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Auf dem Meere

Über juchzende Apfelbäume und die Lockenperücke von Johann Sebastian Bach, über Raufbolde in krummen Gassen, spitze Türme und das Auf und Ab des Lebens

Und dann gehst du ein letztes Mal durch die vertrauten Straßen. Du könntest auch Gassen schreiben, aber das klingt zu sehr nach Wilhelm Raabe. Passen würde es schon: zu diesen krummen, wie verbogenen Sträßchen, über denen sich die Lüneburger Giebel den Wolken entgegenrecken. Manchmal hängt noch ein rostiger Haken an einem Seil, so wie vor hundert Jahren, als man damit Säcke himmelwärts gezogen hat.

An diesem Morgen ist der Himmel blau und wolkenlos – anders als an den vielen Tagen, an denen eine Elefantenhaut über die Dächer flatterte und dich ein feiner Regen langsam, aber gründlich durchnäßte. Hamburg ist nicht weit und sein Schmuddelwetter ein regelmäßiger Gast.

Wobei er sich zuletzt immer seltener blicken ließ: was einem, der über Wolken schreibt, zu denken gibt. So trocken wie in diesem Frühjahr war die Erde im Garten noch nie. Was soll da gedeihen? Welche Blumen, welche Früchte? Schon in den letzten Jahren war die Ernte mager, den Blick zum Himmel begleiteten Sorgenfalten. Sag mir, wo die Wolken sind! Wo sind sie geblieben?

Schön war der Frühling trotzdem: ein einziger großer Farbenrausch, dazu das Vogelgezwitscher, das Bienengesumm und ein Duft, so erlesen, wie man ihn in keiner Parfümerie findet. Es war, als würde Lüneburg alles aufbieten, um uns den Abschied schwerzumachen – ja, als wollte es uns überreden, alle Pläne in den Wind zu schlagen.

Warum wollt ihr fort? säuselten die zartgrünen Blätter der Kastanien am Stint. Ist es nicht herrlich hier? juchzten im Garten die Apfelbäume, und wie um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, sprangen sämtliche Knospen mit einem Plopp auf.

Die Magnolie im Rathausgarten blühte so prächtig wie noch nie, und man war sich nicht sicher, ob das Brummen, das die Luft erfüllte, von den herumschwirrenden Hummeln kam oder nicht doch aus den Mündern der herbeiströmenden Lüneburger. Was für ein Anblick: wie sie traubenweise davorstanden, stolz, ja ergriffen; nur hin und wieder enterte ein entzückter Ausruf die andächtige Stimmung.

Ich mußte an die Anbetung der Hirten denken – nur daß die Magnolienanbeter nicht die Knie beugten, sondern den rosaweißen Blüten ihre Telefonarme entgegenstreckten. Und fiel doch mal einer auf die Knie, dann nur, um alles aufs Bild zu kriegen: die Blütenpracht, ein Stück makellosen Himmel und das honigsüße Lächeln der Geliebten.

Ist es nicht herrlich hier? Nicht nur die Apfelbäume juchzen es in Lüneburg. Auch die alten Backsteine knirschen es zwischen den Mauerfugen hervor, und aus dem golden blitzenden Flügelhorn klingt es vom Kirchturm herab: jeden Morgen kurz vor neun, wenn hoch über den Dächern einer der Turmbläser von St. Johannis (Abre numa nova janela) einen Choral in alle vier Himmelsrichtungen bläst.

Aber ja, es ist herrlich hier. Keine Frage! Und wie könnte es auch anders sein: an einem Ort, dessen Straßen „Blümchensaal“ heißen oder „Auf dem Meere“. Seit dreizehn Jahren überlege ich, was der schönere Name ist. Und weiß es immer noch nicht.

Ja, dreizehn Jahre ist es her, daß es mich nach Lüneburg verschlug: aus dem Moloch Berlin in die kleine norddeutsche Stadt, nach der die berühmte Heide nebenan benannt ist. Warum und weshalb? Nun, da könnte ich einen anderen Namen zitieren: den „Liebesgrund“, wie der Park an der alten Stadtmauer heißt. Denn was sonst als ein Liebesgrund war es, der mich hierher führte? Ach was: der mich magnetisch anzog – als wäre ich ein Häufchen Eisenspäne! Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Anfang, ich gebe es zu, fiel mir nicht leicht. Noch monatelang kam ich zu jeder Verabredung eine Viertelstunde zu früh. Es war ja alles nur ein paar Häuserecken entfernt. Doch die Prägungen der Großstadt schüttelt man nicht einfach ab. „Geh lieber ein paar Minuten früher los!“ hörte ich eine innere Stimme sagen, wenn sich der Zeiger der vereinbarten Stunde näherte. „Falls eine U-Bahn ausfällt.“ Aber ach! Welche U-Bahn sollte in Lüneburg schon ausfallen?

Doch allmählich gewöhnte ich mich an die neue Zeitrechnung und fand mich zurecht im Gewirr der Gassen rund um Kuh- und Katzenstraße und (um im Bild zu bleiben) Am Ochsenmarkt. Bei der Orientierung halfen mir die in den Himmel stechenden Türme von St. Johannis und St. Nicolai – vor allem aber jene puderweißen Wolken, die sich mit Vorliebe über St. Michaelis ballen. Wer sie sieht, könnte meinen, Johann Sebastian Bach habe seine barocke Lockenperücke in die Luft geworfen.

Daß Bach als Chorknabe der Michaelisschule durch die Straßen der Altstadt gegangen war, womöglich sogar über jene Katzenbuckel, auf die ich dreihundert Jahre später meine Füße setzte, ließ hin und wieder meinen Herzschlag stocken. Aber auch daran gewöhnt man sich. Lüneburg ist nun mal ein gefährliches Pflaster.

Gefährlich? Und wie! Schon ein Spaziergang kann schmerzhafte Folgen haben, wie ich weiß, seit ein Bekannter mit einer Straßenlaterne kollidierte. Bei der Betrachtung eines Giebels von 1565 hatte er sie glatt übersehen.

Mindestens so sehr wie die alten Gemäuer haben es mir, dem Wortesammler, die Straßennamen angetan. An den Brodbänken, Auf der Rübekuhle, Schlägertwiete. Oder jener Name von geradezu biblischer Wucht, auf den mich neulich ein gebürtiger Lüneburger hinwies: Langer Jammer.

Meine Begeisterung über diese Bezeichnungen wurde noch gesteigert durch die Lektüre eines Buches, das ich in der Ratsbücherei entdeckte – und so oft entlieh, bis meine Frau es antiquarisch erstand und mir zum Geburtstag schenkte.

Es heißt „Die Straßennamen Lüneburgs“ und stammt von dem Historiker Wilhelm Reinecke. „Der Stadt Lüneburg angesehenster Gelehrter seiner Zeit“, heißt es auf einer Gedenktafel an seinem früheren Wohnhaus. Fast noch mehr als seine Gelehrtheit beeindruckt mich sein anschaulicher Stil. Etwa wenn er über die Schlägertwiete schreibt:

„Twite ist eine schmale Gasse. Bei Schläger, sleger, möchten wir an die koppersleger denken, die nach freundlichem Hinweis einer Anwohnerin bis in die neuere Zeit zahlreich auf der oberen Grapengießerstraße wohnten und aus ihren Werkstätten auch die nahe Seitenstraße mit ihrem Klopfen und Hämmern erfüllten.“

Reinecke könnte es dabei belassen. Doch als würde man bei einer Tasse Tee zusammensitzen, fällt ihm noch etwas ein. Er hält kurz inne, runzelt die Stirn; dann fliegt ein schelmisches Lächeln über sein Gesicht, seine Augenbrauen schnellen in die Höhe. Im nächsten Moment ergreift er wieder das Wort:

„Und wenn selbst in rauflustiger Vergangenheit sleger, Raufbolde, die entlegene Gasse gern als Schauplatz ihrer Kämpfe ausersehen haben sollten, so ist beileibe nicht daran zu denken, daß die Twite vorzugsweise von solchen Elementen bewohnt wurde oder gar noch bewohnt wird – es liegt also nicht der mindeste Anlaß vor, dem Wunsche der im übrigen höchst friedfertigen Anlieger nachzugeben und den durch die Jahrhunderte geschützten Straßentitel abzuschaffen.“

Heute ist die Schlägertwiete eine stille Gasse, in die sich nur hin und wieder ein Passant verirrt. Große Holztore, viel Backsteinrot. Aber wann immer ich sie durchquere, denke ich an Wilhelm Reinecke – und dann höre ich es klopfen und hämmern, als wären sie noch immer da. Die koppersleger, die Kupferschmiede. Und manchmal auch: ein Raufbold.

An diesem Morgen mit seinem unwiderstehlich blauen Himmel (keine Lockenperücke weit und breit) liegt die Stadt wie ein geöffnetes Buch vor mir. Dreizehn Jahre habe ich darin geblättert und gelesen, habe viel erfahren, immer wieder gestaunt und mit Bleistift die eine oder andere Anmerkung an den Rand gekritzelt. Vor allem aber habe ich hier gelebt.

Nein, ein Langer Jammer war das nicht. War es ein Blümchensaal? Nun, vielleicht trifft es der Name am besten, der wohl doch der schönste von allen ist: Auf dem Meere. Mir kommt er vor wie eine Metapher für das Leben überhaupt. Das Auf und Ab der Wellen – manchmal trägt es einen hoch hinaus, und dann wieder geht es tief hinunter. Doch die meiste Zeit wogt es einfach dahin: das Meer, das Leben.

Reinecke vermutet, daß man die Straße so nannte, weil sie nach heftigen Regengüssen oft unter Wasser stand. Ob auch der junge Bach dort nasse Füße bekam? Ausgeschlossen ist es nicht, schließlich ist St. Michaelis, wo er bis zum Stimmbruch sang, nur einen Katzensprung entfernt. Eine Gedenktafel an der Kirchenmauer erinnert daran.

Unzählige Male bin ich hier gewesen: auf diesem stillen, von den Zeitläuften fast unberührten Platz. Eine Weile kam ich jeden Tag daran vorbei. Mit großen Augen schaute meine Tochter aus dem Kinderwagen oder sang lauthals ein Weihnachtslied, egal ob es Frühling war oder Herbst. Manchmal brauste in der Kirche die Orgel, dann blieb ich stehen und zeigte auf die hohen gotischen Fenster: „Hörst du?“ Und dann lauschten wir gemeinsam, während die Wolken über uns dahinzogen.

An diesem Morgen ist es, als wären all diese Augenblicke hier versammelt. Das Rauschen der Linden und die heidelbeerblauen Augen meiner Tochter, die Kanonenkugel in der Backsteinmauer (Abre numa nova janela) und die moosbewachsenen Steine.

Und noch etwas fällt mir ein: Es war in unserem ersten Lüneburger Jahr, als wir St. Michaelis zu Kopf stiegen und aus einem der Turmfenster über das Ziegelrot der Altstadt blickten. Ich erinnere mich an das Hochgefühl, das mich damals erfüllte.

War es der glückliche Schwindel, der einen jedesmal erfaßt, wenn man für ein paar Augenblicke allen irdischen Belangen enthoben ist? Oder war da etwas in meinem Blut, das sich fröhlich puckernd an die windigen Heldentaten meines Urgroßvaters (Abre numa nova janela) erinnerte, der vor hundert Jahren auf dem Wiener Stephansdom und Schloß Miramare herumkletterte, um sie mit Blitzableitern zu versehen?

Vielleicht war es aber auch das Gefühl, angekommen zu sein: zwischen all den Tausteinen und schwangeren Häusern, Raufbolden und Magnolien.

Eigentlich seltsam, denke ich jetzt, daß dieser Turm der erste war, auf den ich in Lüneburg stieg. Nicht der Wasserturm, auf dem man sogar heiraten kann, wenn sich der Liebesgrund als haltbar erwiesen hat. Und auch nicht der Backsteinriese, dem am Morgen mein erster Blick aus dem Fenster gilt und am Abend oft der letzte. Ganz zu schweigen von all den Blicken zwischendurch. Als müßte ich mich jedesmal versichern, daß er noch da ist.

Wie wird er mir fehlen.

„Du hast doch so viele Bilder von ihm“, hat meine Tochter gesagt. „Die kannst du dir immer anschauen.“

Und sie hat ja recht. Ich weiß gar nicht, wie oft ich ihn fotografiert habe in all den Jahren: bei Sonne und Schnee, von quietschenden Falken umkreist und einmal vor einem bleiernen Grau, aus dem ein Regenbogen wuchs, der sich mit einer Hand auf dem kupfergrünen Kirchendach abstützte. Ich schickte das Foto an die Superintendentin und schrieb darunter: „Was Sie sich alles einfallen lassen!“

Nun muß ich mir selber etwas einfallen lassen. Nicht gerade einen Gottesbeweis, aber kompliziert ist es schon auch. Anders als meine Bücher kann ich den Turm ja nicht in eine Umzugskiste packen! Obwohl ... plötzlich fällt mir der Traum ein, den ich neulich träumte. Ich greife mir an den Kopf, weil ich kaum glauben kann, wie sich die Gedanken des Tages in die Nacht verlängern und dort ein so unerhörtes Eigenleben führen.

Tatsächlich hatte ich geträumt, daß ich ihn einfach mitnehme. Ihn wegtrage wie ein Malermeister seine Leiter. Das Erstaunliche war: es ging ganz leicht. Ohne Rütteln und Ziehen ließ er sich von der Erde lösen, und er war auch gar nicht schwer. Das denkt man ja nicht bei einem solchen Koloß, aber genau so war es! Die Last der Jahrhunderte fühlte sich an wie Luft.

Im nächsten Moment sah ich mich durch eine Heidelandschaft laufen. Es war Nacht, eine herrliche Sommernacht, wolkenlos, voller Sterne. Und auch der Mond war da und warf sein knochenbleiches Licht auf die Erde, während ich leichtfüßig über die Sträucher sprang: unterm Arm den Turm, aus dem es die ganze Zeit läutete.

Na klar, die Glocken waren ja ganz durcheinander. Kein Wunder! Wann hatte es sie zuletzt so mitgenommen? Im Dreißigjährigen Krieg? Vor allem die älteste, die Apostelglocke von 1436 machte einen gewaltigen Lärm. Was mich zunächst nicht störte. Ich war wie berauscht – weil es mir gelungen war, den Turm einfach abzupflücken: wie ein reifes Schwammerl, um das Lieblingswort meines österreichischen Schwiegervaters zu zitieren.

Aber dann machte mich das Geläute doch nervös. Was, wenn die Lüneburger davon erwachten und sahen, daß die halbe Johanniskirche fehlte? Würden sie nicht gleich aus ihren Betten springen und sich an die Verfolgung machen?

Kaum hatte ich das gedacht, hörte ich sie auch schon. Füßegetrappel, Motorenlärm. Stimmen, die riefen: „Halt! Stehenbleiben!“ Sirenen, Hupen, Trillerpfeifen. Und da! War das nicht das Flügelhorn, das jeden Morgen über den Lüneburger Dächern sang? Jetzt klang es aufgebracht, ja zornig wie am Tag des Jüngsten Gerichts.

O weh! Die Lüneburger wollten ihren Turm nicht hergeben. Ich hätte es wissen müssen! Schon spürte ich ihren Atem im Nacken. So heiß wie die Luft, die den Nüstern eines schnaubenden Drachens entweicht. Ein paar Sekunden noch kämpfte ich mit mir, aber es hatte keinen Sinn. Hinter dem nächsten Heidestrauch blieb ich stehen und stellte ihn (ganz sanft, damit kein frisch bebrütetes Falken-Ei herausfiel) auf dem sandigen Boden ab.

Als ich am anderen Morgen erwachte, stürzte ich sofort zum Fenster – und traute meinen Augen nicht. Da stand der Turm wie eh und je. Als wäre er nie weggewesen.

Wie die Lüneburger es geschafft hatten, ihn in der Nacht zurückzubringen, war mir ein Rätsel. Aber ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken. Noch waren jede Menge Kisten zu packen. In ein paar Tagen schon würde der Umzugswagen vorfahren. Und mit den Möbeln und Büchern (ach, die vielen Bücher!) würde auch ich bald von hier verschwunden sein.

Ich atmete tief durch; verstohlen wischte ich mir eine Träne ab, während ich mit einem Blick voller Zärtlichkeit zu ihm hinübersah. Gerade schipperte ein Wölkchen im Himmelsblau dahin, sorgfältig darauf bedacht, nicht an der grünen Kirchturmspitze hängenzubleiben.

Lang, lang hätte ich so schauen können: wie so oft in den dreizehn Jahren, wenn ich hier gestanden und den alten Backsteinriesen betrachtet und bei mir gedacht hatte: Einen Fernseher brauchen wir wirklich nicht! Aber dann gab ich mir einen Ruck. Ich wußte ja: Eines Nachts würde ich wiederkommen, heimlich, still und leise. Und dann würde ich ihn mir holen!

Es stimmt: Wir ziehen um! Bücher und Kastanien müssen eingepackt und neue Wolken aufgehängt werden. Deshalb verschicke ich die nächste Geschichte erst im September. Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich einen schönen Sommer!

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