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Was passiert, wenn Medienhäuser ihre Türen öffnen?

Hallo,

das ist die sechste Ausgabe des Media-Rewilding-Newsletters mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird.

Letztes Mal haben wir gemeinsam darüber nachgedacht, wie es ist, wenn eine Veranstaltung eng mit dem journalistischen Produkt verzahnt ist. Heute gehen wir in ein besonderes Haus und versuchen herauszufinden, wie Immobilien eine Möglichkeit für eine neue Präsenz von Journalismus in der Gesellschaft sein können.

Der Anlass: Ich war im Publix in Berlin, das seit rund einem Jahr als „Haus für Journalismus und Öffentlichkeit“ mit solchen Ansätzen arbeitet. Und ich habe mich dort außerdem mit Lea Bayer, Projektmanagerin Programm & Fundraising, über erste Learnings ihrer Arbeit unterhalten.

Eine wichtige Bitte vorab: Leite diesen Newsletter gerne an Menschen in Redaktionen, Verlagshäusern und Medienorganisationen weiter, die sich für das Thema interessieren. Und falls du diesen Newsletter von jemandem weitergeleitet bekommen hast, kannst du ihn hier abonnieren: media-rewilding.de (Abre numa nova janela)

Worum es geht

  • Das im Jahr 2024 in Berlin eröffnete Publix – Haus für Journalismus und Öffentlichkeit will Medienschaffende, zivilgesellschaftliche Initiativen und die interessierte Öffentlichkeit zusammenbringen. Neben Arbeitsräumen für Redaktionen und Organisationen mit gesellschaftlichem Auftrag bietet das Haus auch Räume für Veranstaltungen, Diskussionen und gemeinsame Projekte.

  • Publix ist eine Initiative der Schöpflin Stiftung, der das Gebäude gehört. Sie hat die Bau- und Ausstattungskosten von rund 25 Millionen Euro vollständig getragen und unterstützt den Betrieb in der Aufbauphase. Betrieben wird das Publix von der ausgegründeten Publix gGmbH, die langfristig dafür sorgen muss, dass sich das Projekt durch Vermietung und Drittmittel selbst trägt.

  • Im Haus haben sich zahlreiche Medienorganisationen eingemietet, um die Synergieeffekte zu nutzen. Unter anderem haben hier Correctiv, Netzwerk Recherche und Reporter ohne Grenzen Büroräume.

  • Publix organisiert regelmäßig Veranstaltungen, die für die Öffentlichkeit zugänglich sind – zum Beispiel das Abendprogramm „Publix Thursdays“. Das Haus will bewusst auch Menschen erreichen, die nicht Teil der Medienbranche sind, aber sich für die Themen interessieren. Für die Veranstaltungen sucht das Team sowohl mit Kooperationen mit den Organisationen im Haus als auch mit Akteur:innen aus der Nachbarschaft.

Was ich gelernt habe

  1. Ein Haus bedeutet nicht nur sichtbare Präsenz. Wenn die Türen offen stehen und das Angebot stimmt, kann es ein Dritter Ort werden, also ein Raum des öffentlichen Lebens, der für manche Menschen neben ihrer Wohnung und ihrem Arbeitsplatz eine zentrale Rolle spielt. Und genau diese Gastgeberfunktion braucht Journalismus, um in der Gesellschaft neue Wurzeln zu schlagen. Publix ist eine gute Versuchsanordnung für die Medienbranche, um diese Möglichkeiten auszuloten.

  2. Publix ist ein Spezialfall, die wenigsten Medienhäuser werden gerade in diesen Zeiten mal schnell ein Gebäude finanzieren können, um ihren Journalismus näher ans Publikum zu bringen. Auf der anderen Seite gibt es sie ja noch, die Verlage mit eigenen Häusern, in denen ihre Redaktionen arbeiten und im Zeitalter der Digitalisierung gar nicht mehr alle Produktionsstätten im Gebäude brauchen. Vielleicht ist es an der Zeit, diese mit der Öffentlichkeit zu teilen und mit etwas Herzblut (und passenden Geschäftsmodellen) zu Orten zu machen, an denen Menschen mit Journalismus in Kontakt kommen.

  3. Vielleicht müssen wir auch mehr über Zwischennutzungen sprechen. Über ehemalige Kaufhäuser mit vernagelten Fenstern in Fußgängerzonen, über leerstehende Gebäude der öffentlichen Hand oder Kultureinrichtungen, die nicht ausgelastet sind. Und über den politischen Willen von Kommunen, solche Orte als Infrastruktur für temporäre Journalismus-Häuser mit partizipativen Konzepten zur Verfügung zu stellen.

  4. Eine Immobilie als neuer Ort für Journalismus kann durchaus mit unterschiedlichen Nutzungen betrieben werden und trotzdem als organische Gesamteinheit gesellschaftlich wirken. Ich war erst skeptisch, ob ich im Publix zwei getrennte Welten vorfinden würde: die Organisationen und Journalist:innen, die in dem Haus arbeiten, auf der einen Seite, die öffentlichen Veranstaltungen für Externe auf der anderen. Tatsächlich verzahnt Publix diese beiden Bereiche und profitiert davon. Lea Bayer sagte mir im Interview: „Wir merken, dass Formate besonders dann erfolgreich sind, wenn sie unterschiedliche Ebenen verbinden, zum Beispiel die unmittelbare Vernetzung im Haus mit einer Öffnung in die Öffentlichkeit.“ (mehr zum Interview weiter unten im Newsletter)

  5. Noch ein Gedanke: Architektur ist immer auch eine Botschaft an die Umgebung. Publix hat sich für eine sehr stylische Gebäudegestaltung entschieden. Man wird sehen, ob sich diese Botschaft dafür eignet, ausgerechnet in einer durchaus etwas schwierigen Gegend die Akzeptanz in der Nachbarschaft zu erarbeiten. Auf der anderen Seite ist es gerade deswegen auch ein positives Statement für Modernität und neue Möglichkeiten in der Hermannstraße in Neukölln. Ich bin gespannt, wie gut das alles zusammenwächst.

Media-Rewilding-Einblick

Wie immer ein paar Schnappschüsse als Eindruck von meinem Besuch. Sie sollen dir einen kleinen Eindruck geben, wie sich das Haus anfühlt.

Moderne Architektur in der Hermannstraße. Neukölln ist nicht Berlin Mitte, das Gebäude aber eher schon. Allerdings ist das Publix hier nicht allein. Es gibt ein architektonisches Gegenstück, das Kulturzentrum Spore Initiative – auf der rechten Seite im Bild noch knapp erkennbar.
Wer das Publix betritt, steht in einem großen, offenen Raum. Ein Café bietet tagsüber Getränke, Kaffee und Snacks an. Außerdem Mittagessen zu okayen Preisen – zumindest soweit ich das sehen konnte. Das Erdgeschoss ist ein sehr kommunikativer Ort, an dem man andauernd jemanden trifft.
Direkt daneben im offenen Übergang: Ein großer Space mit Sitzstufen. Hier finden viele der öffentlichen Veranstaltungen statt (es gibt aber noch weitere Räume dafür im Erdgeschoss – unter anderem ein modular abgrenzbarer Bereich). Ansonsten kann man hier einfach sitzen, ebenso wie an den Tischen am Fenster zur Straße.
Der öffentliche Bereich ist vor allem auf dieser Etage. Im Keller gibt es Studios für Ton- und Videoproduktion, nach oben geht man zum vermieteten Co-Working- und Bürobereichen, auch das Publix-Team hat hat hier seine Büros.
Ganz oben im Haus betreibt das Publix ein Guesthouse mit schön eingerichteten Einzel- und Doppelzimmern und tollen Ausblicken. Diese Übernachtungsmöglichkeiten sind wie die Studios im Keller als Ergebnis eines kollaborativen Prozesses aus den Bedarfen der eingemieteten Organisationen entstanden.
Die Rückseite des Publix steht im Grünen. Es ist ein sehr ruhiger und entspannter Ort. Das liegt auch daran, dass das Gebäude direkt an einem Friedhof steht. Grabsteine und Sitzgelegenheiten stehen hier wie zufällig nebeneinander.

Außerdem:

Media-Rewilding-Interview

Wie blicken die Publix-Macher:innen selbst auf ihr Projekt, welche Annahmen leiten sie – und was sind ihre Learnings? Darüber habe ich mit Lea Bayer gesprochen. Sie ist Projektmanagerin Programm & Fundraising bei Publix. Davor leitete sie ein Team für redaktionelle Live-Formate bei Zeit Online, war Referentin des Chefredakteurs und arbeitete mehrere Jahre lang frei an Filmsets, bei Festivals und als Veranstaltungsorganisatorin. Lea sagt:

„Viele Häuser könnten Teile ihrer Infrastruktur und ihres Wissens teilen und damit das Feld insgesamt stärken, etwa die Öffentlich-Rechtlichen in den Regionen.”

Welche Einblicke und Learnings das Gespräch sonst noch bietet, kannst du im Interview auf media-rewilding.de (Abre numa nova janela) nachlesen.

Lea Bayer (Abre numa nova janela)

Media-Rewilding-Ausblick

Am 3. Oktober werde ich mit dem Media Lab Bayern auf dem b° future festival meine Gedanken zu Media Rewilding teilen – in einem Museum. Ich bin sehr gespannt auf dieses wichtige Journalismus-Festival, die vielen interessanten Menschen und natürlich auch auf meine Eindrücke, wie gut eine solche Veranstaltung mitten in einer deutschen Stadt funktioniert. Das hier ist meine Session: Media Rewilding – Wie wir Journalismus wieder in der Gesellschaft verwurzeln (Abre numa nova janela).

Kachel zeigt Alexander von Streit und Angaben zu seiner Session beim b-future-Festival. (Abre numa nova janela)

In der kommenden Ausgabe des Newsletters beschäftige ich mich mit der Bedeutung von Fotografie für den gesellschaftlichen Diskurs – und was das für den Journalismus bedeuten kann. Dafür habe ich Sven Ehmann von der laif foundation interviewt. Der startet nämlich gerade ein spannendes Format: die BildBotschaft. Mehr dazu dann schon bald an dieser Stelle.

Bis zum nächsten Media-Rewilding-Newsletter
Alexander

Media Rewilding

Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Möglich macht mir das eine Förderung des Media Lab Bayern, das mich im Rahmen des Future of News Fellowships (Abre numa nova janela) unterstützt.

Konkret versuche ich herauszufinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und wie sich das alles finanzieren lässt.

Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche. 💚

Hier ist die Website von Media Rewilding: media-rewilding.de (Abre numa nova janela)
Hier ist meine Website: von-streit.de (Abre numa nova janela)
Hier ist mein LinkedIn-Profil: linkedin.com/in/vonstreit (Abre numa nova janela)