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Die neue Zeit

Der 25-Stunden -Sonntag/Hachmeister und Schomerus über Calmeyer/ Gloger und Mascolo Das Versagen/ Ottolenghi und Nigella

Die heutige Ausgabe des siebten Tages kommt zur gewohnten Zeit und doch eine Stunde später. Jedes Mal fasziniert mich die Plastizität, mit der Zeit sich formen und umdeuten lässt. Im Herbst gibt es diesen extralangen Sonntag: Man schaut auf die Uhr und ist völlig verblüfft, dass es viel früher ist als erwartet. Bonuszeit. Eines der ersten Bücher, das ich im Januar 1997 für die Süddeutsche Zeitung besprochen habe, war ein Werk namens Das erfundene Mittelalter von Heribert Illig. Darin behauptet er, dass die Jahrhunderte der Karolinger und insbesondere Karl selbst eine pure Erfindung seien, Ergebnis einer komplizierte Verschwörung. Wie eine historische Marie Kondo ging er inventarisierend durch die fraglichen Jahrhunderte und fand alles zu wenig, zu leicht, zu unglaubwürdig. Sein Vorschlag war, drei Jahrhunderte komplett zu streichen – wir wären damals nicht auf das beunruhigende Jahr 2000 zugeeilt, sondern auf das wesentlich gemütlichere 1700.

Man machte sich damals große Sorgen, ob die Computer und ihre beginnenden Netzwerke es hinbekommen, von einer Jahreszahl mit einer 19 davor zu einem Jahr das mit 2 beginnt, zu wechseln – und befürchtete, dass Fahrstühle stecken bleiben oder die Bahn nicht mehr pünktlich ist. Das waren damals so die großen Sorgen, leider hat sich das folgende Jahrtausendjahrhundert in dieser Kategorie als überfordernder Lehrmeister erwiesen: Der Anschlag vom 11. September 2001, die Kriege in Afghanistan und Iran, der Immobiliencrash und die Staatsschuldenkrise, die Pandemie und neue Schulden, der Überfall Russlands auf die Ukraine und die Wiederwahl von Trump – positiv betrachtet könnte man sagen, dass wenigstens kein Illig auf die Idee kommen dürfte, diese 25 Jahre wegen historischer Minderleistung zu streichen. An manchen Abenden muss ich an den alten Cartoon des legendären Gerhard Seyfried denken, der einen Nachrichtensprecher des Zynischen Deutschen Fernsehens zeigt, mit verrutschter Krawatte und der Ansage: “Raten Sie mal, was heute passiert ist…”

Dabei lehrt die Zeitumstellung, dass selbst so eine sachzwangmäßig anmutende Existentialkategorie im Wesentlichen eine soziale und kulturelle Konvention ist. Wenn man will, hat der Tag eben 24 Stunden.

Manchmal geht es etwas durcheinander. Neulich hatte ich eine schwierige Unterhaltung mit einem beseelten Taxifahrer aus Afghanistan, heute in Frankfurt unterwegs, der mich mit der Info verblüffen wollte, dass der Prophet Mohammed den Vulkanausbruch von Pompeii vorausgesagt habe. Gerne habe ich versucht, sein Geschichtspuzzle zu sortieren, aber leicht war es nicht.

Nicht nur die Zeit verflüssigt sich heute wie auf dem Dalì-Bild, auch die Ordnung des Westens.

Die Zerstörung des Ostflügels des Weißen Hauses ist ein weiteres Symbol für die Veränderbarkeit der Gegenwart. So oft habe ich gehört, dass das White House das unantastbare Heim der amerikanischen Republik ist, nahezu heilig. Es gab einen Aufschrei, als Barack Obama es umdekoriert hat und schon vorher, als Jimmy Carter Photovoltaik anbringen ließ. Nun ist alles anders. Von einer besenreinen Rückübertragung der Mietsache durch die Republikaner sollte man nicht ausgehen, sie machen es gerade platt. Von den beiden Parteien, die die amerikanische Republik tragen, hat sich eine einfach einen Bulldozer besorgt. 1776 wurde die amerikanische Republik gegründet, 2026 wird sie eher dem East Wing ähneln. Was tun?

Günter Gaus fragte mal sinngemäß, ob die Sozialdemokratie das Richtige tut, wenn sie die Arbeiterinnen und Arbeiter davon überzeugt, den Klassenkampf aufzugeben, um sich der parlamentarischen Demokratie und der sozialen Marktwirtschaft zuzuwenden. Ihre wohlbekannten Spielregeln, sie erschienen als so unwandelbar wie Jahreszeiten und Gezeiten, wurden jetzt einseitig aufgekündigt. Werden sich kommende Protagonisten der Linken ähnlich sorgfältig um die Interessen der Reichen kümmern wie Bill Clinton, Tony Blair und Gehard Schröder? Und wie besprechen wir all diese Themen, wenn nicht mal der Bundeskanzler ausdrücken kann, was er meint?

Die zusätzliche Stunde des heutigen Sonntags fühlt sich an wie all die anderen Sonntagsstunden zuvor, in Wahrheit entfaltet sie sich in einer neuen Zeit.

Der im August 2024 verstorbene Lutz Hachmeister hinterlässt ein wichtiges dokumentarisches Werk, leider kann man die meisten seiner Filme derzeit nicht sehen.

Nun gibt es eine gute Nachricht: Sein Kollege Hajo Schomerus, der bei vielen Projekten Hachmeisters die Kamera führte, hat eines ihrer gemeinsamen Projekte beenden können, nun zu sehen in der ARD–Mediathek. Es geht darin um den Fall des Osnabrückers Rechtsanwalt Hans Calmeyer. Eine spannende, ambivalente Geschichte: Calmeyer rettete als Referent in der deutschen Verwaltung der besetzten Niederlande Tausenden von Juden das Leben, andere aber – die rettete Calmeyer eben nicht, obwohl er es gekonnt hätte. Täter und Retter zugleich, eine bedrückende Geschichte, die hier in vielen bewegenden Zeitzeugeninterviews aufbereitet wird. Der wichtigste Moment für mich: Eine Zeitzeugin referiert die ewige Frage, was man selbst getan hätte, wie man sich selbst verhalten hätte in der Lage von Hans Calmeyer – und wischt sie beiseite. Wichtiger sei zu fragen: Was tust Du heute?

https://www.ardmediathek.de/video/ard-history/calmeyers-dilemma/ndr/Y3JpZDovL25kci5kZS82NTkwY2MyMS1lZDRhLTQxNTktOGM4MS04M2I3MGY0YjBjZTQ (Abre numa nova janela)

Es gibt in diesem Buch, das man nur noch schwer aus der Hand legen kann, wenn man einmal damit begonnen hat, viele Erkenntnisse, die nachwirken. Da ist die berühmte Rede Putins im Bundestag - die hat sich der Mann aus Moskau von zwei Deutschen schreiben lassen, sicher ist sicher.

Großartig auch die Nebenfiguren:”Ein unter anderem wegen Diebstahls, Falschaussage und Bankraub vielfach vorbestrafter Saarländer tritt als mysteriöse Quelle auf und erklärt Putin zum Verbindungsmann für die RAF.”

Mich beschäftigt eine Aussage von Angela Merkel, in der sie angibt, das billige russische Gas habe sie eben zum Wohle der deutschen Industrie besorgt, ohne sich Illusionen über Putin zu machen. Wie ist das bei uns mit dem Primat der Politik?

Es gibt noch andere Stellen, in denen man nur schwer beurteilen kann, was Wunschdenken war, was hingegen Nachlässigkeit und was womöglich auf Korruption beruht. Fest steht, dass Putin und seine Leute die politische und wirtschaftliche Elite der Bundesrepublik sauber aufs Kreuz gelegt haben - während unsere Leute dachten, dass sie es mit ihm tun.

Und es ist eine Lektüre, die schmerzt. Henning Voscherau, Gerhard Schröder, Angela Merkel hätte man gerne anders in Erinnerung behalten, als so, wie sie hier auftauchen: Naiv, kurzsichtig manchmal gierig und dabei bis heute davon überzeugt, alles richtig gemacht zu haben.

Aber darin waren sie eben die Repräsentanten des Volkes: eine immense Mehrheit wollte es so. Hätte man, was mit heutigem Wissen besser gewesen wäre, nach dem Abschuss der Malaysia Airlines Flugzeugs MH-17 durch die von den Russen unterstützten Truppen am 17. Juli 2014 alle Verbindungen zu Russland beendet, auf das Gas verzichtet, wäre ein Aufstand ausgebrochen.

Darum ist es nur fair, wenn man sich heute die Mühe macht, diese Zeit in diesem Buch nachzuarbeiten.

Zufällig habe ich dieses Video entdeckt, in dem gleich zwei meiner Lieblingsküchenstars glänzen. Wegen erhöhten Reiseaufkommens habe ich länger nichts mehr gekocht, aber das wird sich nun hoffentlich wieder ändern.

https://www.youtube.com/watch?v=NRsHJ1hbf3A (Abre numa nova janela)

Es ist immer wieder nützlich, Schulstoff aufzufrischen und sich einige Basics der Küchenchemie anzueignen, danach kann man umso besser improvisieren – und wer könnte es besser erklären als Mai Thi Nguyen-Kim?

https://www.zdf.de/reportagen/terra-x-chemie-des-kochens-mit-mai-thi-nguyen-kim-dokureihe-100 (Abre numa nova janela)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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