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Ein Tag im Februar.

Der Typ soll 62 Jahre alt sein? Ein sportlich trainierter schlanker Kerl eher klein als groß blinzelt unter kurz gehaltenen blonden Locken in die Morgensonne im Hafen von Rhodos, ein erwartungsvolles Lächeln im Gesicht. Mit einem kleinen Rucksack auf der Schulter und einer dunkelblauen Reisetasche zu Füßen steht er auf dem Kai vor dem Heck der LOREA.

»Hey, Du bist der Jens?«

»Jo.«

»Prima, komm an Bord.«

Nur für einen kurzen Stopp liegt meine Segelyacht LOREA im Juli 2024 in der neuen Marina von Rhodos, Griechenland. Das Schiff ist als Ketsch getakelt, trägt also zwei Masten, ist etwa dreizehn Meter lang und seit acht Jahren mein einziges Zuhause. Als ihr Eigner und Skipper, begrüße ich in Rhodos morgens um acht einen neuen Mitsegler:

Jens.*

Er balanciert mit seinen Sachen über die schmale Gangway aufs Achterdeck, stellt die Tasche ab und mustert die Masten, das Deckshaus, das halboffene Steuerhaus mit dem hölzernen Ruderrad darin und der golden blinkenden Messingnabe. »Schön, schön.«

Er will das Hochseesegeln näher kennenlernen. Eher das Reisen über das Meer unter Segel. Das Reisen sei seine Leidenschaft. Ob mit Fahrrad und Zelt, mit Zug oder Flieger, oder eben mit einem Segelboot. Wir werden diese Reise zu dritt beginnen. Meine Partnerin Marina, Jens und ich. Die Tour soll uns über diverse griechische Inseln nach Kreta, dann nach Korfu und schließlich die ganze Adria hinauf nach Nordwesten, nach Piran in Slowenien führen. Fünf Wochen lang, voraussichtlich.

»Du kannst die Bugkabine belegen. Wir sind erstmal nur zu dritt.«

»Schön, schön.«

Wie es so ist auf solchen Reisen, fragt man nach dem Woher und Wohin und überhaupt. Jens kommt aus Köln aber seine Mundart verrät Anderes. »Nu, da klingt doch Sächsisches durch, oder?«

Ja, er ist in Görlitz geboren und aufgewachsen. Ah, die östlichste Stadt Deutschlands. Und eine sehr schöne dazu. Und was hat er dort gemacht?

»Ich bin abgehauen.«

Er sagt das ganz einfach so.

»Ja wie? Das war ja nun nicht so einfach, oder?«

»Weißt du, ich hab auf einer FDJ-Reise nach Moskau, also beim sozialistischen Brudervolk was erlebt. Da habe ich gemerkt, wie die uns verarschen. Und da habe ich mir geschworen, dass ich abhaue. Da war ich siebzehn.«

»Das war ja mal ein Plan. Und wie sollte das gehen?«

»Ziemlich einfach. Ich musste an die Grenze. Ganz dicht an die Grenze.«

»Hey, da sind etliche ums Leben gekommen!«

»Nu, ich hab das anders gemacht.«

Mich elektrisierte die Entschlossenheit, die dieser freundlich lächelnde Typ anklingen ließ. Die Entschlossenheit eines Siebzehnjährigen in der DDR?

»Ja und wie?«

»Kann ich Dir gern erzählen.«

Wir erledigten unsere Provianteinkäufe im nahen Supermarkt und verbrachten noch einen gemütlichen Abend in einer Taverne nahe des Hafens. Am nächsten Morgen warfen wir die Leinen los, legten ab. Hinüber nach Symi, in die Panormitis Bay, gingen vor Anker im Angesicht des ehrwürdigen Klosters mit der uralten Kirche in der Mitte.

Jens erzählte. Seine Eltern hätten sich im SED-System zurechtgefunden, eingerichtet. Die Mutter als Lehrerin, der Papa als Mitarbeiter im städtischen Bauamt. In der östlichsten Stadt Deutschlands war der Westen am weitesten weg. Ebenso Gedanken und Möglichkeiten dorthin zu gelangen.

An der Lausitzer Neiße mit der Brücke nach Polen entwickelten sich dennoch Reisegelüste, aber sie orientierten sich an den Möglichkeiten, zielten eher nach Norden und Osten: Polen, die masurischen Seen, Ungarn, die deutsche Ostseeküste, Rügen.  Wer politisch brav war, durfte auch weiter: Das riesige Russland hat gewaltige Natur zu bieten, der gigantische Baikalsee, Hochgebirge im Kaukasus. Jens hat zwei Brüder, einen älteren und einen jüngeren. Die fünfköpfige Familie urlaubte in Masuren oder an der Ostsee.

Jens absolvierte wie seine beiden Brüder die Schule, mit einer praktischen Ausbildung zwischendurch, wie es in der DDR üblich war. Es folgte das Abitur. Papas Job mag es beeinflusst haben, dass sich Jens für Architektur interessierte. Er strebte das Studium an. Aber nicht in der DDR.

Die FDJ-Gruppe des Siebzehnjährigen war mit einer Reise zum großen Bruder nach Moskau ausgezeichnet worden.  Den Teenagern wurde die Metropole der UdSSR vorgeführt. Eines Abends stromerten sie durch die Innenstadt und kamen an einem Interhotel vorbei. Sie hätten gerne das Restaurant besucht, erzählt Jens. Aber auf die Frage nach US-Dollars mussten sie passen und wurden harsch abgewiesen. Zur gleichen Zeit suchte eine Gruppe Studenten Zutritt zu dem feinen Laden.

Jens: »Ich höre sie noch heute. Sie redeten Englisch, amerikanisches Englisch. Wir haben ja Englisch gelernt in der Schule. Also boten wir uns als Übersetzer an. Sie luden uns zum Essen ein und schon waren wir drin. Stell Dir vor: Der Klassenfeind aus Maine hat uns ein Dinner in einem Moskauer Interhotel spendiert. Schön, schön. Nach diesem Abend war für mich die Sache klar: Unser sozialistisches Vaterland betrügt uns nach Strich und Faden. Da musste ich raus.«

Doch das sagte er niemandem. Nicht den Eltern, nicht den Brüdern, nicht den Schulfreunden, nicht den Freuden bei der FDJ und nicht den Genossen in der Gesellschaft für Sport und Technik. Er verfolgte sein Ziel, still, aber beharrlich.

Er wollte Architektur studieren. Um einen Studienplatz zu bekommen, musste er ein paar Jahre Dienst in der NVA leisten. Er lernte erst einmal Motorradfahren. Bei der GST, jener Gesellschaft für Sport und Technik, konnte er diesem Hobby frönen. Geländefahren, also querfeldein, über Sandpisten und Hügel, durch Wälder und über Felder. Freilich war das eine vormilitärische Ausbildung. »Aber hat Spaß gebracht. Ich hatte auch selbst ein Motorrad. Papa fuhr einen kleinen Lada und ich eine Simson Schwalbe KR51.«

Dann kam die Einberufung zur Volksarmee. Grundausbildung in Bautzen. Acht Mann auf einer Stube. Eingeschworen auf die Verteidigung des sozialistischen Vaterlandes. Jens konnte die Offizierslaufbahn einschlagen. Zur feierlichen Beförderung zum Unterleutnant kamen auch die Eltern nach Plauen. Man überreichte ihm einen Ehrendolch. Es waren die Traditionen der Wehrmacht. Die DDR zeigte beim Militär keine Berührungsängste mit den Traditionen der reichsdeutschen Armee unter den Nazis. Auch die Uniformen glichen jenen aus dem Dritten Reich.

Als es um die Verwendung ging, war der Fall für Jens schnell entschieden: »Ich wollte zur Grenztruppe. Als Görlitzer war ich dazu prädestiniert. Keinerlei Verwandtschaft im Westen. Kein Einfluss westlicher Medien.« Prompt folgte eine Spezialausbildung für den Dienst am »antikapitalistischen Schutzwall.« 

Der Zwanzigjährige wurde mit den Sicherungsanlagen vertraut gemacht. Und er lernte sehr schnell, dass sich dieser Aufwand mit über mannshohem Doppelzaun, Todesstreifen, Minenfeldern, Selbstschussanlagen und Wachtürmen keineswegs gegen den Westen richtete, sondern gegen die eigene Bevölkerung. Gegen sogenannte »Grenzverletzer.«

Ein vieldeutiges Wort: Galt für beide Seiten. Diese galt es aufzuspüren und im Zweifel zu »vernichten«, wie es in der Ausbildung hieß. Dazu waren sogar Türen im Sperrzaun eingebaut. Durch sie konnten die Grenzsoldaten rasch auf die westliche Seite gelangen, um »Grenzverletzer« zu verfolgen, die es irgendwie geschafft haben sollten, Zäune, Todesstreifen und Minenfelder zu überwinden.

»Irgendwie praktisch,« fand Jens grinsend. 

Er habe auch von tragischen Vorfällen gehört. Von Kameraden, die nach Westen wollten und von Kameraden erschossen worden waren. Viel geredet habe man darüber nicht. Sowas hatte nicht zu geschehen. Republikflüchtlinge waren wenig besser als Verbrecher. Potenziell dem Tod geweiht. Insgesamt waren dreihundert Menschen an dieser Grenze zu Tode gekommen.

Unmöglich, nachzufragen, welche Fehler den Opfern unterlaufen waren. Damit hätte man schon Verdacht geweckt. Jens brauchte einen todsicheren Plan, und zwar im Sinne von sicher vor dem Tod. 

Es dauerte, aber eines Tages war Jens tatsächlich Kommandant eines Wachzuges der Grenztruppe. Er bekam den Job 1985 im Nirgendwo zwischen Thüringen und Hessen. Bucklige Felder und dunkle Wälder. Nichts los. Aber er war am Ziel, mit zweiundzwanzig.

»Schön, schön.«

Stationiert in Vitzeroda, Kreis Eisenach, einem netten Dorf mit Kirche und Fachwerkhäusern, in denen etwa zweihundertsiebzig Einwohner lebten. Dazu kamen die Soldaten der Grenztruppe, die in der neuen Kaserne am Ortsrand untergebracht waren. Vitzeroda war Grenzgebiet und damit für alle Normalbürger tabu. Wer hierbleiben wollte, musste »zuverlässig« sein. Zutritt nur mit Sonderausweis. 

Von den Höhen um Vitzeroda konnte man die weiße Kalihalde sehen im Westen hinter dem bewaldeten Steinkopf bei Heringen an der Werra. Im Vordergrund eigentlich eine anheimelnd schöne Natur. Das Werratal, die Wälder. Bad Hersfeld, die nächste größere Stadt im Westen, fünfundzwanzig Kilometer Luftlinie entfernt. »Ich war dort näher am freien Westen als die Mehrheit der DDR-Bürger.«

Aber die Routinen hätten ein weiteres Hindernis aufgebaut, erinnert sich Jens. Die Dienstpläne seien auf komplette Kontrolle ausgetüftelt gewesen. Nicht nur Kontrolle der Grenze. Zum einen sollte verhindert werden, dass sich Beziehungen unter den Soldaten aufbauen ließen. Zum anderen sollten sich alle gegenseitig kontrollieren. Organisiertes Misstrauen. Distanz zwischen Zugführer und Truppe. Zwei auf dem Wachturm mit Telefon und dem Fernzugang zu allen technischen Einrichtungen: Elektro-Kontaktzaun, Schussanlagen, Minenfeldern, Scheinwerfern. Die anderen auf Streife zu Fuß als sogenannte Posten im Gelände am Zaun entlang. Egal mit wem er den Dienst teilte: Er war mit seinem Plan ganz auf sich selbst angewiesen.  

Seinen Dienst als Kommandant des Wachzuges versah er peinlich exakt. Mit der Militärversion des Trabant fuhr er täglich mit seinem Unteroffizier von der Kaserne in Vitzeroda zum Wachturm hinaus. Ablösung hieß: Schlüsselübergabe, Waffenübergabe, Munitionskontrolle, Ereignisprotokoll, Fahrzeug übergeben.

In einem Kellerraum unterhalb des Wachturms war der Generator für die Stromversorgung untergebracht samt Kraftstofftank. Auch diese Anlage wurde an die folgende Mannschaft übergeben. Der Generator war regelmäßig zu kontrollieren: Kühlwasser, Öldruck, Drehzahl, elektrische Leistungsabgabe. Oben im Wachraum des Turmes gab es Telefon, Funkanlage und die Armaturen der Sicherungssysteme. Und die Schlüssel für die »Notfalltore« im Metallgitterzaun. »Genau deshalb wollte ich dahin.« Er war am ersten Ziel angekommen. Endlich.

Die Fußstreifen, bestehend aus Posten und Postenführer, liefen nach einem abgestimmten Zeitplan. Sie wurden »unterstützt« von motorisierten Streifen, die jeweils die Einsatzabschnitte abfuhren. Die Zeit, in der Kommandant und Unteroffizier allein im Wachturm verbrachten war auf diese Weise reichlich begrenzt. Entweder kam die Fußstreife zurück oder der Armee-Trabbi oder Geländewagen.

Samstag, der 9. Februar 1985. Die Fußballbegeisterten der Westrepublik fieberten einer besonderen Begegnung entgegen. Im Weserstadion der Hansestadt Bremen sollten die Spitzenmannschaften der Fußball-Bundesliga, Bayern München als Tabellenführer und Werder Bremen als Tabellenzweiter, aufeinandertreffen. Geplanter Anpfiff: 15:30 Uhr. Hochspannung lag in der Luft. Überall.

Auch in der Polizeiwache des hessischen Städtchens Heringen an der Werra im Kreis Hersfeld-Rothenburg. Wer es irgendwie einrichten konnte, fand einen Platz vor dem Fernsehgerät im Aufenthaltsraum in der Wache mitten im Ort. Nicht viel anders lief dieser Nachmittag bei den diensthabenden Einheiten des Bundesgrenzschutzes in Bad Hersfeld, in den Ministerien und Verwaltungen der Regierung in Wiesbaden.

Den behördlichen Jourdiensten dieses Samstags bot sich bis ins Bonner Innenministerium und der BND-Zentrale in Pullach bei München indes ein ganz besonderes Programm. Fußball war es nicht direkt.

Kurz nach 15:00 ist es so weit, draußen hoch über dem Werratal in Thüringen. Unsichtiges Wetter, leichtes Schneetreiben auf den Hügeln um Vitzeroda. Die Fußstreife ist weg und die Motorstreife wird noch gut zwanzig Minuten brauchen. Der Unterleutnant der DDR-Grenztruppe Jens peilt mit dem Armee-Fernglas in seinem Dienstraum oben im Wachturm in beide Richtungen des Todesstreifens. Nichts Besonderes zu sehen im leichten Schneetreiben. Kein Posten und kein Postenführer. Kein Fahrzeug. Er trifft die Entscheidung: Das ist der Zeitpunkt. »Jetzt oder nie.«

Tópico Komm an Bord!

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