
TEIL 38: VOM ENTWÖHNEN
Habe ich nicht geebnet, stillgemacht meine Seele:
wie ein Entwöhntes an seiner Mutter,
wie das Entwöhnte ist an mir meine Seele.
(Psalm 131, Die Schrift, Martin Buber, Franz Rosenzweig)
In unserem Hossa Talk-Podcast habe ich mit meinen Freunden Gofi und Jay zuletzt viel über die Wichtigkeit von Gemeinschaft, die Bergpredigt und das Vater Unser gesprochen. Besonders Gofi hat immer wieder herausgestellt, dass wir die Bergpredigt als eine Art Anleitung für resiliente und widerständige Gemeinschaften lesen könnten. Als Entwurf und Ideal dafür wie ein gemeinsam gestaltetes Leben aussehen könnte und welche Werte dort wichtig wären: Sanftmut, Barmherzigkeit, Frieden stiften… Das Vater Unser ist in Wir- und-uns-Form formuliert. Was bedeutet es diese Worte als Teil eines Kollektivs, einer Community zu sprechen und zu meinen und nicht bloß als Individuum, obwohl auch das natürlich nicht verboten ist? Wir haben über die Bitte um das tägliche Brot geredet und uns gefragt, ob vielleicht auch ausgehend davon diese Geschichte als das Volk Israel in der Wüste hungert und von Gott auf wundersame Weise mit Brot versorgt wird, das man aber eben nur für den heutigen Tag für sich und seine Angehörigen sammeln und nicht horten durfte, eine Geschichte über gerechte Gemeinschaft erzählt und dieses Verbot des Hortes dafür da war, damit am Ende niemand den Großteil für sich bunkern und die anderen dadurch ausbeuten und aus Hunger und Not Profit für sich selbst schlagen konnte und dem Potenzial einer auseinandergehenden Schere zwischen Arm und Reich direkt einen Riegel vorzuschieben, um ein anderes Miteiander möglich zu machen?
Ich verlinke unsere beiden Folgen zum Vater Unser am Ende des Textes, wenn du noch einal ausführlicher nachhören möchtest, was wir dort besprochen haben.
Zu diesen Gedanken gesellte sich bei mir dann noch ein Album, das kürzlich herauskam und das ich seitdem wieder und wieder gehört habe und wohl mein persönliches Album des Jahres 2025 werden wird. Die Rede ist von Saul Williams meets Carlos Niño & Friends at TreePeople (Abre numa nova janela). Es ist die Live-Aufnahme eines Abends, an dem ein fantastisch und hochkaratätig besetztes Jazz-Ensemble gemeinsam improvisiert und Saul Williams dazu Textfragmente, Gedichte und Geschichten performt und vorträgt. Außerdem gibt es einen Gastauftritt der großartigen und von mir sehr verehrten Spoken Word-Poetin und Lyrikerin Aja Monet, die mit einem ihrer Gedichte das Stück “The Water is Rising / as we surpass the firing squad . . . “ einleitet.
Am Ende des Live-Albums gibt es eine Art Epilog. Einen Moment, wo sich Saul Willliams direkt ans Publikum wendet und zum einen diesen besonderen geteilten und gemeinsamen Gemeinschafts-moment betont und zum anderen eindrücklich an die Zuhörenden appelliert, dass solche Momente und Gemeinschaften einem nicht einfach in den Schoß fallen: “We have work to do.”
Saul Williams ist für viele Spoken Word-Künstler*innen und durchaus auch Rapper*innen eine Art Godfather of Spoken Word. Ein Künstler, der durch seine Texte und Performances, aber genauso durch seine Haltung und seinen Aktivismus, vielen ein großes Vorbild war und ist. Mich eingeschloßen.
Ein Fragment aus seinem Stück “Coltan as Cotton” (Abre numa nova janela) rezitiert er auch auf dem Live-Album. Hier ein kurzer Ausschneitt aus dem Text, der seine volle Wucht aber eigentlich erst im Hören entfaltet:
“Hack into desperation and loneliness
The history of community and the marketplace
Hack into land rights and ownership
Hack into business, law of proprietorship
Hack into ambition and greed
Hack into forms of government
The history of revolutions
The relation of suffering and sufferance
Hack into faith and morality
The treatment of one faith towards another
Hack into masculinity, femininity, sexuality
What is taught, what is felt, what is learned, what is shared
Hack into God
Stories of creation, serpents and eggs”
Von Anfang an gab es in der Spoken Word-Bewgung die Überzeugung, dass das Kunstwerk nicht allein der vorgetragene Text oder die Performance desselben vor einem Publikum ist, sondern die Resonanz, die in diesem bestimmten Moment zu genau dieser Zeit in genau diesem Raum miteinander entsteht. Also eigentlich mehr eine Art Kollektiv-Installation und weniger eine reine Literatur-Lesung oder Kunst-Performance. Das erfordert Aufmerksamkeit und ein Anwesend-sein im Hier und Jetzt auf Seiten der Zuhörenden und Demut damit sorgsam umzugehen und gleichzeitig die Überzeugung etwas bereichernderndes in seiner eigenen Stimme und Sprache zu diesem gemeinsamen Moment beitragen zu können auf der Seite des Vortragenden.
Ich denke in letzter Zeit viel darüber nach, wie man das Konzept Bühne dahingehend dekonstruieren könnte. Weil eine Bühne mit Scheinwerfern und Mikrofon immer auch ein bisschen suggeriert, dass die Person, die auf dieser Bühne etwas in dieses Mikrofon spricht automatisch mehr Autorität oder Wissen oder Erkenntnis oder Erfahrung oder Können oder sonst was hat, als die Zuhörenden, die davor stehen oder sitzen. Natürlich braucht es das mitunter und natürlich gehe ich sehr gerne zu Konzerten, wo außergewöhnliche Musiker*innen auf mtunter großen Bühnen das gebannte Publikum an ihrem grandioses Können teilhaben lassen. Trotzdem sehe ich in dieser Zentrierung und diesem klaren Vorne und Hinten, Oben und Unten Problem-Potenzial. Ich habe dafür noch keine abschließende Lösung. In unserem Live-Format Poetry-Talk experimentieren wir seit einer Weile damit diese Bühnen-Hierachie zumindest ein wenig aufzubrechen, indem die Zuhörenden jederzeit Fragen oder Anmerkungen oder ihre eigene Geschichte einbringen und damit auch den Verlauf und den Charakter des Abends mitbestimmten und gestalten können. Vielleicht ist diese Richtung zumindest ein Anfang. Und natürlich braucht es diese wie auch immer gearteten Lagerfeuer, um die herum sich eine Gemeinschaft bilden und versammeln kann, um Geschichten und Gedanken und letztendlich Leben zu teilen und natürlich muss irgendwer diese Lagerfeuer irgendwo anzünden. Das ist alles sicher noch nicht ganz zu Ende gedacht, aber diese Fragen und Gedanken zu Gemeinschaft bewegen mich gerade sehr.
All diese Eindrücke und Überlegungen vor dem Hintergrund der akteullen Ereignisse haben sich für mich in dem folgenden Text verdichtet:
Entwöhn dich von Empire-Erzählungen,
und von Geburtsrecht
und Recht haben müssen
Entwöhn dich von Wohlstand
und dass dir etwas zusteht, weil dein Geburtsbett
innerhalb eines ausgedachten Linienverlaufs stand
Entwöhn dich vom Gefühl der Überlegenheit,
das dir dein Elfenbein-Christus eingeflößt hat
Entwöhn dich von Erwählung
und Entrückungs-Fan-Fiction
und einer Triumph proklamierenden Theologie,
Entwöhn dich von Bühnen und Kanzeln und Menschen mit Mikrofonen
als Instanzen für Autorität. Auf Videoleinwänden und im richtigen Licht der
Kameraeinstellung sehen selbst kleine Männer bedeutend aus
Entwöhn dich von der dir innewohnenden Inselexistenz
Denk dir, dass das Vater Unser in wir- und uns- Form formuliert ist
Unsere Schuld und unser Brot - vergib uns und gib uns heute, wie auch wir…
Entwöhn dich von Macht
Entwöhn dich von Ohnmacht
Entwöhn dich von Gleichgültigkeit
Entwöhn dich von Martkthänden und all seinen übrigen Körperteilen
Entwöhn dich vom Geld-Gott
Moloch! Götter haben nur so viel Macht
wie ihrer Erschaffer und Gläubigen ihnen zugestehen.
Entwöhn dich von deinen dutzenden Kamelen,
die all deinem Nachmessen und Umdeuten zum Trotz
selbst mit Gewalt nicht durch das Nadelöhr hindurch zu quetschen sind
Entwöhn dich von Kapital
und seinen Kindern Korruption und Kursschwankung
und Coltan Mine und Konjunkturprognose
und Kampfdrohne und Grenzschließung
Entwöhn dich von geraden Linien
und Narrativen, die auf eben diesen
geschrieben werden und Fiktion als Naturgesetz vorgaukeln
Entwöhn dich von Zahlen
als Währung für Wirksamkeit oder Wahrhaftigkeit.
Entwöhn dich von Empire-Erklärungen
und dem Erhalt einer Ordnung in der Ausbeutung
bedauerlich aber alternativlos ist
Entwöhn dich vom Klang und der Bedeutung
des Wortes alternativlos
Als ob Kreativität nicht dafür da wäre, Vorhandenes in Frage zu stellen
und ein immerhin geträumtes Anders dagegenzusetzen.
Entwöhn dich von allem, das mit Alternativ- beginnt
Entwöhn dich von Wucher
Entwöhn dich von Workcation
Entwöhn dich von allem, in dem das Wort Nation vorkommt
Entwöhn dich von Geschichten, die von sogenannten Siegern
geschrieben wurden.
Entwöhn dich von Veränderung,
die vorgibt nur in vorhandenen Formen vorkommen zu können
Entwöhn dich von der Idee nur zwischen dem geringeren
zweier Übel wählen zu können.
Entwöhn dich von einem männlichen Gott.
Entwöhn dich von einer Höllenlehre,
die diese voller als den Himmel denkt
Entwöhn dich von Gott,
wenn dieser am Ende der Zeiten seine Feinde
nicht nur vernichtet, sondern ewig foltert
und so keine Feindesliebe befehlen
und keine Nächstenliebe nahelegen kann.
Und wenn ihr liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon?
Entwöhn dich von Endzeit-Erzählungen
Entwöhn dich von Löwen,
wo die Hoffnung ein Lamm beschreibt
Entwöhn dich vom Vertuschen
Entwöhn dich von jeder Nachricht, die vor allem von Täter gut gepriesen wird
Entwöhn dich von Vergebung als Forderung
Entwöhn dich von der uns eingeredeten Scham
als wir Geister waren und Körper bekamen
Entwöhn dich von obszön,
wo es meistens einfach anders bedeutet und eine Mehrheits-Moral meint,
an die sich hinter verschlossenen Türen deren Wächter am wenigsten halten
Entwöhn dich von schön,
wenn es eine harmlose Hintergrundästhetik zur Zerstreuung der Zehntausend meint,
die mit ihren geraden Linien gerne dekorieren darf, solange sie nicht hinterfragt.
Entwöhn dich von Vergeltung
Entwöhn dich Präventivschlag
Entwöhn dich von Angriff
Entwöhn dich erobern
Entwöhn dich von Dingen, die du besitzt,
bis du glaubst, dass es dein Ding ist, Dinge zu besitzen
Entwöhn dich von Privileg (Plural)
Entwöhn dich von Gewissheit
Entwöhn dich von Ausrufezeichen
Entwöhn dich von Heldenreisen
Entwöhn dich endlich vom Ego
Entwöhn dich von Ablenkung
und Abkehr
und Abschottung
und allem Absoluten
(außer Liebe)
Entwöhn dich von Ehre
Entwöhn dich vom Entkoppeltsein
Entwöhn dich von Eitelkeit
Entwöhn dich von Eigenheim und
Eigenschaften einer entgrenzten Ethik des Eigens und Außen
Entwöhn dich von dualistisch
Entwöhn dich von binär
Entwöhn dich von Vermögen
Entwöhn dich von Unvermögen
Entwöhn dich von nicht genug sein
Entwöhn dich von zu viel sein
Entwöhn dich von Einzelkämpfer
Entwöhn dich von normal
Entwöhn dich von dämonisieren
Entwöhn dich von Verschwendung
Entwöhn dich von verantwortungslosem Verhalten
Entwöhn dich von einer erodierten und egoistischen Erinnerungskultur
Entwöhn dich von Ordnung
Entwöhn dich von Konformität
Entwöhn dich von Hochmut
Die gerade Linie ist gottlos und unmenschlich
Entwöhn dich von exklusiv
Entwöhn dich von wegsehen,
Entwöhn dich von zuschauen,
Entwöhn dich von patriarchalen Phantasie-Figuren.
Entwöhn dich vom bare minimum
und dafür nach Applaus Ausschau zu halten
Entwöhn dich von martialischen Maßstäben für Männlichkeit
Entwöhn dich von Mehrheit als Maßstab
Entwöhn dich von stark sein müssen
und nicht weinen dürfen
Entwöhn dich von Stärke
Setz dir stattdessen Sanftmut zum Standard
und bring dir vielleicht ein bisschen
Barmherzigkeit bei
Entwöhn dich vom Gewöhnen
Entwöhn dich vom Gewöhnen ans Gewöhnen
Entwöhn dich vom Gewöhnen daran,
dass all einfach bleibt
wie es ist.
Entwöhn dich aber halte Hoffnung höher
als Empörung empor kochen kann.
PS. Entwöhn dich vor allem von Stimmen,
die dir von außen befehlen dich entwöhnen zu müssen.
Und hier findest du die beiden Podcast-Folgen zum Vater Unser.
Teil 1:
https://hossa-talk.de/265-schoepferin-kraft-mutter-und-vater-eine-neuformulierung-des-vater-unser-teil-1/ (Abre numa nova janela)Teil 2:
https://hossa-talk.de/266-und-fuehre-uns-nicht-in-versuchung-eine-neuformulierung-des-vater-unser-teil-2/ (Abre numa nova janela)Liebe Grüße und bleib barmherzig

PS. Vielen Dank, wenn du bis hierhin gelesen hast. Alle Texte dieser Reihe sind kostenlos les- und abonnierbar. Du kannst mich und meine Arbeit und diese Textreihe aber unterstützen und möglich machen, indem du auf diesen Button klickst und mich mit einem Abo unterstützt. Das bedeutet mir viel und hilft sehr. DANKE <3