Der Fall Ulmen/Deutsch-französische Erinnerungsorte/Doku Westerwelle/ Doku Veggie-Tapas/ Poulet du Sud Ouest

Nach der Lektüre der Geschichte über den Fall Christian Ulmen im Spiegel möchte man aus Protest aus dem eigenen Geschlecht austreten. Mal wieder.
Beschrieben werden Taten, für die die üblichen Gründe zur Ableitung kriminellen Verhaltens nicht gelten: Keine materielle Not, keine räumliche Enge, kein Mangel an Bildung und Erziehung und keine der bekannten sexuellen Perversionen. Mit Erotik oder einem Fetisch hat das in dem Artikel beschriebene nichts zu tun, es ist das Gegenteil davon: ein Kick, der aus spurloser, digitaler Machtausübung und dem Täterwissen um die öffentliche Demütigung der eigenen Frau resultiert.
Gisèle Pélicot richtete im Verfahren wahre Worte an ihren Ex-Mann: „Ich habe immer versucht, dich nach oben zu ziehen, ins Licht. Du aber hast die Abgründe der menschlichen Seele gewählt. Das war Deine Entscheidung.”
So verstörend singulär solche Taten wirken, die ja auf einem heimwerkerisch geschaffenen System und einem mit sadistischem Eifer perfektionierten Verfahren basieren, so sehr sind sie auch Produkte und Zeugnisse unserer Kultur.
Vor vielen Jahren beschrieb Frank Schirrmacher in seinem Buch Ego die Grundlagen der digitalen Welt und die spieltheoretischen Ursprünge der Systeme, auf denen alle Plattformen letztlich beruhen. Er operierte darin mit der Figur des digitalen Zwillings, der entsteht, wenn du im Netz unterwegs bist: Die Algorithmen sind so eingestellt, dass die rücksichtlose, rasche und mühelose Bedürfnisbefriedigung unterstellt wird, und zwar ohne jede Rücksicht auf andere Faktoren. Hier ist dir jederzeit alles möglich – das ist das Versprechen der digitalen Welt. Die politischen Auswirkungen sind oft beschrieben worden: Desinformationskampganene, Korruption, Unterminierung des öffentlichen Diskurses und des wissenschaftlichen Konsenses.
Der digitale Zwilling hat aber auch ein unterstelltes Geschlecht und daher ist alles so arrangiert, dass der Mann dauernd online ist, als Karikatur alles Männnlichen: Endlich King of Kotelett und hinaus mit jeder nur denkbaren Sau.
Verkörpert wird diese Kultur durch den Club der obszön reichen Tycoons des digitalen Zeitalters: Männer mit zweifelhaften politischen, sozialen und ökologischen Ansichten, die vor dem amerikanischen Präsidenten kuschen wie die Königspudel eines Familienzirkus in der französischen Provinz.
Ein Phänomen wie das Epstein-Netzwerk – das auf einem vergleichbaren Versprechen entgrenzter Machtausübung gegen Frauen basierte – passt in diese Landschaft ganz wunderbar, als analoge Version digitaler Männerfantasien. Denn das Problem besteht ja nicht allein im digitalen Raum. Auch bei der Bekämpfung analoger Gewalt gegen Frauen geht es viel zu langsam.
Trump ist das Symbol dieses Horrors. Er selbst ist wegen Übergriffen gegen Frauen verurteilt worden, seine Taten und Sprüche sind bekannt. Sein enger politischer Weggefährte Wladimir Putin setzt auf sexualisierte Gewalt als Mittel des Krieges und wurde vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag wegen massenhaften Kindsraub angeklagt. Putins Alliierte im Iran haben den brutalen Krieg gegen die Frauen und Mädchen in ihrem eigenen Land zu einer Stütze ihres Regimes gemacht.
Die Weltbühne bietet das trostlose Schauspiel rücksichtsloser alter Männer, die Machtpolitik spielen wie im 19. Jahrhundert, nur mit weniger Verstand. Die mutlipolare Welt ist hinsichtlich des Geschlechts, das jeweils an der Spitze steht, bemerkenswert unipolar.
Nichts von diesen Megatrends entlastet den einzelnen Täter, Mann hat, Pélicot hat daran erinnert, immer die Wahl. Aber die größere Perspektive gibt schon Hinweise darauf, warum ihr Treiben über so viele Jahre straffrei bleiben kann.
Die Erschütterungen, die die mutigen Aussagen von Collien Fernandes auslösen , sollten der Beginn einer Veränderung sein.
Sie beginnt zuhause, in der Erziehung von Söhnen. Leitbilder bietet beispielsweise die Literatur aus analogen Zeiten. In ihrem tollen, schon älteren Buch über Heinrich Heine “Und grüß mich nicht unter den Linden” schreibt meine Kollegin Elke Schmitter: “Weil er sein eigenes Begehren nicht geringschätzt, musste er die Objekte der Begierde nicht verachten.”
Aber auch Erwachsene sollten neu nachdenken. Reich und berühmt beherbergt manchmal eine arme und elende Seele.
Das gute Leben liegt nicht dort, wo alles geht.
In der deutsch-französischen Geschichte ist es manchmal nicht ganz leicht, den Überblick zu behalten. Jede Epoche hat ihre eigene Version des Nachbarschaftsverhältnisses und mittlerweile überlagern viele Legenden das Thema. Ich habe erst vor wenigen Jahren kapiert, dass die Truppe um Pétain, nicht nur seine Vichy-Regierung, sondern die ganze übrige Clique der Kollaboration am Ende in Sigmaringen gelandet sind. Dort, im riesigen Schloss der Hohenzollern, spielten sie einige Monate lang Staat. Darum ist es auch nicht ganz korrekt, wenn dauernd geschrieben wird, die große Aussöhnung zwischen beiden Völkern habe erst nach 1945 begonnen. Es gab ja durchaus Franzosen, die Deutschland-Fans waren und zwa nicht trotz, sondern wegen der Nazis.
Nun gibt es endlich einen Sammelband, der die komplizierte Geschichte nach Orten aufschlüsselt: In 63 kurzen Kapiteln geht es von Stadt zu Dorf, von Lager zu Ruine und auch mal an Orte außerhalb Europas. Der Band beleuchtet noch viele weitere Orte und die damit verbundenen Geschichten. Es gab nach 1945 Verbrechen französischer Soldaten an deutschen Zivilisten und in ihren kolonialen Abenteuern machten sich beide Nationen schuldig.
Eignet sich auch gut als Reiseführer – gerade in der jetzigen europäischen Lage, wo die deutsch-französische Kombination noch viel mehr leisten könnte, während die kulturelle Verständigung und schlicht das Wissen voneinander oftmals noch so lückenhaft sind,ist es ein essentielles Buch, das vor jede Schulklasse und in jedes Reisegepäck gehört!

Dokumentarfilme zur deutschen Politik sind keine einfache Sache: Es mangelt an sichtbaren, dramatischen Szenen, schönen Kulissen und eigentlich auch an spannenden Figuren. Das meiste geschieht in langen Sitzungen hinter verschlossenen Türen und in Form von Aktengängen. Wie soll so etwas außerdem gelingen, wenn der Protagonist schon zehn Jahre verstorben ist? Dass es doch geht, zeigt der Film von Jobst Knigge über Guido Westerwelle. Das liegt vor allem an den bewegenden Erinnerungen und Einschätzungen seines Witwers Michael Mronz, aber auch an vielen anderen, spannenden ZeugInnen. Was Westerwelle politisch wollte, habe ich zwar bis heute nicht verstanden, aber darin war er eben auch ein Mann seiner Zeit, der Postmoderne.
Er bewirkte dann Großes, als er sich mit seinem Partner und späteren Mann öffentlich zeigte. In den Zeiten davor, jüngere Menschen glauben es kaum, mussten homosexuelle Beziehungen geheim gehalten werden.
Man folgt dem Film gern über die ganze lange Strecke und kommt dabei ins Nachdenken über das seltsame Geschäft der Politik, den Zirkus mit den Medien und die ganze conditio humana, auch die Sache mit dem Sterben. Nicht schlecht für einen einzelnen Film.
https://www.ardmediathek.de/video/westerwelle/westerwelle/wdr/Y3JpZDovL3dkci5kZS9CZWl0cmFnLXNvcGhvcmEtNTc4MjJmZTctYzlkYi00YTI4LTgwNDYtOTgzNTgwZWFhYTUz (Abre numa nova janela)Immer wieder habe ich diesem Newsletter-Rezepte von Maya Leinenbach von fitgreenmind vorgestellt, nun ist endlich auch eine längere Doku mit ihr zu besichtigen: Auf Mallorca trifft sie einen von ihr bewunderten Sportler und stellt sich der Aufgabe, ihn von pflanzenbasierten Alternativen zu seinen geliebten Tapas zu überzeugen. Ist gerade für mich eine spannende Sache, weil ich in jeder Krise, Krankheit oder auch zwischendrin den selben Reflex habe, nämlich ein schönes Steak zuzubereiten.
Es geht aber nicht nur um dieses Thema, sondern auch um die übergriffigen Kommentare, mit denen sie als junge Frau mit digitaler Präsenz zu kämpfen hatte. Der Sportsfreund, der einen sympathischen Eindruck macht, ist von den Veggie-Tapas jedenfalls überzeugt.
https://www.ardmediathek.de/video/Y3JpZDovL3NyLmRlL0JUQkJNTF8xNjUzNjU (Abre numa nova janela)Ganz so weit bin ich allerdings noch nicht. Und da heute Sonntag ist und zugleich der zweite Wahlgang in den französischen Kommunalwahlen ansteht (Mein Gefühl: Paris: Grégoire, Bordeaux : Cazenave, Marseille: Payan, Strasbourg:Trautmann) gibt es eine Hommage an die traditionelle Küche des Sud-Ouest.
https://www.youtube.com/watch?v=k7QBwOWwmDE&t=11s (Abre numa nova janela)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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