Hallo,
das ist die vierte Ausgabe des Media-Rewilding-Newsletters mit meinen Learnings dazu, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird.
Letztes Mal habe ich mich damit beschäftigt, wie gut ein journalistisches Magazin auf der Bühne funktioniert. Diesmal gehen wir zusammen in eine Fußgängerzone. Lies diesen Newsletter und denke mit mir darüber nach, ob Journalismus und Gastronomie eine gute Kombination ist.
Der Anlass: Ich bin ins Ruhrgebiet gefahren und habe mir das von Correctiv betriebene Spotlight Gelsenkirchen angesehen, das genau diese beiden Welten zusammenbringen will.

Eine wichtige Bitte vorab: Leite diesen Newsletter gerne an Menschen in Redaktionen, Verlagshäusern und Medienorganisationen weiter, die sich für das Thema interessieren. Und falls du diesen Newsletter von jemandem weitergeleitet bekommen hast, kannst du ihn hier abonnieren: media-rewilding.de (Abre numa nova janela)
Worum es geht
Am 20. Juni eröffnete Correctiv in der Gelsenkirchener Fußgängerzone ein Café, das gleichzeitig eine Lokalredaktion ist.
Im Spotlight führt Correctiv langjährige Erfahrungen mit Lokaljournalismus in Pop-up-Redaktionen wie bei ihrer Apothekenrecherche in Bottrop und dem Buchladen in Essen, aber auch mit David Schravens Kaffeewagen-Projekt auf dem Bottroper Wochenmarkt zusammen. „Wir sind Lokal & Zeitung“, lautet der Slogan des neuen Ortes. Die erste Projektphase ist auf ein Jahr angelegt.
Das gastronomische Team besteht aus insgesamt sechs Personen (Vollzeit plus Aushilfen). Das Café ist dienstags bis samstags tagsüber geöffnet und bietet Frühstück, einfache Gerichte und Getränke an. Das journalistische Team besteht zurzeit aus zwei Redakteuren und einer Werkstudentin. Die Redaktion ist im Café präsent und arbeitet dort. Sie will für die Gäste ansprechbar sein und diese bei Gelegenheit auch proaktiv ansprechen. Sie produziert einen Newsletter und organisiert zurzeit wöchentlich abends thematische Veranstaltungen in den Räumen.
Bei den Veranstaltungen handelt es sich bis jetzt zum Beispiel um Diskussionsabende zu Themen wie Müll in Gelsenkirchen oder Machtmissbrauch und Gewalt im Sport. Demnächst gibt es das Format „Faktencheck & Frizzante“ und Lesungen und Gespräche mit Correctiv-Autoren. Thematisch sind dabei auch die Kommunalwahlen im September im Blick. Die Veranstaltungen sind inhaltlich mit dem Newsletter verbunden.
Was ich gelernt habe
Spotlight ist erst seit kurzem geöffnet. Daher wird sich erst in den nächsten Monaten zeigen, ob die Idee funktioniert. Erste spontane Learnings lassen sich für mich aber bereits jetzt ableiten.
Wer Journalismus und Café zusammen denken will, muss sich einer doppelten Herausforderung stellen: einen Ort schaffen, der gastronomisch funktioniert und darin ein journalistisches Produkt integrieren, das für die Menschen vor Ort relevant ist. Oder umgekehrt, leicht ist beides nicht. Eine Lösung dafür: Machen! Spotlight atmet viel Start-up-Spirit und probiert Dinge aus. Vier Wochen nach dem Start ist zumindest schon einiges geschehen. Bei der bislang am besten besuchten Veranstaltung kamen über 50 Menschen, sagte mir Redaktionsleiter Tobias Hauswurz.
Alle sind keine Zielgruppe – das gilt auch für so einen Ort. Gerade wenn er Teil einer journalistischen Unternehmung ist. Die Gestaltung eines Cafés und natürlich seine Speisekarte sind dabei wichtiger Teil der Außenwirkung. Das Spotlight hat sich entschieden und das Café eher urban eingerichtet. Nicht Berlin-Mitte, aber bestimmt auch nicht Gelsenkirchener Barock, der allerdings augenzwinkernd zitiert wird (siehe Foto). Auch die Preise dürften eher im Oberfeld der Nachbarschaft liegen, schätze ich. Spotlight als neuartiges Medium beziehungsweise als Ort, an dem auch Journalismus stattfindet, spricht dadurch manche Menschen stärker an als andere, auch wenn es für alle offensteht. Das kann in Bezug auf klare Zielgruppen aber durchaus eine Stärke sein.
Langstrecke statt schneller Sprint: Es mag ja neue Gastronomien (oder Journalismusprojekte) geben, die ab Start wirtschaftlich erfolgreich sind. Normalerweise aber sieht es genau umgekehrt aus: Investieren, arbeiten, Community aufbauen – und irgendwann läuft es hoffentlich. Spotlight muss sich nicht nur als neues Medium in Gelsenkirchen einpflanzen, sondern auch einen Ort neu als Café etablieren. Das kann dauern. Bei meinem einstündigen Besuch an einem Samstag im Juli (allerdings Ferienzeit in NRW) waren außer mir ein halbes Dutzend Gäste dort. Correctiv finanziert das Projekt in der Startphase aus bestehenden Mitteln, der gastronomische Betrieb soll aber kostendeckend arbeiten oder im besten Fall sogar auch irgendwann den Journalismus mitfinanzieren.
Wenn ich an die lokalen und regionalen Verlagshäuser in deutschen Städten denke, die sich seit Jahren aus ihren Immobilien in den Innenstadtlagen zurückziehen: Hier ist ein Gegenmodell. Macht die Türen auf und lasst die Menschen rein. Schafft ihnen einen Ort, an dem sie sich gerne aufhalten. Und an dem sie mit Journalismus ins Gespräch kommen.
Media-Rewilding-Einblick
Um dir ein Gefühl für den Ort zu geben, habe ich ein paar Bilder mitgebracht. Kein Foto habe ich von der Haupteinkaufsstraße, die mit mehreren leerstehenden Kaufhäusern wie ein Symbolbild für die Zukunft (und teilweise eben schon Gegenwart) deutscher Innenstädte aussieht.







Außerdem:
Media-Rewilding-Seitenblick
Dass Spotlight ausgerechnet in Gelsenkirchen startet, liegt zum einen sicherlich an der regionalen Verwurzelung von Correctiv im Ruhrgebiet. Zum anderen hat die Stadt aber auch Journalismus als Gesellschaftsprojekt dringend nötig. Gelsenkirchen war einst eine der wohlhabendsten Städte im Ruhrgebiet, heute hat sie eine der höchsten Armutsquoten in Deutschland. 24,7 Prozent der Zweitstimmen holte hier die AfD bei der letzten Bundestagswahl, nur Kaiserslautern hatte im Westen Deutschlands noch mehr Stimmen für die Rechten.
Media-Rewilding-Ausblick
Im Juli war ich in Berlin und habe mir Publix angesehen, das im September vergangenen Jahres eröffnete „Haus für Journalismus und Öffentlichkeit“. Ich habe dort nicht nur Lea Bayer interviewt, die für das Programm zuständig ist, sondern auch mehrere Stunden in dem Gebäude verbracht, um ein Gefühl für seine Präsenz in Neukölln zu bekommen. Meine Eindrücke liest du bald hier im Newsletter. Vorher aber werde ich mich noch wie angekündigt mit dem Festival der Zukunft des Community-Online-Medium 1E9 beschäftigen, das ich vor ein paar Wochen besucht habe. Und mit der damit verbundenen Frage, ob ein Festival vielleicht selbst ein Medium ist.
Bis zum nächsten Media-Rewilding-Newsletter
Alexander
Mein Name ist Alexander von Streit. Ich bin Journalist und beschäftige mich seit über 20 Jahren mit dem Spannungsfeld, das die Digitalisierung in der Gesellschaft erzeugt. Mein Projekt MEDIA REWILDING dreht sich um die Frage, wie Journalismus durch Live-Events und Dritte Orte zukunftsfähig wird. Möglich macht mir das eine Förderung des Media Lab Bayern, das mich im Rahmen des Future of News Fellowships (Abre numa nova janela) unterstützt.
Konkret werde ich herausfinden, wie wir journalistische Recherche aus dem überfüllten digitalen Raum in analoge oder hybride Formate überführen können. Also wie wir systematisch Orte oder Veranstaltungen schaffen oder nutzen, an denen Menschen Recherchen erleben, mitgestalten, diskutieren und dadurch direkten Zugang zu hochwertigem Journalismus erhalten können. Und wie sich das alles finanzieren lässt.
Dafür mache ich eine Bestandsaufnahme dessen, was bereits in diesem Bereich ausprobiert wird, recherchiere die Erfahrungen der Redaktionen damit, untersuche die Geschäftsmodelle dahinter und systematisiere die Erkenntnisse als Blaupause für die Medienbranche. 💚
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