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Der Literaturbetrieb als Markt

Hallo allerseits,

seit zwei Wochen wird in der Buchbranche über die Höhe von Vorschüssen gesprochen, angestoßen durch eine Veranstaltung mit Mareice Kaiser und Hanno Sauer auf der diesjährigen re:publica. Daniel greift als Teil der Branche sowie als Ökonom diese Debatte auf und führt sie weiter. In seinen Augen werden wichtige Elemente nämlich gar nicht thematisiert, unter anderem die Frage, welche Arbeit im Literaturbetrieb überhaupt sichtbar ist. Dem widmet er sich in seinem aktuellen Essay.

Weiter unten findet ihr wie immer Links zu weiteren Veröffentlichungen von uns. An dieser Stelle möchten wir schon mal darauf aufmerksam machen, dass Isabellas neues Buch inzwischen offiziell angekündigt wurde: Die Stadt, die sie schrieben. Autorinnen in New York City erscheint am 17. September im AvivA Verlag! Auf der Website des Verlags (Abre numa nova janela), auf allen anderen Portalen und natürlich im (unabhängigen) Buchhandel kann das Buch ab sofort vorbestellt werden.

Frankfurter*innen aufgemerkt: Am 18. Juni sprechen wir beide über Die neuen Propheten in der Buchhandlung Land in Sicht.

Wie immer freuen wir uns über Feedback und darüber, wenn ihr diesen Text teilt.

Vielen Dank! sagen Daniel „Robbie“ Stähr und Isabella Caldart

Dancing On My Own?

Kapitalismus, Knappheit und Solidarität

Hanno Sauer und Mareice Kaiser diskutieren auf der re:publica über Vorschüsse, woraus sich eine Debatte um strukturelle Ungerechtigkeiten innerhalb der Buchbranche entspinnt. Ein Aspekt, der dabei unter den Tisch fällt: Wie knappe Ressourcen verteilt werden, ist kein ausschließlich kapitalistisches Problem.

Wer sich für den deutschen Literaturbetrieb interessiert, ist in den vergangenen zwei Wochen nicht an den Namen Mareice Kaiser und Hanno Sauer vorbeigekommen. Auf der re:publica verglichen beide Autor*innen während eines Panels zum Thema Klasse ihre Vorschüsse. Sauer bekam eigenen Angaben zufolge vom Piper Verlag 160.000 (für zwei Bücher, wie er später online konkretisierte), Kaiser 15.000 Euro vom Rowohlt Verlag. Daraus entwickelte sich eine lebhafte Debatte über den Gender Pay Gap und strukturelle Diskriminierung im Betrieb, an der sich von der SZ über die Welt und FAZ bis hin zu taz, Freitag und NDR gefühlt jedes Medium beteiligt hat. Wer nachlesen möchte, worum es genau geht, dem sei Berit Glanz‘ Text bei 54books empfohlen (Abre numa nova janela), die als erste eine Einordnung zu dem Fall verfasst hat.

Mir geht es an dieser Stelle nicht darum, diese Debatte nochmal aufzuwärmen, sondern um eine Frage, die trotz all der Wörter, die zu Papier gebracht wurden, erstaunlich wenig thematisiert wurde: Wie genau könnte ein gerechterer, ja, solidarischer Literaturbetrieb überhaupt aussehen?

Zur Beantwortung dieser Frage ist es aus meiner Sicht unvermeidlich, bei einer einfachen Wahrheit anzufangen, die so gar nicht zum romantischen (Selbst-)Bild des Literaturbetriebs passen will: Im Kern ist er nichts weiter als ein Markt, auf dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. Damit meine ich nicht, dass er zwangsweise nach einer kapitalistischen Marktlogik funktionieren muss, in der nur das, was am Markt besteht, einen Wert hat. Ich meine abstrakter formuliert, dass der Literaturbetrieb ein System ist, in dem Autor*innen und Leser*innen einander finden wollen (die einen bieten ihre Geschichten an, die anderen fragen sie nach).

Literarisch Solidarisch

Passend zu diesem Thema hat Hatice Açıkgöz 2026 im Verbrecher Verlag den Sammelband Literarisch Solidarisch. Perspektiven auf einen neuen Literaturbetrieb herausgegeben, in dem 18 Autor*innen in kurzen Essays ihr Verhältnis zum Literaturbetrieb ausleuchten und ihn auf seine Diskriminierungsstrukturen abklopfen. Dass Betroffene einen Freiraum bekommen, um konkret die Dinge zu benennen, die falsch laufen, ist extrem wertvoll, und allein das macht ihn zu einem wichtigen Band. Gleichzeitig lassen sich daran exemplarisch auch die Leerstellen zeigen, die es immer wieder in Debatten um mehr Gerechtigkeit in der Literaturbranche gibt.

Was diesem Buch weitestgehend fehlt, sind zwei entscheidende Bereiche des Betriebs: die Seite des Gatekeepings und die der Produktion. Agent*innen, Lektor*innen, Verleger*innen, also diejenigen, die darüber entscheiden, wessen Texte in welcher Form veröffentlicht werden, haben darin keinen Platz. (Mit Ausnahme der Verlegerin Christiane Frohmann, deren Text – eine utopische Kurzgeschichte um das partizipative Verlagskollektiv ALL – die Verantwortung von Verleger*innen als Gatekeeper aber weitestgehend ausspart und stattdessen die strukturellen Herausforderungen unabhängiger Verlage beschreibt.)

Einzig die Texte von Maryam Aras, die über solidarische Juryarbeit schreibt, und Hami Nguyen, die der Frage nachgeht, wer für den Betrieb eigentlich wertvoll ist, schneiden die Frage des Gatekeepings an. Wie sich Gatekeeping-Strukturen aber ganz konkret gestalten ließen, dass sie in einen solidarischen Betrieb passen, ist für mich ein zentraler Aspekt, der auch in der Vorschuss-Debatte kaum stattfand. Auf der anderen Seite fehlen die Perspektiven derjenigen, die als Hersteller*innen, im Vertrieb oder im Marketing arbeiten, und somit der Großteil des tatsächlichen Literaturbetriebs. Dadurch wird erneut eine Form der vermeintlich nicht-kreativen Arbeit unsichtbar gemacht – und damit auch die Menschen, die sie leisten.

Kapitalistisches Narrativ: Kreative Arbeit sei wichtiger als andere

Gerade diese Auslassung ist symptomatisch für die Debatte um den Literaturbetrieb, weil damit in der Regel die schreibende Seite des Betriebs gemeint ist, die sich selbst gegen die Gatekeeping-Instanzen positioniert. Die Perspektiven derjenigen, die im Hintergrund arbeiten und sicherstellen, dass die Bücher in einer lesbaren Form das Licht der Welt erblicken, verschwinden allzu oft. Dabei beinhaltet der Sammelband mit „Wem gehört das Schreiben“ von Betiel Berhe einen Text, der genau diese Fokussierung auf eine spezifische Form der Arbeit explizit anprangert: „Hier das Schreiben als intellektuelle, kulturell aufgewertete Tätigkeit der bürgerlichen Klasse. Dort die Arbeiter*innen in den Fabriken, deren Arbeit als einfach, körperlich und austauschbar gilt.“

Darin kommt eine Romantisierung und Erhöhung der Schreibtätigkeit an sich zum Ausdruck, die sehr deutlich abgegrenzt wird von der restlichen Arbeit, die in ein Buch fließen muss. Ungewollt wird so ein kapitalistisches Narrativ reproduziert, laut dem kreative Arbeit etwas Außergewöhnliches sei, das sich nicht mit klassischer Lohnarbeit vergleichen lässt. Genau diese Denkweise führt dazu, dass kulturelle Arbeit in einem kapitalistischen System monetär schlechter entlohnt werden kann, weil sie das Narrativ bedient, sie sei teilweise bereits mit einem kulturellen Statusgewinn abgegolten.

So schwingt in diesen Debatten neben der berechtigten Wut, dass viele Schreibende von ihrer Arbeit nicht leben können, unterschwellig auch immer die internalisierte Überzeugung mit, kreative Arbeit sei wichtiger als die derjenigen, die dafür verantwortlich sind, dass aus einem Textdokument ein physisches Objekt wird. Verleger*innen, Lektor*innen und Agent*innen wird häufig noch gedankt, ab und an auch Korrektor*innen, doch was ist mit denjenigen in der Herstellung, dem Vertrieb, der Presse und dem Marketing, Veranstaltungsplanung, Lizenzabteilung etc.? Ihre Arbeit wird nur äußerst selten explizit hervorgehoben. Der erste Schritt zu einem wirklich solidarischen Literaturbetrieb muss darin bestehen, nicht mehr kreative Arbeit von allen anderen Formen abzugrenzen und sie damit (ob unbewusst oder nicht) zu überhöhen.

Zwischen dem Anerkennen der Realität und notwendigen Visionen

Um sich der Frage zu nähern, wie ein gerechter und solidarischer Literaturbetrieb aussehen kann, ist es zwingend, zwei unterschiedliche Facetten zu betrachten. Einmal muss es darum gehen, wie sich Strukturen innerhalb des gegenwärtigen kapitalistischen Systems verändern lassen. Allen Krisen zum Trotz sieht es nicht so aus, als stünde das Ende des Kapitalismus unmittelbar bevor. Um also die materielle Realität von Menschen zu verbessern, müssen Wege gefunden werden, innerhalb dieses Systems zu existieren. Gleichzeitig ist es unerlässlich, sich über Möglichkeiten Gedanken zu machen, wie ein Betrieb aussehen kann, der nicht nach kapitalistischen Logiken organisiert ist. Beide Aspekte sind wichtig, beide verlangen unterschiedliche Argumentationsmuster.

Das entscheidende Kriterium, ob jemand Schreiben kann oder nicht, ist derzeit die eigene finanzielle Situation. Deswegen entzündet sich die Diskussion so stark an den Vorschüssen. Was Hatice Açıkgöz im Vorwort zu Literarisch Solidarisch schreibt, gilt wohl für die meisten Autor*innen: „Jedes neue Projekte könnte das letzte sein.“ Stimmt der Vorschuss nicht oder findet sich kein Verlag, kann die eigene Autor*innenexistenz schnell zu Ende sein.

Aktuell überlassen wir diese Fragen auf der Produktionsseite privatwirtschaftlichen Unternehmen (Verlagen), die eine Mischkalkulation aus Titeln verlegen. Hier die (hoffentlich) am Markt erfolgreichen, die das Geld einspielen. Dort die – wie auch immer das definiert wird –, künstlerisch Anspruchsvollen, von denen sich Verlage einen kulturellen Statusgewinn erhoffen. Wird gefordert, dass die Branche diverser sein und unterschiedlichen Texten aus unterschiedlichen Perspektiven Raum geben muss, und zwar so, dass die Autor*innen davon leben können, sind Verlage die Adressaten.

Das große Problem besteht darin, dass Verlage wirtschaftlich agieren, eine Verantwortung nicht nur für ihr Programm, sondern auch für ihre Belegschaft haben. Selbstverständlich ist es ein Problem, wenn in den Führungspositionen der größten Verlage nur weiße cis Männer sitzen, aber auch wenn sich das ändern sollte, bleibt der grundlegende ökonomische Zwang bestehen, Profite zu erzielen. Selbst der perfekt diverse Verlag müsste aktuell in kapitalistischen Grenzen handeln und würde in diesen wahrscheinlich am eigenen inhaltlichen Anspruch scheitern. Der Grund dafür ist einfach: Obwohl die kulturelle Produktion nicht nach kapitalistischen Marktlogiken funktioniert, muss sie sich auf dem Markt behaupten.

Organisierter Arbeitskampf in der Kulturbranche

Wie lässt sich diese Situation nun verbessern? Svenja Reiner, die viel zur Finanzierung in der Kulturbranche arbeitet und selbst Festivalveranstalterin ist, sprach mir aus der Seele, als sie im Zug der aktuellen Debatte in einer Insta-Story postete: „Bildet Banden – und dann?“ Das drückt auch mein Unbehagen gegen diese Form des Solidaritätsaktivismus aus. Es mag zwar individuell hilfreich sein, sich mit einer Gruppe Gleichgesinnter zu umgeben und sich innerhalb dieser Gruppe solidarisch zu supporten, am Ende entstehen so aber bloß neue Ausgrenzungsmuster.

https://www.instagram.com/p/DYul25xyFfU/ (Abre numa nova janela)

Dieses Reel bringt die Hilflosigkeit vieler Sachbuchautor*innen angesichts der gewaltigen Herausforderungen pointiert auf den Punkt. (Ich habe mich auch etwas ertappt gefühlt.)

Was in meinen Augen der einzige Weg für eine tatsächlich Verbesserung der materiellen Situation innerhalb der Kulturbranche wäre, ist eine Organisation (in Gewerkschaftsform oder wie auch immer) über die gesamte Branche hinweg, die nicht nur die Bedürfnisse der aktiv kreativ Arbeitenden abbildet, sondern als holistischer Arbeitskampf gedacht wird. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat in Deutschland einen jährlichen Umsatz von über 100 Milliarden Euro (Abre numa nova janela) und ist damit deutlich größer als die chemische Industrie (ca. 60 Mrd.), Finanzdienstleistungen (ca. 72 Mrd.) und genauso groß wie der Maschinenbausektor.

Im Kapitalismus muss man dieses ökonomische Gewicht politisch einsetzen – und das geht nur über den organisierten Arbeitskampf. Nur so lassen sich staatliche Instrumente erstreiten, um die Situation zu verbessern. Man könnte sich ein garantiertes Abnahmesystem für Bücher wie in Norwegen (Abre numa nova janela) vorstellen, das gerade kleineren Verlagen Planungssicherheit verschafft, oder eine nachhaltigere Finanzierungs- und Förderungsstruktur, die nicht mehr so viel Zeit für Anträge und Bewerbungsprozesse verschlingt. Entscheidend ist, dass diese Maßnahmen staatlich sein müssen. Das bedeutet nicht, dass Verlage oder Agenturen ihre gegenwärtige Praxis nicht auch überdenken sollten. Gerade die großen Konzernverlage haben eine gewaltige Verantwortung, wie sie ihre Ressourcen einsetzen. Aber ihnen steht innerhalb des kapitalistischen Systems nicht die Bewegungsfreiheit zur Verfügung, die es für nachhaltige Verbesserungen braucht. Der Markt allein wird niemals eine gerechte Kulturbranche hervorbringen.

Irgendwas ist immer knapp

Stellen wir uns für einen Moment eine utopische Welt vor, in der alle ab Geburt 4.000 Euro netto im Monat zur Verfügung haben. Eine Welt, in der es nicht mehr finanzielle Zwänge sind, die darüber bestimmen, wer die Zeit hat zu schreiben. Auch in dieser Welt könnte nicht jedes geschriebene Buch veröffentlicht werden.

In der kapitalistischen Welt, in der wir leben, sind wir so darauf getrimmt, Geld als das Nadelöhr, die begrenzte Ressource, zu sehen, die darüber bestimmt, was geht und was nicht, dass wir häufig aus den Augen verlieren, dass Ressourcen auch in nicht-kapitalistischen Gesellschaft begrenzt sind. Die Frage, wie man begrenzte Ressourcen zum Wohle aller einsetzt, ist wahrscheinlich die zentrale des menschlichen Zusammenlebens.

Um zu verdeutlichen, was ich meine, hilft ein Blick auf die Wohnungspolitik. Die meisten, die ich kenne, sind absolut dagegen, dass der Preis (aka die Miete) darüber entscheidet, wer eine schöne Wohnung bekommt und in angesagten Nachbarschaften leben darf. Doch wenn es darum geht, wie wir Wohnraum stattdessen verteilen wollen, wird es schnell ruhig, auch in progressiven Kreisen. Wartelisten, wie sie in vielen Genossenschaften üblich sind, wären eine Alternative, lösen aber offensichtlich nicht alle Probleme (und Zeit als Verteilungsfaktor funktioniert erstaunlich oft wie Geld). Eine staatliche Zuordnungspolitik wiederum, wie sie in der DDR üblich war, öffnet die Tür für politische Willkür. (Ich habe in Die neuen Propheten (Abre numa nova janela) mehr über dieses Problem geschrieben inklusiver einiger Lösungsansätze.)

Vor dem gleichen Problem steht der Wunsch nach einem wirklich solidarischen Literaturbetrieb. Denn auch in einer nicht-kapitalistischen Welt sind Ressourcen endlich. Die entscheidenden Fragen bleiben: Wer bestimmt, wer Aufmerksamkeit bekommt? Wer bestimmt, wessen Buchprojekt in einem professionellen Lektoratsprozess überarbeitet wird? Wer bestimmt, über welche Bücher in der Öffentlichkeit gesprochen wird? Wer bestimmt, wer auf Bühnen sitzt? Wer bestimmt, welche Bücher übersetzt werden? Sich einfach auf eine vermeintlich basisdemokratische Haltung à la „der Massengeschmack entscheidet halt“-Haltung zurückzuziehen, ist offensichtlich unbefriedigend (und spart bequem die Frage aus, wie die Massen ihren Geschmack bilden). Das Ziel sollte gerade sein, diese Form von Marktlogik – großes Publikum = großer Wert – zu überwinden.

Wie können nicht-kapitalistische Strukturen aussehen?

Häufig habe ich den Eindruck, dass gerade unter Linken die Vorstellung herrscht, dass wir nur den Kapitalismus beseitigen müssten, und alles würde sich regeln. Das ist nicht nur naiv, sondern aktiv schädlich. Es müssen Konzepte erarbeitet werden, wie nicht-kapitalistische Strukturen aussehen könnten, und das wird einen immer wieder zu Fragen des Gatekeepings bringen.

Dazu ist noch einmal eine Stelle aus Literarisch Solidarisch hilfreich. Die Veranstalterin Anya Steigerwald schreibt, dass sie auf ihrer Lesebühne Platz machen möchte für Work in Progress, also für Texte, die noch kein fertiges Buch sind, um Autor*innen während des Schreibprozesses zu unterstützen. Ein Ziel, das ich absolut sinnvoll finde. Worüber jedoch kein Wort verloren wird: Nach welchen Kriterien sollen diese Texte ausgewählt werden? Alle offenen Lesebühnen, die ich kenne, haben am Ende mehr Einsendungen als Slots. Es gibt aber keine universellen, objektiven Kriterien, mit denen sich Literatur vergleichen ließe, um den Besten einen Platz zu geben.

Wie diese Selektion aussehen sollte, darauf habe ich keine fertigen Antworten, doch ich würde sie gerne überhaupt erstmal offen diskutieren. Ich finde es unersetzlich, von einer besseren, gerechteren Zukunft zu träumen, sich diese absolute Solidarität unter allen Menschen zu wünschen. Aber wir dürfen dabei nicht naiv sein und denken, alles wäre einfach und würde sich fügen, wenn wir das lästige Problem mit dem Geld lösen. Klar kann man entspannter auf Marktstrukturen blicken, wenn man keine existenziellen Sorgen hat. Aber die Frage, wer Aufmerksamkeit bekommt, wer gesehen, gelesen, kanonisiert wird, bleibt in irgendeiner Form bestehen. Wie wir diesen Herausforderungen begegnen wollen, das ist eine Frage, die einer groß angelegten Debatte würdig wäre. An diesem Punkt dürfen künftige Diskussionen nicht aufhören, sondern sollten erst richtig beginnen.

Daniel Stähr

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Zoe Dubno hat sich mit Nur das Allerbeste Thomas Bernhards Holzfällen vorgenommen und die Handlung vom Wien der 1980er ins New York City der 2020er verlegt. Eine junge Autorin sitzt bei einem künstlerischen Abendessen in einem Loft in Downtown Manhattan und erzählt in angewidertem Stream-of-Consciousness von der Heuchlerei all der anwesenden Kreativen und Künstler*innen. Auch wenn sie hinsichtlich Ton und Aufbau sehr nah am Original bleibt, funktioniert ihr Debüt dennoch sehr gut. Außerdem: Die Ausstellungen zu Peter Hujar und zu Sex Work in der Bundeskunsthalle Bonn fand ich beide sehr interessant. – Isabella

Selbst wenn ihr euch nicht für Sport interessiert, lege ich euch ans Herz, euch mit Victor „Wemby“ Wembanyama zu beschäftigen. Wemby ist 22 Jahre alt, Franzose, 2,24 m groß (oder sind es doch 2,28 m?) und der neue Superstar der NBA. Das mag erstmal nicht außergewöhnlich klingen: Ein großer Spieler, der den Basketball dominiert – groundbreaking! Aber Wemby ist anders als alles, was die NBA je gesehen hat. Auf und vor neben dem Court. Im Sommer trainierte er wochenlang mit Shaolin-Mönchen, um seine mentale Verfassung zu verbessern. Er hat sich offen gegen ICE ausgesprochen, als einer von wenigen Profisportlern in den USA (und das ohne US-Staatsbürgerschaft). Er liebt Schach, Lesen und hat keine Lust, seine Emotionen zu verstecken: „Personally, I refuse to carry the burden of having to hide my emotions,“ sagte er auf die Kritik, er sei nicht tough genug, weil er nach einem harten Spiel auf dem Feld weinte.  Meine Empfehlung ist dieses Wemby-Porträt im Guardian (Abre numa nova janela) über den neuen Sportsuperstar, von dem wir nicht wussten, dass wir ihn brauchen. – Daniel

Du kriegst nicht genug? Mehr von uns!

Isabella hat in der analyse & kritik Paul Ingendaays Buch Entscheidung in Spanien (Abre numa nova janela) über die Rolle der Intellektuellen im Spanischen Bürgerkrieg geschrieben und, passend dazu, im Monopol Magazin über die Frage, wer eigentlich Picassos „Guernica“ ausstellen darf (Abre numa nova janela). Außerdem ist endlich ihr Verriss (sorry) zu Rachel Khons Real Americans (Abre numa nova janela) in der taz erschienen. In der aktuellen Missy gibt’s auch zwei Texte von ihr, zum einen eine Kurzrezension zu Dubno und ein etwas längere Besprechung zur charmanten Doku Niñxs über ein trans Mädchen in Mexiko (Abre numa nova janela).

Daniel hat ebenfalls in der analyse & kritik über die Frage nachgedacht, wieso haitianische Literatur in Deutschland relativ erfolgreich ist (Abre numa nova janela), die dortige humanitäre Katastrophe medial aber kaum stattfindet. Für die taz hat er sich den neuen Future Funds des Städel Museums angeguckt (Abre numa nova janela) und analysiert, wie Kulturinstitutionen sich im Kapitalismus finanzieren können. Bei Surplus hat er den ersten Haushalt unter Mamdani bewertet (Abre numa nova janela) und sich parallel dazu Gedanken über den sogenannten Sewer Socialism gemacht. Außerdem gibt es beim ORF ein Interview (Abre numa nova janela) mit ihm zu Die neuen Propheten.

Tópico Literatur