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Warum Klarheit Rücksicht braucht – und umgekehrt

Erst nicken, dann flüstern. Was hinter scheinbarer Unaufrichtigkeit steckt und wie wir Konflikte neu lesen können: als Spannungen zwischen guten Werten.

Seit ich klein bin, ist mir immer wieder aufgefallen, dass Menschen in Gruppen andere Dinge sagen als im Einzelgespräch. Ich mag Klarheit. Wenn in einem Meeting alle ein Vorgehen abnicken und beim Aufstehen das Getuschel losgeht, was an der Idee alles nicht passt, wundere ich mich. Gleiches gilt, wenn sich die gesamte Belegschaft über eine Person oder einen Zustand beschwert, aber schweigt, wenn der Raum für Feedback geöffnet wird. Dann frage ich mich: „Warum sagt denn niemand etwas?“

Wenn alle gemeinsam entscheiden, ein Thema anzusprechen und plötzlich niemand mehr hinter dir steht.

„Hast du Lust, am Wochenende etwas zu machen?“, kann eine Frage sein, die Menschen überfordert. Anstatt zu sagen, dass sie keine Lust haben oder gern zu Hause die Wand anstarren möchten, beschäftigen sie sich – und manchmal auch ihren gesamten Freundeskreis – damit, Ausreden und Alibis zu entwickeln oder antworten tagelang nicht (Stichwort graue WhatsApp-Häkchen). Oder sie sagen zu, obwohl sie nicht möchten, quälen sich durch den Tag und erzählen am Abend vollkommen erschöpft von dem unliebsamen Treffen.

Meine Werte sind lauter als deine

Was passiert da? Es kann so vieles sein. Unsere Psyche ist komplex und jeder Mensch hat unterschiedliche Dinge erlebt, die das Verhalten prägen, deshalb nehmt bitte nicht als allgemeingültig und für jede Situation passend, was ich jetzt schreibe. Die Gedanken, die ich auf Grundlage dieser Beispiele teile, können aber helfen, besser zu verstehen und ein bisschen breiter zu denken, anstatt sich über das Verhalten anderer direkt aufzuregen. 

Allen voran ist es ja so, dass uns die eigenen Beweggründe und Werte vertrauter sind als die von anderen. Wir sehen nur ihr Verhalten und das bewerten und interpretieren wir. Also angenommen, Klarheit hat für mich einen hohen Wert, dann wirkt das oben beschriebene Verhalten auf mich unaufrichtig und inkonsistent, vielleicht sogar heuchlerisch oder selbstverleugnend und ich vergleiche meine hohen Werte wie Klarheit, Integrität und Haltung mit den weniger heroischen Attributen, die ich den anderen zugeschrieben habe. Die meisten Konflikte stranden an dieser Stelle.

Wie pappiger Lebkuchenteig

„Du bist doof, du stinkst“, wahlweise ersetzbar mit den Personalpronomen der dritten Person Singular für alle, die lieber über- als miteinander reden also: „_/er/sie/es/stinkt/ist doof“, ist die Überschrift, die man über viele Gespräche in Büro-Kaffeeküchen, in Kommentarspalten auf Social Media, im Straßenverkehr, im Wohnzimmer oder auch im Bundestag setzen könnte. Überall finden wir oberflächliche Abwertungen und Menschen, die sich ihn ihrem eigenen Wertehimmel sonnen und anderen Urteilsfähigkeit oder Handlungskompetenz absprechen. Manchmal sind wir selbst diese Person.

“Ich bin gut, du bist schwierig” ist ein destruktives Kommunikationsmuster, das sich kurz gut anfühlen kann, einem aber über kurz oder lang auf den Magen schlägt, so wie das pappige Lebkuchenmännchen, auf dem ich gerade herumkaue, während ich diesen Text schreibe. Darf man Lebkuchenmännchen sagen? Darum kümmern wir uns mal in einem anderen Text, jetzt möchte ich tiefer in unsere Kommunikationsmuster einsteigen, damit wir Konflikte besser verstehen, wirklich lösen und nicht auf der Stufe des internen oder externen Dampfablassens stehenbleiben.

Kein Morgen für Selbstverleugnung

Zurück zum Beispiel: Eine Person wünscht sich Klarheit und erlebt etwas, das sich so gar nicht nach Klarheit anfühlt. Dann ärgert sie sich, weil die andere Person mit ihrem Verhalten diesen Wert verletzt hat. Der Ärger ist ein gutes Signal, das zeigt: Klarheit ist mir offensichtlich wichtig. Jetzt weiß ich aber noch nicht, was der anderen Person wichtig ist. Wenn wir hier stoppen, würden wir davon ausgehen, dass eine Person einem Wert nachgeht und die andere nicht.

Ich weiß nicht, wie viele von euch morgens aufstehen und sich denken: „Heute möchte ich mal besonders inkonsistent und selbstverleugnend durch den Tag gehen.“ Das gibt es sicherlich auch, in den meisten Fällen ist es aber so, dass Menschen unterschiedliche Werte wichtig sind. Für manche steht Klarheit ganz oben, für andere ist es Mitgefühl, für wieder andere Freiheit, Selbstbestimmtheit, Rücksichtnahme oder Verlässlichkeit. Manche Werte koexistieren, ohne sich in die Quere zu kommen, andere geraten mitunter in einen Konflikt.

Das bedeutet, einer Person, die sich anders verhält als ich, kann ein anderer Wert wichtiger sein als mir. Manchmal geraten Werte auch aus der Form. Das passiert, wenn sie sich selbst ein bisschen zu wichtig nehmen. Dann entwerten sie sich durch die eigene Übertreibung und wir erkennen sie nicht mehr.

Wenn Klarheit zu Dominanz wird und Rücksicht zu Selbstverleugnung.

Die leisen Motive hinter dem Schweigen

In den oben genannten Beispielen ging es darum, nicht klar und offen zu kommunizieren. Dahinter kann eine Angst vor Konfrontation liegen, vor Disharmonie oder davor, die Verbindung und Zugehörigkeit zu einer Person oder Gruppe zu verlieren und ausgeschlossen zu werden. Hinter dem Verhalten könnten Werte stehen wie Harmonie oder Sicherheit. Es kann den Wunsch geben, es für die anderen nicht kompliziert zu machen. Im Hinblick auf das ungewünschte Treffen empfindet eine Person ihr Bedürfnis, die Wand anzustarren, eventuell als nicht wichtig genug. Absagen wollte sie nicht, um den anderen nicht zu verletzen. Bezogen auf das Business-Meeting mit dem Raum für Feedback, der nicht genutzt wurde, kann es sein, dass Leute geschwiegen haben, um andere nicht in großer Runde bloßzustellen. Was sich im Außen als mangelnde Konfliktfähigkeit, Heuchlerei oder Selbstverleugnung darstellt, kann in beiden Fällen auf dem Wert der Rücksichtnahme basieren.

Wenn aus Tugend Dogma wird

Wie gesagt, wir sehen die Werte der anderen nicht auf den ersten Blick – einmal, weil wir dafür im Eifer des Gefechts einen Blindspot haben, aber auch, weil uns die Werte nicht immer in ihrem elegantesten Gewand begegnen. Wenn zum Beispiel zu viel Gewicht auf Rücksicht gelegt wird, kippt Rücksicht und wird zu Unentschlossenheit, Anpassung und Selbstaufgabe. Dann haben wir keinen Wert mehr, sondern eine entwertete Übertreibung oder einen absolutistischen Standpunkt. Das kann genauso mit der Klarheit passieren, die sich in ihrer Übertreibung in Dominanz, Kontrollverhalten und Rücksichtslosigkeit verwandelt. War es wirklich die beste Situation, die Probleme im Meeting vor allen zu thematisieren oder wäre es rücksichtsvoller gewesen, das in kleinerer Runde zu besprechen? Und würde ein Projekt eventuell gleich zum Erliegen gebracht, wenn alle gleich im ersten Moment sagen, was ihnen an der Idee nicht passt? Es gibt Situationen, die nach Klarheit verlangen, andere erfordern mehr Rücksicht, und es gibt noch eine ganze Menge dazwischen.

Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Aristoteles und Friedemann Schulz von Thun.

Schwestern im Spannungsfeld

Hier kommen die Regenbogen-Qualitäten ins Spiel. Sie entstammen einem Kommunikationsmodell, das sich „Werte- und Entwicklungsquadrat“ nennt. In diesem Modell gehen wir davon aus, dass es Schwesternwerte gibt – Werte, die sich gegenseitig ergänzen und in einem komplementären Gegensatz zueinander stehen, so wie Offenheit und Achtsamkeit, Engagement und Gelassenheit, Freiheit und Sicherheit, Unabhängigkeit und Zweisamkeit oder eben Klarheit und Harmonie oder Klarheit und Rücksicht.

Es handelt sich dabei jeweils um positive Werte, die eine zentrale Spannungsachse bilden. Das Spannungsfeld zwischen Klarheit und Rücksicht kennen wir alle. Klar zu sagen was wir wollen und gleichzeitig die Sichtweisen anderer mitzudenken, offen für Kompromisse zu bleiben und gemeinsam Lösungen zu entwickeln ist eine Herausforderung, die uns täglich begegnet.

Bunt wie ein Regenbogen

Was aber passiert, wenn ich zu weit in eine Richtung gerutscht bin? Stelle ich fest, dass ich mich nicht traue, meine eigenen Bedürfnisse zu artikulieren, Konflikte um jeden Preis vermeide und auf eine für mich und für andere ungesunde Weise angepasst lebe, befinde ich mich in der entwerteten Übertreibung des Wertes „Rücksicht“. Jetzt lebe ich nicht mehr den Wert, sondern die entwertete Version. Es lohnt sich einen Blick in Richtung „Klarheit“ zu werfen, denn dort liegt mein Entwicklungspotenzial. Gleiches gilt für die andere Richtung: Wer Klarheit zu weit über Rücksicht stellt, kann sich von einer durchsetzungsstarken, engagierten Person in einen dominanten, unsensiblen Pain-in-the-Ass verwandeln, der alles kontrollieren will.

Eine Regenbogen-Qualität, die im Spannungsverhältnis zwischen zwei komplementären Werten entsteht, könnte so etwas sein wie „emphatische Klarheit“: Die Fähigkeit, die eigenen Bedürfnisse, Meinungen und Rechte respektvoll und selbstbewusst zu kommunizieren und sich dabei auch ehrlich für die Sichtweise anderer zu interessieren oder „Rücksicht mit Haltung“, die Fähigkeit, Bedürfnisse anderer zu berücksichtigen, ohne die eigene Integrität aus dem Blick zu verlieren.

Sowohl-als-auch statt Entweder-Oder

Konflikte verhaken sich meist dann, wenn beide Seiten sich in der entarteten Version ihrer eigentlich gar nicht so doofen Werte befinden. Eine Frage, die man sich in solchen Momenten stellen kann, geht auf die Familientherapeutin Virginia Satir zurück. Sie fragte gern: „Was ist das Kostbare im scheinbaren Mangel?“ Das bedeutet einerseits: Wo liegt mein Entwicklungspotenzial, wenn ich einen Wert ein bisschen zu wichtig genommen habe, und welchen Wert könnte ich in dem Verhalten der anderen Person erkennen, wenn ich aufhöre, mich auf die entwertete Übertreibung zu fokussieren?

Die Regenbogen-Qualitäten: Wenn Klarheit und Rücksicht sich harmonisch ergänzen entsteht empathische Klarheit oder Rücksicht mit Rückgrat.

Manchmal bildet man sich auch nur ein, andere würden einen verabsolutierten Standpunkt verteidigen und übersieht dabei, dass man selbst zu weit in den Gegenpol gerutscht ist und nicht mehr klar sehen kann. Zum Beispiel können Menschen, die sich nicht trauen, ihre eigenen Bedürfnisse zu formulieren, andere als dominant empfinden, obwohl die lediglich klar ihre Meinung artikulieren und offen dafür wären, alle Wünsche zu berücksichtigen.

Die Balance muss nicht genau in der Mitte liegen, und sie variiert nicht nur von Mensch zu Mensch. Sie kann auch je nach Situation unterschiedlich gelagert sein. Das Ziel des Wertequadrates ist nicht „entweder–oder“, sondern „sowohl–als-auch“.

Wenn zum Beispiel eine Person mehr Klarheit und die andere mehr Rücksicht in eine Beziehung einbringt, kann der Regenbogen aus dem Zusammenspiel und der Wertschätzung für die jeweils andere Qualität entstehen. Auch kann es Situationen geben, in denen eine Person gern entscheidet und eine andere happy ist, dass jemand sich kümmert und dafür in Kauf nimmt, dass sie eher mitläuft. Das friedliche Miteinander entsteht nicht aus der perfekt ausgemittelten Kombination der Werte, sondern aus der Anerkennung der Qualitäten, die sie mit sich bringen.  

Tópico connecting the dots.

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