
Liebe Redensarten-Freundinnen und Freunde,
willkommen zu meinem neunzehnten Newsletter.
Nachdem wir in der letzten Ausgabe mit dem Thema Schönheit Ausflüge in die Kulturgeschichte und antike Götterwelten unternommen haben, geht es heute mal wieder um etwas ganz Alltägliches: den Tisch. Viele Redensarten, die das Wort enthalten, beziehen sich darauf, was man mit dem Möbelstück so macht: an ihm sitzen - zur Nahrungsaufnahme, als Schreibtisch und als Ort der Versammlung. Die Bedeutung entsprechender Redewendungen sind meist leicht zu verstehen, es gibt aber einige Besonderheiten und so manche Redensart hat eine überraschende und interessante Geschichte.
Wie so oft hat sich das Thema als ziemlich umfangreich herausgestellt, weshalb ich es in diesem und auch im nächsten Newsletter behandeln werde.
Tisch als der Ort, an dem man isst
Hier gibt es zunächst die Formel "bei Tisch (Abre numa nova janela)", was bedeutet: am Tisch während des Essens:
Möchten Sie Ihre Speisen bei Tisch stilvoll warm halten, dann benötigen Sie einen Speisenwärmer
Eine leicht andere Bedeutung hat die Formulierung "zu Tisch (Abre numa nova janela)". Sie bezieht sich meist auf die Pause bei der Arbeit, wenn man das Mittagessen zu sich nimmt. Ein typischer Dialog, wenn man bei einer Firma anruft, wäre z. B.:
"Hallo, mein Name ist Schneider. Ist Frau Meier zu sprechen?" - "Frau Meier ist gerade zu Tisch. Kann ich etwas ausrichten?"
Eine häufig gebrauchte Formulierung ist auch "zu Tisch rufen, bitten oder laden (Abre numa nova janela)", also auffordern, zum Essen am Tisch Platz zu nehmen.
(Abre numa nova janela)Zum Essen eingeladen zu werden, ist natürlich immer eine schöne Sache - es sei denn, man sieht das aus einer sehr zynischen Perspektive wie der Schriftsteller Theodor Gottlieb von Hippel, der 1778 einmal geschrieben hat: "Jemanden zu Tische bitten, ist die feinste Art zu bestechen" (Quelle (Abre numa nova janela)). Aber das nur nebenbei!
Übrigens ist das richtige Benehmen bei Tisch und die Manieren beim Essen schon seit Jahrhunderten ein Thema. Bereits im Mittelalter gab es sogenannte "Tischzuchten" - das waren Dichtungen, die den Menschen das richtige Verhalten am Tisch beibringen sollten.
(Abre numa nova janela)Im 16. Jahrhundert dann gab es eine eigene Literaturgattung, die man "Grobianismus" nannte. Das waren Texte, die mit derben Ausdrücken gespickt waren und unflätiges Benehmen satirisch überspitzten. Gebracht hat das damals indes nicht viel. So soll Martin Luther (1483-1546) - bekannt für seine derbe Sprache - nach dem Essen einmal zu seinen Gästen gesagt haben: "Warum rülpset und furzet ihr nicht, hat es euch nicht geschmecket? (Abre numa nova janela)". Schriftlich belegt ist das Zitat allerdings nicht.
Vor dem Essen muss man zunächst einmal "den Tisch decken (Abre numa nova janela)", also Teller, Besteck und was man sonst noch so zum Essen braucht, bereitlegen. Erst dann kann man das Essen "auftischen (Abre numa nova janela)", also auf den Tisch stellen. In dieser Bedeutung wird das Wort allerdings heute nicht mehr verwendet. Es wurde ab dem 18. Jahrhundert auch im bildlichen Sinn (vorbringen, vortragen, präsentieren) gebraucht und entwickelte später die heutige negative, abwertende Komponente: jemandem "Märchen (Abre numa nova janela)" oder "Lügen (Abre numa nova janela)" auftischen bedeutet "jemandem die Unwahrheit erzählen":
Sie hat ihm wochenlang nur Märchen aufgetischt, wie er später erfuhr
(Abre numa nova janela)Dann gibt es noch die Redewendung "die Füße unter jemandes Tisch stecken (Abre numa nova janela)". Sie bezieht sich darauf, dass man beim Essen am Tisch die Beine unter dem Tisch hat und wer sie äußert, will damit sagen, dass man den anderen ernährt und dieser von ihm abhängig ist. Typischerweise sagen das die Eltern zu ihren Kindern:
Solange du die Füße unter unseren Tisch steckst, machst du, was wir sagen!
Die Eltern fordern damit Gehorsam ein, indem sie die Abhängigkeit des Kindes von ihnen verdeutlichen. Insofern ist dieser Spruch ziemlich unfair und heute auch nicht mehr so häufig in Gebrauch.
Ort, an dem man Alkohol trinkt
In der Kneipe oder im Wirtshaus sitzt man beim Trinken am Tresen oder am Tisch.
(Abre numa nova janela)Hierher gehört die Redensart "jemanden unter den Tisch trinken (Abre numa nova janela)", bei dem man das gemeinsame Zechen als Wettbewerb auffasst, nach dem Motto: Wer vor Trunkenheit zuerst umfällt, der hat verloren. Wer also den anderen "unter den Tisch trinkt", verträgt mehr Alkohol, während der Verlierer "unter dem Tisch liegt (Abre numa nova janela)".
Dann gibt es in vielen Lokalen auch den Stammtisch. An ihm trifft man sich meist regelmäßig in lockerer Runde, um gemeinsam zu trinken, Karten zu spielen und sich zu unterhalten. Es gibt auch spezielle Stammtische, die dem Erfahrungsaustausch dienen, etwa Elternstammtische, an denen man über Kindererziehung redet. Hier geht es also nicht darum, gemeinsam zu zechen.
Redensartlich kommt der Stammtisch allerdings nicht besonders gut weg (Abre numa nova janela). Das betrifft insbesondere den Bereich der Politik.
(Abre numa nova janela)So gibt es den Ausdruck "Stammtischpolitiker (Abre numa nova janela)" - ein Politiker, den dem "einfachen Volk" nach dem Mund redet und das sagt, was es gerne hören will (heute würde man eher sagen: ein Populist) und nur so tut, als würde er dessen Interessen vertreten. Diese Politiker haben dann die "Hoheit über den Stammtischen (Abre numa nova janela)", sie verbreiten "Stammtischparolen (Abre numa nova janela)", also emotionale und vereinfachende Botschaften und sind daher beim "kleinen Mann (Abre numa nova janela)" beliebt. Diese Ausdrücke unterstellen den Stammtischen, dass dort, abhängig vom Alkoholpegel, viel unqualifizierte Äußerungen zu hören sind.
So, das war’s von mir für heute. In der nächsten Ausgabe geht es auch um den Tisch, und zwar als Ort der Verhandlung, Beratung und Versammlung. Aber ich werde auch reinen Tisch machen und Euch erklären, wann man am Katzentisch sitzt.
Bis dann!
Viele Grüße,
euer Peter vom Redensarten-Index
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