
Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem zwanzigsten Newsletter.
Heute geht es wie versprochen wieder um den Tisch. Nachdem ich Euch das letzte Mal etwas über den Tisch erzählt habe, an dem man isst oder trinkt, geht es heute um den Tisch, an dem man arbeitet oder sich versammelt. Und am Schluss behandeln wir ein paar Redewendungen, die sich nicht in eine Kategorie einordnen lassen.
Der Schreibtisch, die Verhandlung, Beratung und Versammlung
Jeder und jede, die in einem Büro arbeitet, kennt das: Auf dem Schreibtisch liegt gerade das, womit man sich zurzeit beschäftigt - logisch. Die Redewendungen, die sich auf diesen Umstand beziehen, sind in ihrer Bedeutung leicht zu erraten: Wenn etwas erledigt ist, dann ist sie "vom Tisch (Abre numa nova janela)": Beispiele:
Der Beamte möchte die Sache endlich vom Tisch kriegen
Die Sache muss endlich vom Tisch. Wir sind damit jetzt schon viel zu lange beschäftigt
Hierher gehört auch der Tisch als der Ort, an dem man sich versammelt, berät und mit anderen verhandelt. Was "auf den Tisch kommt (Abre numa nova janela)" ist das Thema, über das man spricht. Man kann eine Sache auch "auf den Tisch legen (Abre numa nova janela)" (vorlegen, anbieten, zeigen):
Die Firma muss alle Geschäftszahlen auf den Tisch legen
Die Vorschläge liegen seit zwei Monaten auf dem Tisch
Wer eine Angelegenheit ignoriert oder gar verheimlicht, der lässt sie "unter den Tisch fallen (Abre numa nova janela)". Ganz ähnlich: "etwas (einfach) vom Tisch wischen (Abre numa nova janela)", also abtun, oder beiseiteschieben:
Er war zu leichtsinnig gewesen und hatte alle gutgemeinten Warnungen vom Tisch gewischt
Zu schnell wurden meines Erachtens die Vorschläge vom Tisch gewischt
Diese Redewendung hat einen leicht vorwurfsvollen Unterton und wer sie äußert, ist der Meinung, dass man über das Thema sprechen sollte und nicht einfach ignorieren.
Bei Versammlungen ist auch die Form des Tisches von Bedeutung. Bei Meetings - etwa in großen Unternehmen - sind es in der Regel rechteckige Tische, und der Moderator oder Chef sitzt am Kopfende des Tisches. Hier dokumentiert die Sitzordnung also eine Hierarchie innerhalb der Teilnehmenden.
(Abre numa nova janela)Das Gegenteil ist demnach der "runde Tisch (Abre numa nova janela)" (Verhandlung gleichberechtigter Gesprächspartner), der keine sozialen Unterschiede und Machtgefälle erkennen lässt. Wer einmal darauf achtet, dem fällt schnell auf, dass bei Versammlungen oftmals ein runder Tisch gewählt wird, um die Gleichrangigkeit der Teilnehmenden zu verdeutlichen. Populär wurde der Ausdruck im Zuge der friedlichen Revolution 1989 in der DDR (deutscher Staat in Ostdeutschland, der 1990 mit der Bundesrepublik wiedervereinigt wurde). Damals wurde ein "Zentraler Runder Tisch" gebildet, an dem sich verschiedene gesellschaftliche Gruppen "an einen Tisch setzten (Abre numa nova janela)", um über die Zukunft der DDR zu sprechen.
Dann gibt es noch eine Redewendung, bei der die Farbe des Tisches eine Rolle spielt. Ausgehend von der Farbe der Pflanzen steht die Farbe Grün für das Leben, aber auch für die unerfahrene Jugend. Das sieht man auch am Ausdruck "ein Grünschnabel (Abre numa nova janela)" (ein vorlauter Neuling; ein Anfänger) und der Redensart "noch feucht / grün hinter den Ohren sein (Abre numa nova janela)" (noch jung und unerfahren sein).
Ein ähnliches Sinnbild gibt es auch beim Tisch: Wenn etwas "am grünen Tisch (Abre numa nova janela)" entschieden wird, dann ist damit nicht nur gemeint, dass die Entscheidung im Büro am Schreibtisch getroffen und lediglich theoretisch begründet wurde, sondern auch, dass die Entscheider wenig Kenntnis von der Praxis "vor Ort (Abre numa nova janela)" haben. Wer diese Redensart verwendet, äußert demnach auch eine Kritik an der Entscheidung und deutet an, dass die Sache womöglich in der Wirklichkeit gar nicht machbar ist:
Politik ist nicht vom grünen Tisch aus zu machen, sondern hat sich an der Praxis zu orientieren
Da sich nicht alles am grünen Tisch entscheiden lässt, findet am 10. Januar eine Besprechung mit einer Ortsbegehung statt
(Abre numa nova janela)Sicherlich hat auch eine Rolle gespielt, dass die Tische in Sitzungszimmern oft mit einem grünen Bezug versehen sind. Nach einer Deutung soll die Redewendung in Regensburg entstanden sein. Für rund 150 Jahre war die Stadt ein Zentrum des Heiligen Römischen Reiches, hier tagte ab 1663 der Immerwährende Reichstag. In einem Nebenraum befindet sich ein grün bezogener Tisch, hier sollen früher Pralinen und Konfekt gereicht und viele Entscheidungen getroffen worden sein.
Sonstige Redensarten mit Tisch
Dann gibt es noch die Redewendung "am Katzentisch sitzen (Abre numa nova janela)" (abseitsstehen; benachteiligt werden; nicht berücksichtigt / nicht beteiligt werden). Sie ist nicht so häufig zu hören, aber ab und zu begegnet sie einem doch. Als Beispiel sei eine Nachricht genannt, die wir im Februar auf der n-tv-Webseite finden:
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius mahnt, Europa müsse an Verhandlungen über ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine beteiligt sein. "Dass wir nicht am Katzentisch sitzen können, dürfte allen einleuchten", sagte Pistorius vor einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel (Link (Abre numa nova janela)).
Diese Redewendung entwickelte sich schrittweise. Als Katzentisch bezeichnete man scherzhaft zunächst den Ort, an dem die Katzen essen, nämlich den Fußboden. Man vermutet, dass die Redensart bei den Mönchen im Kloster entstanden ist: Wenn ein Mönch etwas "ausgefressen (Abre numa nova janela)" hatte, dann musste er zur Strafe bisweilen seine Mahlzeit auf dem Fußboden zu sich nehmen - also dort, wo auch die Katzen essen. Später dann wurde der Ausdruck auf den kleineren Tisch der unwichtigen Leute übertragen. Wer also "am Katzentisch sitzt (Abre numa nova janela)", der wird benachteiligt und ausgeschlossen.
Wenn Eheleute sich nicht mehr verstehen und getrennt leben, dann kann man das durch die Formulierung "Trennung / Scheidung von Tisch und Bett (Abre numa nova janela)" oder "von Tisch und Bett getrennt sein / leben (Abre numa nova janela)" ausdrücken. Gemeint ist damit, dass man wirtschaftlich (Tisch als Symbol für den Ort, an dem man zusammen sitzt und isst) und sexuell (Bett) getrennt ist. Es handelt sich um eine alte Rechtsformel, die vor allem im Scheidungsrecht in Gebrauch ist: Um sich scheiden zu können, muss das Paar mindestens ein Jahr "von Tisch und Bett getrennt" sein.
Ganz ähnlich auch die Redensart "das Tischtuch (zwischen sich und jemand anderen) zerschneiden (Abre numa nova janela)" (die Freundschaft aufkündigen):
Er hat mich jetzt zum zweitem Mal betrogen und anschließend auch noch angelogen. Das Tischtuch ist nun endgültig zerschnitten zwischen uns
Früher soll es Brauch gewesen sein, das gemeinsame Tischtuch zu zerschneiden, um eine Ehescheidung zu besiegeln. Heute kann man die Redewendung auf alle Arten von Bindungen (Ehe, Freundschaft, Geschäftskontakte) anwenden.
Dann gibt es noch die Redensart "jemanden über den Tisch ziehen (Abre numa nova janela)" (jemanden übervorteilen / benachteiligen). Wenn ich z. B. eine Ware kaufe und dann später merke, dass die Ware den bezahlten Preis nicht wert ist und ich somit zu viel bezahlt habe, dann hat mich der Verkäufer "über den Tisch gezogen (Abre numa nova janela)".
(Abre numa nova janela)Die Wendung ist daher oft im Umfeld von Geschäften und Verhandlungen in Gebrauch. Woher sie kommt, weiß man nicht so genau. Die einen vermuten den Ursprung im Fingerhakeln. Das ist eine volkstümliche Sportart aus Bayern und Österreich: Die beiden Gegner sitzen sich an einem Tisch gegenüber und verhaken jeweils einen Finger (oft auch mit einem Lederriemen als Zwischenstück) ineinander. Nun versucht jeder Spieler, den anderen zu sich hinüberzuziehen. Eine andere Deutung, die die Herkunft in der früher allgemein üblichen Prügelstrafe vermutet, ist allerdings wahrscheinlicher. Warum, erfahrt ihr, wenn die Redewendung in meinem Wörterbuch aufruft (Abre numa nova janela).
Am Schluss noch eine Redewendung, die eine lange Geschichte hat: reinen Tisch machen (Abre numa nova janela). Sie bedeutet: eine Sache endlich klären, abschließen, für klare Verhältnisse sorgen. Wird ein Streit beigelegt, eine Sache richtiggestellt, ein Missstand beseitigt oder jemand kommt in einem Gespräch gleich zur Sache, dann macht er "reinen Tisch (Abre numa nova janela)". Sie kann sich auch darauf beziehen, dass jemand etwas, das er bisher verheimlicht hatte, nun ausspricht:
In der Gerichtsverhandlung machte der Angeklagte endlich reinen Tisch
Warum machst du nicht reinen Tisch, damit es keine Geheimnisse mehr zwischen uns gibt?
Das Chaos in der Buchführung muss endlich aufhören! Ich hoffe, die neue Geschäftsführerin macht hier endlich reinen Tisch!
(Abre numa nova janela)Das naheliegende Sinnbild besagt, dass man seinen Arbeitstisch aufräumt, wenn die Arbeit beendet ist. Die Herkunft ist jedoch eine andere. Das lateinische "tabula rasa (Abre numa nova janela)" bedeutet "reiner Tisch" und begegnet uns schon beim antiken römischen Dichter Ovid.
(Abre numa nova janela)Dabei waren ursprünglich gar keine Tische gemeint, denn das lateinische tabula hat mehrere Bedeutungen (siehe hierzu “die Tafel aufheben (Abre numa nova janela)“). Vielmehr waren das wächserne Schreibtäfelchen, in die man Schriftzeichen ritzte. Durch leichtes Erwärmen oder Schaben konnte man diese wieder entfernen und hatte damit wieder eine beschreibbare Fläche. In der Philosophie bedeutet "tabula rasa (Abre numa nova janela)" daher auch eine Beseitigung bisheriger Zustände, wodurch ein Neuanfang möglich wird.
So, das war’s von mir für heute. Worum es in der nächsten Ausgabe geht und wann diese erscheint, weiß ich noch nicht. Ich muss jetzt erst mal meinen Schreibtisch aufräumen, und das kann dauern :-)
Bis dann!
Viele Grüße,
euer Peter vom Redensarten-Index
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