kennt sich doch“ als Sicherheitsversprechen nicht trägt.
Ich lasse hier mal dieses hochwertig von mir produzierte Meme für sich sprechen:

Ich dachte ja immer, das Management ist genau für solche Fälle da: Krisenmanagement. Aber in diesem Fall scheinen sie nochmal Öl ins Feuer kippen zu wollen.
„Dieter Nuhr macht sich zu keiner Sekunde über das Thema Femizide lustig“, heißt es (Abre numa nova janela). Die Zuspitzung, Frauen sollten einen Mann erst kennenlernen, bevor sie ihm näher kommen, richte sich „weder gegen Frauen noch gegen irgendeine andere Gruppe, sondern allein gegen die Pauschalisierung jenes Artikels, der jeden Mann unter Generalverdacht stellt.“
An der Stelle empfehle ich gerne zwei unserer Folgen, in denen wir uns genau das fragen, was Dieter Nuhr so in Aufruhr versetzt hat: Wie können wir noch mit Männern leben? Eine Folge trägt sogar exakt diesen Titel: Wie noch mit Männern leben? (Abre numa nova janela) Die andere heißt: Warum Männer Böses tun (Abre numa nova janela). Und keine Sorge: Als Journalistinnen ist es uns besonders wichtig, nicht pauschalisierend zu sein und zu differenzieren zwischen: not all men, but always a men!
Not all men, but always a man – and probably your Ehemann or Freund.
ZEIT-Autor Johannes Schneider schreibt: (Abre numa nova janela) „Wer auf Morde mit einem recht unverblümten »Augen auf bei der Partnerwahl« reagiert, betreibe spekulatives Slutshaming und Täter-Opfer-Umkehr.“ Denn ganz egal, ob ich einen Mann 10 Jahre kenne und mit ihm verheiratet bin oder ob ich aufm Berghain-Klo mit jemandem Sex habe: Wenn ich getötet werde, ist der Täter der Täter und ich bin ich nicht die Schuldige.
Wie gehen meine ÖRR-Kollegis mit der Kritik um? Sie sind immerhin Träger des Formates „Dieter Nuhr XXL”. Radiostift schreibt: (Abre numa nova janela)
„Der für die Sendung zuständige Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) nannte die Kritik an der Nuhr-Passage nachvollziehbar. In Satireformaten gelte es jedoch auch, die künstlerische Freiheit zu achten, teilte der rbb auf Anfrage mit. «Dieter Nuhr darf grundsätzlich als Künstler vor dem Hintergrund der Kunstfreiheit auch provozierend und zugespitzt formulieren», so die Rundfunkanstalt. «Es ist das Kerngeschäft von Satire, Dinge bewusst ins Gegenteil zu verkehren.»“
Wieso rede ich also so lange über Dieter Nuhr? Morgen ist das doch eh wieder vergessen?!
Es geht mir ums große Ganze. Männer, die sich weigern, anzuerkennen, dass die Angst von Frauen vor Heterobeziehungen berechtigt ist. Eine älter werdende Generation, die dem Internet und der Cancel Culture die Schuld gibt, wenn Kritik unbequem wird, anstatt sich zu fragen, ob an der Kritik vielleicht was dran ist. Eine junge Generation, die um Aufklärung bemüht ist und oft nur noch mit Kopfschütteln auf solche Debatten blicken kann.
Wer hat eigentlich die Deutungshoheit darüber, was normal oder akzeptabel ist? Diese Frage stellt sich nicht nur bei Nuhr, sie stellt sich genauso auch bei Machtgefälle, Alter und Beziehungen.
Ist das Liebe oder kann das weg?
Was ist, wenn eine 17-Jährige mit einem 47 Jahre alten Mann zusammenkommt? Genauer gesagt: Eine Kunststudentin, die mit ihrem Dozenten zusammenkommt? Und was ist, wenn sie dann heiraten und zusammen bleiben, bis er stirbt? Über 30 Jahre Ehe. Rechtfertigt ein gutes Ende einen problematischen Anfang? Was bedeutet Konsens – und wer kann ihn unter welchen Umständen überhaupt geben? Wie verändert sich unser Blick auf die eigene Vergangenheit, je mehr wir über Machtstrukturen verstehen? Kann man gleichzeitig Opfer einer Struktur und aktive Mitgestalterin sein?
Das, was ich hier beschreibe, spiegelt die Realität von Jill Ciment wider. Sie reflektiert in ihrem Buch „Consent” die Ehe mit ihrem 30 Jahre älteren Mann, nachdem er gestorben ist. Dabei dekonstruiert sie ihre Ehe, ihr Kennenlernen und alles, was in der Zwischenzeit geschehen ist, vor allem durch Metoo.
Gemeinsam mit Julia Ritter von „Die Buch” bespreche ich, Özge, in der aktuellen Lila Folge (Abre numa nova janela) nicht nur dieses Buch, sondern noch zwei weitere. Buch Nummer 2 ist „Half His Age“ von Jennnette McCurdy und das dritte Buch heißt „I’m a Fan“ von Sheena Patel. In allen drei Büchern wird das Thema Age Gap und Machtdynamiken austariert, mal schmerzhaft, mal dekonstruierend, mal empathisch. Hier lang (Abre numa nova janela) zur Folge.
Wie überlebt man einen manipulativen Ehemann? Sisterhood!
Katrin war außerdem in Julias Podcast zu Besuch (Abre numa nova janela) und hat dort über Frances Hodgson Burnetts Buch „Das verfallene Herrenhaus” gesprochen. Vielleicht kennt ihr sie auch von bekannteren Büchern wie „Der kleine Lord” oder „Der geheime Garten”.
In dem Roman geht es um die amerikanische Millionärstochter Rosy. Sie wird von den USA nach England verheiratet. Dort erkennt sie mit Schrecken, dass sie als Frau eines Adeligen ihre Autonomie verliert. Doch sie hat nicht mit ihrer Schwester Betty gerechnet, die aufbricht, um sie zu retten. Hier (Abre numa nova janela) geht’s zur Folge.
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Das war’s für heute.
Wir lesen uns in zwei Wochen wieder - bis dahin!
eure Özge