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Redensarten Nr. 26 - Jetzt wird ordentlich Dampf abgelassen!

Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,

willkommen zu meinem sechsundzwanzigsten Newsletter.

Heute reden wir mal über den Dampf, und wo er in Redewendungen und umgangssprachlichen Ausdrücken vorkommt. Diese sind hinsichtlich ihrer Bedeutungen und den dahinter stehenden Sinnbildern recht interessant und man mag zunächst meinen, dass der Dampfkessel oder die Dampfmaschine eine besondere Rolle spielen. Das stimmt auch, ist aber nicht immer der Fall. Und so gibt es dann doch ein paar Überraschungen.

Doch zunächst einmal zum Ausdruck "eine dampfen (Abre numa nova janela)", was bedeutet: eine Zigarette rauchen. Hier wird Rauch mit Dampf gleichgesetzt, was es jedoch nicht ist: Dampf bedeutet im engeren Sinn ein Nebel, ein Dunst, der beim Erhitzen einer Flüssigkeit (Wasser) entsteht. Wasserdampf ist streng genommen vollständig gasförmiges, undurchsichtiges Wasser. Die sichtbaren Dampfschwaden bezeichnet man aber auch als Dampf und bestehen aus sehr kleinen, flüssigen Wassertröpfchen, die in der Luft schweben. Rauch ist dagegen aufsteigender Qualm, der durch brennende Stoffe entsteht. Vor allem in alten Zeiten und heute noch in der Umgangssprache werden beide Begriffe jedoch nicht so genau unterschieden.

Dann gibt es noch den Dampfplauderer (Abre numa nova janela) (selten auch Dampfredner (Abre numa nova janela) genannt). Ein umgangssprachlicher, meist abwertender Begriff, der für jemanden gebraucht wird, der viel redet, zu jedem Thema etwas zu sagen hat, aber dabei meist nur oberflächlich bleibt. Der Ausdruck bezieht sich auf ein heute nicht mehr so gegenwärtiges Sinnbild des Dampfes, nämlich Inhaltsleere und eitle, leere Aufgeblasenheit. Heute kennen wir die "heiße Luft (Abre numa nova janela)" und können uns "blauen Dunst vormachen (Abre numa nova janela)". Entstanden ist der Dampfplauderer (Abre numa nova janela) im 19. Jahrhundert in Österreich, wohl ausgehend von einem humoristischen Vortrag, der den Titel "Dampfrede über den Dampf" trug und 1835 in Wien viel Beifall erhielt.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Bezeichnung "Hansdampf in allen Gassen (Abre numa nova janela)".

Hansdampf in allen Gassen
Hansdampf in allen Gassen (Quelle: KI-generiert: https://stablediffusionweb.com/de/app/image-generator)

Heute nennt man jemanden so, der sehr umtriebig und vielseitig ist, ein Alleskönner. Das hat damit zu tun, dass der Dampf heute bildlich für Bewegung und Antrieb steht (dazu unten mehr). Früher dagegen wurde der Ausdruck negativer verwendet (ein eingebildeter Mensch, der sich überall vordrängt), was mit dem alten Sinnbild für Dampf zu tun hat.

Eine heute völlig in Vergessenheit geratene Metapher für den Dampf ist übrigens Bedrängnis, Ärger und Angst. So gab es Redensarten wie "jemandem Dampf antun" (jemanden ärgern, in Bedrängnis bringen), "Dampf haben" (Angst haben) oder "jemandem Dampf machen" (jemandem Ärger / Kummer bereiten). Aber das nur nebenbei. Heute benutzt diese Redewendungen keiner mehr.

Bewegung, Beschleunigung, Antrieb

Die Verwendung des Dampfes in diesem Sinne in Redewendungen beginnt gegen Ende des 19. Jahrhunderts und hat natürlich seinen Ursprung in der Dampfmaschine, die im 18. Jahrhundert die industrielle Revolution einleitete und mit denen Maschinen und Fahrzeuge wie Lokomotiven und Schiffe angetrieben wurden.

Dampfmaschine, Motorrad- und Technik-Museum in Großschönau (Abre numa nova janela)
Dampfmaschine, Motorrad- und Technik-Museum in Großschönau (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

Hierher gehören Formeln wie "mit Volldampf (Abre numa nova janela)" (schnell, mit Schwung, mit aller Kraft):

  • Mit Volldampf ging es ab nach Hause

  • Bitte haben Sie ein wenig Geduld. Wir arbeiten mit Volldampf an einer Lösung

"Volldampf" ist die höchste Leistungsstufe einer Dampfmaschine, und wir alle kennen das Kommando "Volldampf voraus!" auf einem Dampfschiff.

Ein umgangssprachlicher Ausdruck ist "abdampfen (Abre numa nova janela)" in der Bedeutung "verschwinden, weggehen". Die Analogie zum Dampfschiff oder zur Dampflok liegt hier nahe, es gibt aber auch eine andere Deutung zur Herkunft:

Bunsenbrenner (abdampfen) (Abre numa nova janela)
Bunsenbrenner (abdampfen) (Quelle: https://commons.wikimedia.org/)

In der Chemie verwendet man das Wort, wenn man von einem Stoff durch Erhitzen die enthaltene Flüssigkeit gasförmig abscheidet. Der flüssige Stoff, der gasförmig entschwindet, wäre dann bildlich gesehen der Mensch, der sich entfernt.

Auf jeden Fall zu unserem Sinnbild der Dampfmaschine gehört "Dampf hinter etwas machen (Abre numa nova janela)" (oder kurz: "Dampf machen (Abre numa nova janela)"), also beschleunigen, vorantreiben, dafür sorgen, dass etwas schneller geht:

  • Um unseren Plan umzusetzen, müssen wir etwas mehr Dampf dahinter machen

  • Mach mal Dampf bei denen, die sollen das tauschen oder reparieren, wenn noch Garantie drauf ist!

  • Mach mal ein bisschen Dampf, sonst werden wir nie fertig!

Die Redensart gibt es auch in derb mit der gleichen Bedeutung: jemandem Dampf (unterm Hintern / unterm Arsch) machen (Abre numa nova janela):

  • Wenn die Ware auch nach zwei Wochen noch nicht da ist, dann würde ich denen mal ordentlich Dampf unterm Hintern machen!

Dann gibt es noch "der Dampf ist raus (Abre numa nova janela)" (der Schwung / die Motivation / Begeisterung ist weg, die Kraft hat nachgelassen) - eine Redewendung, die jedoch sehr selten ist. Eher sagt man "die Luft ist raus (Abre numa nova janela)", was das Gleiche bedeutet.

Umgekehrt kann man "unter Dampf stehen / sein (Abre numa nova janela)", also "unter Druck stehen, getrieben oder angetrieben werden, voller Tatendrang / umtriebig / aktiv / energiegeladen sein". Diese Redewendung ist vielseitig einsetzbar und kann sowohl für Menschen, Organisationen oder Gegenstände (Geräte z. B.) verwendet werden:

  • Ich muss immer ein bisschen unter Dampf sein, sonst langweile ich mich

  • Heute steht die Polizei mal wieder besonders unter Dampf, wenn zwei angemeldete Großdemonstrationen durch Berlin rollen

  • Bei Aufgaben, die viel Rechenleistung erfordern, stehen die Prozessoren mächtig unter Dampf

Vom Sinnbild her leitet sie über in das nächste Kapitel (Dampfkesselmodell).

Anspannung, Ärger und Wut

Hierher gehört die Wendung "es ist Dampf / Druck auf dem / im Kessel (Abre numa nova janela)" (die Lage ist angespannt, man steht unter Druck, es hat sich Ärger angestaut):

  • Nach fünf Spielen ohne Sieg ist ordentlich Druck auf dem Kessel

  • Negative Emotionen wie Ärger, Frustration oder Angst können die Leistung beeinträchtigen und zu Fehlern führen. Diesen Dampf auf dem Kessel kennen wir alle

Übrigens passt diese Metapher auch gut zu den physiologischen Vorgängen im menschlichen Körper, denn Ärger und Wut gehen auch mit erhöhtem Blutdruck und einer höheren Körpertemperatur einher (vergleiche den "Hitzkopf (Abre numa nova janela)" als Beispiel in meinem Bücherblog (Abre numa nova janela).

Dampf ablassen
Dampf ablassen (Quelle: KI-generiert: https://stablediffusionweb.com/de/app/image-generator)

Dann kann man dem Bild entsprechend auch "Dampf ablassen (Abre numa nova janela)", also schimpfen, sich austoben, seinen Ärger ungehemmt äußern, seine Gefühle ungeschönt zum Ausdruck bringen:

  • Er ließ gehörig Dampf ab und beschwerte sich massiv über die mangelnde Unterstützung

  • Entschuldigung, dass ich vorhin so laut geworden bin, aber ich musste einfach mal Dampf ablassen

Diese Redensart ist meist positiv besetzt, denn wer sich ärgert, muss diesen auch zum Ausdruck bringen können. Wenn man seinem Ärger nicht Luft macht (Abre numa nova janela), sondern ihn in sich hineinfrisst (Abre numa nova janela), also verdrängt und nicht (auf konstruktive Weise) herauslässt, dann kann das ernste psychische und körperliche Folgen haben.

Das gleiche Sinnbild hat auch die Redewendung "Dampf aus dem Kessel lassen / nehmen (Abre numa nova janela)". Sie bedeutet auch fast das Gleiche (seinen Ärger ungehemmt äußern, eine Situation entschärfen, einen Streit schlichten), allerdings liegt hier das Augenmerk eher auf dem Ziel der Maßnahme, nämlich der entspannten Situation danach und nicht auf dem Vorgang selbst.

Erwähnen möchte ich noch, dass es noch mehr Redensarten gibt, die sich dem Dampfkesselmodell bedienen: "Vor Wut kochen / schäumen (Abre numa nova janela)", "seinem Ärger / Unmut / seiner Wut Luft machen (Abre numa nova janela)", "den Deckel draufhalten (Abre numa nova janela)".

Nichts zu tun hat damit hat die derb-saloppe Redensart "die Kacke ist am Dampfen (Abre numa nova janela)", auch wenn sie mit Ärger zu tun hat (die Aufregung / der Ärger ist groß):

  • Wenn das der Chef erfährt, dann ist die Kacke am Dampfen!

  • Wenn du noch einmal mein Auto nimmst, ohne Bescheid zu sagen, dann ist die Kacke am Dampfen!

Das entsprechende Sinnbild überlasse ich jetzt mal Eurer Fantasie :-)

Der Kohl und der Dampf

Etwas Besonderes ist die heute immer noch sehr verbreitete Redewendung "Kohldampf haben oder schieben (Abre numa nova janela)" (großen Hunger haben), denn sie hat weder mit Kohl noch mit Dampf zu tun, sondern stammt aus dem Rotwelschen. Der erste Bestandteil “Kohl“ stammt aus Romani (Sprache der Sinti und Roma), "kálo" (schwarz). Rotwelsch "schwarz" wiederum bedeutet "arm", woraus sich "Kohler" (Hunger) ableitet. Der Dampf hat hier mit der oben schon erwähnten sinnbildlichen Bedeutung "Bedrängnis, Angst" zu tun und bedeutet im Rotwelschen ebenfalls "Hunger". Insofern wäre Kohldampf als "Hunger-Hunger" zu verstehen, wobei die Verdoppelung der Bekräftigung und Steigerung dient.

Doch was ist Rotwelsch eigentlich? Es wurde früher häufig auch als Gaunersprache bezeichnet, war ein besonderer Dialekt, der von gesellschaftlichen Randgruppen, insbesondere von Angehörigen mobiler Berufe, sogenannten "Vaganten" (Vagabunden) gesprochen wurde und als Geheimsprache für die sonstige Bevölkerung unverständlich war.

Sie war regional und zeitlich sehr verschieden und diente dem Schutz vor Verfolgung oder dem Übermitteln versteckter Botschaften. Ihre Sprecher galten als potenziell kriminell und waren schlecht angesehen, fahrende Händler beispielsweise waren aber gleichzeitig auch unentbehrlich für die ländliche Versorgung und dem Austausch von Nachrichten.

Auto eines fahrenden Händlers, Niederlande, 1930er Jahre (Abre numa nova janela)
Auto eines fahrenden Händlers, Niederlande, 1930er Jahre (Quelle: https://commons.wikimedia.org)

Die Sprecher konnten Handwerker auf der Walz, Soldaten und Landsknechte, fahrende Händler und Schausteller, Schüler und Studenten und Träger von geächteten Berufen sein wie Bettler, Prostituierte, Köhler, Müller, Schinder und Scharfrichter. Sie enthielt unter anderem einen großen Anteil Romani - sowie Jiddisch und Hebräisch, weil Juden von den meisten landwirtschaftlichen und bürgerlichen Berufen ausgeschlossen waren und darum bis ins 19. Jahrhundert zu einem hohen Anteil mobile Berufe ausübten, besonders als fahrende Händler und Hausierer.

Viele Wörter aus dem Rotwelschen sind in die allgemeine Umgangssprache übergegangen und heute noch geläufig. Eine Liste findet Ihr auf Wikipedia (Abre numa nova janela) oder wenn Ihr in meinem Wörterbuch in den Ergänzungen nach Rotwelsch (Abre numa nova janela) sucht.

Viele Grüße,

euer Peter vom Redensarten-Index

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